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Mein Bauch gehört euch

Annegret Raunigk hätte eine späte Mutter mit Vorbildwirkung sein können. Statt dessen hat sie sich mit ihrer Vierlingsschwangerschaft auf ein Experiment an ihren Kindern eingelassen.

© Bernhard Novak, CC BY 2.0Mein Bauch gehört Euch.

Es dürfte nur noch wenige Wochen dauern, dann muss Annegret Raunigk unters Messer. Laut Statistik sollten die Vierlinge in ihrem Bauch um die 33. Schwangerschaftswoche herum per Kaiserschnitt ins Leben geholt werden. Vorausgesetzt, sie kommen dort unbeschadet an. Die Gesundheit von jedem einzelnen ihrer vier Kinder ist massiv gefährdet. Möglich, dass sie ihre eigene Geburt nicht oder nur kurz überleben. Die, die es schaffen, werden mit einiger Wahrscheinlichkeit Entwicklungsstörungen aufweisen. Ihr Start ins Leben wird von Stress, Schmerz und Fremdheit geprägt sein – Intensivmedizin für Frühgeborene ist keine Kuschelveranstaltung.

Der Fall der alleinerziehenden Vierlingsschwangeren bewegt derzeit die Gemüter. Muss das sein?, wird gefragt. Schließlich hat die Frau bereits mehr als nur ein paar Kinder, sie hat bereits beeindruckende 13 geboren. Viel schwerer jedoch wiegt in der öffentlichen Debatte die Frage, ob Annegret Raunigk überhaupt schwanger sein darf. Denn sie verstößt gleich gegen zwei gesellschaftliche Standards: Die Kinder sind durch eine künstliche Befruchtung entstanden, bei der sowohl die Eizellen als auch die Samenzellen von Fremden stammen. Und Annegret Raunigk ist 65 Jahre alt.

Der Streit um das gesellschaftlich akzeptierte Alter einer Mutter hat alles, was man von einer vorgestrigen körperpolitischen Debatte erwarten darf. Die Reflexe funktionieren hier wie geschmiert. Wenn Männer mit fortgeschrittenen 70 Jahren Vater werden, werden sie in die Kategorie „Schwerenöter“, gern auch unter „lebensfroher Lustgreis“ einsortiert. Ist nur Spaß, die Sache mit dem Kind.

Besorgt sich eine 65 Jahre alte Frau ihr Kind aus dem Reagenzglas, ist das wider die Natur. Und zwar sowohl biologisch als auch ethisch. Das arme Kind, wird dann gern lamentiert, wird viel zu früh Waise. Seine Mutter verwirklicht sich doch nur selbst, nach ihr die Sintflut. Als wäre eine Schwangerschaft eine Art lange, ruhige Reise, verborgen unter fließenden Umstandsgewändern, mit deren Details wir bitte nicht belästigt werden möchten. Wie In-vitro-Kinder wirklich entstehen, darüber wird lieber nicht gesprochen. Denn dann müsste von Geld, von Rechtsprechung, von Risiken (auch emotionalen) die Rede sein. Dabei wird hierzulande bereits jedes 80. Kind per In-vitro-Fertilisation gezeugt, jedes zehnte Paar nimmt für sein Wunschkind ärztliche Unterstützung in Anspruch. Ein Kinderwunsch ist keine Kleinigkeit, ein nicht erfüllter Kinderwunsch oft eine persönliche Katastrophe.

Für diese Menschen könnte Annegret Raunigk, diese sehr späte Mutter, ein ermutigendes Vorbild sein, was biologische wie biographische Selbstbestimmtheit angeht. Sie nimmt sich, was sie will, und zwar dann, wenn sie dazu bereit ist. Den peinigenden Versagens-Prophezeihungen, mit denen die Geburtshilfe ältere Mütter bedroht, setzt sie Gelassenheit und Praxiserfahrenheit entgegen. Wo andere Eltern ihren Kinderwunsch heimlich im Ausland mit Geld, mit Leihmüttern oder halblegalen Auslandsadoptionen verwirklichen, macht sie die Umstände ihrer Schwangerschaft öffentlich.

Annegret Raunigk ist jedoch kein ermutigendes Vorbild. In den sozialen Medien taucht immer wieder folgender Satz auf: „Die Alte hat den Schuss nicht gehört.“ Eine Schmähung, die sowohl auf Raunigks Alter als auch auf ihren Geisteszustand abzielt, die sie also in den Status einer Quartalsirren einsortiert, die nicht altersentsprechend beiseite zu treten vermag. Sie selbst hat dem Sender RTL gesagt, sie sei der Meinung, dass jeder sein Leben so leben sollte, wie er oder sie möchte. „Wie muss man mit 65 sein? Man muss ja offensichtlich immer irgendwelchen Klischees entsprechen – was ich ziemlich anstrengend finde.“ Es sind die Sätze einer zur Irritation ihrer Kritiker geistig gut sortierten Frau, die als beamtete Lehrerin sogar beruflich alle Voraussetzungen mitbringt, sich bestens um ihre Kinder zu kümmern.

Annegret Raunigk ist keine bildungsferne Mandy, der akademische Kreise gerne mal die Befähigung zur Mehrfachmutterschaft abzusprechen versuchen. Sie hat bereits 13 Kinder zwischen neun und 44 Jahren, die – nach den veröffentlichten Bildern zu urteilen – allesamt lebenstüchtig scheinen. Sie kleidet sich geschmackvoll und schaut gewinnend durch ihre randlose Brille. So gesehen ist Frau Raunigk aus Berlin eine schlechte Projektionsfläche für Vorurteile gegenüber Müttern, späten Müttern zumal. Dass sie sich selbst durch ihre Schwangerschaft gefährdet, möglicherweise mit dem eigenen Leben bezahlt, wird ihr klar sein. In einem Land, in dem über Fragen des Freitods und des assistierten Suizids debattiert wird, muss ihr wie anderen risikoschwangeren Eltern diese sehr persönliche Entscheidung freigestellt sein.

Die Grenze der Selbstbestimmung ist jedoch überschritten, wenn es um die vier Kinder in ihrem Bauch geht. Dieser Bauch gehört nämlich jetzt, da sie sich für diese Kinder entschieden hat, ihnen. Nach allem, was die Forschung heute weiß, ist er nicht für vier oder drei Babies ausgelegt; egal ob er zu einem 30 Jahre alten oder zu einem 65 Jahre alten Körper gehört. Dass Annegret Raunigk zugelassen hat, dass ihr die Ärzte in einer ukrainischen Kinderwunschklinik vier befruchtete Eizellen eingepflanzt haben – dafür trägt sie die Verantwortung. Mit einem einfachen Nein hätte sie verhindern können, dass ihre Kinder einen schweren Start ins Leben haben. Sie ist ja eine informierte Person. Aber sie hat nicht nein gesagt. Statt dessen wollte sie nicht nur auf Nummer sicher gehen, sondern auf extrasicher, und zwar einzig bezogen auf den von ihr erwünschten Erfolg. Diese Ich-nehme-das Komplettpaket-Haltung gegenüber ihren Kindern ist es, wegen der sie der Solidarität anderer zu Recht verlustig geht.

In Deutschland werden üblicherweise nach Reagenzglasbefruchtungen ein bis zwei Eizellen in die Gebärmutterhöhle eingesetzt. Laut Embryonenschutzgesetz dürfen nach dem 35. Lebensjahr höchstens drei Embryonen transferiert werden, damit am Ende wenigstens ein Kind kommt. Dass die Wahrscheinlichkeit der Mehrlingsgeburt gar nicht mal so klein ist, sieht man in den biosanierten Vierteln dieses Landes, wo die Zwillings- und Drillingskinderwagen später Eltern in den Hausfluren parken. Eltern, die zuguterletzt doch noch schwanger geworden sind, sind einfach nur dankbar dafür und hoffen, dass die Kleinen im Bauch der Mutter gesund ins Leben rutschen. Annegret Raunigk, die Vierlingsschwangere aus Berlin, hat offenbar gemeint, das sei ihre Entscheidungsfreiheit. Ein Irrtum, der für ihre Kinder vermutlich sehr schwerwiegende Folgen hat.

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