Ich. Heute. 10 vor 8.

Delphin im Hallenbad

Ausschnitt aus einem Wandmosaik in der Elbeschwimmhalle Magdeburg.

Das bläuliche Schimmern eines Schwimmbeckens bei abendlicher Dunkelheit ist bis heute mit dem Versprechen einer egalitären, schwerelosen, körperlosen Gesellschaft verbunden. Wenn nur der Startblock nicht wäre.

© agroAusschnitt aus einem Wandmosaik in der Magdeburger Elbeschwimmhalle.

 

Mein Vater war Fußballer und Jugendtrainer in mehreren Fußballvereinen. Mir waren Bälle und Fußballplätze von der ersten Begegnung an unheimlich. So kam ich mit acht Jahren zum Schwimmen. Nachdem ich mich die ersten Jahre durch die mit von kreuz und quer schwimmenden Kindern überfüllten Becken gekämpft hatte und die beiden Grundschwimmarten Brust und Kraul beherrschte, stieg ich in die Gruppe der Nachwuchstalente auf. Dort steigerte sich das Pensum: Viermal die Woche schwammen wir für jeweils zwei Stunden Bahnen, Bahnen und noch mehr Bahnen. Das Hallenbad wurde mein Wohnzimmer.

Die Schwimmtrainings zeichneten sich durch maximale Erschöpfung bei minimaler Varianz und sozialer Interaktion aus. Das traf meinen Geschmack. Mein pubertierender Körper entzog sich im reichlich gechlorten Wasser des Schwimmbeckens den überall lauernden Blicken und den Bewertungen und Einordnungen, wurde Fisch. Im Wasser schienen mir meine Bewegungen elegant und kraftvoll. Das waren die guten Momente. Meine bewegungsbedingte Glückseligkeit gipfelte am Ende des Trainings: Lange nachdem die anderen gegangen waren, stand ich noch in der Gemeinschaftsdusche und hielt meinen müden Körper unter den lauwarmen Wasserstrahl. Niemand kam, um mich zu ermahnen, weniger Wasser zu verschwenden. Freiheit in engen Grenzen.

Schwimmtrainerinnen präsentierten sich mir allerdings als eher unglückliche Existenzen: Nachdem wir erfolgsversprechenden Nachwuchsschwimmerinnen zu einer Mannschaft zusammengefasst worden waren und folgerichtig eine Mannschaftstrainerin bekommen hatten, die uns kennen und fördern sollte, nahm diese sich nach einer vielversprechenden Kennenlernphase ohne Vorwarnung das Leben. Unsere Teenagerherzen stürzte dieser radikale Akt in eine aufgeregte Verwirrung. In dieser verharrten wir einige Wochen, bevor wir eine weit ältere, abgeklärtere Trainerin mit einem ernsthaften Alkoholproblem bekamen. Mit ihr waren die Positionen bald geklärt: Sie war kein Rolemodel, verteilte keine Milchschnitten, wollte keine Freundin und kein Mutterersatz sein und auch sonst so wenig wie möglich mit uns zu tun haben. So zogen wir weiter unsere Bahnen, arbeiten an unserem Stil, lernten die Rollwende, das wettkampftaugliche Rückenschwimmen und schließlich auch Delphin a.k.a. Butterfly. Dieser Schwimmstil ist ein Phänomen für sich. Ziel ist es, unter Einbeziehung aller Kraft, die der Körper aufbringen kann, und bestmöglicher Koordination von Bein-, Arm- und Kopfbewegungen wie ein Delphin durchs Wasser zu hüpfen. Die verhältnismäßig wenigen Meter, die ich in diesem Stil zurücklegen konnte, entschädigten mich dafür, dass mein Körper zum Fliegen nicht in der Lage war.

Das Problem am Schwimmen im Verein waren allerdings die Wettkämpfe. Unzählige Wochenenden meiner frühen Jugend verbrachte ich in den feucht-warmen, nach Chlor und Pisse stinkenden Hallenbädern Westdeutschlands, halb tot vor Aufregung. Denn das zentrale Versprechen des Schwimmsports, das Verbergen des Körpers im Wasser, wurde hier durch ein kleines, aber bedeutendes Detail aufgehoben: Den Startsprung vom Block. Jede für sich musste dort antreten, vor den Augen aller Anwesenden. Unter meinem eng anliegenden Schwimmanzug zeichneten sich meine für mein Empfinden lächerlich kleinen Brüste ab, mein dürrer Körper mit den breiten Schultern, für die ich mich schämte, waren für alle sichtbar. Es war grausam. Um diesen Moment größtmöglicher Scham zu vergessen, schwamm ich die folgenden 100, 200 oder 400 Meter wie besessen. Die Blicke waren mir auf den Fersen und ich schlug eine Schlacht mit dem Wasser, um ihnen zu entkommen. Das allein trieb mich zur Höchstleistung.

Mit fünfzehn zog ich einen Schlussstrich unter meine kurze Karriere als Wettkampfschwimmerin. Ich hatte herausgefunden, dass sich Wochenenden mit weitaus angenehmeren Dingen verbringen ließen. Als ich meiner Trainerin ankündigte, dass ich nicht mehr bei Wettkämpfen antreten würde, schloss sie mich aus der Mannschaft aus. Die Muskeln schwanden in den nächsten Jahre dahin, die breiten Schultern blieben und bringen mir heute bewundernde Blicke mancher Freunde und Freundinnen ein. Noch heute zieht es mich hin und wieder – zum Schrecken der brustschwimmenden Mehrheit – für ein paar Bahnen Delphin in das nächste Hallenbad, nach denen ich erschöpft und glücklich am Beckenrand zusammensacke. Und noch heute erfüllt mich das bläuliche Schimmern von Hallenbadbecken bei abendlicher Dunkelheit mit einer Art innerem Frieden, dem Versprechen einer irgendwie egalitären, schwerelosen, körperlosen Gesellschaft.

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