Ad hoc

Nürnberg und Fürth leben auch ohne Quelle

Es sind die schlechten Nachrichten, die im Gedächtnis haften bleiben, die guten werden leicht überhört und übersehen: Deshalb lässt sich in diesen Tagen einmal mehr den Eindruck gewinnen, in der Region in und um die fränkische Stadt Nürnberg gingen Schritt für Schritt die Lichter aus. Der Dreiklang Grundig, AEG/Electrolux und nun Quelle setzt sich aus zu großen Namen zusammen, um unbeachtet zu bleiben; der Niedergang dieser Unternehmen oder das Schicksal ihrer Werke in der Gegend lässt den Rest des Landes sorgenvoll auf Nürnberg und das benachbarte Fürth blicken, woran auch der Aufstieg der Nürnberger Fußballmannschaft in die Erste Bundesliga nichts ändern kann.

Dabei ist die Lage der Nürnberger Wirtschaft längst nicht so düster wie es scheint. Auch wenn einige Fakten das dunkle Bild zunächst weiter trüben: Denn tatsächlich ist die Arbeitslosenquote im Agenturbezirk Nürnberg mit 6,2 Prozent eine der höchsten in Bayern. Richtig ist auch, dass mit der lange umkämpften Schließung des traditionsreichen Nürnberger Haushaltsgerätewerks der AEG im Jahr 2007 zunächst 1700 Menschen ihren Arbeitsplatz verloren – und nur vergleichsweise wenige danach wieder Festanstellungen gefunden haben. Und Massekredit hin oder her, die Lage der deutschen Versandhandelsunternehmens Quelle ändert sich durch den Druck des neuen Katalogs nicht wirklich.

“Was Opel für Bochum ist, das ist Quelle für uns”

Schon vor Tagen hat der Fürther Oberbürgermeister Thomas Jung (SPD) davon gesprochen, dass Quelle der große Verlierer im Ringen um den Handelskonzern Arcandor zu werden drohe. “Ein Partner für Quelle ist nicht in Sicht”, sagte Jung, und das ist noch immer so. Sollte die deutsche Versandsparte mit ihren 3000 betroffenen Beschäftigten allein in Fürth und Nürnberg nicht überleben, hätte das für die Region schlimme wirtschaftliche Auswirkungen: “Es darf kein zweites Grundig geben”, sagte Jung mit Verweis auf den Niedergang des Fürther Elektronikkonzerns, der schließlich Insolvenz anmelden musste und zerschlagen wurde. “Wir würden wieder Jahre brauchen, um den Absturz aufzufangen. Was Opel für Bochum ist, das ist Quelle für uns.”

Es gibt viel Positives

Und doch spiegelt dieses Bild, das der Oberbürgermeister auch deshalb so zeichnet, um politischen Druck aufzubauen, nur die halbe Wahrheit wider: Gerade in und um Nürnberg lassen sich zuhauf Beispiele für stabile, wettbewerbsfähige Industrie- und Dienstleistungsunternehmen finden. Erst Anfang Mai zum Beispiel hat in Nürnberg die Bosch-Tochtergesellschaft Bosch Rexroth eine neue Fabrik für Großgetriebe für Windenergieanlagen eingeweiht, die innerhalb eines guten Jahres errichtet wurde. Schon Ende März wurde von dort das erste Getriebe ausgeliefert, insgesamt sollen in diesem Jahr rund 300 der mehr als 20 Tonnen schweren Geräte die riesige Werkshalle am – auch in diesem Fall, wie so häufig in Nürnberg – traditionsreichen Standort Dieselstraße verlassen. Bis zum Jahr 2013 kann die Produktion dann auf 1000 Getriebe im Jahr gesteigert werden. Insgesamt 180 Millionen Euro steckt Bosch Rexroth in die neue Produktionsstätte, 123 Millionen Euro davon waren zur Einweihung schon investiert. Damit wird Nürnberg neben dem deutschen Leitwerk in Witten und einer Fabrik in China, die ebenfalls in einen größeren Neubau umzieht, zum dritten Standort für Windenergiegetriebe im Stuttgarter Bosch-Konzern.

Mit neuen Strukturen in die Zukunft

Auch das Nürnberger Transformatorenwerk von Siemens galt zwar einmal als gefährdet, genießt inzwischen aber wieder einen hervorragenden Ruf, und der Standort gilt als Technologieführer. Und wenn vom Konsumentenverhalten und der dazugehörigen Stimmung der Deutschen die Rede ist, fällt stets das Buchstabenkürzel GfK der früheren Gesellschaft für Konsumforschung. Dieser Dienstleister ist ebenso ein Nürnberger Vorzeigeunternehmen wie die Datev, die Datenverarbeitungsorganisation der steuerberatenden Berufe in Deutschland, die ein großer und zugleich erfolgreicher Softwaredienstleister ist und in Nürnberg Rechen- und Versandzentren betreibt. Auch das Messegelände im Süden der Stadt wurde ausgebaut und um ein modernes Kongresszentrum ergänzt. Der Hafen entwickelt sich passabel – letztlich beweist Nürnberg ebenso wie viele Städte im Ruhrgebiet, dass es nicht immer lohnt, alte Strukturen zu erhalten.

 

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