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Quelle und Neckermann – die ungleichen Ex-Schwestern

Die einstige Konzernschwester Neckermann lehnt staatliche Hilfen für den Versandhändler Quelle ab. Dabei hat Neckermann ganz ähnliche Schwierigkeiten, ist aber insgesamt etwas schlanker – und seit gut einem Jahr von Arcandor abgenabelt

Zu Beginn der achtziger Jahre hatte der Sohn eines engen Freundes des Großvaters eine tolle Stellung: Er war eine hohe Führungskraft bei Neckermann, mit Dienstauto, ja sogar mit Fahrer. Der Neckermann-Katalog war eine bunte Bibel des Konsums, der dem Heranwachsenden ganze Produktwelten erschloss und damit zur Allgemeinbildung beitrug. Und so glaubte man gern, dass der Herr Direktor sein Auto gewiss verdient hatte – jedes Mal aufs Neue, wenn man den Katalog durchblätterte, der im Wohnzimmer stets zur Hand war. Und aus der Sicht eines Dortmunder Schülers klang es schon sehr nach großer weiter Welt, wenn daheim von den Besuchen des Direktors aus dem fernen Frankfurt in der Karstadt-Zentrale in Essen berichtet wurde.

Diverse Strategiewechsel

Vergangene Zeiten: Heute ist ein Frankfurter Freund bei Neckermann tätig, hat in den zurückliegenden Jahren diverse Chef-, Eigentümer- und Strategiewechsel sowie Sparrunden hinter sich – und hofft nun darauf, dass es endlich gelingen möge, mit Neckermann wieder Gewinn zu machen. Denn unter den Schwierigkeiten, die in diesen Tagen rund um die einstige Konzern-Schwestergesellschaft Quelle Schlagzeilen machen, leidet auch Neckermann. Der Katalog ist ein Absatzweg von vorgestern, und im Online-Geschäft spielen die amerikanischen Unternehmen Amazon und Ebay, die im Internet ihre Wurzeln haben, längst in einer anderen Liga.

 Schlechte Zahlen

Die letzten Zahlen, die sich im elektronischen Bundesanzeiger für 2007 finden lassen, zeugen von schwindender Größe: Für jenes Jahr ist im Lagebericht von einem Umsatz von einer guten Milliarde Euro und einem Verlust von 83,3 Millionen Euro die Rede. Trotz dieser trostlosen Entwicklung haben die Frankfurter, die ihr Unternehmen 2006 in „neckermann.de“ umbenannt haben, gegenüber Quelle einen großen Vorteil: Es fehlt nicht an Liquidität, man ist nicht mehr vom Wohl und Wehe des insolventen Arcandor-Konzerns abhängig – und man braucht aus diesem Grund auch keine Staatshilfe. Im Gegenteil: Henning Koopmann, der zum 1. April ausgerechnet von Quelle zu Neckermann kam, um dort Chef zu werden, wird mit Blick auf seinen alten Arbeitgeber deutlich. „Ich finde es unfair, wenn Quelle vom Staat unterstützt wird“, sagte er. Ein Staatskredit mache momentan vielleicht 8000 Arbeitsplätze bei Quelle sicherer. Rund 72 000 Arbeitsplätze bei anderen Versendern hingegen würden dadurch gleichzeitig unsicherer.

 Von Arcandor abgenabelt

Zu diesen anderen Anbietern gehört mit Neckermann ein Unternehmen, das seit März des vergangenen Jahres nur noch zu 49 Prozent zu Arcandor gehört und zu 51 Prozent dem Beteiligungsunternehmen Sun Capital Partners aus Florida, was heute stabilisierend wirkt. In der Gruppe sind 4500 Mitarbeiter tätig, davon aber nur noch 2700 in Deutschland. Das Unternehmen ist also schon erheblich schlanker als Quelle. Und 2010 gilt bei Neckermann schon seit einiger Zeit als das „magische Jahr“: Dann soll der Gewinn erreicht sein, wozu das Internet, das Auslandsgeschäft und ein gestrafftes Produktangebot beitragen sollen. Das alte Management war von der Strategie immerhin so überzeugt, dass es den Sun-Capital-Anteil kaufen wollte, dabei aber auf Granit biss und sich Ende des vergangenen Jahres verabschiedete.

 Auch Henning Koopmann glaubt daran, in einer Wachstumsbranche tätig zu sein – dafür sorge das Internet, das die Rolle des Totengräbers und des Hoffnungsträgers übernommen hat.

 

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