Ad hoc

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Wie der Chef der Post Banken die Leviten liest

Wie Frank Appel, der Vorstandschef der Deutschen Post, zeitgleich mit Barack Obama den Banken die Leviten liest.

Frank Appel ist Neurobiologe. Er weiß also, dass alles mit allem zusammenhängt. Somit hat der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post DHL vermutlich geahnt, dass er an diesem Abend nicht nur über große Zukunftsentwürfe würde reden können. Denn um die sollte es eigentlich gehen. Über das Aussehen der Welt im Jahr 2020 sollte diskutiert werden, natürlich mit einem besonderen Blick auf die Welt der Logistik. Schließlich führt der 48 Jahre alte Appel den größten Logistikkonzern der Welt. Darauf ist er stolz. Er vermerkt in der Diskussion mit einem Zukunftsforscher dann auch kurz, jetzt schweife man doch gehörig vom Thema ab. Aber die Finanzkrise und ihre Bewältigung in der Gegenwart haben dann eben doch sehr viel mit der Welt im Jahr 2020 zu tun – und mit dem Schwung, mit dem die Warenströme künftig um die Welt kreisen. Deshalb scheut sich Appel letztlich nicht, einige Spitzen gegen die Banken und ihr Verhalten abzuschießen. Das wiederum tun derzeit viele. Doch Appel ist immerhin auch Aufsichtsratsvorsitzender der Postbank.

Und es ist die Nacht, in der der amerikanische Präsident Barack Obama den Banken die Leviten liest: Ihre Größe und ihre Handelsaktivitäten will er beschränken. Sie sollen keinen Eigenhandel mehr betreiben dürfen, der nur dem eigenen Gewinn und nicht den Kundeninteressen dient. Davon kann Appel in dieser Nacht am Frankfurter Flughafen, in der Sky Lounge des Internationalen Postzentrums mit Blick über die Terminals und die Start- und Landebahnen, noch nicht viel wissen. Doch weist er sich gleichwohl, jedenfalls in dieser Hinsicht, als Seelenverwandter Obamas aus.

Handel in Marsdollar?

Das Problem sei doch nicht, dass die Menschen nichts mehr von der Marktwirtschaft hielten, gibt er vor Kunden, Politikern und Journalisten zu Protokoll: „Alle wissen, dass der Wettbewerb dazu führt, dass es den Menschen bessergeht.“ Das Problem sei vielmehr, dass sich die Banken in den vergangenen Jahren von ihren Kunden und Mitarbeitern entfernt hätten. Mit ihren Eigenhandels- und Hedging-Geschäften hätten sich die Banken von der Finanzierung des normalen Warenumschlags weit entfernt. „Die hätten diesen Handel auch in eigenen Marsdollars abwickeln können“, sagt Appel, um zu unterstreichen, wie wenig die Banken, die so handelten, noch mit dem echten Wirtschaftsgeschehen auf dem Planeten Erde zu tun haben. Das sitzt. Dann fragt der Moderator, warum die Manager in Deutschland angesichts solcher Erkenntnisse nicht sehr viel lauter Initiativen zur Veränderung der Dinge forderten. Darauf antwortet Appel mit entwaffnender Ehrlichkeit: „Weil auch ich die Antworten nicht kenne, weil wir keine Gelegenheit haben, darüber lange genug nachzudenken, weil wir alle unglaublich viel zu tun haben.“

Da sitzt er nun, der Vorstandsvorsitzende des größten Logistikkonzerns der Welt, der Chef von mehr als 500 000 Mitarbeitern, und sagt, wie es ist. Auch ein Mann wie er ist eben nur ein Mensch. Und deshalb hat er aus der Finanzkrise und ihren Folgen für sich persönlich lediglich eine auf den ersten Blick triviale Erkenntnis gezogen: „Man muss sehr viel stärker mit Diskontinuitäten rechnen.“ Man fühle sich eben doch stets zu sehr im Hier und Jetzt wohl. „Menschen können nicht vierdimensional denken“, sagt Appel. Das heißt, man lasse die Zeit aus dem Blick. Um den Fehler auszugleichen, helfe manchmal ein Blick in die Vergangenheit: Vor Beginn der industriellen Revolution habe Asien auch schon einmal 60 Prozent der Wirtschaftsleistung der Welt erbracht, und zwar mit Agrarprodukten. Dieser Anteil sei zwischenzeitlich abgesackt, werde sich künftig aber wieder in dieser Größenordnung einpendeln, dieses Mal allerdings mit Industriegütern. Dafür gelte es sich zu rüsten. Anders als die Banken natürlich ganz nah am Kunden, mit der Warenverfolgung der einzelnen Unterhose vom Produzenten in Asien zum Laden in Deutschland. Appel will sagen: Auch hier hängt alles mit allem zusammen, aber ganz real. Nicht auf dem Mars, höchstens im Flugzeug, und das natürlich von DHL.

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