Ad hoc

Ad hoc

Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Die Preise für Medikamente werden fallen

Der erfolgsverwöhnte Pharmakonzern Boehringer Ingelheim, das einzige Familienunternehmen unter den zwanzig größten Branchenunternehmen der Welt, muss sich auf eine ungewohnte Durststrecke einrichten. Das liegt am Patentablauf einiger Medikamente. Zudem rechnet Andreas Barner, der Sprecher der Unternehmensleitung, damit, dass die Sparwünsche der Gesundheitspolitik an die Pharmabranche größer werden. Hier verspricht Barner konstruktive Beiträge. Gleichwohl glaubt er, dass sein Konzern bald wieder deutlich wachsen wird.

Der erfolgsverwöhnte Pharmakonzern Boehringer Ingelheim, das einzige Familienunternehmen unter den zwanzig größten Branchenunternehmen der Welt, muss sich auf eine ungewohnte Durststrecke einrichten. Das liegt am Patentablauf einiger Medikamente. Zudem rechnet Andreas Barner, der Sprecher der Unternehmensleitung, damit, dass die Sparwünsche der Gesundheitspolitik an die Pharmabranche größer werden. Hier verspricht Barner konstruktive Beiträge. Gleichwohl glaubt er, dass sein Konzern bald wieder deutlich wachsen wird. 

Herr Barner, zuletzt war in der Presse nicht nur Gutes über Ihr Unternehmen zu lesen. In welcher Verfassung befindet sich Boehringer Ingelheim wirklich?

Die genauen Zahlen für 2009 kenne ich selbst noch nicht, aber wir werden im vergangenen Jahr sicher wieder stärker als der Pharmamarkt gewachsen sein. Mit diesem stabilen Ergebnis sind wir zufrieden, zumal wir bei unseren Ausgaben für Forschung und Entwicklung überdurchschnittlich zugelegt haben.

Gut, aber das dürfte, auch nach Ihren eigenen Ankündigungen, vorerst das letzte Jahr mit starkem Wachstum gewesen sein.

Ja, schon vor knapp zwei Jahren haben wir darauf hingewiesen, dass 2010 schwierig werden wird. Das liegt an absehbaren Patentabläufen von zwei wichtigen Medikamente in den Vereinigten Staaten.

Was bedeutet das für das laufende Jahr konkret?

Der Umsatz wird wohl konstant bleiben.

Und das Ergebnis?

Das wird sicherlich etwas niedriger ausfallen. Das liegt an der Entscheidung, auch 2010 die Ausgaben für Forschung und Entwicklung nicht zu kürzen. Dazu sind wir in gewissem Maße sogar gezwungen, weil wir eine erfreulich starke Pipeline mit Medikamenten vor der Markteinführung haben. Deshalb können wir auch darauf hoffen, schon 2011 wieder auf Wachstumskurs zu gehen.

Welche Hoffnungsträger gibt es?

Wir haben fünf aussichtsreiche Medikamente, unter anderem in den Gebieten Schlaganfall-Prävention, Krebs und Diabetes. Zu größten Hoffnungen berechtigt der Blutverdünner Pradaxa, der das Schlaganfallrisiko von Patienten mit Vorhofflimmern verringert – einer Patientengruppe, zu der immerhin zehn Prozent aller Menschen im Alter von 75 Jahren an gehören und für die es bisher keine adäquate Hilfe gibt. Das Medikament ist sehr wirksam, gut verträglich und muss nur einmal am Tag eingenommen werden.

Würden Sie uns eine Umsatzprognose nennen?

Ich selbst bin mit Umsatzprognosen immer zurückhaltend. Aber es gibt Analysten, die halten einen Jahresumsatz von mehr als 2 Milliarden Euro für möglich.

Ist das nicht sehr riskant, die nahe Zukunft des Unternehmens nicht zuletzt auf den Erfolg eines noch in der Entwicklung befindlichen Medikaments zu setzen? Immerhin scheitern noch bis zu dreißig Prozent aller Präparate in der letzten klinischen Phase.

Nun, wir arbeiten an dem Thema schon seit fünfzehn Jahren, und die Entwicklungsdaten mit immerhin 18000 Patienten sind derart klar und stabil, dass ich sehr überrascht wäre, wenn da noch etwas dazwischenkäme.

Und wenn nichts mehr dazwischenkommt?

Dann können wir von der Markteinführung von Pradaxa Ende 2010 oder 2011 ausgehen. Allerdings haben wir ja nicht nur Pradaxa. Vielleicht sind wir mit einem der anderen Präparate, die auch große Umsätze versprechen, zeitlich sehr nahe beieinander mit der Einführung.

Stehen Ihre optimistischen Erwartungen nicht in einem Gegensatz zu den Plänen, Stellen abzubauen und Arbeitsplätze in großem Umfang umzuorganisieren, was ja nicht zuletzt für die negative Berichterstattung gesorgt hat?

Da muss man unterscheiden. In den Vereinigten Staaten bauen wir 800 Stellen ab, also etwa ein Viertel. Das haben vor uns auch schon andere große Pharmaunternehmen gemacht. Hinzu kommt, dass wir dort den Vertrieb neu ausrichten müssen: Unsere neuen Produkte etwa gegen Diabetes, Krebs oder Schlaganfall sind anders erklärungsbedürftig. Deshalb müssen wir besonders naturwissenschaftlich gebildete Mitarbeiter haben, die nicht nur Arztpraxen besuchen, sondern auch auf Kongressen auftreten können. Den ausgeschiedenen Mitarbeitern haben wir sehr faire Abfindungen angeboten. Aber eine Alternative gab es nicht. Dazu kommt, dass es gerade bei diesem Berufsbild in vielen anderen Industrien Arbeitsplätze gibt.

Und die Neuverteilung von Arbeitsplätzen?

Das betrifft Deutschland, wo wir uns mit dem Betriebsrat auf einen Transfervertrag geeinigt haben. Da das Unternehmen einerseits wichtige neue Medikamente auf den Markt bringt und andererseits auch Projekte beendet, werden Mitarbeiter an einigen Stellen nicht mehr benötigt, während woanders Stellen geschaffen werden. Am einfachsten wären da gezielte Neueinstellungen und betriebsbedingte Kündigungen. Diesen einfachen Weg geht das Unternehmen aus Überzeugung nicht, auch dann nicht, wenn dies teure Umschulung bedeutet. Uns ist aber klar, dass das für die Betroffenen immer auch Belastungen bringt. Immerhin werden 1800 Mitarbeiter betroffen sein.

Das ist dann ja durchaus ein Einschnitt.

Ja, aber wir sind uns auch sicher, dass wir Ende 2011 mindestens mit derselben Mitarbeiterzahl arbeiten werden wie heute.

Steht die Inhaberfamilie trotz der Durststrecke nach wie vor fest zum Unternehmen?

Zum Leitbild dieses Familienunternehmens in vierter Generation gehört, der Menschheit mit innovativen Medikamenten zu dienen. Natürlich will jede Generation das Unternehmen wirtschaftlich gesund der nächsten Generation übergeben. Doch letztlich geht es um sinnerfülltes Unternehmertum, für das es auch andere Werte als Profit und Umsatz gibt. Das zeigen viele Beispiele. So gibt die Familie aus ihrem Privatvermögen 100 Millionen Euro, um damit zehn Jahre lang Spitzenforschung in Mainz zu finanzieren.

Sie glauben also, die Unabhängigkeit von Boehringer Ingelheim bleibt gewahrt? Ein Verkauf steht nicht zur Debatte?

So ist es. Es gibt jährlich Anfragen, ob wir gesprächsbereit seien – aber die Antwort heißt stets nein.

Für das Unternehmen ist das ja durchaus ein Glück. So haben Sie sich angesichts der Durststrecke nicht vor außenstehenden Aktionären zu rechtfertigen.

Ja, viele neue Produkte und keine Aktionäre – das ist eine angenehme Situation. Deshalb sind wir vielleicht auch eher als andere in der Lage, Forschung und Entwicklung auch langfristig auf so hohem Niveau zu halten.

Müssen Sie aber nicht zugleich befürchten, dass Sie als hochrentabler Pharmakonzern von der Gesundheitspolitik stärker unter Druck gesetzt werden?

Wir leisten schon einen ordentlichen Beitrag zum Erhalt der Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland und zur Finanzierung des Staates: Obwohl unser Umsatz nur zu sechs Prozent aus Deutschland stammt, fließen jeweils gut fünfzig Prozent der Investitionen und der Steuern nach Deutschland. Aber den Druck gibt es natürlich. Dabei hielten wir es für falsch, von uns Pauschalbeiträge zu verlangen.

Und was wäre richtig?

Neue Wege müsste man in der Vertragsgestaltung mit den Krankenkassen und bei der Kosten-Nutzen-Bewertung gehen.

Aber hieße das nicht, dass die Preise für die Medikamente fallen würden?

Ja, das hieße es. Immerhin haben wir ein grundsätzliches Problem: Während das Bruttoinlandsprodukt um fünf Prozent geschrumpft ist, sind die Gesundheitsausgaben gestiegen. Da müssen alle Beteiligten einen Beitrag leisten, auch die Pharmaindustrie. Aber man sollte schon einen sachlich orientierten Kompromiss finden.

 Wie könnte ein solcher aussehen?

Bei der Kosten-Nutzen-Bewertung zum Beispiel sollte man nicht nur auf das Medikament selbst schauen, sondern auch auf die gesamte Wirkung einer Behandlung auf das Gesundheitssystem, also beispielsweise, ob ein Medikament dabei hilft, Krankenhaus- oder Pflegekosten einzusparen. Letztlich könnte man auch nach volkswirtschaftlichen Kosten und Nutzen fragen, also etwa, ob das Medikament dazu beiträgt, Arbeitsfehlzeiten zu verringern. Aber mir würde eine rein gesundheitliche Betrachtung schon reichen. Immerhin hat die neue Bundesregierung die Chance, mit dem Thema unbefangener umzugehen, als wenn sie die Gesundheitspolitik schon in den vergangenen zehn Jahren gestaltet hätte.

Das 125-jährige Jubiläum der Unternehmensgründung werden Sie so oder so kräftig feiern?

Selbstverständlich! Mit besonderen Veranstaltungen und mit allen unseren Mitarbeitern – und den Ehemaligen; das werden große Familientreffen.

Das Gespräch führten Michael Psotta und Carsten Knop.

 

follow me on Twitter