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Noch nicht vom Winde verweht: John Chambers, der Chef von Cisco

Der Südstaatler John Chambers kommt bei Cisco in die unangenehme Lage eines Familienvaters mit Problemkindern. Wann werden die erzieherischen Maßnahmen greifen? Und wird Chambers Cisco treu blieben?

Eine Begegnung mit John Chambers erinnert immer an Südstaaten-Epen wie „Vom Winde verweht“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Margaret Mitchell, oder an den Fernsehmehrteiler „Fackeln im Sturm“. Nein, der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Netzwerkausrüsters Cisco sieht nicht aus wie Clark Gable oder Patrick Swayze in Film und Fernsehen. Aber er hat eben die perfekten Manieren eines Südstaatlers; denn Chambers ist in West Virginia aufgewachsen, an der dortigen Universität hat er auch studiert. Das hat abgefärbt.

Ausgesuchte Höflichkeit

Selten wird ein Gast von einem Vorstandsvorsitzenden mit so ausgesuchter Höflichkeit behandelt, ja umschmeichelt, wie von Chambers. Hinzu kommt sein unüberhörbarer Südstaatenakzent. Den hat Chambers auch nach vielen Jahren der Arbeit fern der Heimat nicht abgelegt. Es ist zudem eine Sprachfärbung, die man im Geschäftsleben der Vereinigten Staaten nach wie vor nur selten hört, was seinen Grund wohl auch darin hat, dass der Bürgerkrieg einst so ausgegangen ist, wie er es ist.

Insofern ist Chambers ein auffälliger Mensch, vor allem in der Branche, in der er arbeitet. Dort zeichnen sich die Manager nicht selten durch zur Schau gestellte Hemdsärmeligkeit aus, gerne im schlechten oder ganz ohne Anzug, sehr, sehr selten mit Krawatte. Auch das ist bei Chambers anders. Der Mann ist stilsicher, trägt passende Anzüge und will auch nicht auf künstliche Art und Weise jugendlich daherkommen, zum Beispiel durch regelmäßige Nutzung schwarzer T-Shirts oder Rollkragenpullis. John Chambers ist authentisch, und er ist treu, was zwar auch familiär gemeint ist, hier aber mit Blick auf seinen Arbeitgeber Cisco gilt, den er schon seit 1995 führt. Chambers hat bei Cisco gar keinen Anstellungsvertrag. Aber er betrachtet Cisco eben als seine Familie. Und das könnte für den inzwischen 61 Jahre alten Manager, der längst zu einem angesehenen Berater der amerikanischen Politik in der Hauptstadt Washington wie in vielen Bundesstaaten geworden ist, zu einem Problem werden.

Ein Vater mit Problemkindern

Denn tatsächlich erging es Chambers bei Cisco zuletzt wie einem Vater, dem es schwerfällt, Kinder, die sich langsam, aber über viele Jahre hinweg in ihrer Entwicklung in die falsche Richtung bewegen, durch einen erzieherischen Eingriff unmittelbar auf eine erfolgreichere Spur zurückzubringen. Genau das ist bei Cisco passiert: Nach und nach sind Wettbewerber auf den Plan getreten, die die exorbitant hohen Gewinnspannen von Cisco angreifen. Wo Chambers Kunden früher im übertragenen Sinne charmant einen Porsche verkaufen konnte, die nur einen Chevrolet haben wollten, gelingt dies heute nicht mehr. Die für einiges Geld zusammengekaufte Produktlinie, die sich unmittelbar an den Privat- und nicht an Geschäftskunden wendet, kommt nicht voran. Und die enttäuschten Hoffnungen sind an der unterdurchschnittlichen Entwicklung des Cisco-Aktienkurses abzulesen. Das hat sich Chambers zu lange angesehen. Erst vor wenigen Tagen hat er seinen Mitarbeitern einen Brandbrief geschrieben, dass es so nun doch nicht mehr weitergehe. Soeben wurde angekündigt, dass eine Produktlinie kleiner Videokameras eingestellt wird, erst zwei Jahre nachdem Chambers den Hersteller für 590 Millionen Dollar übernommen hatte. Jetzt warten die Analysten gespannt, ob Chambers diesem Auftakt weitere Schritte folgen lässt. Sie empfehlen die radikale Rückkehr zur Konzentration auf Geschäftskunden.

Emotionale Bindung

So gewinnt man den Eindruck, dass es für einen Vorstandsvorsitzenden, den es auszeichnet, mit seinem Unternehmen emotional so stark verbunden zu sein wie Chambers, einfacher ist, wenn das Ungemach von einem Tag auf den anderen hereinbricht – und darauf sofort reagiert werden muss. In dieser Hinsicht hat er schon einmal seine Qualitäten bewiesen: Im Frühjahr 2001 erforderte der Zusammenbruch der Nachfrage auf den von Cisco bedienten Märkten die Streichung von 5400 Stellen und die Kündigung von weiteren 2500 Mitarbeitern, die mit Zeitarbeitsverträgen beschäftigt waren. „Unser Wachstum betrug an einem Tag 70 Prozent, und innerhalb von 45 Tagen haben wir nun ein negatives Wachstum zu verzeichnen. Von einem Moment auf den nächsten“, sagte Chambers damals. Und seine Maßnahmen griffen rasch.

Das ist heute nicht mehr so. Cisco wächst noch, aber eben nicht schnell genug. Andere holen auf. Es ist ein zähes Ringen. Immer mehr Beobachter stellen sich die Frage, ob Chambers es noch einmal packen wird. Er ist bei Cisco alt geworden. Da er keinen Vertrag hat, könnte er ganz einfach gehen. Aber zu einem Südstaatler wie ihm will das nicht passen. Es wäre ein zu ungalanter Abgang.

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