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Media Markt in der schärfsten Krise seiner Geschichte

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Das Wachstum, das die Elektronikkette Media Markt/Saturn seit ihrer Gründung erreicht hat, ist eine der seltenen Erfolgsgeschichten, die es im deutschen Einzelhandel in der jüngeren Vergangenheit gegeben hat. Die nachhaltige Änderung des Verbraucherverhaltens in Zeiten des inzwischen auch mobil omnipräsenten Internet gewiss aber auch die persönlichen Animositäten im Gesellschafterkreis sorgen nun jedoch für die bisher schwerste Krise in einer Unternehmensgeschichte, die erst 1979 begonnen hat.

Das Wachstum, das die Elektronikkette Media Markt/Saturn seit ihrer Gründung erreicht hat, ist eine der seltenen Erfolgsgeschichten, die es im deutschen Einzelhandel in der jüngeren Vergangenheit gegeben hat. Die nachhaltige Änderung des Verbraucherverhaltens in Zeiten des inzwischen auch mobil omnipräsenten Internet gewiss aber auch die persönlichen Animositäten im Gesellschafterkreis sorgen nun jedoch für die bisher schwerste Krise in einer Unternehmensgeschichte, die erst 1979 begonnen hat.

In jenem Jahr gründeten Helga und Erich Kellerhals zusammen mit Leopold Stiefel und Walter Gunz den Media Markt. Großflächige Verbrauchermärkte hatte es in der Branche der Unterhaltungselektronik bis dahin nicht gegeben; es dominierte der kleine (Fach-)Händler „um die Ecke“. Der aber sollte schon bald keine Chance mehr haben: Nur acht Jahre nach der Gründung betrieb die Kette schon neun Geschäfte und setzte umgerechnet rund 150 Millionen Euro um – danach wurde das Wachstumstempo immer atemberaubender. Das weckte das Interesse der Großen: 1988 stieg die Warenhauskette Kaufhof (heute Metro) ein und übernahm die Mehrheit, was sowohl das Wachstum als auch die Internationalisierung des Geschäfts zusätzlich beschleunigte.

Der Erfolg blieb dem Media Markt lange treu

Die drei Unternehmensgründer behielten zu jenem Zeitpunkt mehr als 25 Prozent der Anteile. Beschlüsse im Gesellschafterausschuss müssen stets mit mehr als 75 Prozent der Stimmen gefasst werden. Damit haben die Gründer ein Vetorecht gegen den Haupteigentümer. Der Erfolg blieb dem Media Markt treu: Schon 1990 wurden mit inzwischen 3220 Mitarbeitern in 48 Fachmärkten 781 Millionen Euro Umsatz gemacht. Im Jahr 1993 gibt Kellerhals seine Tätigkeit als geschäftsführender Gesellschafter auf und bleibt Minderheitsgesellschafter. Die bisherige Kaufhof-Marke Saturn kommt zu Media Markt, das Unternehmen heißt fortan Media-Saturn-Holding (MSH).

Zum Jahreswechsel 1999/2000 zieht sich Walter Gunz aus dem Unternehmen zurück. Die Anteile gehen auch an die Metro. Leopold Stiefel überträgt einen Teil seiner Beteiligung an seine Söhne und verkauft einen weiteren an die Metro. Metro liegt nun bei 75,41 Prozent der Anteile, Kellerhals hält 21,62 Prozent. Im Gesellschaftervertrag wird aber festgehalten, dass Media Markt/Saturn ohne die Zustimmung von Kellerhals und Stiefel im Ausland keinen Laden eröffnen kann. Nötig sei immer eine Mehrheit von 80 Prozent.

Unter Schönwetterkapitänen

Unter erfolgsverwöhnten Schönwetterkapitänen war das lange kein Problem: 2003 gab es schon 436 Märkte. Der Umsatz lag zu jenem Zeitpunkt bei mehr als 10 Milliarden Euro; die Mitarbeiterzahl war auf 28 000 geklettert. Im Jahr 2007 verließ Leopold Stiefel als letzter Gründer die Geschäftsführung. In den Jahren danach wurde wiederholt an Börsenplänen für Media-Saturn gearbeitet. Umgesetzt wurden sie nie. Es ließ sich wohl keine Einigung mit den Minderheitsgesellschaftern über die Zukunft der Vetorechte erzielen. Dass sich Kellerhals diese Rechte für eine hohe Summe abkaufen lassen wollte, lässt der Firmengründer dementieren: „Wir wollten niemals verkaufen.“ Wichtige strategische Entscheidungen rund um das Internetgeschäft werden derweil nicht getroffen.

Im Jahr 2011 sehen die Dinge für das Unternehmen deshalb nicht mehr ganz so rosig aus. Aber Media Markt hat nach langer Anlaufzeit immerhin erkannt, dass es ohne das Internet nicht mehr geht. Gemeinsam mit dem schon etablierten Online-Händler Redcoon will man an dieser Verkaufsfront künftig nicht mehr nackt dastehen. Und das Unternehmen setzt nach einem schmerzhaften Ergebnisrückgang im zweiten Quartal 2011 den Rotstift an: In ganz Europa sollen 3000 Stellen in der Verwaltung abgebaut werden. Um weitere Preissenkungen in den Läden umsetzen zu können, will Media-Saturn in den nächsten drei Jahren eine halbe Milliarde Euro einsparen. Auf den ebenfalls neuen Online-Plattformen von Saturn und Media Markt, die im Oktober 2011 beziehungsweise Januar 2012 starten sollen, werde der Kunde Angebote unter dem durchschnittlichen Internetpreis finden. Zu Beginn sollen die Kunden rund 2500 Artikel in den Online-Shops kaufen können, in einer weiteren Ausbaustufe 5000 bis 8000, und in der Endphase wird es nach den jetzigen Planungen mehr Artikel im Internet geben als in den Märkten.

Kein Geschäftsmodell ist für die Ewigkeit

 „Kein Geschäftsmodell der Welt ist für die Ewigkeit“, hat Metro-Finanzvorstand Olaf Koch inzwischen zu den Veränderungen in der Tochtergesellschaft Media-Saturn gesagt. Die Online-Offensive sei spät dran. Neu für den Kunden sei die Möglichkeit, Waren online zu bestellen und sich in den Markt liefern zu lassen sowie dort vor Ort an Terminals Waren online zu ordern. Ähnlich sollen auch Retouren und Reparaturen vor Ort abgewickelt werden. Im Jahr 2011 ist aber auch klar: Kellerhals und der derzeitige Metro-Chef Eckhard Cordes passen nicht zusammen. Soll das Unternehmen zentral oder dezentral geführt werden? Die Beteiligten können sich darüber nicht einigen. Der Erfolg in der Vergangenheit ist unbestritten: In weniger als zwei Jahrzehnten entwickelten sich die beiden Schwestermarken zu Europas Marktführer unter den Elektrofachmärkten. Knapp 900 Filialen und 20,8 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2010 stehen für sich. Aber wie wird es weitergehen?

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