Ad hoc

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Weitere Milliardenabschreibungen: Thyssen-Krupp schüttelt sich durch

Mitten in der tiefsten Krise der Unternehmensgeschichte trennt sich der Stahl- und Industriekonzern Thyssen-Krupp AG auf einen Schlag von allen drei schon seit Jahren im Konzern tätigen Vorständen. Mit diesem für die deutsche Unternehmenslandschaft einzigartigen Einschnitt an der Konzernspitze will der vom Großaktionärsvertreter Gerhard Cromme geführte Aufsichtsrat dem seit Anfang 2011 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger und seinem Finanzvorstand Guido Kerkhoff unbelastete Aufräumarbeiten ermöglichen. Hiesinger und Kerkhoff sowie der Personalvorstand sind damit die einzigen verbleibenden Vorstandsmitglieder von Thyssen-Krupp - mehr werden es nach Informationen dieser Zeitung so bald auch nicht werden. Die Herausforderungen des kleinen Vorstands sind umso größer: Bereinigt werden muss vor allem das Investitionsdesaster bei der Konzerneinheit Steel America, hinzu kommen Korruptions- und Kartellfälle.

Mitten in der tiefsten Krise der Unternehmensgeschichte trennt sich der Stahl- und Industriekonzern Thyssen-Krupp AG auf einen Schlag von allen drei schon seit Jahren im Konzern tätigen Vorständen. Mit diesem für die deutsche Unternehmenslandschaft einzigartigen Einschnitt an der Konzernspitze will der vom Großaktionärsvertreter Gerhard Cromme geführte Aufsichtsrat dem seit Anfang 2011 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger und seinem Finanzvorstand Guido Kerkhoff unbelastete Aufräumarbeiten ermöglichen. Hiesinger und Kerkhoff sowie der Personalvorstand sind damit die einzigen verbleibenden Vorstandsmitglieder von Thyssen-Krupp – mehr werden es nach Informationen dieser Zeitung so bald auch nicht werden. Die Herausforderungen des kleinen Vorstands sind umso größer: Bereinigt werden muss vor allem das Investitionsdesaster bei der Konzerneinheit Steel America, hinzu kommen Korruptions- und Kartellfälle.

Es gilt deshalb als gewiss, dass der Aufsichtsrat in seiner regulären Sitzung am kommenden Montag dem Vorschlag des Personalausschusses des Gremiums zustimmen wird. Auch Arbeitnehmervertreter signalisierten umgehend ihre Zustimmung: Das im Personalausschuss des Aufsichtsrats tätige IG-Metall-Vorstandsmitglied Bertin Eichler erklärte, dass Thyssen-Krupp für die anstehenden Herausforderungen einen Neuanfang brauche. Die Börse honorierte den schon am Mittwochabend in einer Ad-hoc-Mitteilung angekündigten Reinigungsprozess an der Konzernspitze am Donnerstag mit Kursgewinnen für das Thyssen-Krupp-Papier von im Verlauf mehr als 2 Prozent. Die von Berthold Beitz geführte Krupp-Stiftung, der Großaktionär des Konzerns, wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorgängen äußern.

 Technologievorstand Olaf Berlien, Stahlchef Edwin Eichler und Compliance-Vorstand Jürgen Claassen werden zum Jahresende – und damit weit vor ihrem jeweiligen Vertragsablauf – vor die Tür gesetzt. Sie haben auch schon einer einvernehmlichen Auflösung der gerade bis 2017 verlängerten oder im Fall Claassen bis 2016 erfolgten Erstbestellung zugestimmt. Die Satzung begrenzt die Abfindungshöhe auf zwei Jahre. Als Gründe für das Großreinemachen werden die Gesamtverantwortung des Vorstands für die Geschäftsführung und die Führungskultur des Unternehmens genannt. Eine Effizienzprüfung zur Rolle des Aufsichtsrats bei den Projekten von Steel America habe als einen wesentlichen Grund für die Fehlentwicklung ergeben, dass sich eine Reihe der vom damaligen Vorstand zugrunde gelegten Annahmen und Kennzahlen als zu optimistisch oder im Nachhinein als falsch erwiesen hätte, berichtet das Unternehmen.

Immer wieder Probleme in Rio

Ausgangspunkt für diesen Schnitt war eine Sondersitzung des Aufsichtsrates am 20. November, in der Hiesinger seine mit eigenen Vertrauten gesammelten jüngsten Erkenntnisse über die Lage an den beiden neuen Stahlstandorten in Brasilien und dem amerikanischen Bundesstaat Alabama präsentierte. Demnach gibt es beim Hochfahren der neuen Stahlhütte im brasilianischen Bundesstaat Rio technisch immer wieder Probleme. Für das Konzernergebnis genauso belastend sind die zwar technisch gut arbeitenden Walzwerke in Alabama, deren Verkaufserfolge jedoch viel zu optimistisch geplant sein sollen – und die mit den teuren Vormaterial aus Brasilien von der Gewinnschwelle weit entfernt sind.

Nach dieser Sitzung wurde von Arbeitnehmervertretern kolportiert, sie fühlten sich vom Vorstand in Sachen Steel America „belogen und betrogen“. Schon im Mai hatte Hiesinger wegen der absehbar anhaltenden Verluste der beiden Stahlstandorte, in die der Konzern bisher einschließlich der aufgelaufenen Verluste 13 Milliarden Euro gesteckt hat, den Rückzug aus Steel America eingeleitet. Die im November abgelaufene erste Bieterrunde war aber im Ergebnis sehr enttäuschend. Für die Werke, die in der Bilanz noch mit 7,9 Milliarden Euro bewertet sind, lagen die unverbindlichen Angebote nach Informationen dieser Zeitung unter den 4 bis 4,5 Milliarden Euro, die von Investmentbankern wohl zu optimistisch als Wert geschätzt worden sind.

Weitere Abschreibungen nötig

Am 11. Dezember wird Thyssen-Krupp nun den Abschluss für das Geschäftsjahr 2011/2012 (30. September) präsentieren. Nach Informationen dieser Zeitung ist bei Steel America eine Abschreibung von mindestens 3 Milliarden Euro fällig. Zusätzlich wird gut 1 Milliarde Euro laufender Verlust zu verkraften sein. Schon im Jahr zuvor haben 2,1 Milliarden Euro Buchwertabschreibungen auf Steel America und 800 Millionen Euro Wertkorrekturen bei der zwischenzeitlich an die finnische Outokumpu verkauften Edelstahltochtergesellschaft Inoxum unter dem Strich zu knapp 1,8 Milliarden Euro Konzernverlust geführt.

Operativ ist der traditionsreiche Konzern ungeachtet der in wichtigen Arbeitsgebieten nachlassenden Nachfrage aber wohl auf Kurs: Hiesinger jedenfalls hat trotz der anhaltend schwierigen Märkte für Steel Europe seine auf dem Geschäft von neun Monaten basierende Jahresprognose aus dem August – ein um Einmalfaktoren bereinigtes Ergebnis vor Zinsen und Steuern im mittleren dreistelligen Millionen-Bereich – nicht nach unten korrigiert. Auf dem schwierigen Markt in Europa wird Steel Europe, anders als viele Wettbewerber, einen kleinen Gewinn ausweisen. Der Technologiebereich mit Anlagenbau und Komponenten hat nach neun Monaten ein bereinigtes Ergebnis von 1,1 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Aber es gibt auch hier eine Fülle von einmaligen Einflussfaktoren auf das Ergebnis. Zu den Belastungen gehört die Kartellstrafe für Preisabsprachen am Schienenmarkt über 103 Millionen Euro. Daraus drohen nun noch größere Schadensersatzansprüche der Käufer, voran der Deutschen Bahn. In den vergangenen Wochen wurde zudem bekannt, dass in dem kartellrechtlich schon vor Jahren abgeschlossenen Aufzug-Verfahren nun zivilrechtliche Schadenersatzklagen verhandelt werden. Zu den Einmaleffekten gehört auch ein halbes Dutzend Unternehmen, von denen sich Thyssen-Krupp getrennt hat: Autozulieferunternehmen, eine bedeutende amerikanische Gießerei, das Arbeitsgebiet lasergeschweißte Bleche, der zivilen Schiffbau, Bauelemente und vor allem die Verlustquelle Inoxum. Ob dadurch aber nennenswerte Buchgewinne angefallen sind, bleibt abzuwarten. Positiv wirkt sich auf jeden Fall die damit verbundene Entlastung bei den mit fast 6 Milliarden Euro hohen Finanzschulden aus.

Hiesinger, der von Siemens gekommen war und unter den Mitarbeitern seines ehemaligen Arbeitgebers noch immer einen blendenden Ruf genießt („Hiesinger ist der richtige Mann“), hat nach der Übernahme des Vorstandsvorsitzes im Januar 2011 schnell erkannt, dass der nicht eindämmbare Mittelabfluss in Amerika die Investitionskraft von Thyssen-Krupp erheblich bremst. Nach einem wenige Monate später angekündigten und inzwischen weitgehend umgesetzten rigorosen Verkaufsprogramm war im Mai 2012 eine Entscheidung zur Zukunft der amerikanischen Stahlstandorte nicht länger aufschiebbar. Die Hoffnung, dass die beiden Stahlwerke schnell auf Vordermann gebracht und in etwa zum Buchwert von rund 7 Milliarden Euro verkauft werden können, hatte sich zu diesem Zeitpunkt zerschlagen.

Signal nach innen und außen

Cromme will mit dem Abgang von Berlien, Eichler und Claassen nun ein Signal nach innen und außen setzen. Hiesinger war in der Hinsicht allerdings schneller: Er hatte schon vor Monaten öffentlich erklärt, dass seine Pläne, einen diversifizierten Industriegüterkonzern zu schaffen, auch eine Erneuerung der Unternehmenskultur erfordern. Und im Ruhrgebiet gab es schon vor Tagen Stimmen, die davon sprachen, dass das Bekanntwerden der Skandale um den scheidenden Compliance-Vorstand Claassen vor allem Hiesinger gelegen komme, da er so den Hebel in die Hand bekomme, den Konzern kräftig durchzufegen. Gegen den alten Cromme-Vertrauten Claassen hat die Staatsanwaltschaft Essen Ermittlungen wegen Untreue eingeleitet. Der Teil der Ermittlungen, der sich mit Reisen von Journalisten beschäftigte, wurde eingestellt.

Gleichzeitig gilt es für Hiesinger nun weiterhin, den Verkauf in Amerika voranzutreiben. Die Investitionen in den Vereinigten Staaten und Brasilien hatte auch Cromme lange Zeit getragen – und bei den ersten auftretenden Schwierigkeiten jedenfalls nach außen extrem gelassen reagiert. Gerne war von „normalen Schwierigkeiten bei Großinvestitionen“ die Rede. Inzwischen hat auch Cromme die Realität eingeholt, selbst wenn es vor allem die Vorstände gewesen sein sollen, die vermeintlich oder tatsächlich falsch informiert haben.

Von Werner Sturbeck und Carsten Knop

 

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