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Auch Karstadt braucht einen New Deal, lieber Herr Berggruen

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Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen ist gefragt. Die Beschäftigten von Karstadt warten darauf, dass er sich auch finanziell zur Zukunft ihres Hauses bekennt. Einen „New Deal“ möchte Berggruen zwar. Aber nur zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa.

Heute weilt Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen auf einem prominent besetzten „Town Hall Meeting“ des Nicolas Berggruen Instituts nach Paris. Dort trifft sie sich unter anderen mit ihrem französischen Amtskollegen Michel Sapin und den Finanzministern beider Länder, um einen „New Deal“, eine neue Initiative zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit in Europa, zu starten. In Paris findet sich aber natürlich auch der Ideengeber der Initiative, der Investor Nicolas Berggruen. Und dann werden alte Bilder in Erinnerung kommen: Von der Leyen und Berggruen, da war doch etwas: Blitzlichtgewitter, strahlende Gesichter rundum, Sektglas schwenkende Mitarbeiterinnen. So sah es aus, als die Ministerin an jenem Sommertag des Jahres 2010 die Rolltreppen der Berliner Karstadt-Filiale erklomm, um gemeinsam mit dem deutsch-amerikanischen Milliardär die Rettung der maroden Kaufhauskette zu feiern.

Als einen „Tag der Freude“ für die rund 24 000 Beschäftigten bezeichnete sie jenes denkwürdige Treffen. Und er sei „irrsinnig glücklich“, ergänzte Berggruen damals, im leisen Ton, aber doch geradezu beseelt. Zumindest aus Sicht der damals angeblich geretteten Karstadt-Mitarbeiter erweisen sich diese Bilder aus glücklichen Tagen inzwischen als Makulatur. Schrammen am Ruf ihres damals fast als Popstar gefeierten smarten Retters gab es schon im vergangenen Sommer, als das Karstadt-Management unter Führung des britischen Handelsprofis Andrew Jennings den Abbau von rund 2000 Arbeitsplätzen ankündigte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt rückten auch die Arbeitnehmervertreter von dem im damaligen Übernahmepoker um Karstadt auch von ihnen klar favorisierten Investor ab.

Konfrontationskurs 

Inzwischen gehen beide Parteien auf Konfrontation, ist der Ton scharf geworden. Der Ausstieg aus der Tarifbindung, der die zwar sturmerprobten, aber auch leidgeprüften Karstadt-Mitarbeiter in den nächsten beiden Jahren von tariflichen Lohnerhöhungen ausschließt, ist für sie die berühmte Umdrehung zu viel. Die Filialleiter – und die Kunden – müssen sich darauf einstellen, dass schon bald Arbeitskampfmaßnahmen zum Thema werden.

Dass das Modell Warenhaus nicht tot ist, beweist derzeit der Wettbewerber aus Köln, nämlich Kaufhof. Fast ist es schon eine Ironie des Schicksals: Die über Jahre hinweg stiefmütterlich behandelte Tochtergesellschaft, die so gar nicht in das Konzept eines international orientierten Handelskonzerns wie Metro passt, hat sich durch kontinuierliche Fokussierung auf Mode und bezahlbaren Lebensstil zur Ertragsperle des Konzerns gemausert. Was den Metro-Vorstandsvorsitzenden Olaf Koch jüngst sogar glatt zu Liebeserklärungen hinreißen ließ. Nichtsdestotrotz bleibt Kaufhof auf der Verkaufsliste.

Das Auseinanderdriften von Substanz und Ertragskraft der beiden Warenhausmarken könnte freilich ein Gelingen der nach wie vor im Raum stehenden deutschen Warenhausallianz in Frage stellen. Hat Berggruen, der seine Holding einst als den logischen Käufer von Kaufhof bezeichnet hat, überhaupt noch Interesse? Er müsste wohl zügig handeln und dieses Mal ein tragfähigeres Finanzierungskonzept vorlegen als beim bisher letzten Anlauf vor anderthalb Jahren. Und für Kaufhof werden andere Preise aufgerufen: Karstadt hat Berggruen damals für einen symbolischen Euro übernommen. Und er half mit Darlehen über 65 Millionen Euro aus. Der Rest des Plans hieß, dass sich Karstadt mit einem besseren Management am eigenen Schopf aus der Krise ziehen sollte. Und dieser Plan geht nicht auf.

Mangelnde Transparenz 

Als Privatunternehmen veröffentlicht die Essener Warenhaus-Gruppe ihre Umsatz- und Ergebniszahlen längst nicht mehr so zügig wie ein börsennotiertes Haus. Das mag das gute Recht der Unternehmensführung sein; klug ist die mangelhafte Transparenz aber nicht. Sie macht argwöhnisch. Denn seit Jennings den in Jahrzehnten des Missmanagements angestaubten Kaufhausriesen auf eine radikale Verjüngungskur schickt, ranken sich munter die Gerüchte um vermeintliche Misserfolge seiner Strategie, die der alten Tante Karstadt mit einer Fülle neuer internationaler Modemarken neuen Glanz verleihen sollte. Jennings persönlich hat soeben eingeräumt, dass 2013 abermals ein sehr hartes Jahr mit scharfem Gegenwind wird. Im Rahmen des Sanierungskonzepts „Karstadt 2015“ soll angeblich in zwei Jahren ein Umsatz von 3,5 Milliarden Euro erreicht werden. Von Beobachtern wird stark bezweifelt, dass diese Vorgabe zu schaffen ist.

Nach einem schlechten Weihnachts- ist auch das Frühjahrsgeschäft mies gelaufen; entsprechend unumgängliche Rabattaktionen nagen an ohnehin schwachen Margen. Intern wird vor allem auf das katastrophale Wetter verwiesen, das auch dem übrigen Textileinzelhandel stark zu schaffen macht. Zur wetterbedingten Kaufunlust kommen offenbar Akzeptanzprobleme der alten Stammkunden für die im Herbst gestartete „Markenoffensive“, die dem Sortiment rund 50 internationale Marken hinzufügte. Wer beispielsweise die neu gestaltete Vorzeigefiliale in Düsseldorf besucht, wird positiv überrascht sein von der Frische der Präsentation, der Hochwertigkeit der Schuhabteilung und der Pfiffigkeit so manchen Outfits. Er wird aber auch auf die eine oder andere ratlose Kundin treffen, die die klassischen Stammsortimente sucht. Denn das ist der Pferdefuß: Im Berliner Kadewe mag das internationale Publikum Zielkundschaft sein, nicht aber in Dortmund, Gießen oder Bamberg.

Um Karstadt umzukrempeln, seine Konzepte einer breiteren Käuferschaft schmackhaft und potentiellen Neukunden überhaupt erst einmal bekannt zu machen, brauchte Jennings überdies eine ganz andere finanzielle Feuerkraft als die dünnen Zahlungsströme aus dem laufenden Geschäft, die ihm dafür bisher allein zur Verfügung stehen. Er müsste sehr viel stärker in Marketing und Werbung investieren, von der zügigen Renovierung der noch immer überwiegend abgewohnten Häuser einmal ganz abgesehen. Alle Branchenkenner sind sich einig: Karstadt wird sich nicht zum Erfolg sparen können. Und genau an dieser Stelle ist Berggruen mit seiner vermeintlichen Finanzkraft gefragt. Auch dazu findet man im Markt keine gegenteiligen Meinungen.

Karstadt braucht finanzielle Feuerkraft

Der weltläufige, kultur- und politikbegeisterte Sohn des Kunstsammlers und Mäzens Heinz Berggruen macht auch keinen Hehl daraus, dass ihn die Arbeit seines Instituts und seiner diversen „Think Tanks“ zur Verbesserung und Rettung der Welt inzwischen weit mehr fesselt als der Kauf von Unternehmen und Immobilien. Das Treffen zur Bewältigung der Jugendarbeitslosigkeit in Paris ist da nur eine Facette. Berggruen und seine politischen und wissenschaftlichen Berater raten auch dazu, die EU zu einer demokratisch legitimierten politischen Union zu machen, und Deutschland müsse dabei die Führungsrolle übernehmen. Erst zum Jahreswechsel hat er ein Buch herausgegeben, das sich mit der Frage auseinandersetzt, was das politische System im Westen von dem in China lernen kann – und umgekehrt. Immerhin: Die politische und fiskalische Erstarrung, die den amerikanischen Bundesstaat Kalifornien zwischenzeitlich erfasst hatte, konnte er mit seinem Bemühungen zumindest lösen helfen.

Die Tagesarbeit und die Betreuung der Fülle von Investments quer über zig Branchen und Länder hinweg hingegen überlässt er seinen Teams, unter anderen dem im damaligen Karstadt-Poker als knallharter Verhandlungspartner gefürchteten New Yorker Statthalter und Karstadt-Aufsichtsratsvorsitzenden Jared Bleustein. Gleichwohl bleibt der Namensgeber der Gruppe in der Pflicht. Es ist auch durchaus so, dass er Bemerkungen zum Sortiment und Geschäftsauftritt von Karstadt mit viel persönlichem Interesse aufnimmt. Er ist auch über Details im Bilde, zum Beispiel, wenn Karstadt verkündet, eine Einkaufs-App für das Mobiltelefon entwickelt zu haben. Es ist gewiss nicht so, dass ihm Karstadt emotional gleichgültig ist. Die Berggruen zum Karstadt-Einstieg vorschnell oktroyierte Rolle des Gutmenschen nimmt ihm in den Niederungen der Kaufhauswelt aber auch niemand mehr ab. Weniger naive Menschen wussten sowieso, dass allein vom Nettsein noch nie jemand zum Milliardär geworden ist. Unter den einst als Heuschrecken verschrienen Finanzinvestoren ist es gängige Praxis, die Finanzierung und Entwicklung der übernommenen Unternehmen auf Cashflow-Modellen aufzubauen. Mit dem großen Füllhorn kommt in dieser Branche niemand daher.

Wo bleibt das sichtbare Bekenntnis Berggruens?

Berggruen hat sich selbst zwar wiederholt als langfristigen Investor bezeichnet. Ein Beitrag aber, wie ihn die Arbeitnehmer fordern, und damit ein sichtbares Bekenntnis zu der „Perle“ Karstadt, der er neuen Glanz verleihen wollte, ist bisher nicht erfolgt. Vielmehr wird kolportiert, dass er sich vom Unternehmen teuer für die Namensrechte an Karstadt bezahlen lässt. Der Name ist für Berggruen aber nicht nur ein Vermögenswert, sondern auch eine Verpflichtung: Karstadt ist eine 130 Jahre alte Marke, nach wie vor in den Innenstädten präsent und so gut wie jedem Deutschen vertraut. Womöglich war es keine gute Idee, sich hierzulande ausgerechnet eine so prominente Adresse als Investitionsziel auszusuchen – jedenfalls dann nicht, wenn die Dinge letztlich doch schieflaufen sollten. Gut möglich, dass sich auch Ministerin von der Leyen am Rande des Treffens für einen „New Deal“ für Karstadt interessieren wird.

Unter Mitarbeit von Brigitte Koch.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop

 


5 Lesermeinungen

  1. Der Kaufhof will Karstadt nicht
    So stand es am Samstag in dieser Zeitung: Kaufhof: „Wir kennen unsere Kunden ganz genau“ Die von Metro auf die Verkaufsliste gesetzte Kaufhof-Gruppe ist die Ertragsperle des Konzerns.

    Die Teilnehmer des Karstadt Krisengipfels sollten mal zum Kaufhof gehen und sich die Unterschiede zu Karstadt ansehen.

  2. Es geht kaum ein Plan auf...
    …weil bedingt durch die hohen Mieten, die Erhöhung der Strom- und Gaspreise die Kaufkraft ins endlose Gefallen ist. Deutschland verkommt sichtbar und man sieht es über die 20 Jahre hinweg. Und insofern ist es sehr in Frage zu stellen, wovon Frau Merkel es bezahlen will, dass Renten erhöht werden, aber nicht für ehemalige Erwerbsarbeit, Berufsunfähigkeit oder Erwerbsminderung sondern für das Privatleben. und sie will Müttern die uns das liefern was sie uns liefern auch noch für dafür belohnen das ihre Kinder zum Teil nicht mal mehr Kontakt zu ihnen haben. Diese Regierung belohnt in allen Bereichen versagen.

  3. Mit Cost Cutting gewinnt man nicht
    CC ist ein wichtiges Element, aber gewinnen kann man damit nicht. Nicht im EH. Das Problem vieler traditioneller Marken ist, dass sie von ebenso traditionellen Menschen gemanaged werden, die in bestimmten Umfeldern sozialisiert und ausgebildet wurden und damit zwangsläufig über die Zeit „aus der Konsumwelt“ fallen.

    Ich verfolge insbesondere die Sortiments- und Einkaufsstättenstrategien (das sind die Begriffe aus den 80ern :) von Karstadt sehr interessiert. Leider muss ich sagen, dass ich alles, was ich bisher gesehen habe, eher unambitioniert und planlos fand.

    Selbst recht aktuelle Mafo-Studien zeigen auf, dass in D die City-Einkaufsstätten relativ klassisch genutzt werden, also als Vollsortimenter. Der deutsche Michel rennt eben gerne in die City um alles Richtung Haushaltswaren, Bad, Geschirr, Küche etc. an einem Ort zu bekommen. Karstadt hat sich in genau diesen Bereichen nicht unerfolgreich im Mid-/Premium-Segment etabliert – aber was Sie jetzt machen, statt ihren strategischen Fokus zu stärken, ist ihn zu erodieren, indem man stärker Spezialisiert und zwar entlang einer monetären Analytik, die aber leider mit den USPs von Karstadt kollidiert. Wie gesagt, mit Cost Cutting ist sowas nicht zu gewinnen, ebenso wenig wie mit Sortimentsstrategie nach Marge.

    USP-konforme Inhalte an der Marketing-/Kommunikationsecke sehe ich leider auch nicht (genau genommen sehe ich gar nichts an der Kommunikationsecke).

    Karstadt wird wohl leider als ein Paradebeispiel dafür in die Geschichte eingehen, wie „Management“ im schlechtesten Sinne (selbstnutzenorientierte Verwalter) über mehrere Etappen ein Traditionsunternehmen mit ausreichendem Potential für die nächste Generation zerlegt hat.

  4. Pingback: Revolution ??!! | Der Honigmann sagt...

  5. Die Zukunft von Karstadt
    Soweit ich es lesen konnte sind die Einzelhandelsumsätze dieses Jahr bei uns gefallen. Das dürfte die beiden großen Kaufhausketten mit einem gehobenen Warensortiment besonders treffen. Wie sollte Herr Jennigs denn Karstadt umkrempeln? Wie sie richtig schreiben kann das was man in Düsseldorf gemacht hat nicht in kleineren Städten umsetzen.

    Ich meine die Zukunft von Karstadt liegt im Zusammenschluss mit anderen Kaufhauskonzernen, auch im Ausland. Ein Zusammenschluss mit Kaufhof macht nur Sinn wenn man Standorte schließt. Geschlossene Standorte von Karstadt könnten von einem Betreiber von Shoppingcentern wie ECE übernommen und umgebaut werden.

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