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Verkauf nach Japan: Die “Heuschrecken” verlassen Grohe

Der Markenname allein ist es nicht, der das Unternehmen Grohe bekannt gemacht hat. Mitgeholfen hat der SPD-Politiker Franz Müntefering, in einer Rede am 19. November 2004. Damals sprach Müntefering von den „Heuschrecken“, die den Hersteller von Badarmaturen übernommen hatten: Gemeint waren Finanzinvestoren, die den Kaufpreis dem Unternehmen über Schulden aufgeladen hatten, Mitarbeiter entließen und auf den ersten Blick wenig Perspektive boten. Danach hatte die Private-Equity-Branche ihren Ruf weg: Heuschrecken saugen aus, obwohl sie das biologisch gar nicht können, und schaden nur. Diverse wissenschaftliche Studien wurden über Grohe verfasst. Das negative Bild relativierte sich aber vor allem durch gute Zahlen im Geschäft – und jetzt wird Grohe zum Objekt der größten jemals getätigten Auslandsinvestition eines japanischen Unternehmens in Deutschland: Die Lixil-Gruppe zahlt 2,7 Milliarden Euro für 87,5 Prozent der Anteile; der damit unterstellte Unternehmenswert erreicht 3,06 Milliarden Euro.

Die jüngere Geschichte des 1936 gegründeten Unternehmens Grohe zeigt damit auch, dass sich die Finanzinvestoren zwar harscher Kritik stellen mussten, sich aber auch über eine enorme Wertsteigerung ihrer fremdfinanzierten Übernahme freuen können. Zunächst hatte der Investor BC Partners 1999 Grohe einen Unternehmenswert von rund 980 Millionen Euro beigemessen, im Jahr 2003 kamen dann die neuen Eigentümer TPG und eine Tochtergesellschaft der Schweizer Bank Credit Suisse auf rund 1,5 Milliarden Euro. Seither wurde eine weitere Wertsteigerung von mehr als einer Milliarde Euro gehoben.

Neuer Weltmarktführer im Sanitärgeschäft

Durch die Übernahme entsteht nach Angaben der Beteiligten der neue Weltmarktführer im Sanitärgeschäft mit einem Branchenumsatz von mehr als 4 Milliarden Euro. Der Kauf, den Lixil gemeinsam mit der Development Bank of Japan tätigt, Anfang 2014 abgeschlossen werden. Die Kartellbehörden müssen noch zustimmen. „Aber da erwarte ich keine Schwierigkeiten“, sagte der Grohe-Vorstandsvorsitzende David Haines dieser Zeitung. Haines bleibt Chef von Grohe, hält Lixil für den perfekten Partner und hat einen neuen 5-Jahres-Vertrag unterschrieben. Haines hatte selbst die Idee, die Japaner anzusprechen. Dass Grohe und seine chinesische Tochtergesellschaft Joyou innerhalb des Konzerns eigenständig blieben, sorgt aus Sicht von Haines für besonderen Charme. „Und wir setzen voll auf Wachstum.“ Die Betriebsräte stünden dem Geschäft aufgeschlossen gegenüber, niemand müsse Angst haben. Nicht zuletzt könne die Verbindung Joyou helfen, die Marke im asiatisch-pazifischen Raum weiterzuentwickeln. Die Grohe-Gruppe mit Sitz in Düsseldorf beschäftigt rund 9000 Mitarbeiter, noch immer 2300 davon an drei deutschen Produktionsstandorten. Der Umsatz erreicht 1,4 Milliarden Euro. Lixil ist das größte Wohnbau- und Baustoffunternehmen Japans mit einem Umsatz von knapp 11 Milliarden Euro.

Das Heuschrecken-Bild indes prägt die Wahrnehmung von Finanzinvestoren im deutschen Mittelstand noch immer – trotz der Entwicklung von Grohe: „Wir stoßen in Beratungsmandaten bei Familienunternehmen weiterhin auf diverse Vorbehalte“, sagt der Frankfurter Rechtsanwalt Hans-Jochen Otto, der sich seit Jahren mit entsprechenden Transaktionen befasst. So sind die „Heuschrecken“ für Grohe bald Geschichte, für die Branche der Finanzinvestoren aber noch nicht.

Nicht an die Börse zurück

Nicht zuletzt wäre es schön gewesen, hätten die Deutschen an ihrer Börse mit  Grohe ein grundsolides Unternehmen (wieder)begrüßen dürfen, das derzeit gute Wachstumsperspektiven bietet. Möglicherweise hätten die Eigentümer dann auch noch 100 oder 200 Millionen Euro mehr erlösen können, aber sie haben sich für die sicherere Variante entschieden. So aber wird Grohe Teil der Lixil-Gruppe, von der hierzulande noch niemand etwas gehört hat. Das muss aber kein Nachteil sein. Auch die Eigentümer der vergangenen Jahre, nach dem Verkauf durch die Familie Grohe allesamt Finanzinvestoren, waren seit der Rede von Franz Müntefering nur als „Heuschrecken“ bekannt. Die Belegschaft von Grohe ist mit ihnen zuerst durch schlechte, dann durch gute Zeiten gegangen. Am Ende aber wurde saubere Arbeit abgeliefert, nicht zuletzt durch den Grohe-Vorstandschef Haines. Er wird den Japanern ein Partner auf Augenhöhe sein. Manches Familienunternehmen wird interessiert feststellen, was unter fremder Führung aus einem Haus werden kann, aber auch, wie viel Geld sich damit verdienen lässt.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop

Vom selben Autor: “Amazon kennt dich schon” https://www.fazbuch.de

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