Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Der doppelte Bosch-Chef: Volkmar Denner

Erfindungen, die begeistern oder sogar Leben retten, liegen Volkmar Denner am Herzen. Seine Hauptaufgabe ist es aber, den 300 000 Bosch-Mitarbeitern zu erklären, wie es weitergeht. Das hat bisher nicht immer geklappt. Im Gespräch mit ihm wird klar, woran das liegt.

Volkmar Denner ist zwei Personen in einer. Er ist der Chef von Bosch. Das macht nicht immer Spaß: Hier gilt es doch tatsächlich, Krisenbewältigung zu betreiben – und das in einem Unternehmen, das in gar keiner Krise ist. Das ist nicht zum Lachen, und ein solches kommt dem in derartigen Situationen höchst kontrollierten Denner denn auch nicht über die Lippen. Die Anstrengung, die es mit sich bringt, vermeintliche oder tatsächliche Missverständnisse über seine Pläne und die Kommunikation derselben auszuräumen, ist ihm anzumerken: Er will eine Botschaft transportieren, Punkt für Punkt, am besten direkt von einem Blatt Papier abgelesen. So etwas ist mühselig. Aber es gibt ja noch den zweiten Denner: den Leiter der Forschung und Entwicklung des Konzerns. Wenn er sich diesen Hut aufsetzt, braucht er kein Manuskript mehr. Dann reichen zwei Worte: „Vernetzung“ und „Innovationen“. Und plötzlich löst sich die Anspannung.

Am Ende eines Gesprächs, in dem Denner mal der eine, mal der andere ist, weiß man: Denner muss es gelingen, diese beiden Rollen stärker in Einklang zu bringen. Denn der eine Denner überzeugt durchaus. Als Forschungschef hat er längst erkannt, was für Chancen sich durch die Verknüpfung verschiedener Technologien bieten: für die Menschheit und deswegen auch für den Bosch-Konzern, dessen Slogan schon seit längerer Zeit „Technik fürs Leben“ ist. Denner will diesen Werbespruch in jeder Hinsicht wörtlich nehmen. Die soeben vorgestellte, sensorbasierte Überlebenshilfe für Motorradfahrer ist für ihn in dieser Hinsicht beispielhaft: „50 Prozent aller tödlichen Motorradunfälle passieren in der Kurve“, referiert der Zweiradfan routiniert. Dank der Bosch-Tüftler kann in künftigen Fahrzeugen eine blitzschnell rechnende Technik aus der Korrelation von Neigungswinkel des Motorrads, Kurvenradius und Geschwindigkeit bewirken, dass die Bremse genau richtig reagiert, nicht zu stark und nicht zu schwach. Das kann Leben retten.

Produkte, die um den Nutzer kreisen 

Und daran soll man erkennen können, wie das Technologieunternehmen Bosch zu einem Anbieter von Produkten wird, bei denen alles um den Nutzer kreist: Innovationen, die Menschen begeistern, stellt Denner sich vor. Damit verbunden hofft er auf ganz neue Geschäftsmodelle, die man bei Bosch, einem typischen Großserien-Produzenten, gar nicht vermuten würde. So wie man auch nicht erwartet, bei Bosch Mitarbeiter in Shorts und Flipflops anzutreffen – und doch soll es auch solche Vögel bei dem altehrwürdigen Konzern geben, wie es Denner mit Blick auf seine so wichtigen Software-Entwickler berichtet. Er lebt Technik. Seinen Posten als Chef von Forschung und Entwicklung aufzugeben, kommt für ihn deshalb gar nicht in Frage, auch wenn er seit Juli vergangenen Jahres eben noch diesen mühevollen Fulltime-Job dazubekommen hat, als Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH. Viel häufiger als ihm lieb sein dürfte, muss Denner deshalb die Innovation und ihre Vernetzung seinen Kollegen überlassen. Und in seiner anderen Rolle, in seiner Eigenschaft als Bosch-Chef setzt er sogleich andere Schlüsselbegriffe ein. Dann wirkt seine Argumentation von einer Sekunde auf die nächste sehr viel bemühter. „Bosch-Weg“ heißt der eine, „kreatives Puzzle“ der andere.

Der „Bosch-Weg“ verweist, kurz gesagt, auf die soziale Verantwortung, für die Bosch nach Denners Beteuerungen auch heute noch stehen will: Kündigungen gibt es bei Bosch erst, wenn es gar nicht mehr anders geht. Um sie zu vermeiden, hat Denner die Belegschaften der Werke und Abteilungen aufgefordert, in einem „kreativen Puzzle“ selbst zu erarbeiten, wie sie zu den Konkurrenten aufschließen können, seien es externe Wettbewerber oder etwa Billiglohnstandorte im eigenen Konzern. Ob unbedacht oder nicht: Das englische Wort „Puzzle“ bedeutet wörtlich übersetzt „Rätsel“ oder auch „Verwirrung“, und genau diese Wirkung löste Denners Ansage unter den Mitarbeitern aus: Als Krisenfall, für dessen Sanierung eben auch Kündigungen nötig werden könnten, hatte man Bosch bis dahin nicht wahrgenommen.

Denner hat den Mahner gegeben

Das Wort Krise mag Denner nicht hören. Aber er hat doch auch sofort den Mahner gegeben, nachdem er im Juli voriges Jahr den Posten an der Bosch-Spitze als Nachfolger von Franz Fehrenbach übernahm – nicht nur weil er mit der verlustreichen Solarsparte eine Riesen-Baustelle vorgefunden hatte, sondern weil er auch ansonsten schnell konstatierte, dass man die Lage im Haus allzu rosig einschätzte: „Ich habe bereits Mitte 2012 bei der ersten Führungskräftetagung mit rund 400 Teilnehmern gesagt, dass unsere wirtschaftlichen Erwartungen zu positiv sind und dass wir gegensteuern müssen. Das war sicherlich vom neuen CEO nicht so einfach anzunehmen“, berichtet er über seinen Start als siebter Chef des 127 Jahre alten Unternehmens.

Das durchaus schon von Denners Vorgänger bekannte Ziel, wonach Bosch zur langfristigen Existenzsicherung möglichst im Jahresdurchschnitt 8 Prozent wachsen und dabei eine Umsatzrendite von 8 Prozent erzielen soll, bekam unter dem Kürzel „Doppel-Acht“ noch einmal mehr Aufmerksamkeit. Und auch jetzt, da die Bosch dominierende Autosparte auf ein Umsatzwachstum von immerhin 5 Prozent und eine Vorsteuerrendite von 6 Prozent zusteuert, lässt Denner mit seinen Warnungen nicht locker: „Seit 2007 schrumpft die Wirtschaft in Europa. Selbst wenn es jetzt allmählich zu einem leichten Wachstum kommt, brauchen wir voraussichtlich noch Jahre, um das Niveau von 2007 wieder zu erreichen.“ Sprich: Gemessen am bestehenden Geschäft, hat Bosch eigentlich viel zu viele Mitarbeiter an Bord, zumindest in Europa.

Für Denner liegt es auf der Hand, wie Bosch aus dieser Situation herausfindet und neue Stärke entwickelt. Der Physiker sieht den „Bosch-Weg“ als ganz klare Handlungsanweisung, gleichsam wie eine Erfolgsformel aus der Forschungsabteilung, registriert aber mittlerweile sehr wohl, dass sie nicht selbsterklärend ist: „Selbstkritisch muss man sagen: Wir brauchen intensivere Kommunikation“, stellt er deshalb fest, und berichtet, dass die Führungskräfte neuerdings regelmäßige Informationen über den Bosch-Weg bekämen. „Und wir müssen jetzt gute Ergebnisse liefern. Wir müssen Mitarbeiter und Externe überzeugen, dass unsere Maßnahmen die erwartete Wirkung bringen – und das ist auch schon erkennbar.“

Was wird aus den Arbeitsplätzen in der Solarsparte?

Aufs Liefern wartet die Öffentlichkeit vor allem mit Blick auf die Solarsparte. Seit März ist klar, dass 3000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Damit Kaufinteressenten eine funktionsfähige Einheit vorfinden, laufen Produktion, Vertrieb und Entwicklung von Solarzellen und Modulen weiter bis Anfang 2014. Denner ist erkennbar stolz auf diesen Prozess: „Wir sind riesige Schritte vorangekommen. So eine Entscheidung im Konsens mit den Gesellschaftern und der Familie zu treffen, und das in dieser Geschwindigkeit, ist ein Indiz dafür.“ Bis in dieses Jahr hinein habe Bosch versucht, in der kollabierenden Branche ein Überlebensmodell mit Partnern zu finden. Erst als sich das als unmöglich herausgestellt habe, sei der Ausstieg beschlossen worden.

Jetzt gehe es um die Umsetzung: „Wir sind genau ‚on track‘ und werden es hinbekommen“, verspricht Denner, ohne aber irgendwelche Details zu nennen. Allzu viel Hoffnung hat er der Belegschaft schon im Frühjahr nicht gemacht. Aber man ist bei Bosch stolz darauf, schon einmal für die 91 Lehrlinge klare Zukunftsperspektiven gefunden zu haben (mitsamt materiellem Ausgleich von Nachteilen). Und offenbar erwartet man in Stuttgart, dass doch noch der eine oder andere Betriebsteil verkauft wird: „Wir sind mit 40 potentiellen Investoren in Gespräche eingestiegen“, sagt Denner. Einstweilen laufen täglich Verluste auf. Allein im vergangenen Jahr hat die Sparte für 1 Milliarde Euro Verlust gesorgt. Seither sind die Verkaufspreise weiter verfallen, während für die Rohwaren wie Silizium langfristige Abnahmeverpflichtungen bestehen.

Kosten von mehreren Milliarden Euro

Unterm Strich wird der Ausflug in die Solarsparte unter der Ägide von Franz Fehrenbach den Bosch-Konzern mehrere Milliarden Euro gekostet haben. Die Beendigung des kostspieligen Engagements sieht Denner als Beleg dafür, dass die Entscheidungsstruktur im Bosch-Konzern funktioniert, die durchaus außergewöhnlich ist: Die Stimmrechte des bei der Robert-Bosch-Stiftung liegenden Gesellschaftsanteils von 92 Prozent werden von der Industrie-Treuhand KG ausgeübt, bei der wiederum amtierende und ehemalige Bosch-Geschäftsführer das Sagen haben. „Franz Fehrenbach hat die Abkehr von der Photovoltaik natürlich weh getan. Aber er hat uns unterstützt, denn er hat auch die sachlichen Argumente und die veränderten Rahmenbedingungen gesehen“, erklärt Denner: „Unsere Unternehmensverfassung hat sich bewährt – sie wäre nur dann eine Gefahr, wenn wir selbstgefällig wären.“

Selbstgefällig ist Denner nicht, aber so recht auch noch nicht mit sich zufrieden. Er lässt die Stärken des Unternehmens analysieren, nicht die Schwächen. Die Idee ist gut, und doch weiß jeder, was mit einer solchen Analyse trotz der netteren Bezeichnung wirklich gemeint ist. Er will Mitarbeiter zu Mitdenkern machen, Prozesse verbessern. Aber die Schritte, die dazu dienen, diese Ideen einzusammeln und in die Praxis umzusetzen, wirken arg formalisiert. 300 000 Mitarbeiter sind das eine, kleine Entwicklerteams das andere. Wie nur können die einen mehr von den anderen lernen? Denner lässt nichts auf die Großserienkompetenz von Bosch kommen, aber die Technik von morgen ist eben das, was ihn begeistert – insofern vereint Denner in seiner Doppelfunktion als Konzernlenker und Forschungschef genau die Herausforderung, vor der Bosch steht: die Zukunft zu gestalten, ohne das Erreichte zu gefährden.

Denner ist selbstbewusst in dieser Hinsicht. Der Hype um das Roboterauto, der rund um die IAA sichtbar wurde, lässt ihn beispielsweise kalt. Natürlich hat der Konkurrent Continental sich mit Google und IBM starke Partner ins Boot geholt. Wer aber nun einen Startvorteil hat oder auf Aufholjagd ist, mag je nach Standpunkt unterschiedlich beurteilt werden. Für Denner gibt es ganz klare Indizien, wer wirklich vorne liegt: „Wir sind der einzige Zulieferer, dem autonomes Fahren auf öffentlichen Straßen in Deutschland erlaubt ist.“

Unter federführender Mitarbeit von Susanne Preuß.

Die Autoren auf Twitter: www.twitter.com/supreuss und  www.twitter.com/carstenknop