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Der verzweifelte Kampf um das Buch unter dem Weihnachtsbaum

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Bücher gehören zu den beliebtesten Geschenken. Aber der Buchhandel tut sich schwer. Online-Händler aber freuen sich, auch über immer mehr E-Books. Doch „Shades of Grey“ fehlt.

Eigentlich bereitet sich der Buchhändler in einer mittelgroßen deutschen Stadt im Nordwesten des Landes auf ein schönes Unternehmensjubiläum vor. Viele Jahrzehnte schon kaufen die Bürger der Stadt, die hier ungenannt bleiben soll, dort ihre Bücher. Früher einmal aber haben die Geschäfte dem Buchhändler viel mehr Spaß gemacht. Früher, das war, bevor der amerikanische Internethändler Amazon sich anschickte, den Büchermarkt zu revolutionieren. Und das macht Amazon inzwischen so erfolgreich, dass selbst die Betreiber von Großbuchhandelsketten wie Thalia oder Weltbild ins Schlingern geraten sind. Da hat es der Buchhändler eigentlich besser, jedenfalls dann, wenn er seinen Job gut macht. Dann würden seine Mitarbeiter und er die Kunden sogar noch besser kennen als Amazon, wäre die Buchhandlung im kulturellen Leben der Stadt vernetzt. Das aber ist mühsam, und der Erfolg ist nicht garantiert. Deshalb ruft der Buchhändler nach dem Staat. Der kostenlose Versand von Büchern soll schlicht und einfach verboten werden, fordert er. Sonst habe der stationäre Buchhandel keine Chance mehr. Und die Alternative könne es ja auch nicht sein, das Leben künftig nur noch im Geschäft zu verbringen, um bis tief in die Nacht Lesungen oder Lesenächte für die Kunden zu betreuen.

Die Nerven liegen blank

Man spürt: Die Nerven liegen blank im Buchhandel, gleichgültig, ob in der Zentrale von Weltbild in Augsburg, die sich gerade an einer kostspieligen Rettungsaktion versucht, die einige katholische Bistümer sehr viel Geld kostet, oder eben beim Händler in der deutschen Mittelstadt im Nordwesten. Ist aber der Eingriff des Gesetzgebers die richtige Antwort auf die Schwierigkeiten? Würde es überhaupt etwas bringen? Zu groß erscheinen die vielen anderen Vorteile, die der dynamisch wachsende Online-Handel in den Augen zahlreicher Kunden längst hat.

Wie aber sieht es auf dem deutschen Buchmarkt jenseits aller Emotionen tatsächlich aus? Unmittelbar vor Beginn des Weihnachtsgeschäfts war der Buchmessemonat Oktober in dieser Hinsicht keine Offenbarung, wie zum Beispiel auf der Website „buecher.at“ nachzulesen ist: Die Vertriebswege Sortiment, Warenhaus und E-Commerce schlossen mit minus 2,4 Prozent unter dem Vorjahresmonat ab, nach einem Minus von 5,9 Prozent im September und minus 3,3 Prozent im August. Kumuliert liegen die ersten zehn Monate des Jahres nun mit minus 0,2 Prozent allerdings nur leicht unter dem Niveau des Vorjahres. Und der gesonderte Blick auf den Sortimentsbuchhandel zeigt, dass die Widerstandsfähigkeit hier tatsächlich sogar größer ist – vielleicht auch, weil eben doch immer mehr Buchhändler bereit sind, die Nacht zum Tag zu machen. Jedenfalls ist der Rückgang im Sortiment fünf Monate in Folge kleiner als in den drei Vertriebswegen insgesamt und lag im Oktober bei minus 1,2 Prozent im Barverkauf. Kumuliert liegt das Jahr im Buchhandel vor Ort damit genau auf Vorjahresniveau.

Im gesamten vergangenen Jahr hat der Buchhandel 9,5 Milliarden Euro umgesetzt. Der Anteil digitaler Buchverkäufe am Gesamtumsatz war noch gering: 2012 wurden lediglich 3 Prozent der Umsätze in der Belletristik in Deutschland mit E-Books erwirtschaftet. Mit einiger Verzögerung kommt der E-Book-Markt aber auch hierzulande in Schwung – und das könnte die nächste Bedrohung für die inhabergeführten Geschäfte sein. Denn an einer Antwort auf das Kindle-Lesegerät von Amazon, die auch technisch auf der Höhe ist, versuchen sich mit der Tolino-Plattform bisher vor allem die Großen wie Thalia, Weltbild/Hugendubel oder Bertelsmann. Vielen inhabergeführten Betrieben erscheint die Teilnahme an diesen Projekt nicht nur, aber auch aus Kostengründen als unattraktiv.

 Gute Voraussetzungen für Umsatzplus mit elektronischen Büchern

Gleichwohl: Die Voraussetzungen für ein solides Umsatzwachstum bei elektronischen Büchern in Deutschland sind in den vergangenen Jahren auch nach Ansicht der Berater der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PWC) geschaffen worden: Das Angebot an deutschsprachigen E-Books habe sich vervielfacht, und die Auswahl auf dem Markt für Lesegeräte habe sich kontinuierlich erweitert. Lagen die Preise für E-Reader im Jahr 2010 noch deutlich im dreistelligen Eurobereich, sind populäre Modelle im laufenden Weihnachtsgeschäft schon zu Preisen unter 100 Euro erhältlich und werden stark beworben. Ein weiterer Meilenstein für das Geschäft mit digitalen Büchern war die Einführung des iPad von Apple. Denn Tabletcomputer bieten deutlich mehr Funktionen als E-Reader, eignen sich damit auch gut für Gelegenheitsleser und erweitern so den potentiellen Leserkreis für digitale Bücher.

Interessant sind auch die Bewegungen innerhalb des klassischen gedruckten Sortiments: Das größte Minuszeichen stand im Oktober vor den Taschenbüchern: Dieses Format schloss mit minus 10,2 Prozent (September: minus 14,3 Prozent). Hardcover und Hörbücher konnten im zweiten Herbstmonat leicht hinzugewinnen. Und die Belletristik musste zum dritten Mal in Folge zweistellige Umsatzrückgänge verkraften. Hier schlug ein Minus von 10,8 Prozent zu Buche. Es fehlen die umsatzstarken „Shades-of-Grey“-Bände des vergangenen Jahres. Vor allem die Ratgeber hatten mit einem Plus von 7,9 Prozent hingegen einen starken Monat. Und auch Reiseliteratur und Kinder- und Jugendbücher gewannen je 4,7 Prozent hinzu.

Viele möchten E-Books noch ausprobieren

Aber dann sind da ja noch die E-Books. Und der Umsatz mit E-Books aus dem Bereich Belletristik wird sich nach den Zahlen von PWC 2013 verdoppeln. Wurden hierzulande im vergangenen Jahr 144 Millionen Euro mit digitalen Büchern umgesetzt, sollen es im laufenden 286 Millionen Euro werden. Und das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht: Der Studie zufolge wird sich der Anteil der E-Book-Umsätze am Gesamtumsatz von drei Prozent in 2012 auf 16 Prozent im Jahr 2017 steigern. Denn die Deutschen stehen der neuen Technik zumeist sehr offen gegenüber. „Knapp 30 Prozent der von PWC Befragten lesen ab und zu oder regelmäßig E-Books, weitere 19 Prozent möchten das Lesen elektronischer Bücher gern ausprobieren“, sagt Werner Ballhaus, der Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation von PWC.

Wohin diese Entwicklung langfristig führen kann, zeigen die Beispiele Vereinigte Staaten und Großbritannien. Dort wurden schon 2012 mehr als 20 Prozent beziehungsweise mehr als 15 Prozent der Buchmarktumsätze mit elektronischen Büchern erwirtschaftet. Ballhaus rechnet damit, dass der Anteil von E-Books an den gesamten Umsätzen mit Belletristik sowie Kinder- und Jugendbüchern auch in Deutschland stetig steigen und im Jahr 2017 bei rund 16 Prozent liegen wird.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop


2 Lesermeinungen

  1. Es kommt wie bei Neckermann und Karstadt,
    die sich vor 15 und vor 10 !!! Jahren nicht vorstellen konnten, das Handel über den Internet-Katalog besser funktioniert als der beim menschl. Händler. Obwohl manche des Fax als Bestell-Basis akzeptierten. Heute ist es „modern“, zwischen Schriftsteller und sich als Leser kein Blatt Papier mehr zu nutzen. Nicht mal beim Lesen. Die Zeitungen erleben ein parallel verlaufendes Schicksal. Sie werden als Printmedium reihenweise absterben. FAZ zu letzt ! Jeder, der weiter zu seinem Händler geht, stemmt sich ein wenig mit gegen die „neue Zeit“. Aber unsere Kinder werden ein staubiges Buch unserer Zeit kaum noch anfassen. Weil es längst digitalisiert verfügbar ist.

  2. “A man’s mother is his misfortune, but his wife is his fault” - Ist Merkel Mutter oder Ehefrau
    Die Frage kommt von Walter Bagehot, Gründer des Economist.

    Frank Prochaska schrieb jetzt dessen „Memoirs,“ und Martin Walker kommentierte dazu:

    „It was not simply that Bagehot was an elitist. He was also a significant political theorist, and perhaps his most ambitious book was Physics and Politics, or, Thoughts on the Application of the Principles of ‘Natural Selection’ and ‘Inheritance’ to Political Society, written in the decade after Darwin’s revolutionary On the Origin of Species came out in 1859. Bagehot concluded that order and stability must come first, then law, and only then the delicate and risky task of impro-vement and reform. He waspersuaded that the heart of politics lay in national character, and that parlia-mentary government worked in Britain because the people were endowed with the useful virtue of stupi-dity. In lively and quick-spirited France, by contrast, Prochaska has Bagehot write, “There is some lurking quality in the character of the French nation which renders them but poorly adapted for the form and freedom and constitution of the state which they have so often, with such zeal and so vainly, attempted to establish.”

    Falls noch jemand für Weihnachten einkaufen will: Keine Lieferung vor dem 11. Januar. Die anderen habe ich gekauft.

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