Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Die Chance für die deutsche Industrie: Auf in das Internet der Dinge

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Der Datenschutz besorgt im Silicon Valley nicht jeden: Mancher schwärmt einfach weiter vom Internet der Dinge. Ein deutsches Softwareunternehmen - die Software AG aus Darmstadt - versucht, den Schwung zu vermitteln. Das ist richtig so. Denn das industrielle Internet ist für die Zukunft der deutschen Volkswirtschaft von entscheidender Bedeutung.

Vielleicht ist es gut, einen Teil der aktuellen Diskussion rund um die Überwachung der Datennetze durch internationale Geheimdienste einmal auszublenden. So bekommt man den Blick darauf frei, in welche Richtung sich die vernetzte Welt entwickeln wird und welche durchaus positiven Entwicklungen damit verbunden sein können – wenn es den beteiligten Unternehmen gelingen sollte, im Dialog mit dem Staat, durch eigene Schutzmaßnahmen und das Recht eines jeden auf die Löschung seiner Daten das Vertrauen in die Datensicherheit wieder zu festigen. Nur so wird man erkennen, dass die Digitalisierung im Begriff ist, jede Branche und jedes Unternehmen auf der Welt zu erfassen.

Virtuelle Welten verschmelzen in der Folge mit der realen Fertigung. Immer mehr Maschinen organisieren sich in Fabriken zu einem großen Teil selbst. Lieferketten stimmen sich automatisch ab. Rohprodukte liefern Fertigungsinformationen an Maschinen, die sie dann in der Fabrik vollenden. Geräte, Pakete und Waren werden von der Bestellung bis zur Lieferung wie Zahnräder ineinandergreifen: So formuliert es das Fraunhofer Institut. Und nicht nur der Münchener Physiker Harald Lesch schreibt Computern eine entscheidende Rolle zu bei der Steuerung erneuerbarer Energiequellen, der vernetzten Mobilität und der Individualmedizin. Zum Optimismus gebe es keine Alternative, findet er. Da hat Lesch recht: Die weitere Optimierung einer schon jetzt IT-gesteuerten Produktion mit Hilfe von Internetstandards und die Datenanalyse in Echtzeit sind für die deutsche Industrie eine riesige Chance.

Das fasziniert auch deutsche Softwareunternehmer: Karl-Heinz Streibich ist so einer, der Vorstandsvorsitzende der Software AG in Darmstadt. Er hatte deshalb die Idee zu einem Buch. Monatelang haben er und ein Projektteam des nach SAP zweitgrößten deutschen Softwarekonzerns über das Thema mit Kunden gesprochen, Vorstandsvorsitzende dazu motiviert, ihre Meinung zur Digitalisierung der Unternehmenswelt aufzuschreiben. Kurz vor Weihnachten ist das Werk „The digital Enterprise“ fertig geworden, das dieser Zeitung schon vorliegt. „Das Buch soll zum Nachdenken und Nachahmen anregen“, beschreibt Streibich seine Motivation. Denn praktisch alle Unternehmen stünden heute an einem Wendepunkt: die Digitalisierung werde für jede Industrie zum strategischen Wettbewerbsfaktor.

Überbordender Optimismus

Spannend ist das Buch besonders dann, wenn vor allem die amerikanischen Autoren ihrer Begeisterung für den Wandel freien Lauf lassen. Es ist frappierend, mit welchem Zukunftsoptimismus das Werk geschrieben ist. Alles geht! Die Fragen rund um die Überwachung durch den amerikanischen Geheimdienst NSA werden implizit als lösbar oder unproblematisch betrachtet. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten, lautet die Botschaft. Als ein Protagonist dieses Wandels, der nicht nur in Europa inzwischen viele erschreckt, der viele Menschen zugleich aber auch in seinen Bann zieht, tritt Marc Benioff auf, der Vorstandschef des amerikanischen Softwareunternehmens Salesforce.com.

Benioff hat viel früher als andere erkannt, dass die Zukunft des Softwaregeschäfts in der digitalen Datenwolke Cloud liegt, und er hat damit seit Jahren erheblichen Erfolg. „Jedes Jahrzehnt erleben wir einen bedeutenden Wandel in der Technologie. Heute stehen wir in der Mitte einer Revolution“, schreibt Benioff: „Mobile Computer und die Cloud verschmelzen miteinander, immer neue soziale Netzwerke entstehen, und die Hersteller von Markenartikeln bekommen die Möglichkeit, direkt mit ihren Kunden zu kommunizieren, personalisierte Kundenbeziehungen zu entwickeln. Die Kombination dieser Technologien ermöglicht es uns, alles auf eine ganz neue Weise miteinander zu verbinden. Es ist dramatisch, denn es verändert nachhaltig die Art und Weise, wie wir leben und arbeiten. Es ist eine phänomenale Zeit.“

Die Gründung von Salesforce.com

Dann schreibt Benioff von der Zeit, in der er Salesforce.com gegründet hat. Das war im Jahr 1999, inspiriert von der raschen Verbreitung des Internets unter ganz normalen Privatpersonen. „Wir standen damals auf den Schultern von Unternehmen wie Amazon, Ebay und Yahoo, die das Internet schon erfolgreich im Kontakt mit den Endkunden einsetzten. Wir haben ihre Innovationen genutzt, um einen besseren Weg dafür zu finden, wie man Unternehmenskunden bedienen kann“, erinnert er sich. Später sei das Cloud-Computing-Modell gekommen, seien wieder neue Technologien entstanden und damit neue Geschäftsmodelle, auch für Unternehmenssoftware: „Und letztlich brachte das industrielle Internet in den vergangenen zehn Jahren eine unglaubliche Welle an Innovationen.“ Damit meint Benioff die Vernetzung von Dingen wie Produktionsanlagen, Autos oder auch Kühlschränken.

Atemlos fährt der Vorstandschef aus dem Silicon Valley fort, denn auch das Innovationstempo in der Computerbranche schaltet keinen Gang zurück. „Heute verändert sich alles schon wieder: die Geräte, die Netzwerke und auch die Computer, die wir verwenden, um uns miteinander zu verbinden. Alles ist neu. Aufregende mobile Anwendungen und sogenannte Social-Cloud-Produkte werden über leistungsfähige LTE-Mobilfunknetze an Milliarden angeschlossene Computer geliefert. Und diese Computer sind längst nicht mehr nur die Handys in unserer Tasche. Vielmehr sind sie Uhren, unsere Kameras, Autos, Kühlschränke, sogar unsere Zahnbürsten. In dieser Welt ist alles, was im Netzwerk zu finden ist, auch in der Cloud verbunden.“ Dabei handelt es sich in den Augen von Benioff um eine neue Welle der Innovation, die Unternehmen verändern, aber auch entfesseln kann – wenn sie sich schnell genug anpassen.

Alles ist miteinander vernetzt

Tatsächlich sind inzwischen 4,5 Milliarden Menschen in sozialen Netzwerken miteinander verbunden. Zudem hat das Marktforschungsinstitut IDC herausgefunden, dass im Jahr 2015 auch 3,5 Milliarden Produkte miteinander vernetzt sein werden. Das ist mit einer Zahl von nur 1,7 Milliarden miteinander vernetzten Personalcomputern zu vergleichen. Somit steht für Benioff fest, dass das sogenannte „Internet der Dinge“ oder ebendas industrielle Internet schon in der Realität angekommen ist. „Mit mehr Menschen, Produkten und Anwendungen als jemals zuvor, die innerhalb eines Netzwerks miteinander verbunden sind, betreten wir eine erstaunliche neue Welt von Möglichkeiten.“

Andere würden es als Schreckensszenario begreifen, für Benioff ist es eine riesige Chance für alle Beteiligten, wenn er schreibt: „In dieser vernetzten Welt sind die Kunden nicht mehr anonym. Sie sind bekannt. Sie sind nicht nur eine Zahl oder ein Konto, sondern Menschen. Sie sind einzigartig mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen. Sie wollen eine Zwei-Wege-Beziehung; sie stehen im Mittelpunkt ihrer Welt. Sie erwarten von Markenunternehmen personalisierte Erfahrungen über alle Kommunikationskanäle hinweg.“

© Carsten KnopDie Zukunft der Produktion: Gesteuert von Kindern, die früh zu „Digital Natives“ werden

Für die Unternehmen bedeutet das eine Menge Arbeit. Sie müssen sich noch schneller und stärker verändern als in der Vergangenheit, um den steigenden Erwartungen der modernen, vernetzten Kunden gerecht zu werden. Innovative Unternehmen verbinden Kunden, Partner, Mitarbeiter und sogar Produkte auf neue Weise. Benioff nennt sie „Kundenunternehmen“. Und es gebe zahlreiche Unternehmen, die auf diesem Weg schon weit vorangeschritten seien. Über einfach zu bedienende, mobile Anwendungen stünden sie mit ihren Kunden in Verbindung, wo immer diese seien. Sie könnten in Echtzeit miteinander kommunizieren – und auf diesem Weg neue Geschäftsmodelle schaffen.

Spannende Beispiele aus dem Unternehmensalltag

In dem von Streibich initiierten Buch findet man Beispiele für diese neue Welt. So baut der Triebwerkshersteller GE Aviation in seine Triebwerke inzwischen die Möglichkeit ein, in Echtzeit Daten über die Leistung der „GEnx“-Modellreihe, die in die neue Boeing 787 (den sogenannten Dreamliner) eingebaut ist, an den Boden zu übertragen. So können Servicetechnikern und der Fluggesellschaft laufend Informationen über den Zustand der Maschine geliefert werden, was die Wartungszyklen und die Planung des Kundendienstes erheblich erleichtert.

Autos von Toyota wiederum haben nun die Möglichkeit, Mitteilungen an die Fahrer zu senden, wenn zum Beispiel der Reifendruck zu niedrig oder der nächste Servicetermin fällig ist. So etwas kann dann sogleich auch mit einem entsprechenden Gutschein für die Vertragswerkstatt verbunden werden. So baut Toyota ebenfalls einen proaktiven Kundendienst auf, was dem Unternehmen dabei hilft, die Markentreue zu steigern und künftige Absatzchancen zu verbessern. Shigeki Tomoyama, Management Officer bei Toyota, nennt es „eine neue Art von Auto, fast wie ein iPhone auf Rädern“. Philips verbindet Millionen Produkte, von der Zahnbürste bis zur Kaffeemaschine, inzwischen in einem einzigen Kundennetzwerk. Benioff empfiehlt allen Unternehmen, sich ebenfalls auf diese digitale Reise zum Kunden zu begeben.

Veränderung als Konstante

Damit müsse man so früh wie möglich beginnen, und für diese Reise gebe es keine Ziellinie. Die einzige Konstante sei die Veränderung. Zu befürchten habe man von dieser Revolution – natürlich – gar nichts. Es handle sich um eine „magische Zeit“; die Zukunft sei nur begrenzt durch die Vorstellungskraft. So klingt das Silicon Valley.

Und Benioff meint das ganz ernst. In Deutschland aber herrscht eine andere Stimmung, nicht nur wegen der Datenschutzdiskussion. Hier neigen die Unternehmen nach solchen Schilderungen dazu, erst einmal abzuwarten, was wirklich passiert. Den Hype aus Amerika vorbeiziehen zu lassen ist für viele oft eine gute Idee, getreu dem Motto „Let’s wait and see“. Streibich warnt aber eindringlich davor, zu lange abzuwarten: Der wesentliche Unterschied zwischen einem falschen Alarm und der digitalen Revolution sei es, dass heute die Amortisation der Investitionen unmittelbar greifbar sei. Digitale Lösungen für die Verbraucher bieten nach seiner Überzeugung tatsächlich unzählige Vorteile, für Kunden, für die Unternehmen und öffentliche Institutionen gleichermaßen. Denn auch die Kunden seien heute dank der digitalen Revolution sehr viel besser informiert als alle Generationen zuvor.

Systematischer Austausch in Echtzeit

Kommuniziert werden könne 24 Stunden in der Woche an sieben Tagen. Es gebe volle Transparenz von Angebot und Nachfrage, was, richtig eingesetzt, die Rücklaufquote der gekauften Waren reduziere und die Logistikkosten senke. Die Meinungen in sozialen Netzwerken, also zum Beispiel Produktbewertungen, könnten Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen nutzen, um Zufriedenheit zu messen und darauf sofort zu reagieren. Darüber hinaus ermöglichten die neuen Technologien den Unternehmen ein viel schnelleres Wachstum. Traditionell seien in vielen Unternehmen Arbeitsabläufe durch Bereichsdenken geprägt, die Arbeitsabläufe nicht entlang der Wünsche der Kunden und der damit verbundenen Wertschöpfungskette ausgerichtet. Deshalb sei die Informationstechnologie derzeit noch zu oft dazu da, Abteilungen zu unterstützen, nicht aber, sinnvoll die Arbeitsabläufe an sich zu begleiten und miteinander zu verbinden. Das digitale Unternehmen kenne diese Schwierigkeiten nicht. Und die Arbeitnehmer hätten zu jeder Zeit alle Informationen zur Verfügung, die sie für bestmögliche Entscheidungen in ihrer Arbeit brauchten.

In einem digitalen Unternehmen sei der systematische Austausch in Echtzeit überall und für jeden möglich. Abteilungsgrenzen werden aufgelöst, Prozesse beschleunigt. Streibich ist davon überzeugt, dass diesen Unternehmen die Zukunft gehört. Die Reise dorthin hat längst begonnen. Nur: So ganz ohne Sorge ist auch diese neue Welt frei nach Ingeborg Bachmann eben doch nicht.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop


3 Lesermeinungen

  1. Pingback: Auf in das Internet der Dinge | Industrial-Internet

  2. Buzzwords gehören zum Digital-werk
    Die Vereinheitlichung der Kommunikationstechnik (TCP/IP), die starke Verbilligung der Computerhardware und die massenhafte Verbreitung von leistungsfähigen Endgeräten (Smartphone, Tablet-PC, Laptop-PC) legt es freilich nahe, bald mit jeden Gegenstand kommunizieren zu wollen, um den Status oder einen Zähler abzufragen oder Einstellungen vorzunehmen.

    Ob es aber sinnvoll oder wünschenswert ist, daß nun auch die Zahnbürste dem dm-Markt mitteilt, daß die Borsten schon ziemlich ausgefranst sind, oder dem Kraftwerk, daß bald mit erhöhtem Stromverbrauch zu rechnen sei, weil Herrchen gerade aufgestanden ist, erscheint mir fraglich.

    Auch die vielen „personalisierten“ Mails – ich ich von einschlägigen Versandunternehmen bisweilen TÄGLICH bekomme – gehen mir inzwischen eher auf die Nerven!

    Man lasse doch nur die einschlägigen Kürzel der letzten Jahre revue passieren:
    CIM, WAP, RFID, VideoPhone, …. alles sehr interessant, ja cool – aber kein Durchbruch!
    SMS dagegen – als Hilfsfunktion im GSM-Standard definiert – wurde ein Bestseller.

    Die Anwendungen, die bei passablen Kosten wirklich Nutzen oder „Fun“ stiften , werden sich verbreiten – ob mit oder ohne „Digital Enterprise“.

  3. Und wieder der gleiche Fehler
    Schafft es jemand, in das System einzudringen, ist der mögliche Schaden weit größer, als jemals zuvor. Statt die Grundlagen der Kommunikation zwischen den kleinen Prozessoren auf eine neue und manipulationssichere Basis zu stellen, wird einfach mit der bekannt anfälligen und katastrophal hackerfreundlichen Technik und Software weitergemacht. Da dann alles mit allem verbunden ist, braucht´s nur einmal ein wenig mehr Aufwand und alles liegt in Hackers Hand. Wäre ich Hacker, wartete ich voller Freude noch ein paar Jahre und siehe, das Paradies auf Erden wird wahr. Ich bin froh, dass ich das ganze Desaster wohl für mein und meiner Frau Leben noch weitgehend werde verhindern können. Aber meinen Kindern gegenüber habe ich schon jetzt ein schlechtes Gewissen. Es sei denn… die vereinigte Entwicklerwelt entwickelte nicht nur eine gigantische Vernetzungsmaschinerie, sondern auch Verantwortungsbewusstsein.

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