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Zwischen Elon Musk und Uli Hoeneß: Rückblick auf das Managerjahr 2013

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Die Manager des Jahres 2013: Dieter Zetsche und Martin Blessing haben Steherqualitäten bewiesen. Christoph Franz aber geht. Und Neues entsteht.

Fünf Jahre ist es her: Der amerikanisch-südafrikanische Unternehmer Elon Musk brauchte Geld. Es war Heiligabend, 18 Uhr, eine Zeit, in der in Deutschland zur Bescherung geläutet wird. Bis dahin musste klar sein, ob sich ein Investor finden würde, der bereit war, Tesla über Wasser zu halten. Sonst hätte Musk unmittelbar nach Weihnachten Insolvenz anmelden müssen. Doch es wurde eine erfreuliche Bescherung; der Investor kam. Und im Mai 2009 gesellte sich Daimler hinzu, mit weiteren 50 Millionen Dollar im Gepäck. Sonst, so hat Musk vor ein paar Tagen in einem Gespräch mit dem „SZ-Magazin“ zu Protokoll gegeben, gäbe es Tesla heute nicht mehr.

Moment mal: Daimler? Das ist doch ausgerechnet das deutsche Unternehmen, das es in jenen Jahren kaum jemandem recht machen konnte: BMW und Audi kamen viel besser voran, der Nimbus des Herstellers mit dem Stern war angekratzt, das Design nicht immer stimmig. Auf den Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche wollten nicht mehr viele ihre Pfifferlinge setzen, die letzte Vertragsverlängerung für Zetsche geriet nicht gerade zu einem Vertrauensbeweis. Aber Zetsche hat Steherqualitäten bewiesen und gehört nun zu den Managern, die auf das Jahr 2013 mit Freude zurückblicken können. Die neue S-Klasse bekommt gute Kritiken; das ist für das Haus von entscheidender Bedeutung. Die A-Klasse gefällt zwar nicht jedem Tester, wohl aber vielen Kunden. Zahlreiche neue Modelle kommen auf den Markt, die meisten von ihnen sehen nach einem Erfolg aus. Und während Audi einiges an Fortune eingebüßt zu haben scheint, kommt Daimler auch im Design inzwischen sehr viel aggressiver aus den Startlöchern.

Besonders häufig gesucht

Der Eindruck wird von dritter Seite bestätigt: Vor einigen Tagen hat der Internetkonzern Google für diese Zeitung ausgewertet, nach welchem Manager im vergangenen Jahr über seine Suchmaschine im Internet am häufigsten geforscht wurde. Es war Zetsche. Und auch in einer Umfrage unter 80 Wirtschaftsjournalisten, die im November vom Wirtschaftsforschungsinstitut Dr. Doeblin befragt wurden, belegt Zetsche den Spitzenplatz in der Reputation unter den Vorstandsvorsitzenden großer deutscher Unternehmen. Dahinter folgen Norbert Reithofer von BMW und Martin Winterkorn von Volkswagen. Aber ausgerechnet Zetsche ist vorn. Das hätte vor einem Jahr wohl niemand gedacht.

Was das alles mit Elon Musk und seinen vorweihnachtlichen Geldsorgen zu tun hat? Musk ist ein Pionier der Elektromobilität, die Aktien seines Unternehmens wurden seither in stratosphärische Kurshöhen geschossen. Seine Autos, besonders das Modell S, heimsen gute Kritiken ein. Und Daimler ist mit 4 Prozent Kapitalanteil und als Technikpartner mit dabei: Tesla entwickelt für die Deutschen den Antriebsstrang für die 2014 auf den Markt kommende Elektrovariante der B-Klasse. Das ist insofern wichtig, weil BMW unter der Führung von Reithofer einen anderen Weg gegangen ist: Hier wurde ein Auto innerhalb des eigenen Konzerns von Grund auf neu entwickelt, das allein mit Batterie fährt. Es ist das Modell i3, das von Fachleuten schon als artverwandt mit dem Patent-Motorwagen von Carl Benz bezeichnet wird. Denn auch Benz hatte sein motorisiertes Dreirad eben nicht als umgebaute Pferdekutsche, sondern als neues System konzipiert.

Das Auto als Einheit gedacht

„Das Geniale an ihm war, dass er das Auto als Erster als Einheit gedacht hat und alle Komponenten auf die Erfordernisse des neuen Gefährts zugeschnitten hat“, würdigt der Technikhistoriker Kurt Möser die Leistung des Pioniers Benz. Das ist auch beim i3 so – und BMW hat es mit dem Modell gewagt, seine traditionelle Modellpalette selbst mit einem völlig neuen Autokonzept anzugreifen, bevor es andere tun. So etwas wagen die wenigsten. Insofern ist 2013 auch für Reithofer, der das Projekt i nur ein Jahr nach seinem Amtsantritt 2006 angestoßen hat, ein gelungenes. Bisher jedenfalls spricht die Zahl der Bestellungen für das teure neue Auto nicht gegen ein mangelndes Kundeninteresse. Reithofer gilt inzwischen als „Visionär“ und „herausragender Stratege“, dem es gelingt, trotz der „hohen PS-Zahlen unter der Haube“ BMW ein grüneres Image zu verpassen, wie die Umfrage unter den Journalisten ergeben hat.

Wenn man attraktive Autos baut, ist eben vieles leichter, wird sich da mancher Banker aus Deutschland denken. Das gilt vor allem für Martin Blessing, den Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank. Blessing hat im zu Ende gehenden Jahr einige Gemeinsamkeiten mit Zetsche zu früheren Zeiten: Auch Blessing gilt als Buhmann, der das Kapital seiner Aktionäre vernichtet hat, der ohne den Staat sein Institut nach der Übernahme der Dresdner Bank nicht hätte retten können und der eine Bank führt, die im Prinzip niemand braucht. Doch muss man auch Blessing am Ende dieses Jahres zugutehalten, dass er ebenso wie Zetsche gehörig Steherqualitäten bewiesen hat. Und in den vergangenen Wochen kam sogar die gebeutelte Commerzbank-Aktie im Kurs voran, wenn auch auf einem geradezu unglaublich bescheidenen Niveau. Dahinter stehen Übernahmespekulationen, aber auch konkrete Fortschritte im Abarbeiten von Problemfeldern, bis hin zum Abbau notleidender Kredite. So kann man das Gefühl bekommen, dass die Commerzbank und Blessing das Schlimmste hinter sich haben. Ein Höllenritt war es in den vergangenen Jahren fürwahr, für seine Mitarbeiter, seine Aktionäre und ihn selbst. Doch ist Blessing nicht aus der Kurve geflogen. Mit Volten im Aufsichtsrat und unter Vorstandskollegen mussten andere leben.

Durcheinander bei Siemens

Das gilt vor allem für Peter Löscher vom Industriekonzern Siemens, der nun mit seinem neuen Chef Joe Kaeser die vorherige Führungskrise überwinden will. Nach seiner Berufung zum neuen Chef musste Kaeser im Grunde Erbärmliches zu Protokoll geben: „Unser Unternehmen ist bestimmt nicht in einer Krise und auch kein Sanierungsfall. Wir haben uns zuletzt aber zu viel mit uns selbst beschäftigt und etwas an Ertragsdynamik gegenüber dem Wettbewerb verloren.“

Von Löscher können andere Manager lernen, wie man es nicht machen sollte. Der Konzern war nach einem abstrakten und überzogenen Renditeziel ausgerichtet worden. Die Finanzmärkte machten in der Folge Druck; die Kommunikation funktionierte nicht, der Schuss ging nach hinten los. Im Aufsichtsrat kosteten die Querelen Josef Ackermann, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, sein Amt. Ackermann hatte auch sonst kein gutes Jahr 2013. Der Siemens-Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme hingegen, der noch im Jahr zuvor an der Spitze des entsprechenden Gremiums von Thyssen-Krupp das Weite suchen musste, sitzt die Dinge aus. Er hat Zeit. Ob sie Wunden heilt, wird abzuwarten sein. Zuletzt wurde immer wieder spekuliert, der 70 Jahre alte Cromme könne und sollte vor Ablauf seiner Amtszeit abtreten. Cromme rechtfertigt seinen Verbleib im Amt aber mit Stabilität. Für Stabilität setzen sich in München noch andere ein, vor allem beim führenden Fußballverein in Stadt und Land, dem FC Bayern.

Und der FC Bayern steht zu Uli Hoeneß

Dort regiert der langjährige Manager und heutige Präsident Uli Hoeneß weiterhin mit großer Zustimmung – trotz der Schwierigkeiten rund um die Solidität seiner Steuererklärungen in den vergangenen Jahren. Völlig gelassen ist Hoeneß dennoch nicht. Denn ob er ins Gefängnis kommt, entscheiden nicht seine Aufsichtsräte oder die Vereinsmitglieder. Auch deshalb hat er in der Verteidigerriege für seinen Steuerprozess, der im März des kommenden Jahres ansteht, einen Wechsel vorgenommen. An die Stelle des Münchner Anwalts Werner Leitner rückte dessen Frankfurter Kollege Hanns Feigen. Zu dessen Mandanten zählen unter anderen Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen (der ganz eigene Schwierigkeiten hat) und der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Porsche, Wendelin Wiedeking. Mit dem Wechsel wolle Hoeneß sein privates Steuerverfahren strikt von der Tätigkeit als Präsident des FC Bayern München e.V. und als Aufsichtsratschef der FC Bayern AG trennen, hieß es. Leitner, einer der führenden Strafverteidiger in Deutschland, ist nämlich auch strafrechtlicher Berater des FC Bayern. In seinem Steuerprozess wird Hoeneß nun von drei Juristen vertreten: Werner Gotzens, Dieter Lehner und nunmehr eben Feigen statt Leitner. Das sei hier deshalb erwähnt, weil die Juristen hinter den Managern heutzutage immer wichtiger werden, nicht nur bei der Deutschen Bank oder beim FC Bayern.

Feigen zum Beispiel hat vor fünf Jahren auch den früheren Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel vertreten, als dieser wegen Steuerhinterziehung vor dem Landgericht Bochum angeklagt war. Hoeneß vor dem Gefängnis zu bewahren könnte aber deutlich schwerer werden als bei Zumwinkel. Der Bayern-Präsident soll laut Anklage bei Spekulationsgeschäften in der Schweiz 3,2 Millionen Euro an Steuern hinterzogen haben. Schon von 1 Million Euro an sollen nach einem Grundsatzentscheid des Bundesgerichtshofes Gefängnisstrafen verhängt werden, sofern keine Selbstanzeige vorliegt.

Eine solche hatte Hoeneß zwar Anfang 2013 bei dem für ihn zuständigen Finanzamt Rosenheim eingereicht. Die Staatsanwaltschaft betrachtet die Selbstanzeige aber als unwirksam. Das wird ein spannendes Thema im kommenden Jahr, genauso wie die Frage, wie Fitschen mit seinen Kollegen von der Deutschen Bank mit den diversen Rechtsstreitigkeiten seines Kreditinstituts umgehen wird. Nicht nur das Verfahren rund um die Insolvenz des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch könnte hier noch für manche Unbill sorgen.

Nicht alle wollen blieben

Und wer will schon freiwillig gehen? Obwohl: Zwei Manager muss man hier erwähnen. Die Doppelspitze des deutschen Softwarekonzerns SAP wird es im kommenden Jahr nicht mehr geben. Bill McDermott wird die alleinige Führung übernehmen, Jim Hagemann Snabe in den Aufsichtsrat wechseln. Dabei galten McDermott und Snabe als perfekte Ergänzung: „Das Verkaufstalent und der analytisch denkende Mathematiker, der euphorischere Amerikaner und der empathischere Däne“, hieß es. Einen Konflikt habe es nicht gegeben, war zu hören. Snabe begründet den Wunsch, seinen Vertrag aufzulösen, mit seiner Familie. „Das ist in den letzten Jahren sehr zu kurz gekommen“, sagt er. Seine Frau und seine beiden Kinder leben in der Nähe von Kopenhagen, er sieht sie nur am Wochenende. In der Branche glaubt allerdings kaum jemand, dass allein das der Grund für Snabes Entscheidung war und ist. Entsprechend wilde Spekulationen ranken sich unter anderem darum, wie amerikanisch SAP künftig wird.

Wechsel bei der Lufthansa

Noch ein weiterer Manager führt nicht zuletzt sein Privatleben als Grund dafür an, überraschend sein Amt aufzugeben: Christoph Franz wird im kommenden Jahr vom Vorstandsvorsitz der Lufthansa auf den Verwaltungsratsvorsitz des Schweizer Pharmakonzerns Roche wechseln. Und in der Schweiz wohnt auch Franz’ Familie. Manche Baustelle hingegen bleibt in der Lufthansa-Zentrale in Frankfurt für den noch zu benennenden Nachfolger zurück. Wer immer es wird, die Strategie von Franz darf er nicht zur Disposition stellen. Dass hat der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Mayrhuber, der sich mit der Suche ordentlich Zeit lässt, schon zu Protokoll gegeben.

Was bleibt, ist, wie zu Beginn, der Blick nach Amerika. Dort schicken sich nun Manager wie Musk unter anderem mit der Hilfe von und für Daimler an, die Welt der Mobilität elektrisch zu machen. Das klingt nach Aufbruch. Ein anderer, der Teil der Revolutionen in der Informationstechnologie war, hat hingegen seinen Abschied angekündigt. Steve Ballmer, Vorstandsvorsitzender von Microsoft, mag nicht mehr. Auch hier wird, ganz wie bei der Lufthansa, ein Nachfolger gesucht. Was sein größter Fehler war? Das Betriebssystem Windows Vista. Es sei nicht nur kein gutes Produkt gewesen, es habe auch viel zu lange gedauert, bis es ausgeliefert wurde, hat Ballmer rückblickend eingeräumt. Fünf bis sechs Jahre habe es gedauert, bis Windows Vista in den Verkauf ging. Und trotz der langen Entwicklungszeit habe es viele Fehler gegeben.

 Der große Vista-Fehler

Nach Auffassung von Ballmer wurden mit der Programmierung dieser Software wertvolle Ressourcen vergeudet, die an anderer Stelle fehlten. Viele wichtige Leute bei Microsoft seien für sieben bis acht Jahre nur mit dem Projekt betraut gewesen. In dieser Zeit habe Microsoft keine großen Fortschritte gemacht. Die Vista-Mitarbeiter hätten stattdessen besser an anderen Projekten wie etwa Mobiltelefonen arbeiten sollen, räumt Ballmer nun einEs ist das ewige Dilemma: Wie erkennt ein erfolgreiches Unternehmen früh genug, dass es gilt, wegen eines bevorstehenden Technologiebruchs Nachfolger für seine gewinnbringenden Erfolgsprodukte zu entwickeln, die diese vielleicht sogar kannibalisieren? BMW hat den Mut, vielleicht wird er belohnt. Elon Musk kann sich da schon recht sicher sein.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop


1 Lesermeinung

  1. Wenn Vista der einzige Fehler bei Microsoft gewesen wäre ....
    … hätten wir die Bäume trotzdem in den Himmel wachsen sehen ;)

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