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Der Nobelpreisträger mit dem Wow-Effekt: Wolfgang Ketterle und die Physik

Wolfgang Ketterle ist Physiker. Davon ist er begeistert. Und wenn man den deutschen Nobelpreisträger danach fragt, warum Schüler sich heutzutage für die Physik interessieren sollten, wo doch andere Fächer wie Informatik für technisch-naturwissenschaftlich Interessierte vielleicht attraktiver erscheinen, beginnen seine Augen zu leuchten: Für ihn ist die Physik das Fach schlechthin, wenn es gilt, den Dingen wahrhaft auf den Grund zu gehen. Etwas Faszinierenderes kann er sich nicht vorstellen. Deshalb ist Ketterle Grundlagenforscher geworden. Mit Erfolg: Den Nobelpreis bekam er schon im Jahr 2001 als einer der jüngsten Forscher verliehen, denen diese Ehre bisher zuteilgeworden ist. Mit tiefsten Temperaturen kennen sich auf der Welt sehr wenige so gut aus wie er. Ketterle möchte herausfinden, was bei diesen superniedrigen Temperaturen passiert. Seine Suche gilt Eigenschaften von Materie, die man zuvor noch nicht beobachtet hat.

Etwas sehen, was niemals zuvor ein Mensch erblickt hat

Es ist dieser Moment, etwas zu sehen, was noch niemals zuvor ein Mensch erblickt hat, der Ketterle fasziniert: Das gelinge heutzutage eben nicht mehr mit Forschungsreisen wie bei Alexander von Humboldt, sondern im Labor, wenn man den Dingen im Wortsinne auf den Grund gehe, sagt er im Gespräch. Ketterles Labor zur Vermessung der Welt steht in Amerika, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Auch den Nobelpreis hat er mit Forschern aus anderen Ländern gewonnen, gemeinsam mit seinen Kollegen Carl E. Wiemann und Eric A. Cornell für die „Erzeugung der Bose-Einstein-Kondensation in verdünnten Gasen aus Alkaliatomen und für frühe grundsätzliche Studien über die Eigenschaften der Kondensate“. Wie jeder Forscher ist er Teil einer internationalen Gemeinschaft. Aber auf seine deutsche Heimat lässt der vollkommen unprätentiöse und auf Anhieb sympathische Forscher nichts kommen, auch nicht, wenn es um die Qualität der hiesigen Forschung geht.

Ketterle findet auch deshalb Zeit für manchen Termin außerhalb des Labors, um für seine Universität, mehr aber noch für seine Sache, für seine Berufung und die Grundlagenforschung im Allgemeinen zu werben. Sein Forschungsgebiet mag für den Laien zunächst weit weg vom wahren Leben liegen, ein Tummelplatz für wahre „Nerds“ sein, gleichgültig, auf welchem Fachgebiet. Aber Ketterle sieht das anders. Nicht immer müsse man Jahrzehnte warten, bis die Grundlagenforschung Resultate bringe, die auch in industrielle Produkte oder Anwendungen Einzug hielten. Manchmal gehe es viel schneller. Der „Wow“-Effekt jedenfalls, der Moment, in dem etwas passiere, das man zuvor nicht habe erwarten können, sei für den Forscher in seinem Labor sehr viel häufiger zu erleben, als man glaube.

Lob für die Möglichkeiten in Deutschland

Und wenn ein Schüler in Deutschland sich tatsächlich dazu entschließt, in diese Richtung weiterzulernen, stehen ihm dafür nach der Ansicht von Ketterle im Heimatland die besten Möglichkeiten zur Verfügung. Forschung, Infrastruktur, Laborausstattung – das alles befinde sich in Deutschland auf höchstem Niveau, sagt das Physik-Genie. Das führe auch dazu, dass viel mehr Wissenschaftler, die einmal zur Weiterbildung ins Ausland gegangen seien, nach einer gewissen Zeit wieder zurück nach Deutschland kämen als gemeinhin gedacht. Auch für die deutsche Wissenschaftspolitik findet Ketterle vor diesem Hintergrund lobende Worte: Auf die Professorenstühle würden jüngere Leute berufen. Auch die sogenannten „Tenure Track“-Juniorprofessuren, die zunächst befristet sind, aber Perspektiven auf eine unbefristete Anstellung bieten, hält er für ein gutes Instrument.

Das sei alles auch für die Wirtschaft von Bedeutung; und schon ist er wieder auf seinem Fachgebiet unterwegs: Eine neue Entdeckung führe vielleicht dazu, dass man die bei tiefsten Temperaturen entdeckten neuen Formen der Materie in der Zukunft auch bei höheren Temperaturen realisieren könne – und dann in weiteren Schritten zu ganz alltäglichen Anwendungen komme. Zum Beispiel, wenn es darum gehe, elektrische Leistung ohne Verluste zu übertragen. Aus dem Labor in die Welt, Ketterle verfolgt diesen Weg sein Leben lang. Geboren 1957 als zweites von drei Kindern, begann er nach dem Abitur am Bunsen-Gymnasium in Heidelberg 1976 mit dem Physikstudium. In seinem Fall war das zweifellos eine gute Wahl.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop

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