Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Die Unternehmen brauchen Hacker

| 4 Lesermeinungen

Die Welt der Wirtschaft digitalisiert sich. Dafür fehlen die richtigen Mitarbeiter. Gesucht sind Programmierer, besonders solche mit kreativen Ideen. Anders ausgedrückt: gebraucht werden Hacker.

Es sind Zahlen wie Hammerschläge: 70 Prozent der traditionellen Händler werden sich völlig neu erfinden oder verschwinden, schreibt die Managementberatung Mücke Sturm in einer neuen Analyse. Bis zu 78 000 oder 30 Prozent aller stationären Läden würden bis zum Jahr 2020 aus dem Markt ausscheiden – so eine Prognose des Instituts für Handelsforschung Köln. Und weitere 40 Prozent werden nur überleben, wenn es ihnen gelingt, ihr Geschäftsmodell grundlegend zu verändern. „Nur diejenigen Konzepte, die den online-getriebenen Anforderungen der Kunden gerecht werden können, haben eine Chance zu überleben“, heißt es dazu im Papier von Mücke Sturm weiter. Der traditionelle Handelskäufer sterbe aus und damit auch der traditionelle Handel. Das sind lediglich Beispiele aus dem Handel, aus der Welt der Banken ließe sich ähnliches berichten. Aber auch viele andere Branchen stehen durch die Vernetzung von Zulieferern, Produzenten, Maschinen und Produkten im Internet der Dinge vor einer radikalen Veränderung. Maschinen bestellen untereinander Waren und machen viele menschliche Tätigkeiten in den Wertschöpfungsketten dazwischen überflüssig, viele Entscheidungen werden automatisiert getroffen, andererseits müssen immer mehr Kundenbedürfnisse immer individueller befriedigt werden. Neue Qualifikationen für die Mitarbeiter eines Unternehmens werden wichtiger: Sie müssen entweder programmieren können oder besondere Expertise in der Analyse der Datenmassen erwerben, die Unternehmen in ihrem wirtschaftlichen Handeln ansammeln.

Hacker bekommen ein neues Image

Somit ist es kein Wunder, dass es derzeit zuerst Technikmagazine wie zum Beispiel „t3n“ sind, welche die Zeichen der neuen Arbeitswelt erkennen. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Hacker erobern die Unternehmen – denn die brauchen Mitarbeiter, die die besten Weg im Netz und damit auch dem immer stärker industriellen Internet kennen. Und wie es der Zufall will, ist dieser Tage mit „Watch Dogs“ auch ein neues Videospiel auf den Markt gekommen, das die Hacker-Szene Kult werden lassen soll. Die Programmierer lassen „Watch Dogs“ in Chicago spielen. Denn die Stadt gehört auch in der Realität zu den am stärksten überwachten Orten der Welt. Schätzungen zufolge gehören allein den Behörden der Stadt dort mehr als 22 000 Kameras. Im Spiel hilft es dann sehr, wenn Ampelfehlschaltungen Massenkarambolagen oder andere Sicherheitssysteme Gegner zuverlässig aufhalten. Auch ein Stromkreislauf ist schnell mal manipuliert. Außerhalb der Welt des Videospiels aber gilt es, die Kreativität von Programmierern zum Wohle ihrer Arbeitgeber einzusetzen, die sich einem Wettbewerbsumfeld gegenübersehen, das sich so schnell verändert wie noch nie zuvor. Ein Blick in das Online-Lexikon Wikipedia genügt schon, um eine Ahnung davon zu bekommen, warum das so ist: In seiner ursprünglichen Verwendung beziehe sich der Begriff auf Tüftler im Kontext einer verspielten selbstbezüglichen Hingabe im Umgang mit Technik, heißt es dort. Der deutsche Computeraktivist Wau Holland habe die Formulierung: „Ein Hacker ist jemand, der versucht einen Weg zu finden, wie man mit einer Kaffeemaschine Toast zubereiten kann.“ Das ist zugleich der entscheidende Hinweis für die Unternehmen von heute: Im Unterschied zur Improvisation, die der Lösung auftretender Probleme dient, gehe es hierbei um das Experimentelle, den Versuch, die Grenzen des Machbaren zu erkunden. Hacken sei daher eine Art einfallsreiche Experimentierfreudigkeit („playful cleverness“) mit einem besonderen Sinn für Kreativität und Originalität („hack value“). Natürlich ist der Begriff Hacker oftmals negativ belegt, erscheint im Zusammenhang mit Datendiebstählen und dem Eindringen in offenbar nicht perfekt geschützte Computernetzwerke. Selbst das aber kann man auch anders sehen, sorgen auch diese Hacker doch dafür, dass die Netzwerke in der Folge sukzessive sicherer werden. Leider gibt es von solcherlei begabten Programmierern derzeit nicht genug – das zeigt sich, wenn man ein wenig nachforscht, sich dabei vom Begriff des „Hackers“ löst und einfach an begabte junge Leute mit Informatikstudium und ersten Erfahrungen im Berufsleben denkt: Schon jedes zweite Unternehmen beobachtet einen Mangel an diesen „Young Professionals“; unter den Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sind es fast zwei Drittel.

Auf der Suche nach Programmierern

Zu diesem Ergebnis kam jüngst eine Studie der Bitkom Research GmbH im Auftrag des sozialen Netzwerks Linkedin. 63 Prozent der Befragten geben an, dass Nachwuchskräfte für IT und Telekommunikation eher nicht oder gar nicht auf dem deutschen Arbeitsmarkt verfügbar sind. „Seit Jahren gibt es in Deutschland rund 40000 offene und oft schwer zu besetzende Stellen für IT-Spezialisten quer durch alle Branchen. Dieser Fachkräftemangel spiegelt sich auch bei der Verfügbarkeit von Young Professionals auf dem Arbeitsmarkt wider“, wurde Axel Pols, Geschäftsführer von Bitkom Research, zur Vorstellung der Studie zitiert. Zudem ist es nicht leicht, diese jungen Mitarbeiter dann auch längerfristig zu halten, in der Regel verweilen sie nur ein bis vier Jahre im Unternehmen. Dem Mangel auf dem deutschen Arbeitsmarkt wollen zahlreiche Unternehmen mit der Anwerbung von Nachwuchs aus dem Ausland entgegensteuern. Der Kampf um die Talente hat längst begonnen, die Hacker sind im Kommen – und können von ihren Arbeitgebern viel fordern. Können sie programmieren und sind obendrein noch kreativ, steht ihnen eine goldene Zukunft bevor. Denn längst geht es nicht mehr allein darum, mit dem Unternehmen „ins Internet“ zu gehen. Es gilt, neue Verbindungen zu knüpfen, eben so wie beim Beispiel mit dem Toaster. Auch das beweist ein Blick auf den Handel. Denn längst nicht allen Online-Händlern steht eine goldene Zukunft bevor – im Gegenteil. Die Prognose der Berater von Mücke Sturm jedenfalls lautet, dass auch 90 Prozent der derzeitigen reinen Online-Händler nicht überleben werden. Die Schwierigkeit seien die extrem niedrigen Margen in dem Geschäft: „Es ist zu erwarten, dass in den meisten Branchen nur Platz für zwei große Player ist, im Zweifelsfall für Amazon plus Eins“, heißt es. Gefordert seien deshalb intelligente und kundenorientierte Konzepte, die dem Verbraucher an jedem Berührungspunkt mit dem Handelsunternehmen, ob online oder in der realen Welt, einen echten Mehrwert böten. So gibt es noch viel zu hacken in der Unternehmenswelt, und das nicht nur im Handel.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop


4 Lesermeinungen

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 10. Juni 2014 | Die Börsenblogger

  2. So ist das nicht
    Informatik ist mehr als programmieren.Und gutes Programmieren ist anspruchsvoll. Der Heartbleed Bug war schlechte Programmierung in einer schlechten Sprache. Es muß sich viel ändern,
    aber niemand will dafür bezahlen. So bleibt es wohl so, wie es ist. Und China wird uns abhängen, weil die Politiker keine Ahnung haben. Es war bezeichnend, daß ein Start up wie Amazon erfahrene Versandhändler in die Knie zwingen konnte. Das ganze ist ein Versagen des Managements. Den Zeitungen geht es ja gerade genauso. Die haben auch nichts verstanden.

  3. Der Handel hat kein Geld ...
    .. und wird auch in Zukunft keins haben, um es in kreative Konzepte zu stecken. Erst recht nicht in wirklich gutes Personal. Es dreht sich alles um kurzfristige Gewinnspannen und Konsteneinsparungen. Es gibt keinerlei Kultur der Innovation im Handel. Das ist das Problem, nicht der Personalmangel auf dem Arbeitsmarkt. Kreative Informatiker gibt es genug.

    • Der Handel verfügt sehr wohl über Mittel:
      allerdings meist ungerichtet in sein ganz eigenes Nirvana.

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