Ad hoc

Digital dabei sein: Das Phänomen unserer Generation

Es geht nicht um Schlagworte. Und es lohnt sich, genau zuzuhören, wenn in der Wirtschaft in diesen Tagen von der Digitalisierung der Wertschöpfungsketten, der Vernetzung von Produktionsabläufen, von neuartigen Robotern und frischen Sicherheitskonzepten für die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine gesprochen wird. Es geht auch nicht darum, ob das, was aus viel mehr Mitarbeitern Softwarefachleute werden lässt, „Industrie 4.0“, „Internet der Dinge“ oder „Industrial Internet“ heißt. Entscheidend ist, dass sich die Welt der Wirtschaft heute und in den kommenden Jahren so sehr verändern wird, wie es die Generationen zuvor nicht erlebt haben. Nur einzelne Beispiele können deutlich machen, worum es geht. Sie stehen Pars pro Toto für jede Industrie und jedes Produkt, das man sich vorstellen kann.

Es geht um die Inventur von Lagerbeständen mit Drohnen, die automatische Einzelstückfertigung von Sportschuhen und um Fertigungssysteme, die in der Lage sind, auf höchst individuelle Kundenwünsche zugeschnittene Produkte zu fertigen. Maschinen kommunizieren miteinander, initiieren neue Aufträge, Werkstücke werden selbständig erkannt, so sieht auch nach Ansicht der Bundesregierung die Fabrik der Zukunft aus. Und die Kanzlerin hat der Wirtschaft schon zur Eröffnung der vergangenen Hannover Messe aufgetragen, sie möge sich doch bitte sputen. Denn tatsächlich hat man den Eindruck, dass die in Fragen der Digitalisierung ohnehin flotteren Amerikaner verstanden haben, dass die Re-Industrialisierung ihres Landes im Zuge des Schiefergas-Booms zugleich Chancen eröffnet, auch beim Bau der Fabriken der Zukunft zu den Deutschen aufzuschließen.

Neue Schnittstellen für Mensch und Maschine

Zum Glück haben sich hierzulande führende Industrieverbände zusammen mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) schon früh auf eine gemeinsame „Industrie 4.0“-Plattform geeinigt, in der sie ihre Aktivitäten bündeln. Vertreter der Ingenieurvereinigungen VDI und VDE arbeiten zum Beispiel an Mensch-Maschine-Schnittstellen. Es geht um komplexe Systeme aus Komponenten, die es bislang nicht gewohnt sind, miteinander zu reden. Auch hier schlafen die anderen nicht: Entsprechende umfangreiche Entwicklungsarbeiten gibt es auch in China, Südkorea, Japan und den Vereinigten Staaten, wo sich – ob Zufall oder nicht – pünktlich zur Hannover Messe das „Industrial Internet Consortium“ gegründet hat, das sich exakt um solche Dinge kümmern soll.

Deshalb gilt es, auch in Deutschland die Zusammenarbeit von Unternehmen und Verbänden in den kommenden Jahren noch erheblich zu vertiefen. Zudem muss die Ausbildung bestehender und künftiger Mitarbeiter stärker auf die Bedürfnisse der digitalisierten Wertschöpfungsketten ausgerichtet werden. Hinzu kommen die deutschen Schwierigkeiten mit der Gründermentalität: Geschäftsmodelle mit dem Blick auf die Geschwindigkeiten und Möglichkeiten der digitalen Welt zu denken – daran mangelt es in vielen Unternehmen.

Umfragen zeigen es immer wieder, dass gerade im für die Zukunft des Landes so wichtigen Mittelstand viele Unternehmer mit der Begriffswelt der digital vernetzten Wertschöpfungsketten wenig anfangen können. Das muss sich ändern. „Wer nicht digitalisiert, ist weg vom Fenster“, so hat es jüngst Karl-Heinz Streibich, der Vorstandsvorsitzende des deutschen Softwarekonzerns Software AG, formuliert. Das Kokettieren mit der digitalen Abstinenz sei ein Kokettieren mit dem Tod der Unternehmen. Das gilt natürlich auch für den Staat, der aufpassen muss, dass das Land beim Auf- und Ausbau seiner digitalen Infrastruktur nicht ins Hintertreffen gerät.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop

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