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Integration mit und ohne Ball

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Integration kann einfach sein, Beispiele dafür gibt es genug. Aber nicht jeder ist davon überzeugt, dass die Politik genug tut, um den Zuzug nach Deutschland vernünftig zu organisieren. Zwei Ereignisse dieser Woche zeugen von den Sorgen: Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs und das Fischer Abiturientenforum in Waldachtal im Schwarzwald. Und dann gibt es ja noch den Fußball.

Integration kann so einfach sein: Wenn in der Schule in Frankfurt wichtige ehrenamtliche Tätigkeiten nur noch von Eltern mit Migrationshintergrund erledigt werden – und das auch noch zur vollsten Zufriedenheit aller –, kann man von gelungener Integration sprechen. Und sich fragen, wo die Deutschen eigentlich geblieben sind.

Wenn im Fußballverein in der D-Jugend Kinder mit Eltern aus vier oder fünf verschiedenen Ländern selbstverständlich zusammenspielen, stellt sich die Frage, wo überhaupt das Problem sein soll – und was wäre, wenn es die Kinder mit Migrationshintergrund gar nicht gäbe. Wenn die Schulen in ländlichen Regionen immer leerer, in den großen Ballungsgebieten wegen des Zuzugs nicht zuletzt von Migranten immer voller werden, kann man daraus ebenfalls ableiten, was passierte, wenn die Deutschen unter sich blieben. Dasselbe Bild zeigt sich in Pflegeberufen und Produktionsbetrieben. Deutschland ist ein Einwanderungsland.

Sorgen und Ängste – in der Politik und bei Schülern

Doch so selbstverständlich, wie das klingt, sind die Dinge nicht. Probleme gibt es genug. Und Ängste. Darauf haben zwei Ereignisse in dieser Woche wieder ein Schlaglicht geworfen – eines hat sich in der großen Politik abgespielt, das andere in der deutschen Provinz. So darf Deutschland den Nachzug von Ehepartnern aus der Türkei nicht vom Nachweis deutscher Sprachkenntnisse abhängig machen. Das hat in dieser Woche der Europäische Gerichtshof entschieden. Er gab damit der Klage einer Türkin vor dem Verwaltungsgericht Berlin recht. Die Deutsche Botschaft in Ankara hatte 2012 den Visumsantrag der Klägerin wegen mangelnder Sprachkenntnisse abgewiesen. Ihr Ehemann lebt aber schon seit 1998 in Deutschland. Der Gerichtshof betonte nun, dass die Familienzusammenführung „ein unerlässliches Mittel zur Ermöglichung des Familienlebens türkischer Erwerbstätiger“ sei, die in der Europäischen Union arbeiten. Deutschland hatte die Sprachtests 2007 mit dem Argument eingeführt, dass dadurch die Integration erleichtert und Zwangsehen verhindert werden könnten.

So weit, so gut: Fast zur selben Zeit haben im Schwarzwald knapp 200 Schüler am Abiturientenforum des Dübelherstellers Fischer zum Thema „Deutschland altert! – Migration: Chance oder Problem?“ teilgenommen. Auf dem Podium war man sich einig, dass Migration einen wichtigen Beitrag zur Abschwächung des demographischen Wandels leisten kann. Doch nur rund die Hälfte der Schüler teilte diese Ansicht. Im Gegenteil lehnten sie noch mehr Zuwanderung ab – und forderten, dass der Staat nicht weniger, sondern mehr tun müsse, um die Einwanderer in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Die Argumente, warum Zuwanderung wichtig ist, verfingen nicht bei allen.

Erfolgreich integriert: Ein Argentinier macht es vor

Luis Washington, Diplom-Ingenieur, Mitarbeiter von Fischer und gebürtiger Argentinier, berichtete derweil von seinen Erfahrungen in Deutschland, seit er vor 25 Jahren die Heimat verlassen hatte. Washington, unabhängig vom bevorstehenden Fußball-Endspiel gegen Argentinien perfekt integriert, forderte von den Einwanderern die Bereitschaft, sich auf die neue Kultur einzulassen. Ebenso sei es erforderlich, dass „manche Einheimische von ihrem hohen Ross heruntersteigen und die Zuwanderer respektvoll behandeln“. Zu häufig mangle es an beidem.   Vermutlich ist es ganz im Sinne nicht nur der Schüler aus dem Schwarzwald, dass die CDU trotz des Urteils grundsätzlich an den Sprachtests festhalten will. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs verbiete zwar Sprachkenntnisse als Voraussetzung für den Nachzug türkischer Ehegatten, gelte aber nicht für Menschen anderer Nationen, hieß es dort. Die Entscheidung der Richter sei „bedauerlich“. Sprachkenntnisse seien der Schlüssel zum Integrationserfolg.

Der Erfolg, so viel ist sicher, muss kommen. Denn eine erfolgreiche Integration der Migranten ist die einzige Antwort auf die demographische Herausforderung: Die Weltbevölkerung wächst, der Anteil der Europäer und damit auch der Deutschen an ihr fällt stetig. Deshalb darf man gespannt sein, wie viele Weltmeistertitel Europa in der Zukunft noch gewinnen wird – und das nicht nur im Fußball. Ohne Zuwanderer aber wäre die Antwort einfach: wohl keinen mehr.

Der Autor auf Twitter: www.twitter.com/carstenknop


3 Lesermeinungen

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 14. Juli 2014 | Die Börsenblogger

  2. Und die hervorragende Studien von Saskia Sassen! --Soziologie
    insbesondere ernshaft lesenswert ±Expulsions,Brutality and Complexity in the Global Economy,Harvard University Press

  3. VIELFALT,AKZEPTANZ,MISCHUNG ,AKZIDENS UND NATIONALEINKOMMEN //WELFARE ECONOMICS
    letzt endlich ein Wirtschaftswissenschaftler der F.A.Z die Frische Luft hinein bringt!!
    Danke vielmals±Ich kann wieder frei atmen ,als Wissenschaftler und Mensch+ein A -Wake wie bei Joyce´s Finnegans Wake und Max Webers Gesammelte Aufsàtze zur Wissenschaftslehre,Tùbingen,1951′

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