Ad hoc

Zwischen “Zero” und “Circle”: Von einer freien Wahl

In dieser Woche viel über die schöne neue Welt nachgedacht. Vielleicht kommt das davon, wenn man gerade die beiden Romane „Zero“ und „The Circle“ zu Ende gelesen hat. Danach muss man sowieso in seinem Kopf noch einmal sortieren, was in diesen Büchern schon Realität und was noch Science-Fiction ist. Die Grenzen verschwimmen. Aber die Überwachungssysteme, um die es in beiden Büchern geht, sind entweder schon da – oder technisch ohne weiteres vorstellbar. Anderes geht noch nicht – die Brillen von Google Glass zum Beispiel erlauben keine Gesichtserkennung, und dass ein „soziales“ Netzwerk wie „Circle“ letztlich Funktionen eines Staates übernimmt, erscheint aus heutiger Sicht noch immer eher abwegig.

Andererseits sind in Sachsen so wenig Menschen zur Wahl gegangen, dass man sich schon fragt, warum das Engagement in digitalen Netzen so viel größer ist als an der Wahlurne. Und das kann nicht nur daran liegen, dass eine „Whatsapp“-Nachricht schneller erledigt ist als der Gang zum Wahllokal oder auch die Erledigung der Briefwahl. Und es gibt ja nicht nur die Nachrichten im Politikteil. Daimler, jedermann bekannt als einer der führenden Hersteller von Taxis, kauft mit My Taxi den Betreiber einer App, mit der die alte Welt der Droschkenfahrer vom Kunden bequem über die Anzeige seines Handys abgerufen, gebucht und genutzt werden kann. Ein anderer Anbieter, der Fahrdienst Uber, jagt den Taxifahrern derweil so viel Schrecken ein, dass seine technologiegestützte Dienstleistung der Vermittlung von Fahrdienstleistungen durch Personen ohne Beförderungsschein, in Deutschland in dieser Woche verboten wurde.

Alles schön aufgezeichnet

Hält sich Uber an das Verbot? Natürlich nicht – der Fortschritt ist schließlich nicht aufzuhalten. Oder siegt hier einfach nur Dreistigkeit? Im Übrigen kommt mit Zalando alsbald ein großer deutscher Internethändler an die Börse. Dahinter steckt ein großer unternehmerischer Erfolg, aber doch auch die von Amazon schon längst vermittelte Botschaft, dass es der traditionelle Einzelhandel immer schwerer haben wird. Und je digitaler die Wirtschaftsabläufe werden, desto wahrscheinlich wird es, dass alles und jedes gemessen, optimiert und auf Effizienz getrimmt wird. Hat man über die Fitnessarmbänder, die in diesen Tagen auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin vorgestellt werden, schon genug Bewegungspunkte gesammelt? Ist meine Fahrweise im Auto zurückhaltend genug, dass die Versicherung, für die eine kleine Box im Auto mein Fahrverhalten aufzeichnet, mir auch weiterhin einen Abschlag auf die Versicherungsprämie gewährt?

Bleiben wir wachsam

Noch haben wir die freie Wahl. Viele dieser Angebote bieten ihren Nutzern viele Vorteile, Nutzerbewertungen im Internet sorgen für Transparenz und Vergleichbarkeit – und wer an dem ganzen digitalen Zirkus nicht teilnehmen will, lässt es halt. Und der Markt der digitalen Technik und der Apps bietet ja nicht zuletzt deshalb so viele faszinierende Wachstumsmöglichkeiten, weil er weitgehend unreguliert ist. Wer sich zum Beispiel mit chemischen oder pharmazeutischen Erzeugnissen selbständig machen will, wird es sehr viel schwerer haben als derjenige, der sich mal schnell eine Mitwohnzentrale wie Airbnb einfallen lässt – und damit ein weltumspannendes Phänomen entstehen lässt. Lassen wir uns also von den Büchern die Freude auf die Zukunft nicht verderben, aber bleiben wir wachsam. Nie darf es so weit kommen, dass digitale Lebensprofile und Algorithmen darüber entscheiden, wer im Leben erfolgreich ist und wer nicht.

Wie sagte in dieser Woche ein Vorstandsvorsitzender eines großen deutschen Unternehmens in einem Gespräch mit dieser Zeitung: „Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meinem damaligen Chef, ich war erst ein paar Jahre im Unternehmen: ‚Offenbar habe ich mir Ihre Noten bei der Einstellung nicht genug angeschaut, normalerweise nehmen wir solche Leute gar nicht. Aber na ja, es läuft ja auch so ganz gut.“ Wie gesagt, der Mann mit den unterdurchschnittlichen Noten ist heute Vorstandschef. Ein Computer hätte seine verborgenen Talente vermutlich nicht erkannt.

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