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Aufsichtsräte verändern sich so stark wie nie zuvor

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Die Welt der Aufsichtsräte verändert sich in hohem Tempo. Denn Aufsichtsratspositionen in Deutschland werden inzwischen erheblich professioneller besetzt als noch vor einigen Jahren. Die traditionelle Besetzung des Aufsichtsrats aus dem Kandidatenpool „Familie und Freunde“ hingegen hat an Bedeutung verloren. Durch den steigenden Bedarf an digitaler Kompetenz und die zunehmende Zahl von Frauen in Aufsichtsräten brechen die alten Strukturen immer zügiger auf – und diese Dynamik wird noch zunehmen. Zu diesen Erkenntnissen kommt man nach der Lektüre des jüngsten „Board Index“ der Personalberatung Spencer Stuart.

Wie es dort heißt, suchen die meisten Unternehmen Aufsichtsratsmitglieder inzwischen außerhalb des eigenen Netzwerks. Anders lasse sich auf Seiten der Anteilseigner im Rat die deutliche Steigerung des Anteils beruflich auch selbst noch aktiver Manager (von 33 Prozent auf 39 Prozent gegenüber der Untersuchung des Vorjahres) nicht erklären: Diese aktiven Manager stammten zudem zu einem großen Teil aus technologie- oder internetbasierten Geschäften. Das wiederum sei ein Umfeld, das nicht in traditionelle Netzwerke integriert sei. Diese erodieren in ihrer Bedeutung zusehends.

So steigt die Kompetenz in Technologiefragen einerseits. Andererseits gibt es aber gerade hier weiterhin den größten Nachholbedarf. Das untermauert eine jüngst vorgelegte Analyse der Personalberatung Russell Reynolds. Nach deren Angaben sind lediglich 1 Prozent der nicht im Unternehmen geschäftsführend tätigen Aufsichtsräte („Non-Executive-Directors“ im anglo-amerikanischen Board) der größten europäischen Unternehmen ausgewiesene Fachleute für Digitales. Im Vergleich dazu hätten von den amerikanischen „Fortune 100“-Konzernen derzeit 24 Prozent mindestens zwei Non-Executive Directors mit solchen Kenntnissen in ihren Aufsichtsräten. In den hundert entsprechenden europäischen Unternehmen seien es gerade einmal 4 Prozent.

Allerdings sind sich Russell Reynolds und Spencer Stuwart darin einig, dass in die Besetzung der Aufsichtsräte mit entsprechenden Vertretern der digitalen Wirtschaft mehr Schwung kommt. Die Aufsichtsräte verändern sich auch deshalb so stark wie nie zuvor, weil die deutschen Gremien keine reinen Herrenklubs mehr sind. Denn Frauen sind 2014 in deutschen Aufsichtsräten sowohl qualitativ als auch quantitativ besser vertreten als noch vor Jahren: In rund 86 Prozent der in die Untersuchung von Spencer Stuart einbezogenen Unternehmen haben die Anteilseigner mindestens eine Frau berufen. Vor zwei Jahren waren es erst 78 Prozent. Auf Seiten der Anteilseigner erfüllen 21 Prozent der Gremien nach Angaben von Spencer Stuart schon heute die 30-Prozent-Quote.

Wesentliche Quellen für den „Board Index“ sind Geschäftsberichte, Unterlagen zu den Hauptversammlungen und Internetseiten der erfassten Unternehmen sowie die Datenbank „Board Ex“. Für den aktuellen Index wurden die Daten von 66 Gesellschaften erfasst, alle Dax-Unternehmen, einige aus dem M-Dax, S-Dax und Tec-Dax sowie eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft, die Bertelsmann SE. Die Daten beruhen überwiegend auf dem Geschäftsjahr 2013. Personelle Veränderungen in den Aufsichtsräten nach der jeweils jüngsten Hauptversammlung wurden berücksichtigt. Nach den Analysen der Berater werden die Frauen wegen ihrer Expertise und Erfahrung in das entsprechende Gremium berufen – und eben nicht nur wegen des Quotendrucks. Das zeige sich im Kriterium „Branchenkenntnis“: Rund 36 Prozent der Aufsichtsrätinnen verfügten über Erfahrungen in der Branche, in der das Unternehmen aktiv sei. Der Frauenanteil werde aber durch die gesetzliche Quote weiter deutlich steigen.

Die Auswertung zeigt auch, dass in den vergangenen Jahren Zeitaufwand und Intensität der Aufsichtsratstätigkeit stark gestiegen sind: 2013 haben die Aufsichtsräte im Schnitt sechsmal getagt, während das Gesetz nur vier Sitzungen im Geschäftsjahr vorschreibt. Hinzu kommt die nahezu von jedem Aufsichtsratsmitglied erwartete Tätigkeit in Ausschüssen, zum Beispiel im Prüfungs- oder Personalausschuss. Der Prüfungsausschuss tagt dabei fast genauso oft und in Einzelfällen sogar häufiger als das Plenum des Rats.

Darüber hinaus stimmen Vorstand und Aufsichtsrat nach den Beobachtungen der Berater heute intensiver als je zuvor die strategische Ausrichtung des Unternehmens ab. „Die Aufsichtsratsmitglieder wollen nicht nur über die strategischen Pläne des Aufsichtsrats informiert werden, sondern daran beratend mitwirken“, heißt es dazu in der Studie. Auch das schlage sich in Zahlen nieder. 36 Prozent der in die Untersuchung einbezogenen Unternehmen bereiteten strategische Fragen in einem Ausschuss vor, meist im Strategieausschuss oder im Präsidium. 32 Prozent veranstalteten Klausurtagungen zu strategischen Themen, die sich zum Teil über zwei Tage erstreckten.

Immer mehr Unternehmen seien für ihre Aufsichtsräte auf eine Fixvergütung mit Zuschlägen für die Arbeit in Ausschüssen umgestiegen. Ihr Anteil habe sich seit der Untersuchung 2012 von 27 Prozent auf rund 55 Prozent mehr als verdoppelt. Unter den Dax-Gesellschaften sei der Anteil mit 50 Prozent ähnlich hoch. Hinter dieser Entwicklung stehe die Erfahrung, dass der Einfluss des Aufsichtsrats auf den Unternehmenserfolg eher gering sei und die Aussicht auf eine erfolgsorientierte Vergütung die Entscheidungen des Aufsichtsrats und somit seine Unabhängigkeit beeinflussen könnten. Sachgerecht sei hingegen eine leistungsorientierte Vergütung in Anlehnung an den Zeiteinsatz der Aufsichtsratsmitglieder. Die Fixvergütung ist vor diesem Hintergrund gestiegen. Die Vorsitzenden erhalten jährlich zwischen 18 000 und 450 000 Euro. Die ordentlichen Aufsichtsratsmitglieder erhalten zwischen 6000 und 150 000 Euro.

Der Blick auf die Vorstandsgremien der betrachteten Unternehmen zeigt auch hier, dass der Frauenanteil in den Vorständen leicht von 6,6 auf 7,3 Prozent gestiegen ist. Die Frauenpräsenz in den Dax-Gesellschaften ist mit 6,6 Prozent etwas niedriger. Wie in der Voruntersuchung haben 30 Prozent der Unternehmen der Gesamtstichprobe mindestens eine Frau im Vorstand, im Dax sind es 37 Prozent. In keinem dieser Gremien sind mehr als zwei Frauen tätig. Bei den Unternehmen mit weiblichen Vorstandsmitgliedern ist die Bandbreite der Quoten allerdings groß: zwischen 10 Prozent und 50 Prozent. Hohe Anteile erreichen Frauen also bislang nur in kleinen Gremien. Im internationalen Vergleich befinden sich deutsche Unternehmen damit am unteren Ende der Repräsentanz von Frauen: Den größten Anteil in der EU verzeichnen spanische Unternehmen mit 15,8 Prozent, gefolgt von britischen mit 15,7 sowie belgischen und französischen mit 10,9 Prozent beziehungsweise 10,0 Prozent.

Die internationale Ausrichtung deutscher Unternehmen spiegelt sich in der Zusammensetzung der Vorstandsgremien nicht so stark wider, wie man annehmen könnte. Nur 23 Prozent der Vorstandsmitglieder kommen aus dem Ausland (Vorjahr: 22 Prozent). Unter den Dax-Unternehmen sind es 27 Prozent. Die Werte liegen damit lediglich im europäischen Mittelfeld. Höher ist die Internationalität schon heute in den Niederlanden (33,3 Prozent) und der Schweiz (59,2 Prozent). Es gibt also noch viel zu tun beim Umbau deutscher Aufsichtsräte und Vorstände.


3 Lesermeinungen

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  3. Seelenheil und Aufsichtsräte ,oder
    die immer wieder verfehlte ,paradoxale,unfaßbare Pointe der geslechterbedingte Digitalkompetenz,daher sämtliche Prozenten lassen etwas improvisiertes spüren,etwas rettungslos zusteuern der immer weit entfernte Egalitarismus,Ansprüchen nicht zu genügen können oder dürften,und ja wenig hilfreich ,eher vergeblich meistens,die unternommene eher musisch wie ökonomisch Verteidigungsversuchen ,damit einher geht einer inneren Haltung zum Daten transformiert zur vielleicht einer der wichtigsten sozio- ökonomische Techniken:Die Index .Ein “ Schlachtfeld“ kalter Geschäftsmäßigkeit ohne Fraugefälligkeit,ohne Manngefälligkeit,es gibt noch immer eine dringliche historische Aufgabe der Nationalökonomie einer Staat ,die Tilgung der “ Sündenschuld“ hat etwas zu tun mit Gleichbetechtigung,mit wirtschaftliche Umverteilung,mit klare Unterscheidung Fachmannschaft und Misserfolge,nicht alles kann und sollte gewährleistet sein.
    Sollte ich verstehen das da eine Digitalreligion mit Heiliger Gegenstände und Ritualen gibt und die Unwissenden.Es läßt sich hoffentlich leugnen das wir ganz einfach in eine Falle ,eine Sirenenhaftes Falle getappt sind,nur aus wahrhaftiges Engagement!?
    Geschäftsideen und Aufsichtsräte sollte sich ständig und gefällig ändern ,sollte ein dauernde Wirtschaftliche Aufbau einer humanen Infrastruktur ,mit Indizes… ,gelingen,eine Voraussetzung für ein blühender Wirtschaftsprozeß.

    Danke Ihrer immer ökonomisch Engpässe Essays!!

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