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Henkel-Chef Kasper Rorsted: „Die positiven Auswirkungen des sinkenden Ölpreises überwiegen“

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Der sinkende Ölpreis, der schwache Euro: Für ein Unternehmen wie Henkel sind das gute Entwicklungen, für Deutschland ein Konjunkturprogramm. Doch manche Sorge bleibt. Ein Gespräch mit dem Henkel-Chef Kasper Rorsted zur Lage der Wirtschaft während des Weltwirtschaftsforums in Davos.

Herr Rorsted, wie schätzen Sie die derzeitige wirtschaftliche Lage der Welt grundsätzlich ein?

Das wirtschaftliche Umfeld ist und bleibt weiter sehr volatil. Doch inzwischen sind politische und wirtschaftliche Krisen wohl eher Teil einer neuen Normalität geworden und nicht mehr die Ausnahme. Daher sehen wir derzeit auch in unterschiedlichen Regionen der Welt verschiedene Entwicklungen. Osteuropa leidet unter den Folgen des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine, in Nahost sind viele politische Probleme weiter ungelöst und beeinflussen die Wirtschaft. Das Wachstum in China pendelt sich auf einem deutlich niedrigeren Niveau als noch vor wenigen Jahren ein. Die Wirtschaft der Vereinigten Staaten ist wieder in Schwung gekommen – dank niedriger Energiekosten, sinkender Arbeitslosigkeit und einer höheren wirtschaftlichen Dynamik.

Und in Europa?

Europa findet nicht auf einen stabilen Wachstumskurs zurück – auch wenn sich die die Konjunkturerwartungen in unserem Heimatmarkt Deutschland mit dem sinkenden Ölpreis und der Abwertung des Euros zuletzt wieder verbessert haben.

Was folgt daraus für Henkel?

Das heißt, dass wir als global tätiger Konzern auch künftig mit insgesamt schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen umgehen und uns immer wieder schnell veränderten Marktbedingungen anpassen müssen.

Welche Auswirkungen hat der sinkende Ölpreis? Wirkt er sich auf das Geschäft von Henkel ausschließlich positiv aus?

Die positiven Auswirkungen des sinkenden Ölpreises überwiegen. Auf der Rohstoffkostenseite wirkt sich der sinkende Ölpreis über die Zeit positiv aus. Bis sich die Folgen der Ölpreisveränderung allerdings in unserem Ergebnis bemerkbar machen, kann es bis zu einem halben Jahr dauern. Das hängt zum einen damit zusammen, dass wir nur Derivate, also Teilprodukte in unterschiedlichen Veredelungsstufen einsetzen, zum anderen ist die Preisentwicklung nur für etwa ein Drittel unserer Rohstoffe und Verpackungsmaterialien direkt vom Ölpreis abhängig. Positiv für unsere Geschäfte ist auch, wenn – wie aktuell zum Beispiel in Deutschland – die Wirtschaft aufgrund des sinkenden Ölpreises stimuliert wird und die Konsumbereitschaft zunimmt. Das spüren wir in unseren Konsumentengeschäften und mittelbar in unserem Industriegeschäft, wo unsere Klebstoffe in der Produktion langlebiger Konsumgüter eingesetzt werden.

Und wie sehen Sie die Entwicklung mit Blick auf Amerika, die Öl exportierenden Staaten in Arabien und in Russland?

Da sehen wir die negative Seite des sinkenden Ölpreises. Volkswirtschaften, die stark vom Ölexport abhängen – darunter viele Wachstumsmärkte – leiden unter dieser Entwicklung. Und das kann unsere Geschäfte dann gegenläufig beeinflussen. Wie sich beide Effekte in der Summe auswirken werden, können wir heute noch nicht prognostizieren.

Wie sehr hilft Henkel die Entwicklung des Euro-Wechselkurses?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Nehmen Sie zwei wichtige Märkte für uns wie die Vereinigten Staaten und Russland, so sind zwei gegenläufige Effekte festzustellen: Während sich die deutliche Abschwächung des Euros gegenüber des Dollar für uns positiv bemerkbar macht, wirkt die anhaltende Abwertung der russischen Währung in die andere Richtung. Insgesamt dürften sich die starken negativen Wechselkurseffekte, die wir in den zurückliegenden Quartalen gesehen haben, abschwächen. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2014 summierte sich dieser negative Effekt auf über 600 Millionen Euro. Unabhängig davon wirkt die aktuelle Abschwächung des Euros nicht nur für Deutschland als stark exportorientierte Volkswirtschaft wie ein zusätzliches Konjunkturprogramm, der gesamte Euroraum könnte davon profitieren.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation der russischen Volkswirtschaft?

Die russische Wirtschaft steht vor einem schwierigen Jahr 2015. Neben den Wirtschaftssanktionen macht der stark sinkende Ölpreis der russischen Wirtschaft zu schaffen. Beide Faktoren haben den konjunkturellen Abschwung in Russland, der sich schon 2013 abgezeichnet hat, massiv verstärkt. Im Jahr 2014 soll die Wirtschaftsleistung nun noch einmal um 4 Prozent unter dem Vorjahr liegen.

Welche Auswirkungen hat das auf die europäische und vor allem auf die deutsche Wirtschaft?

Natürlich negative: Insbesondere Unternehmen mit größeren Geschäftsaktivitäten in Russland bekommen das zu spüren. Kurzfristig spielt dabei der schwache Rubel eine Rolle, mittelfristig das negative beeinflusste Marktumfeld. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat bereits darauf hingewiesen, dass durch den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine in Deutschland rund 100 000 Arbeitsplätze gefährdet sind. Bislang sind wir allerdings auch in diesem schwierigen Umfeld mit unseren Geschäften in Russland in lokaler Währung weiter gewachsen. Aber auch Henkel kann sich der schwierigen Situation im Land dauerhaft nicht völlig entziehen. Uns kommt dabei jedoch zugute, dass wir vor Ort produzieren und ein starkes lokales Management haben. Zudem sind wir bereits seit fast 25 Jahren in Russland tätig. Diese Stabilität schätzen unsere Kunden und stehen daher auch zu unseren Marken.

Welches Thema sollte die Teilnehmer in Davos künftig noch sehr viel stärker interessieren? Ist es die Digitalisierung der Wirtschaft?

Die Digitalisierung ist ein zentrales Thema für die Wirtschaft. Wer nicht Teil dieser Entwicklung wird und den digitalen Wandel mitgestaltet, setzt mittelfristig seine Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel. Auch für Henkel ist das Thema Digitalisierung ganz entscheidend und ich sehe, dass dieses Thema auch in Davos eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Daher werde ich zum Beispiel die Veranstaltung „The Connected Enterprise“ besuchen.

Und was wird tatsächlich die meisten Gespräche auch in der Zukunft dominieren?

Ich erwarte, dass auch in Zukunft eher die großen, übergeordneten wirtschaftlichen und politischen Themen das Forum bestimmen werden. So wie in diesem Jahr der Russland/Ukraine-Konflikt und die damit verbundene Frage, ob dieser Konflikt ein Zeichen für den Wandel der internationalen Wirtschaftsbeziehungen ist. Diese waren seit Ende der 1980er Jahre stark durch Integration und Zusammenarbeit geprägt, doch jüngst sind wieder stärker nationale Interessen in den Vordergrund gerückt.