Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

„Landlust“ lesen und die Zukunftsstadt planen

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Ob das der Grund ist, warum Lifestyle-Zeitschriften mit Namen wie „Landlust“ und ihren Berichten über das idyllische Landleben so gut laufen? „Nach der Klassifikation der EU lebt in Deutschland nur ein Drittel der Einwohner städtisch. Der Großteil der Bevölkerung lebt in halbstädtischen und dünn besiedelten Regionen“, sagt Peter Liggesmeyer, der geschäftsführende Institutsleiter am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE). Die Zeitschriften handeln also vom wahren Leben der meisten Menschen in Deutschland – und sind deshalb für viele so attraktiv. Kann das sein? Wahrscheinlicher ist es wohl, dass die Sehnsucht der Städter nach guter Landluft und Ackerblumen auf dem Balkon so groß ist, dass man darüber gerne etwas liest. Wie auch immer: „Letztlich ist Deutschland eher ländlich geprägt“, sagt Liggesmeyer.

Gerade einmal die Hälfte der Deutschen lebe in Gemeinden mit mehr als 20000 Einwohnern. „Was wäre also Deutschland ohne das Land?“ Das sei eine überraschende Erkenntnis, ganz besonders wenn man bedenke, dass im Blickfeld von Politik und Wirtschaft vor allem die „smarte Stadt“ stehe, wenn es darum geht, den digitalen Wandel zur Steigerung von Wertschöpfung und Lebensqualität umzusetzen. „In der Tat zieht es viele Menschen in die Städte. Ihnen fehlt aber eine Perspektive für das Leben auf dem Land. Viele von ihnen wären gerne geblieben.“ Die Städte auf das Morgen vorzubereiten sei ein wichtiger Beitrag auch der Fraunhofer-Gesellschaft; doch das Land gehöre ebenfalls zu Deutschland, als Wohnort, Markt und Wirtschaftsstandort. Schon heute finde man 60 Prozent der Betriebe in ländlichen Regionen Deutschlands, darunter viele kleine und mittelständische Unternehmen.

„Dünnbesiedelte Landstriche haben aber ganz andere Anforderungen beim Ausbau der Informations- und Kommunikationstechnik“, sagt Liggesmeyer. Deshalb habe Fraunhofer IESE einen neuen Forschungsschwerpunkt auf „Smart Rural Areas“ gelegt, als Ergänzung zu dem nach der Meinung von Liggesmeyer bislang viel zu wenig erforschten Bereich des Lebens der Zukunft in ländlichen Regionen: „Durch eine intelligente Infrastruktur beispielsweise bei Versorgung und Mobilität wollen wir zeitgemäße Lebensqualitäten auf dem Land ermöglichen. Das hat zusätzlich den Vorteil, dass sich Menschen, die derzeit gezwungenermaßen ihre Zukunft in der Stadt sehen, eine neue Perspektive in kleineren Städten oder auf dem Land eröffnet.“

Der digitale Wandel, die Entwicklung der Informations- und Kommunikationsinfrastruktur, müsse gerade in ländlichen Gebieten viele Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens umfassen, um echte Synergieeffekte nutzen zu können. Liggesmeyer hat dafür die Gebiete Mobilität und Logistik, also den Transport von Personen und Gütern, Kommunikationstechnik, medizinische Versorgung, Landwirtschaft und Energieversorgung auf seine Prioritätenliste gesetzt. Zu den Projekten, die am Fraunhofer IESE mit Unternehmen aus Rheinland-Pfalz schon begonnen wurden, gehören unter anderem solche mit John Deere im Sektor innovativer Landwirtschaftskonzepte (zum Beispiel zur Frage, wann sich mit Blick auf die Wetterentwicklung eine Düngung lohnt und wie viel Düngemittel von den GPS-gesteuerten Landmaschinen ausgebracht werden müssen) sowie Projekte mit dem Westpfalz-Klinikum, die durch eine moderne medizinische Überwachung von Patienten ein schnelleres Reagieren im Notfall ermöglichen.

Auf dem Gebiet des autonomen Fahrens forscht das IESE mit Partnern der Automobilindustrie an Lösungen, die beispielsweise das Pendeln mit dem Auto vom notwendigen Übel zur sinnvoll genutzten Transferzeit machen oder Logistikthemen von einer neuen Warte aus betrachten. Während in den Städten von morgen Verkehrsstaus vermieden und grüne Oasen geschaffen werden müssen, soll auf dem Land also nach Wegen gesucht werden, die Infrastruktur für die zentralen Lebensbereiche wie medizinische Versorgung, Energie, Mobilität oder Logistik zu optimieren. Je tausend Einwohner rechnet man hier häufig mit einer Fläche von mehr als zehn Quadratkilometer. Im Alltag heißt das, dass schon heute nur noch jeder dritte Bewohner ländlicher Regionen in Deutschland einen Supermarkt in fußläufiger Entfernung bis zu einem Kilometer erreichen kann. Das hat vor einigen Tagen die Bundesregierung in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag mitgeteilt.

„So gibt es Überlegungen, wie der Personennahverkehr oder auch Busse einen Teil des Pakettransports übernehmen könnten. Wenn wir Personenverkehr und Logistik streckenweise miteinander verknüpfen, lassen sich Kosten senken und die Versorgung kann verbessert werden. Hier kann die IT als eine treibende Kraft genutzt werden“, sagt Liggesmeyer. Zu den Vorstellungen gehöre es zum Beispiel, dass ein autonomes Auto vorbeikomme und jemanden zum Arzt bringe, wenn es ihm schlecht gehe, und auf dem Rückweg noch ein paar Pakete mitnehme. Ähnliches könne man sich schon heute mit traditionellen Autos oder Bussen vorstellen. Dieses Ineinandergreifen von Bereichen wie Mobilität und Gesundheit, lasse sich aber nur mit der Hilfe einer sehr viel stärkeren Vernetzung untereinander erreichen.

Hierbei seien Smartphones und Internet nur der Anfang. „Im Hintergrund wird die Vernetzung mit modernen, sicheren und zuverlässigen Software-Systemen wirken, bei denen die Konzepte ‚Industrie 4.0‘ und ‚Big Data‘ eine Rolle spielen werden“, sagt Liggesmeyer. „Alle Systeme werden branchen- und technologieübergreifend von den Sensoren und Aktoren bis zur Cloud in einem intelligenten Kollektiv verbunden werden.“ Solche „Smart Ecosystems“ würden sich schließlich zum digitalen Rückgrat der Gesellschaft entwickeln: „Sie werden über eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Selbstorganisation verfügen und sich weitgehend autonom organisieren.“ An technischen Fragen scheiterten diese Ideen schon heute eher selten – vielmehr sei das Problem bisher oft die Rentabilität.

Unerlässlich sei zudem der Breitbandausbau auf dem Land, ohne den auch die so wichtigen Telearbeitsplätze nicht möglich seien: „Arbeitsplätze brauchen Bandbreite.“ So gibt es zwar viele Ideen, und nach dem Bekunden von Liggesmeyer auch großes Interesse aus der Industrie an weiteren Kooperationen – aber bis zum digital perfekt vernetzten Leben auf dem Land ist es in Deutschland noch ein weiter Weg, nicht nur in den Köpfen der Politiker, die sich jetzt auf das neue Wissenschaftsjahr unter dem Motto „Zukunftsstadt“ freuen und dabei die „Landlust“ lesen.


2 Lesermeinungen

  1. Spiegeln von oben nach unten : Zukunftsstadt und Landlust
    Wenn man genau erforscht woher jene politische Stimmen kommen die Landlust benötigen innerhalb der Wanderlust Territorien dann stellt sich heraus – Betriebs wirtschaftlich und Sozialökonomisch- das z.B. in den Niederlanden zielgerichtet gesteuert ist zu eine “ Kluft“ zwischen Großstädten ,mittelgroße Städte, und kleine Gemeinde oder vor allem dem frühere agrarwirtschaftsliche Gemeinde,heute bekommen derartige Gemeinde ,auch sogenannte „krimp“=“Schrumpf “ Gemeinde ,mehr und mehr insbesondere Finanzielle Unabhängigkeit ,damit wie die Allokatie der Finanzmittel stattfindet.
    Schwierig Probleme wie lückenhafte Infrastruktur moralisch und verfassungsgemäß zu „tilgen“[ wie Gesundheitswesen ,öffentlichnutzende Transport,Mittel -große Unternehmen,und…das stetig verschwinden kleine Läden wie Metzger,Bäcker ,und so weiter und so fort ].
    Mein Professor Publieke Finanzien lehrte immer wieder ,ja einige Zeit her,wie unabhängiger Kommunen ,nicht nur finanziell ,wie mehr Demokratie Verlust [ Distanz und Indifferenz].
    Wie Sie wissen das regionale Gesuntheitswesen manchmal verworren zur sogenannte „Kuhhandel“ zwischen die Hospitale und sogenannte „Zorgverzekeraars.
    Das verunsichert die Bevölkerung mehr und mehr,und in ernsthafte Schwierigkeiten kommen ist ganz sicher.
    Nein,das Landleben bleibt etwas für Großstadtler,gar nicht für die Einwohner der Regionen selbst[ mein Dorf ist klein und schrumpft da es politisch so gewollt ist,aber es gibt substanzielle Unterschiede].

  2. Nachdenkenswert...Zukunft...Wachstum...Wohlstand...gut...besser...besser...besser...besser...
    Die Menschen glauben aufrichtig, die Ruhe zu suchen, und suchen in Wirklichkeit nur die Unrast.
    Blaise Pascal (1623-1662)

    Der Mensch nutzt seinen freien Geist und seine angeborene Freiheit, um sich gesellschaftlich,
    mittels „Kapitalismus-Geld-Markt-Daten-Vernetzung“, immer intelligenter versteckt, komplexer verstrickt, zu versklaven.
    Die damit verbundenen „Vernunftfragen…Gerechtigkeitfragen“, löst er dann gewissenhaft intelligent im Rahmen und
    im Namen der unbemerkt schrumpfend verbleibenden „Würde-Freiheit-Würde“…und das seit Menschengedenken.
    Masochismus und Sadismus auf intelligenteste, schizophrene Weise realisiert. Die Frage nach dem „humanen Sein“ in allen „Realisationen“
    wird weder gestellt noch beachtet. Basis-Ruhe-Leben ist humanes Sein!

    Vernetzungen, Digitalisierungen und anderes….mehr, mehr, mehr…

    Wem genug nicht reicht, dem reicht auch nicht mehr als genug.

    Gruß
    W.H.

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