Ad hoc

Weise Flüchtlinge: Guter Rat kann reich machen

In dieser Woche haben wir häufiger an einen Bekannten aus unserer New Yorker Zeit gedacht. Schon damals war er ein älterer Herr. Er war gebildet, freundlich, interessiert, im Umgang, wie viele Bewohner der Stadt, ein wenig kapriziös. Und er verstand sehr viel von der Geldanlage. Das ist 15 Jahre her; damals war die sogenannte Internetblase an der Börse noch nicht geplatzt. Die Aktienkurse der entsprechenden Unternehmen stiegen, jedes Geschäftsmodell schien erfolgversprechend zu sein. Er aber stellte immer wieder dieselbe Frage: Wie soll das funktionieren? Wie sehen jenseits um diverse Sondereffekte bereinigter Ergebnisse die Zahlen aus? Was steht denn in der Bilanz? Gibt es irgendwo Reserven, die unterbewertet sind? Kann man sich in den kommenden Jahren auf Einnahmen verlassen?

Wieder und wieder pochte er darauf, dass es an der Börse zahlreiche Unternehmen gebe, die attraktiver sein müssten als diejenigen, auf die damals alle Welt schaute. Er quälte uns damit, sich doch endlich einmal einen kleineren regionalen Energieversorger aus der Gegend anzuschauen, den er für ein überragendes Investment hielt. Nie gehört, nie etwas darüber geschrieben – und später stark darüber geärgert: so lässt sich die Erfahrung von damals zusammenfassen. Zwei Jahre später, nach einem Umzug nach San Francisco, in die Mitte des damaligen Internetniedergangs, haben wir einmal wieder auf die Kurse geschaut und festgestellt, dass der Bekannte aus New York den richtigen Riecher gehabt hatte.

Nein, er hieß nicht Warren Buffett. Aber er hat Unternehmen genau so analysiert wie der Investor, der in dieser Woche in einen großen Zulieferer der Flugzeugindustrie investiert hat. Auch von diesem Unternehmen hatte zuvor noch so gut wie niemand etwas gehört; zudem waren die Zahlen des Objekts der Begierde zuletzt eher schlecht. Aber wie sagte schon der Bruder unseres Großvaters aus der Soester Börde? Wenn man im Einkauf nicht viel bezahlt hat, kann man im Verkauf nicht viel daran verlieren. Wobei man natürlich immer genau hinsehen muss, was in solchen Fällen mit „viel“ und „wenig“ gemeint ist. Aber Buffett ist ganz offensichtlich davon überzeugt, eine unterbewertete Perle gefunden zu haben, die zuvor noch nicht jeder im Auge hatte.

Insofern sei an dieser Stelle noch einmal davor gewarnt, in der Geldanlage blind einer vorherrschenden Meinung hinterherzurennen. Wenn irgendeine Bank darauf hinweist, so und so viele Unternehmen in Amerika seien in der Lage gewesen, die vorherigen Erwartungen zu übertreffen, ist das jedenfalls Quatsch. Denn Erwartungen sind noch wolkiger als um Sondereffekte korrigierte Ergebniszahlen. Was zählt, ist das, was am Ende in der Kasse bleibt, und das, was in Zukunft an dieser Stelle stehen wird. Nichts sonst.

Interessant ist, dass wir seinerzeit in San Francisco Menschen kennengelernt haben, die ihr Geld ähnlich erwachsen angelegt haben wie unser New Yorker Bekannter – und sich dabei längst nicht nur für die Börse, sondern für die Politik auf der ganzen Welt interessiert haben. Der Zusammenhang ist eindeutig: In allen Fällen haben die Betreffenden Zeitungen verschlungen und Informationsprogramme in Radio und Fernsehen gegenüber seichter Unterhaltung bevorzugt.

Sie waren stets zu einem differenzierten Urteil in der Lage, verurteilten niemanden voreilig, ließen die Argumente anderer gelten. Sie waren Flüchtlinge. Denn irgendwann waren sie, aus welchen Gründen auch immer, in die Vereinigten Staaten eingewandert und bereichern nun das Land. Ihnen klingen die Ohren, wenn politische Rabauken wie Donald Trump ausländerfeindlich, sexistisch und beleidigend daherreden. Sie reiben sich die Augen, wenn er damit auch noch einigen Erfolg hat. Menschen, die in ihrem Leben schon viele Dinge gesehen und erlebt haben, die sie danach niemand anderem wünschen würden, haben Probleme damit, wenn die Herzen Politikern zufliegen, die das Wort Scham nicht kennen.

Man muss über die Politik gesittet diskutieren können, gleichgültig ob es um Griechenland, die Energiepolitik, den Nahen Osten oder die Ukraine geht. Und man sollte im Umgang mit der Flüchtlingsfrage ganz an einem herzlichen Willkommen interessiert bleiben. In Amerika waren wir Ausländer; unsere Gesprächspartner waren einst ihrer Heimat beraubt worden. Und als wir uns in Freundschaft trafen, hatten alle eine wunderbare Zeit.

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