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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Das Leben mit Putin, Piëch und Plagiaten: Voller Zufälle

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Die Welt, so scheint es manchmal, ist voller Zufälle. Kaum steht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in den Meinungsumfragen etwas schwächer da als normalerweise üblich, wird auch schon bekannt, dass möglicherweise, vielleicht und an manchen Stellen auch tatsächlich etwas mit der Doktorarbeit von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nicht stimmen könnte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Denn von der Leyen ist wohl die Einzige weit und breit, die Merkel in der eigenen Partei derzeit ernsthaft gefährlich werden könnte. Aber, wie gesagt, das ist natürlich ein reiner Zufall.

Das gilt auch für den Zusammenhang zwischen der riesigen Flüchtlingswelle, die derzeit an und über die Grenzen der Europäischen Union schwappt, und der plötzlichen Gesprächsbereitschaft einiger Politiker des Westens gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der sitzt aber vielleicht gerade in Moskau vor seinem großen Schachbrett, zieht ein paar Bauern in Syrien und in der Türkei über das Spielfeld – und freut sich am Ende über eine Rochade, mit der er sowohl die Sanktionen gegen sein Land beenden als auch den Einfluss auf die Krim und größere Teile der Ukraine zementieren kann. So könnte man es sich vorstellen, wenn man nicht immer nur an Zufälle glaubt. Irgendwann wird dem Westen schließlich so ziemlich alles recht sein, um die Flüchtlingsfrage zu klären und den IS-Terror zu beenden. Wie gesagt, das könnte sein, muss aber nicht.

Kommen wir zu Themen der Wirtschaft: Natürlich ist es an den Haaren herbeigezogen, dass nur ganz wenige Tage vor der Aufsichtsratssitzung von Volkswagen, auf der die Vertragsverlängerung von Martin Winterkorn im Amt des Vorstandsvorsitzenden beschlossen werden sollte, der größte Skandal über das Unternehmen hereingebrochen ist, den es in seiner Geschichte jemals erlebt hat. Zwar war das Problem mit den Dieseln und der manipulierten Software uralt. Auch öffentlich melden müssen hätte es der Konzern spätestens einige Tage früher. Aber so richtig gezündet hat es, je nach Perspektive, dann doch zum exakt richtigen Zeitpunkt. So könnte man es sehen, wenn man Winterkorn gerne schon im vergangenen Frühjahr losgeworden wäre. Aber wahrscheinlich war es doch der Zufall, eine Selbstzündung sozusagen. Wie beim Diesel.

Zufall ist natürlich auch, dass jetzt im Umfeld des VW-Konzerns die ersten Namen genannt werden, an denen bestimmte Informationen aus unteren Rängen so hängengeblieben sind, dass sie die in den echten Führungsetagen gar nicht erreichen konnten. Denn öffentlich wird das natürlich genau zu dem Zeitpunkt, zu dem immer mehr Menschen darüber diskutieren, ob es vorstellbar ist, dass Winterkorn selbst von alledem nichts wissen konnte. Wissen muss man nur, dass hier erheblich mehr auf dem Spiel steht als nur der ohnehin schon weitgehend zerstörte Ruf von Winterkorn selbst. Es geht um sehr viel Geld. Und der Aufsichtsrat möchte bestimmt auch nicht darüber belehrt werden, dass der juristisch ohnehin belanglose Persilschein, den er Winterkorn zu seinem Abgang ausgestellt hat, in Wahrheit obendrein ein ganz schön schmutziger Lappen war.

Deutschland im Oktober 2015.© Carsten KnopDeutschland im Oktober 2015.

So ist das Leben voller Zufälle, und von Verschwörungstheorien haben wir schließlich noch nie etwas gehalten. Denn die Doktorarbeit von Frau von der Leyen hat niemand im Auftrag von Angela Merkel untersucht. Ein Ferdinand Piëch würde niemals das Risiko eingehen, gleich das ganze Unternehmen auf einen Dieselskandal zu verwetten, nur um Rache an Winterkorn zu üben. Putin und der amerikanische Präsident Barack Obama wiederum haben sich gerade erst in New York als Gäste der Vereinten Nationen einen Schlagabtausch geliefert und schienen überhaupt nicht geneigt zu sein, sich zum Beispiel in Syrien auf eine gemeinsame Linie zu verständigen. Die interne Revision von Volkswagen wiederum wird selbstverständlich niemanden vorverurteilen, bevor die allfälligen Untersuchungen nicht abgeschlossen sind.

Alles Quatsch also, was man sich da so im Kopf überlegt. Denken wir ans Wochenende, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber warum pfeifen die Schiedsrichter in dieser Bundesliga-Saison ständig gegen Borussia Dortmund und hin und wieder gerne für die Bayern aus München? Hat das Methode? Prüfen wir es nach. Die Wiesn endet schließlich an diesem Wochenende mit einem Besuch aus Dortmund.


7 Lesermeinungen

  1. Honi soit qui mal y pense...
    Froschperspektiven sind nunmal ungemein vielfältiger, verzerrter und interessanter als die doch recht nüchterne, um nicht zu sagen, eintönige Vogelperspektive.

    Darauf gründet schließlich auch das Geschäftsprinzip der yellow press.

    Ich für meinen Teil lese doch lieber FAZ.net als Bild.de. Auch wenn in Blogs mal Klatsch auftaucht. Nichts für ungut; weiter so!

  2. Titel eingeben
    „Untergehende Kulturen verlieren zuerst das Maß“, so schrieb einst Adalbert Stifter. Auch Goethe warnte, dass gar zu viel Freiheit zu Chaos führen könne: „Erlaubt ist, was sich ziemt“. Aber heutzutage denkt anscheinend jeder, dass er im Namen von Freiheit und Demokratie tun oder lassen darf was er will. Es fehlt unserer heutigen Gesellschaft ein fester moralischer Standard. Niemand scheint noch zu wissen,
    „was sich ziemt“.

  3. Zufall
    Vielleicht entspringen die zugehörigen Theoreme für das, was wir
    Zufall nennen, zugleich in den Tiefen und Höhen eines Vernunftgeistes, der sowohl heilige, unerreichbare Weisheit, als auch durch Berührung heilende Weisheit, reine Geistkraft-Energiewesenheit ist?

    Zufall ist vielleicht das Pseudonym Gottes, wenn er nicht unterschreiben will.
    Anatole France

  4. Falscher Link
    Sorry, mit dem obigen Link ist mir ein Fehler unterlaufen. Ich wollte eigentlich hierhin – https://blog.herold-binsack.eu/2015/01/der-blinde-fleck-2/ – verlinken

  5. Pingback: Verschwörungstheorie ist auch Theorie

  6. Pingback: Kleine Presseschau vom 2. Oktober 2015 | Die Börsenblogger

  7. Verschwörungstheorie ist auch Theorie
    Und da kommt mir so ganz spontan in den Sinn (und das kommt mir gleich als gedoppelter Sinn in den Sinn – https://blogs.faz.net/adhoc/2015/10/02/das-leben-mit-putin-piech-und-plagiaten-voller-zufaelle-1122/): Wer in der Wirtschaft nicht an Verschwörungstheorien glaubt, hat vermutlich gar keine Theorie, außer eine vage Vorstellung vom sog. Herdentrieb.

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