Ad hoc

Ad hoc

Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Weihnachten mit Eritrea

| 3 Lesermeinungen

Die Zeit der Weihnachtsfeiern ist zu Ende; Weihnachten kann kommen. Die Feiern in den Adventswochen sind in unserem Frankfurter Stadtteil etwas ganz Besonderes. Zum Beispiel im Fußballverein des Sohnes: Die Länder, aus denen die Spieler im Teenageralter – beziehungsweise ihre Eltern – stammen, sind an einer Hand längst nicht abzuzählen. Unter anderem ist Marokko vertreten, Serbien, die Türkei, früher auch schon Afghanistan, stets Eritrea, und ein paar Deutsche sind auch dabei. Die Spieler verstehen sich gut, die Trainer machen einen wunderbaren Job, die Eltern unterstützen Verein und Mannschaft nach ihren Fähigkeiten. Zur Weihnachtsfeier heißt das, dass das Buffet von den Eltern bestückt wird, und ganz automatisch ergibt sich eine kulinarische Reise durch aller Herren Länder.

Wer weiß schon, dass das Nationalgericht Eritreas Zigni heißt und für deutsche Zungen sehr vertraut schmeckt? Es ist ein dicker Eintopf aus Tomaten, Fleisch oder Fisch und Gemüse, scharf gewürzt, idealerweise mit Gewürzen aus der Heimat – und stundenlang gekocht. Dazu gibt es Injera, ein schwammartiges Fladenbrot, hergestellt aus Sauerteig und Teffmehl, wobei man allerdings auf einschlägigen Internetseiten erst einmal nachschlagen muss, was das überhaupt ist (Teff ist eine Zwerghirse).

Die Gespräche, die sich im Anschluss ergeben, könnten interessanter nicht sein. Besichtigt werden kann eine gelungene Integration, befördert durch den deutschen Nationalsport Fußball, der so stark gefördert wird, dass es kaum einen Stadtteil in Frankfurt und Umgebung zu geben scheint, wo Punktspiele in der C-Jugend nicht unter Flutlicht auf einem ordentlichen Kunstrasenplatz ausgetragen werden können. Wir lernen dabei einen Vater näher kennen, der in den achtziger Jahren aus Eritrea geflohen ist, als dort noch der Krieg mit Äthiopien tobte. Er war damals ungefähr so alt wie sein Sohn heute.

Der Vater hat studiert, wurde beruflich erfolgreich – und verlangt einen entsprechenden Einsatz nun auch von seinem Sohn. Vor einiger Zeit, so berichtet er, sei er mit ihm einmal ins Frankfurter Bahnhofsviertel gefahren, dorthin, wo man Drogenabhängige zu jeder Tages- und Nachtzeit dabei beobachten kann, wohin sie ihre Sucht gebracht hat. Es ging darum, dem pubertierenden Sohn eine Lektion in Sachen Lernbereitschaft und Einsatz zu erteilen: „Ich habe ihm gesagt, du hast die Wahl zwischen dort unten und dort oben. Danach habe ich auf die Bürotürme gezeigt. Und dann habe ich gesagt: Dazwischen gibt es nichts.“ Es ist ein unbedingter Wille, der den Vater dorthin gebracht hat, wo er heute ist. Dem Land in dem die Familie nun lebt, tut das gut. Überhaupt sei Deutschland phantastisch. Deutlich wird aber auch, dass es diese Familie aus Eritrea nicht schätzen würde, ginge hierzulande aus irgendeinem Grund die Ordnung verloren: Verlässlichkeit und Toleranz, das sei es, was dieses Land ausmache, findet der Vater. In beiden Punkten fällt es nicht schwer, an die heutige Flüchtlingssituation zu denken, in der das Pendel sich noch nicht zwischen Chaos und Ordnung sowie Toleranz und Intoleranz entschieden hat.

Womit man in der Gegenwart angekommen ist – und dort beginnt die Diskussion heikel zu werden. So wie viele Auswanderer, die vor rund drei Jahrzehnten ihr Land verlassen haben, hat der Vater Verständnis für die politische Situation, in der Eritrea derzeit steckt. Vieles werde in Deutschland falsch berichtet. Ob die Presse hierzulande denn wirklich frei und unbeeinflusst sei, will er dann noch wissen. Über die Antwort, die aus tiefster Überzeugung „ja“ lautet, würde er, der Bauingenieur, der sich freut, dass sich in Frankfurt nun wieder an allen Ecken und Enden Baustellenkräne drehen, gerne länger diskutieren. Aber der Abend geht zu Ende, man verabschiedet sich. Der Vater sagt noch: „In der Politik ist zwei und zwei eben nicht immer vier.“

Dabei sagt das Auswärtige Amt zu Eritrea im Jahr 2015 doch klipp und klar: „Eine freie Presse existiert nicht; Rundfunk und Fernsehen unterliegen staatlicher Kontrolle.“ Wir haben gelernt, selbst darüber kann man in Diskussionen verwickelt werden, in der deutschen Wirklichkeit des Jahres 2015. Mit mathematischer Ordnung hatten Politik und Alltag in diesem Jahr nicht viel zu tun. Jetzt kommt Weihnachten, Ruhe für ein paar Tage. Und wie geht es dann weiter? In der Wirtschaft gilt doch noch, dass zwei und zwei vier ergibt, oder? Im Sommer fahren wir wieder nach Griechenland und schauen einmal nach.


3 Lesermeinungen

  1. Frohe Weihnachten, Herr Knop.
    Im Namen einer unreifen (Mathematik-)Vernunft passieren viele
    Ungreimtheiten und im Namen reifer (Mathematik-)Gereimtheiten
    viel Unvernünftiges.

    Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg.
    George Bernard Shaw

    …Religionstraditionen, Wertetraditionen, Kulturtraditionen…
    Bautraditionen, Bildungstraditionen,…Wachstumtraditionen,
    Erfolgtraditionen…Kriegtraditionen, Fluchttraditionen,…
    Integrationtraditionen…Waffenstillstandtraditionen…Familientraditionen,
    Gesellschafttraditionen, Unternehmertraditionen, Markttraditionen,
    Freiheittraditionen, Unfreiheittraditionen, Machttraditionen,
    Soldatentraditionen, Weltzerstörungtraditionenen, Vermüllungtradition,
    Verwahrlosungtradition,…Nord-Süd-Gefälletraditonen, Ost-West-Blocktradition, Links-Mitte-Rechtstraditionen, Oben-Untentraditionen,
    Mittelschichttraditionen,..Glückspieltraditionen, Predigttraditionen…

    humane Vernunftreifetraditionen = Vernunft-(S)P(i)egeltraditionen = Friedetraditionen = Selbsterkenntnis und Einsichttraditionen?

  2. Kommen die Zeiten des erhobenen Zeigefingers etwa mit den Migranten zurück!?
    („… die Familie aus Eritrea [würde es] nicht schätzen …, ginge hierzulande aus irgendeinem Grund die Ordnung verloren … Ins Frankfurter Bahnhofsviertel gefahren, um dem pubertierenden Sohn eine Lektion in Sachen Lernbereitschaft und Einsatz zu erteilen“). Frau Merkel wird es freuen.

  3. Die Dosis macht das Gift
    Ein Einwanderer aus Eritrea , aus Syrien oder dem Iran, kein Problem,
    aber das was unserer Politik mit Ihrem vermeintlich humanitärem
    Sendungsbewustsein ausgelöst hat, ist von einem kleinen Land wie Deutschland nicht zu schaffen.Nein wir schaffen es nicht !
    Was wird von unseren Einwanderern so geschätzt ? Es ist die Ordnung, die Pünktlichkeit und Sauberkeit. Das verschwimmt alles zunehmend unter der Last von abertausendenden Menschen die täglich unsere Grenzen überschreiten und von Deutschland einem „reichen Land“ etwas erwarten und nicht um etwas zu bringen.
    Nun haben wir das Powerplay gerademal seit gut 3 Monaten und schon sind wir in den Behörden und Aufnahmestationen stehend K.O. Was kommt in den nächsten 3,6,12 Monaten ?
    Wo sind die Wohnungen, allein für die Altfälle werden 300.000 benötigt und wo die Arbeitsplätze oder wie stellt sich die Politik die nächsten Monate und Jahre vor. Augediente Lagerhallen ,oder schnell zusammengeschusterte Legebatterien kann doch nicht die Lösung sein. Auch die Ehrenamtlichen können jederzeit den Bettel hinwerfen da sie zu nichts verpflichtet sind. Und die Flüchtlingen/Einwanderer selbst, sie
    haben eine bestimmte Erwartungshaltung.Neulich kam ein Bericht im Fernsehen über die Einrichtung einer Notunterkunft, die Möbel wurden von Bundeswehrsoldaten, die ja keine Möbelpacker sind hereingetragen, während die jungen kräftigen Zuwanderer sich auf die Rolle der Zuschauer beschränkten.
    Wie gesagt Einige oder ein paar Hundert ja sogar wenige Tausend hätte man ordentlich unterbringen schnell integrieren und versorgen können, die täglichen Tausender Stückzahlen nicht zu vergessen die
    1 Million Altfälle kann Deutschland nicht allein bewältigen. Und die Europäischen Freunde nehmen zwar gerne Deutsche Matrikularbeiträge
    von Milliaren Euros jährlich an sind jedoch zu (fast) keiner Hilfe oder gar Gegenleistung bereit.
    Und unsere Politik ist ratlos und strebt irgendwelche Lösungen an die vielleicht in einigen Jahren den Zustrom etwas verlangsamen und bei der man auf die Hilfe fremder Staaten angewiesen ist die stets die Hand aufhalten da ja nach unserem Duktus alles für uns ein Vorteil ist für den wir gerne etwas bezahlen. Und inzwischen ?
    Und das Ergebnis , Schengen liegt auf der Intensivstation und Europa ist gespalten wie nie und der Nationalismus treibt überall seine Blüten.
    Es könnte böse enden, die Hilfsbereitschaft ohne „Obergrenze“.

Kommentare sind deaktiviert.