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Bittere Bilanz für ehemalige Opelaner aus Bochum

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Ein Jahr nach der Schließung des Werks wurde erst jeder Zehnte in eine feste Anstellung vermittelt

Seit einem Jahr produziert Opel in Bochum keine Autos mehr – und die Bilanz dessen, was seither geschah, fällt für das Ruhrgebiet und die Stadt unerfreulich aus. Gerade einmal jeder zehnte ehemalige Opel-Mitarbeiter von den 2600 Beschäftigten in der Transfergesellschaft hat bisher eine neue, feste Stelle bekommen. Zudem kommen die Abriss- und damit auch die künftigen Aufbauarbeiten auf dem Gelände der ehemaligen Fabrik kaum voran, da sie durch einen Rechtsstreit über die zugehörige Ausschreibung aufgehalten werden. Auch an anderen Stellen hakt es, trotz weitgehender Vollbeschäftigung in Deutschland.

Doch offensichtlich fehlt es im Ruhrgebiet auch in dieser Situation an ausreichend attraktiven Arbeitsplätzen in der Industrie sowie an der Flexibilität der ehemaligen Mitarbeiter. Das wegen Überkapazitäten Ende 2014 geschlossene Opel-Werk hatte zuletzt noch rund 3300 Menschen beschäftigt. Davon wechselte ein Teil an andere Opel-Standorte, das personell aufgestockte Opel-Ersatzteillager in Bochum oder zu anderen Arbeitgebern. Von den Beschäftigten in der Transfergesellschaft wurden bisher lediglich 260 Arbeitnehmer vermittelt. Weitere 700 ältere ehemalige Opel-Mitarbeiter im Alter von 55 Jahren an konnten laut Sozialtarifvertrag nach dem ersten Jahr aus der Transfergesellschaft ausscheiden. Sie sind umfassend abgesichert.

Das ist eine bittere Bilanz. Aber die vom TÜV Nord betriebene Transfergesellschaft hofft auf ein besseres Jahr 2016: In den kommenden zwölf Monaten werde die Vermittlung zulegen, erwartet der Geschäftsführer von TÜV Nord Transfer, Hermann Oecking. Er sagte vor ein paar Tagen in Bochum aber auch, dass er nicht damit rechne, für alle Beschäftigten Vollzeitstellen zu finden: „Wenn wir nicht mehr als ein Drittel bei der Arbeitsagentur anmelden müssen, haben wir einen tollen Job gemacht.“ Die Transferstelle wird im zweiten Jahr vollständig von Opel finanziert. Unzufrieden sind bisher alle, von der IG Metall bis hin zu Opel. Auch der Autohersteller erwartet für das erste Halbjahr 2016 von der Transfergesellschaft eine deutliche Steigerung der Vermittlungszahlen – und kann die negativen Schlagzeilen aus Bochum sowieso nicht gebrauchen. Die IG Metall wiederum kritisiert fehlende Qualifizierungskurse für die Beschäftigten. Außerdem seien die angebotenen Stellen häufig befristet oder wesentlich schlechter bezahlt. Aus der Sicht der Gewerkschaft ist es deshalb verständlich, dass die ehemaligen Opel-Mitarbeiter das nach vielen Jahren in guter Beschäftigung nicht annehmen. Zudem habe Opel das Versprechen, 100 zusätzliche industrielle Arbeitsplätze im Ruhrgebiet zu schaffen, bisher nicht eingelöst.

Opel will das nachholen, ist in Gesprächen und will das Thema Bochum grundsätzlich gewiss so schnell wie möglich hinter sich lassen. Lieber will man den Erfolg vermelden, im laufenden Jahr die Gewinnschwelle erreicht zu haben. Nach vorläufigen Zahlen lieferte die Tochtergesellschaft des amerikanischen Autokonzerns General Motors (GM) im vergangenen Jahr in Europa mehr als 1,1 Millionen Fahrzeuge aus. Das sind gut 35 000 oder 3,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Anteil von Opel am europäischen Gesamtfahrzeugmarkt habe im dritten Jahr in Folge auf nun rund 5,8 Prozent zugelegt. Hilfe aus Bochum war dafür schon nicht mehr nötig.

Ein weiteres Thema ist, dass die Abrissbagger längst die Arbeit aufnehmen sollten. Doch viele weitere Wochen können noch vergehen, bis es losgeht. Erst Mitte März wird sich vor Gericht herausstellen, ob bei der Auftragsvergabe korrekt vorgegangen worden ist. So sorgt ein Unternehmen, das bei der Ausschreibung nicht zum Zug gekommen ist und nun die ihm zustehenden rechtlichen Mittel nutzt, um klären zu lassen, ob dabei richtig entschieden wurde, dafür, dass der Aufbau neuer Arbeitsplätze noch langsamer voranschreitet als ohnehin schon.

Angesichts der Nachrichten aus Bochum ein Jahr nach der Schließung des dortigen Opel-Werks gilt es aber auch, ein paar Dinge festzuhalten. Wenn der Bochumer Betriebsrat seinerzeit nicht so stur gewesen wäre, könnten in Bochum auch heute noch Autos produziert werden. Die danach gefundene Regelung ist für die Beschäftigten die schlechtere Wahl gewesen, verglichen mit der Situation anderer Arbeitnehmer bei einer Werksschließung aber noch immer sehr gut. Die Transfergesellschaft läuft über zwei Jahre – und nicht, wie häufig üblich, nur über ein Jahr. Zudem waren die Abfindungen durchaus großzügig. Nicht zuletzt investiert Opel 60 Millionen Euro in ein großes Warenverteilzentrum, das schon in diesem Frühjahr fertiggestellt werden wird. Deshalb sind die nächsten zwölf Monate auch die Zeit, in der sich die ehemaligen Opelaner fragen müssen, was sie selbst in ihre Zukunft investieren wollen. Ein wenig Flexibilität sollte da schon sein, bis hin zu der Bereitschaft, künftig etwas weniger Geld zu verdienen als früher. Zum einen muss das ja bei guter Leistung in der neuen Stelle nicht immer so bleiben. Zum anderen hätten sie dann auch wieder eine neue Perspektive, im besten Fall bis zum Ende eines dann wieder produktiven Berufslebens. Es wäre gut, wenn das in der teuren Transfergesellschaft neben allen neuen Qualifikationen auch vermittelt werden könnte.


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