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WEF-Report: Flüchtlinge gelten als größtes Risiko

Im Risiko-Bericht des Weltwirtschaftsforums tauchen so viele Sorgen auf wie lange nicht. Und viele Sorgen haben viel miteinander zu tun.

Die globale Stabilität ist nach Einschätzung von führenden Fachleuten der Wirtschaft so gefährdet wie lange nicht. Als wahrscheinlichstes Risiko in diesem Jahr sehen die knapp 750 für eine Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) befragten Manager und Wirtschaftswissenschaftler den weiteren Flüchtlingszustrom.

Die Flüchtlingsbewegung habe ein in der jüngeren Geschichte noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Allein im Jahr 2014, neuere Zahlen hat das WEF in seinen Bericht noch nicht aufgenommen, hätten sich rund 59,5 Millionen Menschen gezwungen gesehen, ihre Heimat zu verlassen. Zum Vergleich: Zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs habe diese Zahl bei lediglich 40 Millionen Menschen gelegen. Mehr als die Hälfte dieser Flüchtlinge kommen aus nur drei Ländern: Syrien, Afghanistan und Somalia. Alles geschehe mit steigender Tendenz. Im Tagesdurchschnitt des Jahres 2014 hätten sich 42 500 Menschen in ein anderes Land aufgemacht. Das waren viermal mehr als im Jahr 2010. Und vor allem die Deutschen wissen: Im Jahr 2015 hat sich die Situation erheblich verschlechtert.

Das World Economic Forum stellt in seinem „Global Risks Report“ zudem fest, dass die Flüchtlinge immer länger in ihren Aufnahmeländern bleiben. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer habe sich von neun Jahren in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf 20 Jahre verlängert. Weniger als einer von vierzig Konflikten in der Welt werde innerhalb von drei Jahren gelöst – mehr als 80 Prozent beschäftigten die Menschen in der jeweiligen Region über eine Zeitspanne von mehr als zehn Jahren hinweg.

Allerdings, so das WEF: Je länger die Flüchtlinge ihrer Heimat fernbleiben, desto schwerer fällt ihnen die Rückkehr. Da es aber in den meisten Ländern an ordentlichen Strategien zur Integration von Flüchtlingen fehle, könne dies zur Bildung von Gettos, zu Frustration und Radikalisierung führen.

Viele Risiken hängen aus der Sicht der Befragten miteinander zusammen. Am folgenschwersten wird die Gefahr eines Versagens in der Klimapolitik eingeschätzt – und auch der Klimawandel könne erhebliche Auswirkungen auf die Flüchtlingssituation haben. Zudem bleibt die Sorge vor wachsenden Einkommensunterschieden groß. Gerade in Industrieländern kommt die Angst vor Cyberangriffen hinzu. Die Risiken sind in allen Bereichen – umweltbezogen, gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch und technologisch – in den vergangenen zwölf Monaten gestiegen, wie aus dem am Donnerstag in London veröffentlichten Bericht hervorgeht.

Noch nie in der elfjährigen Geschichte der Studie habe es eine „so breit gefächerte Risikolandschaft“ gegeben, heißt es in dem Bericht. Die einzelnen Gefahren seien dabei immer stärker miteinander verbunden: „Wir wissen, dass der Klimawandel andere Risiken wie Migration und Sicherheit verschärft, aber das sind keineswegs die einzigen Zusammenhänge, die sich rasant entwickeln und oftmals unberechenbare Auswirkungen auf Gesellschaften haben“, sagte Margareta Drzeniek-Hanouz vom World Economic Forum.

„Durch Ereignisse wie die Flüchtlingskrise und Terroranschläge in Europa ist die globale politische Instabilität so hoch wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr“, ergänzte John Drzik vom Industrieversicherungsmakler Marsh. Das mache Entscheidungen von Unternehmen schwieriger. Hinzu kämen zwischenstaatliche Spannungen, die Lösungen etwa im Kampf gegen den Klimawandel erschwerten.

Der „Global Risks Report“ des Weltwirtschaftsforums spricht also eine klare Sprache: Jeden Tag machen sich auf der Welt mehr Menschen auf, um ihre Heimat zu verlassen. Und in den Zielländern gibt es nirgendwo einen vernünftigen Plan, um die daraus erwachsenden Schwierigkeiten zu lösen. Die Folge sind Gettos, Frustration, Radikalisierung. In der jeweiligen Heimat der Flüchtlinge wiederum dauert es immer länger, die entsprechenden Konflikte, die zur Flucht der Millionen Menschen geführt haben, zu lösen. Häufig dauern diese Auseinandersetzungen inzwischen länger als zehn Jahre; eine Rückkehr aber ist danach nur noch sehr schwer möglich. Die Bestandsaufnahme in dem Bericht ist erschreckend deutlich, bis hin zu der Feststellung, dass die internationale Gemeinschaft bisher nur kurzfristige Antworten auf die Herausforderung gefunden hat. Insofern erstaunt es nicht, dass die vom Weltwirtschaftsforum befragten Fachleute die Flüchtlingskrise als größtes Risiko für die Welt einstufen. Aber wie soll es weitergehen? Es gibt wohl gar keine andere Lösung, als die Flüchtlinge in den jeweiligen Ländern so schnell wie möglich in Arbeitsverhältnisse zu bringen. Nur wie? Die Lektüre des Berichts deprimiert, zumal auch die anderen Sorgen, welche die Welt umtreiben, noch nie so breit gefächert waren wie im Moment.