Ad hoc

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Unternehmen bestimmen unser tägliches Leben. Aber was bewegt die Unternehmer? Über Trends, Technologien und Menschen, die sie bestimmen.

Dietmar Harhoff: Professor Fortschritt

Dietmar Harhoff kennt sich auf vielen Gebieten aus. Er analysiert, wie es um die Innovationskraft des Landes bestellt ist. Das Ergebnis schmerzt.

Ob die Bundeskanzlerin in diesen Tagen Zeit hat, das Gutachten auch zu lesen? Zweifel darf man daran haben, aber besser wäre es. Denn die Flüchtlingskrise und die Zukunft von Großbritannien in der Europäischen Union sind das eine. Aber unabhängig von diesen Fragen, die Europa im politischen Alltag in Atem halten, tickt die Uhr des digitalen Wandels. Und diese Veränderung ist in ihren Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltiger und umfassender als alle tagespolitischen Fragen, die derzeit diskutiert werden.

Einmal im Jahr kommt deshalb Dietmar Harhoff bei Angela Merkel vorbei. Dann überreicht er ihr das Gutachten der Expertenkommission der Bundesregierung zur Situation von Forschung und Innovation in Deutschland. Harhoff ist schon seit 2007 Vorsitzender der Kommission. Er weiß, wovon er redet. Und er kann über die Jahre erkennen, wo Deutschland vorankommt und wo nicht.

Aber beachten sollten man ihn nicht nur wegen dieses Amtes, sondern auch, weil er einer der angesehensten Hochschullehrer Deutschlands ist. Wer ihn trifft, lernt einen bodenständigen, unprätentiösen, hochgebildeten Mann kennen. Einen 57 Jahre alten Vater von drei Kindern, der mit einem Dasein im Elfenbeinturm wenig am Hut hat. Harhoff kennt sich in der Welt aus, in der großen weiten ebenso wie in der kleinen – und er ist fachlich breiter aufgestellt als die meisten anderen Professoren. Denn Harhoff ist zum einen Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und leitet dort die wirtschaftswissenschaftliche Abteilung. Er ist zum anderen Honorarprofessor für Entrepreneurship und Innovation an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Wer das liest, ahnt schon: Der Mann kennt sich sowohl in der Volkswirtschaft als auch in den Ingenieurwissenschaften aus.

Der in Ahlen geborene Harhoff studierte zunächst Maschinenbau an der Universität Dortmund und wurde Diplomingenieur. Danach arbeitete er zunächst als Forschungsingenieur in Großbritannien und Deutschland. Anschließend absolvierte er ein Masterstudium an der Harvard University und ein Promotionsstudium am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Von 1991 bis 1998 war er zunächst als Forschungsgruppenleiter und dann, vom Jahr 1995 an, als stellvertretender Institutsdirektor am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim tätig. Er habilitierte sich im Jahr 1996 im Fach Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Im Jahr 1998 trat er seine Position an der Universität München an. Bei Harhoff ist ein Blick in einen solchen Lebenslauf einmal nötig – denn dann wird man hellhöriger, wenn er über die Inhalte des jüngsten Gutachtens spricht. Und sein Zeugnis über die Forschung, Innovation und technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands fällt nicht gut aus.

In der digitalen Wirtschaft seien deutsche Unternehmen allenfalls Mittelmaß, konstatieren Harhoff und seine Kollegen. Das Verständnis für digitale Wirtschaft und Geschäftsmodelle müsse schon unter Kindern und Jugendlichen sehr viel stärker gefördert werden. Und während Autoren wie Manfred Spitzer („Digitale Demenz“) mit gegenteiligen Thesen in Deutschland einen Bestseller nach dem anderen schreiben, konstatiert Harhoff nüchtern, dass junge Menschen ganz selbstverständlich viel stärker im Umgang mit Daten und im Umgang mit Technologie geschult werden müssten. Das diene dem Selbstvertrauen, „damit sie sinnvolle Entscheidungen treffen können, wie sie mit ihren Daten umgehen und nicht einfach naiv alles ins Internet stellen“.

Datenschutzstandards müssten endlich verbessert werden. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden, müssten stärker in ihrer Innovationsbereitschaft und im Bereich der eigenen Forschung unterstützt werden, so Harhoff. Es sei daher eine steuerliche Forschungsförderung vorzusehen, die ein Mittelständler erhalte, ohne einen Antrag zu schreiben. In vielen Ländern gibt es so etwas schon, warum denn nur nicht in Deutschland?

Und Harhoff hat noch einige Punkte mehr auf Lager: Warum von der deutschen Industrie nicht mehr Serviceroboter gebaut würden, will er schon Tage vor der Vorlage des Gutachtens im Gespräch mit dieser Zeitung wissen. Gerade hier steckten doch die großen wirtschaftlichen Potentiale. In Deutschland aber würden immer noch 60 Prozent der Industrieroboter ausschließlich in der Autoproduktion eingesetzt. Staubsaugerroboter, Roboter zur Reinigung von Swimmingpools, Pflegeroboter – oder Roboter in der Medizintechnik, in der Logistik oder in der Chirurgie, das sei die Zukunft. Die Einsatzmöglichkeiten für Serviceroboter seien riesig. Die deutsche Industrie aber hinke hinterher.

Harhoff arbeitet an seinen Gutachten, damit sich daran etwas ändert, nicht aber, um sie ins Regal zu stellen. Ganz offensichtlich sollte also nicht nur die Kanzlerin in das Werk schauen.