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Stefan Quandt: Digitale Zukunft der Industrie gefährdet

Der BMW-Großaktionär fordert eine Ausbildungsoffensive für „Made in Germany“

BMW-Großaktionär Stefan Quandt ist davon überzeugt, dass die Deutschen ihre Vorstellung von dem, wofür das Wort „Industrie“ steht, vor dem Hintergrund der Digitalisierung der Wirtschaft an die Gegenwart anpassen müssen. „Dies ist in Deutschland vielleicht schwieriger als in anderen Ländern“, sagte Quandt in seiner Rede zur Verleihung des Herbert-Quandt-Medienpreises: „Ich habe des Öfteren den Eindruck, viele von uns verstehen unter Industrie häufig immer noch rauchende Schlote, während im Rest der Welt das Verständnis eher in Richtung Branche, Gewerbe oder auch Geschäft geht.“ Für Quandt deutet schon dieser Unterschied im Verständnis des Wortes Industrie darauf hin, dass die Deutschen noch nicht entschlossen genug mit dem Thema der Digitalisierung der Wertschöpfungsketten unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ umgehen.

„Viele Länder haben die Chancen von Industrie 4.0 bereits voll im Visier, allen voran, auch bei diesem Thema wieder, China“, sagte Quandt. Im Beschluss des chinesisches Staatsrats „Made in China 2025“ werde explizit ein „Internet Plus“- Aktionsplan genannt, um die Verbindung des mobilen Internets, der Cloud, von Big Data und dem Internet der Dinge mit der modernen Produktion zu erreichen. Wie engagiert sich China auf das Thema Industrie 4.0 einlasse, zeige der jüngste Übernahmeversuch im deutschen Maschinenbau: Der Roboterhersteller Kuka aus Augsburg steht in den Augen von Quandt wie kaum ein anderes Unternehmen für die digitale Zukunft von „Made in Germany“.

Und der chinesischen Staatsregierung sei sonnenklar, dass China den Vorteil niedriger Lohnkosten nicht mehr lange halten könne – andere Länder wie etwa Nordkorea öffneten sich langsam und punkten mit Billiglöhnen. Umso wichtiger sei es für China, die steigenden Lohnkosten mit einer Erhöhung der Produktivität wettzumachen. Dies gehe aber nur, wenn veraltete Fabriken und Produktionsanlagen im 21. Jahrhundert ankommen.

Deutschland wiederum biete die Digitalisierung die Gelegenheit, sich wieder neu auf die technologischen Stärken der Industrie zu besinnen, ist Quandt überzeugt: „Egal, ob dabei Losgröße 1 – also ein individuelles Produkt nach Wunsch des Kunden – oder eine großserielle Fertigung gefragt ist. Wir haben die enorme Chance, mit unseren Kompetenzen in Konzeption und Fertigung die Digitalisierung entscheidend mitzugestalten.“

Und an vielen Stellen geschehe dies auch schon. Dazu nennt Quandt Beispiele: „In den BMW-Werken in Dingolfing, Regensburg und Spartanburg arbeiten Menschen und Roboter in gemischten Teams Seite an Seite. Die Roboter kommen heraus aus ihren Schutzkäfigen und übernehmen in einer direkten und nahtlosen Mensch-Maschine-Kooperation als sogenannte „Cobots“ Tätigkeiten, die für den Werker ergonomisch belastend und kräftezehrend sind.“

In Detroit schweiße Kuka Karosserien für einen amerikanischen Autokonzern. Und in diesem Fall habe sich das Geschäftsmodell von Kuka umgekehrt: Das Unternehmen verkaufe nicht mehr seine Roboter, sondern die Produktionsleistung seiner Roboter. Bezahlt werde nach Stückzahl der hergestellten Karosserien. Künftig werde das Unternehmen seine Roboter nur noch vermieten und über die Cloud überwachen und warten.

„Doch sind dies im Grunde nur Vorphasen eines neuen Layouts in der industriellen Fertigung. In der Fabrik der Industrie 4.0 sind Bauteile auch gleichzeitig Informationsträger. Produkte und Produktionsmittel kommunizieren miteinander und sind vollständig vernetzt: Dies ermöglicht eine deutlich effizientere Gestaltung der Wertschöpfungskette über den gesamten Lebenszyklus von Produkten. Dabei flexibilisiert Industrie 4.0 nicht nur die Produktion, sondern wirkt sich auch auf Logistik, Einkauf, Entwicklung, Vertrieb und andere Wertschöpfungsstufen aus“, sagte Quandt.

Die Digitalisierung stelle dabei vor allem hohe Anforderungen an das Bildungssystem, an die Aus- und Weiterbildung gleichermaßen. Umso bedenklicher müsse erscheinen, was eine Studie der Universität Hohenheim jüngst ergeben habe: Für 29 Prozent der befragten Unternehmen spiele Industrie 4.0 keine Rolle in der Weiterbildung. Für 38 Prozent sei Industrie 4.0 sogar in der Erstausbildung irrelevant.

Dabei verändere sich tatsächlich alles. Mit dem Einzug des Internets in die Produktion steuerten sich intelligente Produkte eigenständig, Bauteile würden zu Informationsträgern und stellten ihre Daten mobil und in Echtzeit zur Verfügung, Werkzeugmaschinen fingen an, sich untereinander auszutauschen und handelten miteinander die nächsten Produktionsschritte aus: „Roboter übernehmen ihre Aufgaben zunehmend in gemischten Teams aus Menschen und Maschinen. Mit Schlagworten wie Big Data, Sensorik, 3D-Druck, Robotik, Virtuelle Realität und Cloud stehen produzierende Unternehmen mit ihren Fach- und Führungskräften vor großen Veränderungen und Herausforderungen.“

Vor diesem Hintergrund fordert Quandt eine gemeinsame Anstrengung von Industrie und allen Partnern in der beruflichen Bildung, um eine moderne Ausbildung von Fachkräften zu gewährleisten: „Denn ob Facharbeiter oder Akademiker – die Entwicklung von neuen Arbeits-Kompetenzen ist unverzichtbar. Facharbeiter müssen Maschinen lesen und flexibel anleiten können. Ingenieure benötigen Softwarekenntnisse, und Kaufleute werden sich in den Unternehmen zunehmend mit immateriellen Assets und neuen Kreditformen beschäftigen. Und dies alles nicht nur auf der Ebene des einzelnen Unternehmens, sondern im Netzwerk der Wertschöpfung von Industrie 4.0“, sagte Quandt. Wettbewerbsfähig zu sein und zu bleiben sei nicht nur industrie- oder wettbewerbspolitisch geboten. Das Ziel muss in Deutschland in den Augen von Quandt eine umfassende gesellschaftliche Aufgabe sein: „Industrie 4.0 ist die digitale Zukunft von ,Made in Germany‘“.

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