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Ford vor Elektro- und Hybridoffensive in Europa

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Europachef Farley will vorbereitet sein, wenn in fünf Jahren die ersten Städte nur noch Elektroautos hereinlassen sollten.

Von Martin Gropp und Carsten Knop

Schon seit mehr als einem Jahrhundert bestehen familiäre Bande zwischen dem amerikanischen Autohersteller Ford und seinem heutigen Europachef Jim Farley. Farleys Großvater begann 1913 bei dem Automobilproduzenten zu arbeiten, als Mitarbeiter mit der Nummer 389. Heute, 103 Jahre später, sitzt sein Enkel in einem Büro auf dem Werksgelände des Unternehmens im Kölner Stadtteil Niehl und leitet das europäische Geschäft des Unternehmens mit all seinen aktuellen Herausforderungen – von der Diskussion um die Zukunft des Dieselmotors über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Ford bis zuletzt stark plagten, bis hin zur Elektromobilität. Keine kleine Aufgabe, doch Farley scheint sich damit wohlzufühlen, genauso wie in seiner immer noch neuen Heimat am Rhein.

„Ich mag diese Stadt sehr“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Köln ist eine offene und diverse Stadt. Die Menschen hier verstehen hart zu arbeiten und dennoch ihr Leben zu genießen.“ Als Ford-Europachef sei er viel unterwegs, reise in die Türkei, nach Russland oder in den Nahen Osten. „Aber 80 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich hier in Köln. Denn hier sind das Herz und die Seele unseres europäischen Geschäfts.“

Das soll nach seinen Worten auch so bleiben.
In Köln sitzt die europäische Verwaltung des Unternehmens, hier läuft aber auch der Kleinwagen Fiesta vom Band. Die Fertigung kleiner Autos am Rhein habe Zukunft, sagt der Ford-Manager. „Köln ist ein einzigartiger Standort. Wir haben hier im Branchenvergleich die effizienteste Autofabrik der Welt. Wir brauchen weniger Zeit, um einen Fiesta zu bauen, als jedes andere Unternehmen für seine Wagen.“ Weniger als 13 Stunden dauere es im Schnitt, bis ein fertiger Fiesta vom Band rollt.

Dazu kommt laut Farley die geographische Lage von Köln. Weil sich die Stadt so zentral in Europa befinde, seien die Transportkosten niedrig. „Das alles macht das Werk in Köln selbst mit Blick auf die Fertigung in Niedriglohnländern absolut konkurrenzfähig“, sagt Farley. Das schlägt sich auch in der Mitarbeiterzahl am Standort Köln nieder. Sie stieg innerhalb der vergangenen vier Jahre um fast 1000 Arbeitsplätze – von 17 650 Mitarbeitern 2012 auf 18 615 Mitarbeiter im Mai dieses Jahres.

„Ich bin stolz auf das operative Geschäft hier in Deutschland“, sagt Farley und lobt dabei auch die Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft. „Die Führung der IG Metall ist sehr geschäftsorientiert. Sie ist bereit, einen Weg zu finden, damit deutsche Autoarbeiter international konkurrenzfähig sind. Das unterscheidet sie auch von Gewerkschaften in anderen Ländern.“ Auch sei die Arbeitnehmervereinigung sehr kompromissbereit, was die weitere Automatisierung der Werke betreffe – was erst einmal wie ein Widerspruch klingt. Farley sieht das anders: „Die Gewerkschaft weiß, dass die Automatisierung notwendig ist, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Und je wettbewerbsfähiger die Mitarbeiter sind, desto eher ist es möglich, sie langfristig weiter zu beschäftigen.“

Vielleicht wird sich ein Teil der Beschäftigung schon in naher Zukunft auch auf Elektroautos beziehen. Anders als im Heimatmarkt Amerika, wo Ford eine ganze Palette von elektrifizierten Autos oder Fahrzeugen mit Hybridmotor anbietet, sieht es in Europa damit mau aus – noch. Das Unternehmen hat hier einzig den Focus Electric im Programm, einen rund 35 000 Euro teuren Viertürer mit einer maximalen Reichweite, die der Hersteller auf 162 Kilometer beziffert. Nach Farleys Worten soll der Focus Electric aber nicht mehr lang alleine bleiben, „Wir werden in Europa eine ganze Reihe von batterieelektrischen und Hybridfahrzeugen einführen. Auch wenn ich noch nicht sagen kann, welche es sein werden und wann sie kommen. Das müssen wir alleine schon deshalb tun, weil jeder Hersteller Elektroautos in seinem Angebot haben wird.“

Im Vergleich zu seiner Heimat, den Vereinigten Staaten, sieht Ford in Europa in diesem Punkt noch Nachholbedarf. Auch deshalb hat das Unternehmen schon vor längerer Zeit angekündigt, 4,5 Milliarden Dollar in dieses Feld investieren zu wollen. „Die Elektrifizierung ist für uns in den Vereinigten Staaten eine weitaus größere Geschichte“, sagt Farley. „Wir sind in Amerika die Nummer zwei, was den Verkauf von Hybridfahrzeugen angeht – und wir übertreffen mit diesen Verkaufszahlen sogar Tesla, auch wenn das kaum jemandem auffällt.“ Dennoch habe Ford auf diesem Gebiet noch viel zu lernen.

Der Wissenszuwachs soll laut Farley über ein Segment kommen, in dem das Unternehmen traditionell stark vertreten ist: Fahrzeuge für Handwerker oder Gewerbetreibende. „Die Elektrifizierung wird in größerer Zahl auch sehr stark bei den Nutzfahrzeugen stattfinden. Allein schon, weil Kommunen sich dazu entscheiden werden, nicht-elektrifizierte Autos nicht mehr in die Innenstädte zu lassen. Wenn in fünf Jahren die ersten Städte nur noch Elektroautos hereinlassen, dann muss man elektrifiziert fahren.“

Doch seien die europäischen Rahmenbedingungen für Ford mitunter nicht einfach. „Was die Elektrifizierung betrifft, ist jede Region anders. In Europa ist das besonders schwierig, weil jedes einzelne Land andere Anreize setzt. Wir haben beobachtet, dass die schnelle Verbreitung von Elektroautos vor allem durch nicht-monetäre Anreize geschieht“, sagt Farley. Als Beispiel nennt er den amerikanischen Bundesstaat Kalifornien, wo Elektroautos auf Extraspuren fahren dürfen, die sonst nur Fahrzeugen mit mehreren Insassen vorbehalten sind.

Dennoch werde sein Unternehmen auch am Programm für die Elektroprämie teilnehmen. Ende April hatten sich Bundesregierung und die Automobilindustrie darauf geeinigt, reine Elektroautos mit einem Zuschuss von 4000 Euro zu fördern, wobei die Hälfte des Geldes von den Unternehmen kommt und der Rest vom Staat. Hybridmodelle mit einer Mischung aus Elektromotor und Verbrennungsmotor sollen mit 3000 Euro gefördert werden.

Hybridmotoren sind für Farley auch rund um die Abgasaffäre beim deutschen Konkurrenten Volkswagen wichtig. Seinen Worten zufolge spürt auch Ford, dass die Kunden sich von Autos mit Dieselantrieb abwenden. „Beim Diesel sehe ich zwei Trends, auch mit Blick auf die Abgaswerte, die die nur unter sehr großem Aufwand zu erreichende Abgasnorm Euro 6 vorgibt“, sagt der Ford-Manager. „Nutzfahrzeugkunden werden bereit sein müssen, für niedrigere CO2-Werte zu bezahlen, weil sie sonst mit ihren gewerblichen Fahrzeugen nicht mehr in die Innenstädte fahren können. Dann könnte zum Beispiel ein Klempner auch nicht mehr seinem Beruf nachgehen. „Der Unterschied in den Betriebskosten zwischen einem Benziner und einem Diesel sinkt. Dazu kommen Fahrzeuge mit Hybridantrieben. Diese Autos weisen dieselben CO2-Werte auf wie ein Diesel und kosten auch dasselbe.“ Die Entscheidung für oder gegen einen Hybridantrieb werde daher nicht mehr so stark von den tatsächlichen Nutzungskosten bestimmt.

Aussagen wie diese verdeutlichen auch, wie tief der frühere Marketing-Manager inzwischen in Technikfragen drinsteckt. „Am liebsten würde ich noch mehr Zeit mit den Ingenieuren in unseren Entwicklungslabors statt hier im Büro verbringen“, sagt Farley. „Der Kontakt zu unseren Mitarbeitern ist mir sehr wichtig. Ich versuche zum Beispiel so oft es geht in die Kantine essen zu gehen, um mich dann mit den Mitarbeitern zu unterhalten.“ So kann es passieren, dass der Europachef von Ford dann neben dem Bandarbeiter sitzt und beide sich über die Arbeit bei Ford unterhalten, manchmal mit Händen und Füßen. Farley hat dann ein offenes Ohr für die Nöte und Sorgen der Mitarbeiter. „Viele Mitarbeiter waren besorgt über die Zukunft des Standorts Köln und haben das mir auch deutlich gemacht.“

Manche Nöte beziehen sich aber auch auf den ganz konkreten Arbeitsalltag, zum Beispiel auf den Zustand der Einrichtungen im Werk in Köln-Niehl. Wo es geht, ist Farley dann pragmatisch, kümmert sich um konkrete Verbesserungen im Detail. So wie bei Google sieht es damit bei Ford in Köln zwar noch nicht aus, aber voran geht es gleichwohl.