Aufbruch in die Antarktis

Aufbruch in die Antarktis

Acht Wochen mit dem Eisbrecher Polarstern auf Expedition

Eine Wand aus Eis

| 6 Lesermeinungen

Plötzlich taucht sie vor uns auf – eine Wand aus Eis. Beinahe senkrecht ragt sie 15 Meter aus dem dunklen Wasser. Sie reicht damit sogar bis zum Oberdeck vom Forschungsschiff Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts, auf dem wir gemeinsam mit den anderen Wissenschaftlern  in der Antarktis unterwegs sind. Das Eis hat sich hier vom Felsbett des antarktischen Kontinents hinaus aufs Meer geschoben. Majestätisch! Der Großteil der Eisklippe vor uns liegt unter der Wasseroberfläche. Insgesamt ist die Schelfeiskante hier etwa 150 Meter dick. Es scheint, als würde sie sich nach rechts und links unendlich weit erstrecken. Doch so massiv sie auch wirkt, die Eisschelfe rund um den Kontinent gehören zu den empfindlichsten Teilen der Antarktis.

© Fotos Winkelmann/Reese„Nach den stürmischen Bedingungen südlich vom Kap der Guten Hoffnung liegt der Eisbrecher nun ganz ruhig im Wasser.“

Seit gut einer Woche sind wir nun mit Polarstern unterwegs. Kurs: immer gen Süden. Das Wetter hat sich über die letzten Tage extrem verändert. War es in Kapstadt, wo wir an Bord gegangen sind, noch knapp 30 Grad heiß, so sind Luft- und Wassertemperatur jetzt immer nahe dem Gefrierpunkt, die gefühlte Temperatur sogar bis minus 20 Grad. Nach den stürmischen Bedingungen südlich vom Kap der Guten Hoffnung liegt der Eisbrecher nun ganz ruhig im Wasser. Mit jedem Tag der Reise in den Polarsommer merken wir, dass die Sonne früher auf- und später untergeht. Und mit jedem Tag erleben wir ein neues Naturspektakel: ein blutroter Sonnenaufgang. Buckelwale, die in der Ferne vorbeiziehen. Der erste Eisberg bei 55° Süd (eher noch ein “Eiszwerg”), kurz darauf der zweite, der dritte,…

„Durch den menschengemachten Klimawandel wird das Gleichgewicht zunehmend gestört.“

Wir sind am Schelfeis angekommen. In der Atka-Bucht, dem Stück Küste vor der deutschen Forschungsstation Neumayer III. Jetzt, wo wir vor der Eiskante liegen, werden die Dimensionen der Antarktis zum ersten Mal richtig greifbar. Der Anblick erweckt Zahlen zum Leben, die wir sonst eher von unseren Computersimulationen kennen: Im Landesinneren türmt sich das Eis bis zu 4000 Meter auf. Der Eispanzer ist so massig, dass er den Meeresspiegel weltweit um mehr als 50 Meter anheben könnte, würde er komplett abschmelzen. Das würde viele Jahrhunderte dauern, aber dennoch: Es ist ein schlafender Gigant.

Ruhig liegt die Schelfkante vor uns. Keine Bewegung. Doch das täuscht. Das „ewige Eis“ ist eigentlich ständig in Bewegung. Fließt vom Landesinneren – zäh wie extrem dickflüssiger Honig – von der Schwerkraft getrieben in Richtung Ozean. Es ist ein ständiger Kreislauf: Durch Schneefall entsteht neues Eis auf dem Kontinent, an den Rändern brechen Eisberge ab, und das vergleichsweise warme Ozeanwasser schmilzt das schwimmende Schelfeis am Rande der Antarktis von unten. Eine sensible Balance. Durch den menschengemachten Klimawandel wird dieses Gleichgewicht jedoch zunehmend gestört.  Erwärmen sich die umgebende Luft und der Ozean, reagiert das Eis: Schelfe werden dünner. Gletscher beschleunigen sich, ziehen sich zurück.

© Fotos Winkelmann/Reese„Der Mensch ist eine geologische Kraft.“

Wo, wie viel, wie schnell? Das untersuchen wir mit unserem Eisschildmodell am PIK, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Klar ist: Wenn wir – die Menschheit als Ganzes – so weitermachen wie bisher, wird der antarktische Eisschild zunehmend an Masse verlieren und dadurch der Meeresspiegel weltweit weiter ansteigen. Im Extremfall, würden wir alle noch verfügbaren Ressourcen an Gas, Kohle, Öl verbrennen, wäre das langfristig das Ende des ewigen Eises. Der Mensch ist eine geologische Kraft. So klein wir auch sind, im Vergleich zu der Eisklippe vor uns.

Schon wenn kleine Flächen der schwimmenden Eisschelfe dünner werden, kann das weitreichende Folgen haben. Eine Destabilisierung hier am Rand kann bis zu 900 Kilometer – mehr als die Strecke München-Kiel – quer durch das Schelf und bis aufs Festland ein Signal senden, das den Eisfluss verändert, wie wir in unseren Computersimulationen schon zeigen konnten. Das geschieht mit einer unglaublichen Geschwindigkeit, so schnell wie der Schall, ähnlich wie sich sonst etwa Erdbeben ausbreiten. Alle Veränderungen in den Eisschelfen zusammen können einen großen Einfluss auf den Spannungszustand an der Aufschwimmlinie der kontinentalen Eismassen haben. Das Dünnerwerden der Schelfe führt zu Eisverlust aus dem Inland. Dieser indirekte Prozess ist tatsächlich der Hauptgrund für den derzeit beobachteten Beitrag der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg.

© Fotos Winkelmann/Reese„Die Kollegen auf der Neumayer-Station erwarten uns.“

Kalter Wind fegt über die Eisebene. Sturmvögel ziehen ihre Schleifen über uns. Auf den Schollen in der Bucht ruhen sich Adeliepinguine aus. Die Kollegen von der Neumayer-Station erwarten uns schon. Die Polarstern bringt ihnen wichtige Geräte, Nahrungsmittel, Treibstoff. Beim Entladen packen alle mit an. Auf der Station wird rund ums Jahr geforscht. Zu Fragen der Geophysik, der Meteorologie, der Luftchemie. Mitten in diese faszinierende Eiswüste führt uns jetzt auch unsere Forschung. In den nächsten Wochen werden wir tiefer ins Meereis fahren. Dort wollen wir die Prozesse an der Unterseite der Schollen untersuchen. Unsere Geräte dafür haben wir im Labor schon aufgebaut, nun müssen sie kalibriert werden. Aber das kann für den Moment warten. Das Schiffshorn ertönt – Zeit, wieder an Bord zu gehen.


6 Lesermeinungen

  1. Widerspruch
    Sehr geehrte Frau Reese, sehr geehrte Frau Winkelmann,

    bezüglich der vielen Jahrhunderte möchte ich Ihnen widersprechen. Der unbestimmte Begriff Äonen dürfte besser passen.

    Bitte berücksichtigen Sie, daß wir Leser durch die alarmistische Berichterstattung über das Schmelzen in der Westantarktis in beide Richtungen sensibilisiert sind.

    Die Masse des Eises in der Antarktis als Ganzem nimmt gegenwärtig zu. Wir dürfen darauf vertrauen, daß diese Zunahme anhält. Noch ist die Luft über der Antarktis so kalt und absolut trocken, daß recht wenig Schnee fällt. Sollte sich die Jahresdurchschnittstemperatur über der Antarktis deutlich erhöhen, würden die Niederschläge schneller steigen, als die Schmelzvorgänge.

    4.000 Meter Eis lassen sich nicht in ein paar Jahrhunderten schmelzen. Rechnungen über die Auswirkungen dieses Schmelzwassers auf die Meeresspiegel sind irreführend.

    • Eismassen Antartis
      „Die Masse des Eises in der Antarktis als Ganzem nimmt gegenwärtig zu.“
      Stimmt nicht: „An unweighted average of recent estimates suggests that Antarctica moved from a weakly negative mass balance in the 1990s to a faster rate of mass loss at a rate of between -45 and -120 gigatonnes per year…
      The GRACE (Gravity Recovery and Climate Experiment) satellite gravity mission shows that total mass loss in Antarctica is accelerating over time. They found that total mass loss increased by 26 ± 14 gigatonnes per year from 2002 to 20099. Rignot et al. (2011) found a smaller acceleration of 14.5±2 gigatonnes per year from 1993-20115, but this change is still three times larger than that found for mountain glaciers and ice caps.
      https://www.antarcticglaciers.org/glaciers-and-climate/antarctic-ice-sheet-surface-mass-balance/
      „Wir dürfen darauf vertrauen, daß diese Zunahme anhält.“ Genauso wie auf die Richtigkeit Ihrer Worte?

  2. Den "menschengemachten Klimawandel" sollte man schon präziser benennen
    „Durch den menschengemachten Klimawandel wird das Gleichgewicht jedoch zunehmend gestört. Erwärmen sich die umgebende Luft und der Ozean, reagiert das Eis: Schelfe werden dünner. Gletscher beschleunigen sich, ziehen sich zurück.“
    Die Hauptursache ist die Gesamtzahl der Menschen auf der Erde. Je größer diese Zahl ist und noch wird um so mehr steigt der Verbrauch der verfügbaren Ressourcen. Und tatsächlich stört die immer noch stark wachsende Weltbevölkerung schon in ihrer jetzigen Größenordnung den für Klima und Temperatur wichtigen stabilen Kreislauf des globalen Kohlenstoffzyklus und als natürlicher Bestandteil der Luft ein wichtiges Treibhausgas in der Erdatmosphäre. Menschen können das nicht steuern, aber nachhaltig stören. Zum Kohlenstoffzyklus gehören auch die Speichermöglichkeiten z.B. in Wäldern und Meeren. Auch unsere fossilen Energieträger gehören dazu und immer mehr Menschen verbrauchen zu viel davon und lassen der Speicherung keinen Raum mehr.

  3. Relativierung der Relativierungen
    Das mit dem kompletten Abschmelzen ist tatsächlich für viele Generationen nicht zu erwarten, allerdings wäre auch ein Meeresspiegelanstieg um einen Meter in hundert Jahren (statt um fünfzig Meter in 5000 Jahren) für viele Küstenbewohner unangenehm, und nochmal hundert Jahre weiter wird es entweder für sehr viele Leute sehr unangenehm oder sehr teuer. Und dies ist durchaus realistisch, da das erwärmte Meerwasser die schwimmenden Eiszungen antaut, was dann zum schnelleren Rutschen der dahinterdrängenden Gletscher führt.
    Was die ‚vielen Leute‘ angeht: Die Ausbildung von Frauen und ein funktionierendes Rentensystem bremsen am effektivsten die Geburtenrate, und das noch mit Freiheitsgewinn für die Betreffenden. Aber auch wenig Menschen können sehr viel CO2 produzieren, das sieht man an uns selbst. Aktuell werden auf der halben Welt die Weichen gestellt, wie es mit der Energieversorgung künftig weitergeht. Vermutlich wäre ein mehrgleisiger Veränderungsansatz am schlaueste

  4. Ja was denn nun, die Damen Winkelmann und Reese?
    Wird jetzt „der antarktische Eisschild zunehmend an Masse verlieren“, oder gilt die im Titel ihre Studie von 2015 gemachte Aussage, dass das Eis weiter zunehmen wird?
    „Consistent evidence of increasing Antarctic accumulation with warming“ (2015)
    von Katja Frieler, Peter U. Clark, Feng He, Christo Buizert, Ronja Reese, Stefan R. M. Ligtenberg, Michiel R. van den Broeke, Ricarda Winkelmann und Anders Levermann.

    Im Übrigen: Wenn Akademiker schreiben, ein Abschmelzen der Antarktis würde „viele Jahrhunderte dauern“, dann wendet sich der Leser ob der politischen Propaganda mit Grausen ab.

  5. Globale Erderwährmung !?
    Dieser Text ist das typische Katastrophenszenario von Personen die ihre
    sogenannten Forschungen auf Kosten der Steuerzahler ja nicht in Frage stellen wollen.Das eine globale Erderwährmung stattfindet ist schon möglich,aber über das Maß und die Zeit,kann meiner Meinung nach keiner konkrete Angaben machen.
    Ich habe festgestellt,daß sich der Mond jeden Tag etwas näher an der Erde befindet.Es steht also fest,daß er in ein paar hundert (oder tausend,oder hunderttausend,oder millionen) Jahren auf die Erde fällt.
    Hiermit beantrage ich bei der Bundesregierung für mich ausreichende Fördergelder um meine Forschungen fortzuführen.
    Mit freundlichen wissenschaftlich fundamentierten Grüßen, geloe!!!

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