Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Der Las Vegas-Effekt, oder: fragwürdige Panchromie. Aus Anlaß einer Wiederbesichtigung der „Bunten Götter“

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Eine Sonderausstellung in der Kasseler Antikensammlung bietet noch bis zum 1. Juni Gelegenheit, erneut die „Bunten Götter" in Augenschein zu nehmen -...

Eine Sonderausstellung in der Kasseler Antikensammlung bietet noch bis zum 1. Juni Gelegenheit, erneut die „Bunten Götter“ in Augenschein zu nehmen – wenigstens teilweise, denn die Schau im Erdgeschoß und im zweiten Stock des Schlosses Wilhelmshöhe präsentiert im Zusammenspiel mit den Hauptstücken der eigenen Dauerausstellung nur einen Teil der rekonstruierten Farbfassungen antiker Skulpturen und Reliefs, die zuvor unter anderem in München, Hamburg und Basel zu sehen waren, darunter aber immerhin den erstmals voriges Jahr in Frankfurt gezeigten sog. Perserreiter von der Akropolis.
Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung im Frankfurter Liebighaus, und seine Mitforscher bemühen sich schon seit vielen Jahren mit großem Medienecho, dem staunend-irritierten Publikum dessen angeblich vom Klassizismus geprägten Sehgewohntheiten auszutreiben: Nicht marmorweiß seien die Figuren gewesen, sondern von intensiver Farbigkeit, wie bekanntlich ja auch die Vasenbilder und die Wandmalereien. Nun lassen die lange bekannten Bemalungsreste an ergrabenen Statuen und Bauteilen sowie verschiedene antike Quellenbelege keinen Zweifel daran, daß es in der Antike derlei gab, und das nicht bloß vereinzelt. Dennoch: Der wiederholte Blick auf dieses neue Bild der Antike verstärkt die Reserven gegen die Brinkmann’sche Panchromie.
Betrachtet man das wohl bekannteste Paradestück des neuen Paradigmas, den knienden, als Hektors Bruder Paris identifizierten Bogenschützen vom Westgiebel des Aphaia-Tempels auf Aigina, sowie den genannten Perserreiter, so handelt es sich bei beiden um Barbaren (das wäre auch der Fall, wenn letzterer als Amazonendarstellung zu identifizieren wäre). Bei beiden Objekten aus der spätesten Archaik unterstützen die Farben die Pracht und Bewegung einer Figur, die als dem Rand der griechischen Zivilisation zugehörig betrachtet worden sein dürfte. Außerdem mag die Bemalung auch der Sichtbarkeit der im Falle der Giebelfigur vom Betrachter entfernten Objekte unterstützt haben. Das kann man verstehen und hinnehmen. Schwerer hinzunehmen fällt schon die ebenfalls zum Aphaia-Tempel gehörende Athena mit ihrem bunt geschuppten, barbarisch anmutenden Ziegenfell, das gesäumt ist von giftgrün züngelnden Schlangen, die sich drohend gegen den Betrachter wenden. Eine orientalisch-wilde, chthonische, gleichsam Burkert’sche Göttin? Der Effekt sei präsent, so Dieter Bartetzko in der F.A.Z., verpuffe aber rasch, und dann vermisse man geradezu „angesichts der brütenden Idolatrie der bunten Doppelgängerin die wache Majestät des entfärbten Originals“. Und vollends verkehrt sieht es bei der Grabstele des Aristion aus, die um 510 v.Chr. auf dem Grabhügel eines im Kampf umgekommenen Aristokraten errichtet war. Auch hier ist die farbige Fassung des sehr flachen Reliefs an sich unstrittig, aber die in Kassel erneut gezeigte knallbunte Rekonstruktion sieht einfach furchtbar aus, wie eine aus Plastik herausgepreßte Reklamefigur vor einem 50$-Motel in Las Vegas.

Für den Parthenonfries räumt übrigens selbst Brinkmann eine gewisse Dämpfung der Farben, auch durch eine Beimischung von Weiß, als sehr wahrscheinlich ein.

Geschichtstheoretisch betrachtet entbehrt die neue Sichtweise nicht eines naiven Originalfetischismus, der im Ergebnis geradezu ahistorisch wirkt. Die Figuren werden so gezeigt, wie sie (angeblich) zum Zeitpunkt ihrer Aufstellung ausgesehen haben. Sonne und Regen dürften indes ihr bleichendes Werk rasch verrichtet haben, zumal wenn die Stücke im Freien standen. Ähnliches gilt für die Korrosion der Bronzefiguren. Den weitaus längsten Teil ihrer Geschichte sahen die Skulpturen also gerade nicht so aus, wie es jetzt suggeriert wird. Einen wesentlichen Teil macht dabei die Phase aus, in der sie seit der Renaissance farb-los das Interesse eines faszinierten und inspirierten Publikums fanden – das die Farbe offenbar nicht vermißte. Die mit dem Namen Winckelmann ja nur codierte, nicht erschöpfte Wahrnehmung einer ‘weißen‘ Antike kann jedenfalls schlechterdings nicht einfach zu einem ideologisch motivierten Irrtum erklärt werden. Hinzu kommt: Außer der Verblüffung durch die Buntheit hat die Schau, hat das ganze Konzept keine ästhetisch schlüssige Neuinterpretation der – nun farbigen – Antike zu bieten. Die angeblich unwiderlegliche, aber völlig sinnleere Evidenz der Spektral- und Streiflichtanalysen und die Exaktheit der computergenerierten Graphen räumen nicht einmal vordergründig die naheliegende Frage aus, was den modernen Betrachter, der ja nicht nach antiken Vorläufern von Comic-Figuren und Profi-Wrestlern sucht, hier denn noch in Bann schlagen soll. Als letztes Jahr in Frankfurt der grelle Gipsabguß einer zur Artemis umgedeuteten Kore mit einem Strahlenkranz aus Pfeilspitzen neben der Athena des Myron zu sehen war, konnte man jedenfalls die ganze Idee widerlegt sehen, so noch einmal Bartetzko: „Nicht trotz, sondern wegen der bunten Rekonstruktion strahlt die kristallin weiße Marmorfigur fesselnde Anmut und Ruhe aus.“
Überhaupt: die Oberfläche. Was die bunte Plastik so wenig überzeugend erscheinen läßt, ist ihre Materialität. Mögen die Pigmentfarben auch noch so original aus originalen Mineralien gewonnen sein: die Oberfläche der so bemalten Gipsreplikate wirkt stumpf und absolut spannungslos. Der beste feinkristalline Marmor hingegen hat eine feine, im Licht schimmernde, bisweilen leicht transparent erscheinende Oberfläche, die sofort eine nachgerade magische Beziehung zwischen Figur, Material, Licht, Raum und Betrachter herzustellen in der Lage ist. Nichts davon hier. Die Farben ziehen alle Aufmerksamkeit auf die Fläche, nicht auf Nuancen; sie verschlucken das Licht, anstatt es veredelt auf den Betrachter zurückzulenken; sie „atmen nicht, sondern versiegeln, geben (…) den Rekonstruktionen nicht das Aussehen Lebender, sondern geschminkter Toter“ (Bartetzko).

Verkürzt zusammengefaßt: Da hinter der ganzen Aktion kein ästhetischer Antrieb steht, werden nicht farbig gefaßte Kunstwerke gezeigt, sondern angestrichene Demonstrationsobjekte. Liegt es im Zug der Zeit, von Terra X-Fernsehen, daß hier zwei – auch sonst, etwa für Korfmanns ‘neues‘ Troia, gern in Gang gesetzte – Apparate der Archäologie mobilisiert werden, nämlich das naturwissenschaftliche-technische Verfahren und die grundstürzende Entdeckung wider alle gängigen Auffassungen, während die Tradition als Irrtum, das ästhetische Empfinden als irrelevant an den Rand gedrängt werden?

Der reichhaltige und lesenswerte Katalog kostet in der Ausstellung € 24,90. – Der zit. Artikel von D. Bartetzko: Wenn Löwen Hände hätten, F.A.Z. v. 11.10.2008.

Nicht in Kassel zu sehen ist die von einem italienischen Forscherteam begonnene farbige Fassung des Augustus von Prima Porta. Sie ist schlicht scheußlich. Im Vergleich dazu wirkt die gemalte Rekonstruktion von L. Fenger aus dem Jahr 1886 sehr viel überzeugender – wie auch sonst nicht selten die Vorschläge aus dem Neunzehnten Jahrhundert plausibler wirken als die neuesten.

 


1 Lesermeinung

  1. Ich gestehe gerne zu, dass die...
    Ich gestehe gerne zu, dass die Bemalungen der Skulpturen und Reliefs von erhabener Scheußlichkeit sind. Allerdings ziehe ich daraus andere Schlussfolgerungen. Ich bin der Meinung, dass die Figuren damals wirklich so ausgesehen haben und auch genau den Geschmack des damaligen Publikums trafen. Es passt nach meiner Vorstellung hervorragend zu der kleingeistigen Kantönli-Wirtschaft der damaligen Poleis. Ich bin durchaus mit Friedell einverstanden, wenn er die für uns noch maßgeblichen Philosophen und Dichter für Ausnahmegestalten hält, die mit dem Alltagsleben z.B. in Athen wenig zu tun haben. Zudem ja ohnehin viele der größten Geister aus den Kolonien stammten. Unter den Bedingungen einer direkten Demokratie, die zudem so stimmungsabhängig wie die athenische war, ist die Kunst immer in Gefahr, zur Propaganda zu degenerieren. Da passen quietschbunte Comic-Helden bestens ins Bild. Ich meine, dass die griechische Kunst im wesentlichen genau darauf abzielte: möglichst echt wirkende Illusionskunst. Dass dabei zufälligerweise das eine oder andere Meisterwerk mit unterlief war wohl unbeabsichtigt. Die eigentliche Rezeption der griechischen Skulptur als Kunst sehe ich erst in spätrömischer Zeit. Für diese und die nachfolgenden Epochen, so sie denn Verständnis dafür hatten, ist tatsächlich die reine Materialität und Textur des Marmors Basis der ästhetischen Aneignung. Die Wiederherstellung der Farben trägt zur Rezeptionsgeschichte nichts bei, da stimme ich Ihnen zu. Aber sie sagt uns sehr wohl etwas über die geistige Verfassung des Durchschnittsgriechen der klassischen Periode, die wohl gar nicht soweit von Las Vegas entfernt war.

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