Antike und Abendland

Skinners Freiheit, wiederbesichtigt – und die Sklaverei

Was trägt die Ideengeschichte bei, wenn es darum geht, Freiheit für heute und morgen zu bestimmen? Wenig bis nichts, so gab sich der Autor der F.A.Z. in seinem Bericht über die Rede Quentin Skinners anläßlich der Verleihung des Bielefelder Wissenschaftspreises Anfang des Jahres überzeugt (Nr. 29 v. 4.2.09, S. N3). Unter der Überschrift „Antiquariat“ zitiert er den Namensgeber des Preises, Niklas Luhmann: Man müsse sich mit der Entfremdung der Moderne gegenüber älteren Epochen abfinden. Hobbes, Locke und Bentham taugten allenfalls noch für eine Vorgeschichte, nicht mehr als handlungsrelevante Einsichten für unsere Zeit. Denn die Voraussetzungen hätten sich zu sehr verändert: „Sie reden von der Freiheit politischer Stadtbürger, für uns sind Städte Knotenpunkte von Infrastruktur. Sie sprechen von Res publica, wir haben das Fernsehen. Sie denken über Repräsentation nach, wir fragen Demoskopen. Sie leben im Horizont religiöser Bürgerkriege, wir in dem versiegender Rohstoffe. Rechtsschutzversicherungen kannten sie nicht; wenn sie von Bürgern sprachen, meinten sie ein Promille der Bevölkerung, und wenn sie vom Tod sprachen, meinten sie etwas, das die meisten vor ihrem vierzigsten Jahr ereilte. Wie also sollten wir von ihnen über uns etwas lernen können?“ Was Axel Honneth in seiner Laudatio auf Skinner kritisierte: Dieser betreibe Ideengeschichte antiquarisch, indem er die Texte ganz aus der Lagewahrnehmung ihrer Autoren – etwa im englischen Bürgerkrieg oder unter dem Absolutismus – zu verstehen suche und somit konsequent historisiere, das klassifiziert der Berichterstatter des Blattes als unvermeidbar. So stünden wir gar nicht mehr vor der Wahl zwischen verschiedenen Freiheitsbegriffen, vielmehr seien in der modernen Welt alle Menschen vom Wohlwollen anderer Menschen abhängig und daher in der Skinner’schen Definition Sklaven; zugleich seien alle frei, weil niemand mehr in Fesseln liege. „Und wenn Freiheit überhaupt nur in der Politik oder der Gesellschaftskritik gefunden werden könnte, dann hätten die meisten vermutlich etwas Besseres zu tun, als frei zu sein.“ Es helfe nichts: die Forschung bringe uns vergangene Ideen nur näher, nicht wieder.
Nun ist es vermutlich auch eine Definitionsfrage, wie relevant eine ‘Vorgeschichte‘ für die Beschreibung und Deutung eines aktuellen Zustandes sein und wie viel an Aufforderung von ihr ausgehen kann. Niemand wird die Ernährungsgewohnheiten von Steinzeitmenschen studieren, um das Warenangebot seines Bioladens zu verbessern. Dennoch könnte es sich bei einer gedanklich zu fassenden Universalie von zugleich so enormer praktischer Bedeutung, wie sie die Freiheit darstellt, doch etwas anders verhalten. Davon überzeugt scheint jedenfalls Quentin Skinner selbst, in einem schriftlich geführten Gespräch, das kürzlich in der in der zehnten Ausgabe der Zeitschrift für Ideengeschichte als Aufmacher zum Heftthema erschienen ist („Wie frei sind wir wirklich?“, ZIG III/2, 5-21). Hier zeigt der Sprecher erneut eindrucksvoll, wie man Hobbes und Rousseau konsequent in den Kontext ihrer jeweiligen Zeit einordnen kann, um dann von einem ideengeschichtlich präzisierten Sehepunkt aus Kritikwürdiges in unserer Zeit aufzuspießen.
Skinner teilt die eben referierten, etwas beliebigen, von Kulturpessimismus nicht unbeeinflußten Alles-oder-nichts-Oppositionen keineswegs. Wenn er von Abhängigkeit spricht, meint er nicht den Busfahrer oder die Sachbearbeiterin bei der Krankenversicherung, von deren Kompetenz oder Wohlwollen wir in der Tat mehr oder minder alle und täglich abhängig sind. Er spricht vernünftigerweise auch nicht, alle Differenzen einebnend, von der vernetzten Moderne oder der Einschränkung von Freiheit durch Moden. Sein durchaus unveraltetes Ideal aus dem klassischen Republikanismus hat ein Gesicht: Es ist der „freeman“, jemand, mit dem man rechnen muß, der auf Augenhöhe ist, der gleichberechtigt argumentieren und verhandeln kann, ohne die Notwendigkeit zu verspüren, den Hut zu ziehen oder das Knie zu beugen. „Demzufolge schreibt man freien Menschen jene Achtung – und Selbstachtung – zu, die daraus resultiert, als jemand zu gelten, der ein offenes Wort führt und unparteiisch einzig danach handelt, was ihm Vernunft und Gewissen diktieren.“ Zum republikanischen Denken in aristotelischer Tradition gehört auch, die Freiheit der Person und die Freiheit politischer Gemeinschaften zusammenzudenken und in denselben Begriffen zu beschreiben. Der Punkt, in dem beide in der Praxis zusammenlaufen, ist die Selbstregierung der Bürgerschaft (wie sie, so wäre zu ergänzen, in der Polis Athen für zwei Jahrhunderte verwirklicht war).
Einzuräumen, daß „diese Form von direkter Demokratie unmöglich ist und wir in unseren großformatigen politischen Gemeinschaften dazu verurteilt sind, im besten Fall unter jenem gemischten Regierungssystem zu leben, das wir uns als repräsentative Demokratie zu bezeichnen angewöhnt haben“, bedeutet in Skinners Sicht jedoch keineswegs, die ebenfalls modernebedingten Unterminierungen der Teilhabe zu leugnen, etwa das Expertentum, die Verrechtlichung politischer Kontroversen, die unverantwortlichen Aktivitäten auf den Finanzmärkten und – für ihn besonders anstößig – die auf die Regierung übertragenen Prärogativen der britischen Krone.
Die Rede von der Sklaverei im Sinne des in potestate eines anderen zu sein ist Skinner daher nicht bloß eine gebildet klingende Redensart, sie verweist – denkt man an illegale Einwanderer oder die Zwangsprostitution osteuropäischer Frauen – auf eine traurige Wirklichkeit und sie bewahrt davor, den warnenden Aufruf klassischer republikanischer Kategorien gegen jede Form von servitus „selbstzufrieden als irrelevant abzutun“. Die Optionen des Staatsbürgers, die Regierungen zu beobachten, Druck auszuüben, Protest zu artikulieren oder über NGOs im weitesten Sinne Gegengewichte aufzubauen, sieht Skinner freilich durchaus optimistisch.

Im gleichen Heft findet sich auch ein Aufsatz des Berliner Althistorikers Wilfried Nippel, eines Kenners der ideen- und realgeschichtlichen Antikerezeptionen in der europäisch-amerikanischen Neuzeit. „Der Preis der Freiheit“ skizziert einige Linien der Diskussionen um die Sklaverei im Achtzehnten und Neunzehnten Jahrhundert, zentriert um das sachlich unzutreffende, aber politisch höchst wirksame ökonomische Argument von Abolitionisten, Sklaverei sei unrentabel.
Nippel erinnert nebenbei daran, daß sich Befürworter wie Gegner auf die antike Tradition berufen konnten: Zum einen galt die Sklaverei in der Antike als Institut des Völkergewohnheitsrechts (ius gentium); der Besiegte erhielt sein Leben zurück um den Preis der Freiheit seiner Person und der seiner Nachkommen. Hugo Grotius und John Locke waren späte Adepten dieser Legitimation. Sie ließ Spielräume und vor allem naturalisierte sie die Unfreiheit nicht. Sklaverei, so die Überzeugung der römischen Juristen, sei „wider die Natur“. Diese Feststellung war zwar gegenüber dem Gewohnheitsrecht des Siegers irrelevant, aber sie machten den Sklaven nicht zu einem Wesen, das zu wenig Vernunft und Selbstkontrolle besaß und deshalb eines Herren bedurfte, wie es Aristoteles in Reaktion auf Kritiker der Sklaverei formulierte (Politik 1253b1-1255b15). Mit Hilfe der virtuellen Debatte lassen sich – über Nippel hinausgehend – Griechen und Römer sehr klar charakterisieren: Griechen gelangten in ihrem Bestreben, eine Sache so deutlich wie möglich heraus- und die möglichen Positionen so pointiert wie möglich gegenüberzustellen, auch hier intellektuell früh zu radikalen Optionen: Sklaverei ist naturwidrig und daher abzulehnen (so einige Sophisten) vs. Sklaverei ist von Natur aus notwendig und gerechtfertigt (so Aristoteles). Für die eher unauffällige Behandlung der Sklaven im Alltag bedeuteten beide Positionen wenig. Die Römer handhabten das Institut ebenfalls sehr pragmatisch und zugleich robust; legitimierend zurückzugreifen auf eine besondere Sklavennatur wäre ihnen nicht eingefallen, sonst hätten sie nicht – vertrauend auf die Prägekraft ihrer eigenen Ordnung – freigelassene Sklaven uno actu zu Bürgern gemacht.

Ein zuverlässiges Hilfsmittel, das antike Phänomen und seine Erforschung besser zu verstehen, entsteht gerade im Auftrag der Mainzer Akademie der Wissenschaften: das „Handwörterbuch der antiken Sklaverei“. Ein Hauptnachteil solcher Großwerke ist von Anfang an vermieden: Fertige Artikel liegen hier nicht viele Jahre auf Halde, bis alle Beiträger geliefert haben. Was redigiert ist, kommt sofort auf die (kostenpflichtige) Webseite und erscheint mit geringem Verzug auch auf einer von fünf geplanten kumulativen CD-ROMs. Am Ende soll es auch eine Buchausgabe geben.

Die mobile Version verlassen