Antike und Abendland

Die Venus von der Schwäbischen Alb: Kam der Mensch über ein Sex-Symbol zu sich selbst?

Die Prospekte eines Münchener Versandhandels für Bücher, Filme und Musik bieten seit einiger Zeit auch immer mehr Replikate antiker Kunstwerke an, aktuell ferner Zinnfiguren eines griechischen Kriegers oder eines römischen Legionärs („sehr aufwendig und detailfreudig“). Daneben (für 24,95 Euro) eine mit vierzehn Zentimeter ungefähr originalgroße Nachbildung der „Venus von Willendorf„, einer 1908 gefundenen Kalksteinfigur, die bald zu einer Ikone für die späte Altsteinzeit wurde. Laut Prospekttext hat ein Marquis de Vibraye im 19. Jh. eine prähistorische nackte Frauenstatue als «Venus impudique» bezeichnet, weswegen sich der Ausdruck ‘Venusfigurinen‚ zu einem Sammelbegriff für derartige Artefakte herausgebildet habe. „Die ursprüngliche Bedeutung der Figuren ist unbekannt“, so die fällige Erklärung, „jedoch sollte vermutlich mit ihrer Leibesfülle Wohlstand und Fruchtbarkeit zum Ausdruck gebracht werden.“

Die Venus, nach dem römischen Dichter Lukrez nicht nur Urmutter aller Römer, sondern auch „Lust der Menschen und Götter“, hängt den altsteinzeitlichen Figuren immer noch nach. Als im Herbst 2008 in der Karsthöhle „Hohle Fels“ bei Blaubeuren auf der Schwäbischen Alb ein weiblicher Torso in zwei großen und vier kleineren Fragmenten entdeckt wurde, drängte sich sogleich die Frage nach der Deutung auf. Die Figur aus Elfenbein soll mindestens 35000, vielleicht 40000 Jahre alt sein und damit mehr als 10000 Jahre älter als die genau hundert Jahre zuvor entdeckte Willendorfer Figur. Sie ist knapp sechs Zentimeter hoch, gut drei Zentimeter breit und wiegt 33,3 Gramm.

Als sie jüngst in Nature bekannt gemacht wurde, ließ sich das seriöse Blatt zu der Bemerkung verleiten, hier handele es sich um ein 35000 Jahre altes Sex-Objekt; die einst ehrwürdige Times sprach gar von einem Stück prähistorischer Pornographie. In der Tat, die ausladenden Brüste, das überdimensionale Schamdreieck und das Gesäß bestimmen die Figur, zumal sich an der Stelle eines Kopfes zwischen den Schultern eine Öse befindet. (Offenbar wurde die Figur als Halsschmuck getragen.) Der Berichterstatter der ZEIT bringt die Frage auf den Punkt: Waren die Venusfigurinen steinzeitliche Pin-ups, erotische Spielzeuge für den einsamen Jäger? Dienten die üppigen Formen andererseits der ‘Weiterbildung‘ von jungen Frauen, die für ein Initiationsritual lernen sollten, wie sich ihr Körper während der Schwangerschaft verändert? Oder waren es – dies die ‘klassische‘ Erklärung – Symbole und Beschwörungsobjekte für weibliche Fruchtbarkeit? Das bekannte „Lexikon der Kunst“ schafft scheinbar festen Boden: „Die altsteinzeitlichen Venusstatuetten zeugen von der großen ökonomischen Bedeutung der Frau bei den Jäger/Sammlern der frühen Sippengesellschaft. Ihre stark verallgemeinerten Formen, das Fehlen von Details und jeglicher individueller Merkmale, die Verbreitung der Venusstatuetten und ihre Lage im Grabungsbefund machen ihren Kultcharakter deutlich. Sie dienten der Fruchtbarkeits- und z.T. auch der Jagdmagie sowie dem Abwehrzauber und wurden als Mutter der Tiere, Ahnmutter, Schutzgeist der Sippe, des Herdes, der Wohnstätte verehrt. Einige V. (u.a. Oelknitz, Gönnersdorf) verkörpern Tänzerinnen in sexuell stimulierender Haltung.“ Für die unprüde sozialistische Gesellschaft nicht überraschend: „Die Venusstatuetten sind auch Ausdruck der natürlichen Erotik der Paläolithiker und verkörpern z.T. deren Schönheitsideale.“ Die Begriffswelt von Beate Uhse kam erst nach der Wende ins Land.
Auch in diesem Fall offenbaren sich die Schwierigkeiten bei der Interpretation von isolierten Gegenständen, wenn es keine schriftlichen oder sonstigen Hinweise auf die Vorstellungswelt ihrer Verfertiger gibt und kein Fundkontext vorhanden ist, der etwa eine kultische Handlung belegt. Die Figur und ihre jüngeren Verwandten erlauben es dann sogar, die mühsam der Naturgeschichte entrissene und für die Kulturgeschichte gewonnene Sexualität selbst in Artefakten gleichsam zu renaturalisieren. Paul Mellars von der Universität Cambridge jedenfalls formulierte in diesem Sinn: „It is clear that the sexually symbolic dimension in European, and indeed worldwide, art has a long ancestry in the evolution of our species.“ Und als wäre das noch nicht genug, legt er gleich nach: „Fully representational, figurative art seems at present to be a European phenomenon, without any documented parallels in Africa or elsewhere earlier than about 30,000 years ago“. Erstaunlich, wie solche Altersbeweise und Prioritätsbehauptungen bisweilen immer noch einrasten.

Eine Abhängigkeit der jüngeren, in der Tat in ihren Grundelementen dem Neufund sehr ähnlichen Figuren nehmen die Prähistoriker nicht an; dafür sind auch die zeitlichen Abstände zu gewaltig. Die ‘Venus‘ als Symbol für das Weibliche in seinen wesentlichen Erscheinungsformen – so könnte man den Deutungsstreit vielleicht entschärfen – hat keinen Archetypus an der Spitze eines Stemmas. „Wenn Kinder aus Lehm eine Frauenfigur bastelten“, so wird eine Tübinger Kulturanthropologin zitiert, „kommt Ähnliches heraus“. Mag das auch allzu vereinfacht sein: Die seit langem bekannten jungsteinzeitlichen ‘Veneres‘ aus verschiedenen Regionen weisen in der Tat ähnliche Merkmale auf (BILDER wg. Urheberrecht entfernt). Die Frage lautet also, wie es kommt, daß Frauenfiguren in unterschiedlichen Zeiten und Regionen ähnliche Merkmale haben. Ein Platoniker würde an dieser Stelle gewiß auf eine präexistente Idee verweisen.

Ob der Neufund Antworten auf die Frage nach der Entstehung der Kunst zu geben vermag, wird sich noch zeigen. Klar ist nur, daß die Schwäbische Alb damals den herumziehenden Menschengruppen recht gute Lebensbedingungen geboten haben muß und es deshalb Muße gab, Gestaltungen, wie sie vielleicht zuvor an geknetetem Lehm oder Baumrinden erprobt worden waren, nun auf das dauerhaftere, aber auch schwerer zu bearbeitende Material eines Mammutzahnes zu übertragen. Und auch wenn die Figur manchen Betrachter eher an ein gebratenes Hühnchen denn an eine erotische Frauengestalt erinnern mag: In dem Moment, als einzelne Menschen sich über die bloße Subsistenz hinaus erhoben und Gesehenes in Geschautes umzusetzen begannen, vielleicht um etwas Konkretes zu erreichen, aber doch auch deshalb, weil sie es vermochten und erkunden wollten, was sonst noch möglich war, begann die Gattung zu sich selbst zu kommen. Und auch wenn ich heute mit italienischen Opern, Schweizer Uhren und deutschen Supersportwagen gar nichts anfangen kann und sie eigentlich überflüssig finde, bin ich doch froh, daß es dies alles und noch viel mehr gibt.

Urs Willmann, Frau Fröhlich aus dem Schwabenland, DIE ZEIT Nr. 21, 14. Mai 2009, S. 39.

Mark Henderson, Prehistoric female figure ‘earliest piece of erotic art uncovered‘, The Times, 14. Mai 2009.

Sonja Kastilan, Versteh einer die Eiszeit-Frauen, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 31 v. 3. Aug. 2008, 60-61.

Artikel „Venusstatuetten“, in: Lexikon der Kunst. Neubearbeitung. Begründet von Gerhard Strauß, herausgegeben von Harald Olbrich u.a., Bd. 7, Leipzig 1994, S. 587f.

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