Antike und Abendland

Runderneuert: Kindlers Literaturlexikon in der dritten Generation

Testzugriff auf die Webversion der Neufassung von „Kindlers Literaturlexikon„. Der Verlag ist neu (Metzler), der Name bleibt selbstverständlich der alte. Eine gute Nachricht vorab: Auch die dritte Ausgabe des von Helmut Kindler erstmals vor gut vierzig Jahren herausgebrachten Werks wird es wieder als Buchausgabe geben (ab September). Eine mutige Entscheidung. Denn der sogenannte Zeitgeist, der dem auf Papier gedruckten Buch angeblich ins Gesicht weht, entsteht ja nicht allein aus veränderten Gewohnheiten derer, die Orientierung und Wissen suchen. Wikipedia wird es nur zu leicht gemacht – überall dort, wo Lernende nicht an die besten vorhandenen Nachschlagewerke im traditionellen Format herangeführt werden, weil es den Lehrenden einerlei ist. Man sollte einmal recherchieren, wie Mitarbeiter an derartigen Großlexika in ihrem Lehralltag mit dem gedruckten Angebot umgehen. Mit Recht, zugleich natürlich in Sorge um den kommerziellen Erfolg versammelt Heinz Ludwig Arnold, der Herausgeber und Redaktionsleiter, die hier fälligen Argumente, leider hier und da in der Heißluftsprache von Consulting-Agenturen und nicht ohne Widersprüche: Die Fakten zu filtern und zu gewichten kann nur von Fachleuten „mit zugleich gründlichem detaillierten Wissen und globaler Professionalität“ geleistet werden kann. Die „komplexe Arbeit“ von 75 Fachberaterinnen und Fachberatern und etwa 1600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern könne nicht ersetzt werden „durch eine von vielen geschriebene (freie und demokratische?) und also ständig in Bewegung sich befindende, im Grunde offene Internetenzyklopädie wie »Wikipedia«“ (gibt es noch nennenswerte andere?). Denn das dort verfügbar gemachte ›allgemeine‹ ›Wissen‹ sei „oft unkritisch, ungefiltert, selten wirklich professionell geprüft und deshalb im Grunde doch unzuverlässig, so gut und kenntnisreich einzelne Artikel auch sein mögen. Als Institution kann eine solche ›freie‹ Enzyklopädie, die andere Vorzüge hat, ein Lexikon wie den Kindler nicht ersetzen, dem es um die Darstellung und wertende Interpretation der wichtigsten Werke der gesamten Weltliteratur zu allen Zeiten geht. Wer einen Kindler-Artikel aufschlägt, will genau und verlässlich darüber informiert werden, was in dem besprochenen Einzel- oder Gesamtwerk steht: sachlich und unideologisch.“

Da die Erstausgabe, die zwischen 1965 und 1974 in sieben Bänden und einem Ergänzungsband erschien und als dtv-Nachdruck weite Verbreitung fand, ihrerseits die bearbeitete Übersetzung eines italienisch-französischen Lexikons darstellte, waren die romanischen Literaturen naturgemäß stark vertreten, und auch noch in der Neuausgabe in zwanzig Bänden (1988-1992, zwei Supplementbände 1998) war hier Kompensationsarbeit zu leisten. In dieser Auflage wurden die letzten alten Urheberrechte des ursprünglichen Lizenzgebers Bompiani abgelöst (d.h. die betreffenden Artikel wurden neu geschrieben), der Artikelbestand wurde in großen Teilen bearbeitet, um weitere Werke ergänzt und, vor allem durch die Einführung des Werkgruppentypus ‘Das lyrische Werk‘, um etwa 2000 Titel zumal der Gegenwartsliteratur vermehrt. Das Material wurde nicht mehr nach Werktiteln, sondern nach Autorennamen angeordnet, und erstmals gab es ein CD-ROM-Ausgabe.
Das Vorwort der Ausgabe von 2009 läßt den Aktualisierungsbedarf aus der ‘neuen Weltordnung‘ erwachsen: „Beispielsweise die politischen, ideologischen und kulturellen Transformationen im sogenannten ›Ostblock‹, aber auch die durch das Internet verstärkte Globalisierung und umfassendere Wahrnehmung der unterschiedlichen Kulturen der Welt erzwangen geradezu Neubewertungen bei der Edition eines neuen Kindler: Ganze Bibliotheken im Bereich der sozialistischen Staaten wurden binnen kurzem Makulatur, unterdrückte Literaturen fanden verstärkt ihre Öffentlichkeit; afrikanische Literaturen entwickelten sich und wurden genauer wahrgenommen; asiatische Literaturen rückten mehr ins europäische Blickfeld. Andererseits bedurften veraltete oder obsolet gewordene Interpretationsansätze der Revision – überhaupt sollten zeitgeistbedingte und ideologiebefrachtete Interpretationen vermieden werden und die Darstellungen der aufgenommenen Werke sachlich informativ sein.“ Wie sich die Umwälzungen auf die längst verblichene sog. Literatur der Arbeitswelt oder Heinrich Böll ausgewirkt haben, muß dem Werk selbst entnommen werden. Dafür erhält der Leser des Vorwortes ein instruktives Privatissimum zum Begriff des literarischen Kanons. Auch wenn sich dieser beständig verändert, haben Enzyklopädien wie diese das Privileg, bei der Auswahl eher zu kumulieren als zu eliminieren (letzteres geschah offenbar am stärksten bei den zuvor überrepräsentierten romanischen Literaturen). Emphatisch zu vergessen setzt bekanntlich Kenntnis voraus, während Ignoranz zum banalen – kulturell gleichwohl ebenfalls unverzichtbaren – Gedächtnisschwund gehört.
Von der dritten Generation mit großer Familienähnlichkeit kann man aus diesem Grund in der Tat sprechen, denn die neue Ausgabe enthält noch eine ganze Reihe von mehr oder weniger bearbeiteten und bibliographisch aktualisierten Artikel aus der Erstausgabe. Etwa 7900 Artikel im neuen Kindler wurden aus dem alten übernommen und bearbeitet, etwa 5900 Artikel wurden neu geschrieben. Dabei entfallen etwa 2400 Artikel auf Werkgruppen, neben der Lyrik nun auch dramatische, erzählerische oder essayistische (Gesamt-)Werke. Zu den etwa 10700 Werkartikeln kommen über 750 Artikel zu anonymen Werken, darunter an die 220 große Sammelartikel vom Typus ‘Bibel‘ oder ‘Alexanderroman‘. „Nachjustiert“ – neuerdings ein Modewort – wurde bei Werken der Naturwissenschaften und der Mathematik, der Sozialwissenschaften, des Rechts, der Politik und der politischen Theorie, der Wirtschaft und Ökonomie, der Geschichte, Psychologie, Ethnologie, Technik und Medizin, auch zu Musik, Bildender Kunst und Architektur, zu Ästhetik und Kunsttheorie. (Unerwähnt bleibt hier die Abteilung Comic, für die Andreas C. Knigge als Fachberater gewonnen wurde.) „Auf all diesen Feldern gibt es wesentliche Werke, die die Kulturgeschichte der Welt mitgeprägt haben. Sie mussten berücksichtigt werden.“ Insgesamt soll auch das neue Werk bewußt im Grenzbereich – oder im Nirgendland – zwischen Allgemein- und Fachenzyklopädie stehen, indem es „jene Werke der schriftlich fixierten Weltkultur“ vorstellt, „die der an ihr interessierte gebildete und sich bildende Laie – und auch der Experte ist auf den meisten Gebieten Laie – kennenlernen möchte und durch den Kindler kennenlernen kann“.

Für die griechische und römische Literatur der Antike mußte Herausgeber Arnold in Göttingen nicht weit laufen: Sowohl Heinz-Günther Nesselrath als auch Peter Alois Kuhlmann lehren und forschen an der Georg August-Universität.
Den Herodot-Artikel im alten Kindler hatte Dietrich Mannsperger verfaßt; die Überarbeitung durch Nesselrath fiel behutsam aus. Historiês apódexis wird nun nicht mehr mit „Forschungsbericht“ übersetzt, sondern mit dem gängigen deutschen Titel „Historien“. Aus den „perihegetischen Exkursen“ sind einfach Exkurse geworden, um den Uneingeweihten nicht zum Griff nach einem anderen Lexikon zu zwingen; weiter unten ist indes „der Gedanke einer allmählichen Entwicklung Herodots vom Perihegeten zum Historiker“ stehengeblieben und nötigt nun doch zum Nachschlagen – die Worterklärung findet sich in dem Artikel zwar, freilich erst noch weiter unten. Wohltuend die Abrüstung durch kleine Formulierungsänderungen: Aus Athen, dem „Herd des griechischen Widerstandes gegen Persien“, wird Athen als einer der „griechischen Hauptgegner der Perser“; die „gegen Athen aufgebrachten Griechen“ sind nun die damals (431 v.Chr.) „meist anti-athenisch eingestellten Griechen“. Ein längst hinfälliges Verdikt Eduard Meyers ist nun gestrichen, nicht hingegen Rankes hohe Anerkennung für die „die unendliche Weltumfassung, die sich in diesem Grundbuch des historischen Wissens ausgeprägt hat“. Stark reduziert sind am Ende die bibliographischen Hinweise; nur noch eine Ausgabe, eine deutsche Übersetzung und ein Kommentar werden genannt, während der frühere Artikel mehr als zehn Titel aus diesen Sparten aufführte, darunter die Erstausgabe bzw. früheste deutsche Übertragung. Ähnlich karg die Sekundärliteratur: ein klassischer Aufsatz, zwei Handbücher, eine Monographie.
Merkwürdig und irreführend ist die Systematik. Herodots Werk erscheint unter „Hauptgattung: Epik/Prosa, Untergattung: Roman“ (!), während Catos nur in Fragmenten überliefertes Geschichtswerk Origines unter „Hauptgattung: Sachliteratur, Untergattung: Geschichte“ eingeordnet ist. Den Artikel dazu hat der Bearbeiter Kuhlmann teilweise neu geschrieben, dabei aber Überholtes (die „chronikartigen Aufzeichnungen“ Fabius Pictors etwa) und Irreführendes (die populare Grundtendenz von Catos Werk) unangetastet gelassen. Die bibliographischen Angaben sind hier ganz unzureichend; als Ausgabe wird ein alter Kommentar zum ersten Buch der Origines (von sieben) genannt; die nunmehr maßgeblichen Fragmentsammlungen fehlen. Zwei Aufsätze erscheinen ganz willkürlich ausgewählt, die Bibliographie und der große Handbuchartikel von Werner Suerbaum fehlen dafür. – Im Artikel zu Martial findet sich wieder die unpräzise und anfechtbare Behauptung, die meisten Gedichte zwölf Bücher Epigramme seien losgelöst von einer gesellschaftlichen Funktion; wenige Zeilen weiter gebraucht Martial dann die Form des Epigramms „zur satirischen Zeitkritik“. Auch hier muß man sich die älteren Ausgaben und Übersetzungen wieder über die wenigen am Ende aufgelisteten Titel erschließen; von den zuletzt erfreulich zahlreich erschienenen Kommentaren ist kein einziger genannt, auch die Fundstelle von Lessings Abhandlung zum Epigramm ist der Kürzung zum Opfer gefallen. Herausgeber und Verlag sollten die Chance suchen, wenigstens in der WWW-Ausgabe sehr viel ausführlichere Bibliographien nachzuschieben, andernfalls gebricht es dem Kindler in diesem Punkt empfindlich an Gebrauchswert.
Gänzlich neu geschrieben ist der Artikel zu Ciceros Briefen. Meike Rühl hat die Chance genutzt, das Interesse der Klassischen Philologie an kommunikativen Konstellationen und die daraus gewonnenen neuen Einsichten zu verdichten. Die Briefe waren nämlich zumindest in Teilen durchaus ein Mittel, die eigene Selbstdarstellung und Einflußnahme auf die öffentliche Meinung auf einer anderen Ebene fortzusetzen. „Dies wird besonders deutlich, wenn die gleichen Themen in mehreren literarischen Medien behandelt werden oder wenn die zu bestimmten Zeiten allein existente briefliche Kommunikation das Fehlen anderer öffentlicher Äußerungsformen ersetzen musste. Aus der Korrespondenz selbst und anderen Quellen geht hervor, dass die Briefe gesammelt und archiviert wurden oder in einem bestimmten Leserkreis kursierten bzw. als Kopien weitergereicht wurden. Daraus folgt, dass der unmittelbare Eindruck, der sich bei der ersten Lektüre der Briefe aufdrängt, hier trete der Privatmann Cicero ungeschminkt vor den Leser, revidiert werden muss. Auch Ciceros Korrespondenz unterliegt wie alle seine Werke einer sorgfältigen Komposition und Stilisierung, und sei es nur einem einzigen Adressaten gegenüber.“ Der alte Artikel von Egidius Schmalzriedt ist demgegenüber persönlicher, intuitiver; einen Satz wie „Die Rückhaltlosigkeit, mit der sich Cicero, besonders Atticus gegenüber, ausspricht, macht die Briefe zu einem Spiegel seiner Seele“ würde heute aber kaum mehr jemand schreiben. Gleichwohl: als Leser der Epistulae die „für die Antike schlechtweg unerhörte Offenheit im Privaten, die jede Reaktion auf Familienmiseren und Staatsunglück, die Schmerz und Triumph, Tränen und Lachen, Illusionen und Ärger, Euphorie und Depression, Stolz und Verzagen, kurz, jede Regung, der sich das empfindsam-empfängliche Gemüt Ciceros ausgesetzt sieht – bis hin zur nackten Angst und Verzweiflung“ zu beobachten ist nach wie vor nicht falsch. Und auch hier fehlen durch die verknappte Bibliographie wesentliche Teile der Rezeptionsgeschichte, nämlich die Ausgaben der Renaissance – als man Cicero wegen der Briefe als Zeitgenossen betrachtete und fiktive Briefwechsel mit ihm verfaßte – und die Wieland’sche Übersetzung.
Ciceros (nur in Fragmenten überlieferte) Dichtungen hatten bisher gar keinen Artikel; Kuhlmann liefert ein knappes, präzises Stück. Dagegen kann das zupackende Lemma zu Ciceros Reden aus der Feder von Dennis Pausch einen empfindlichen Verlust nicht kompensieren, hatten doch zuvor die wichtigsten Reden(gruppen) jeweils eigene Artikel, darunter natürlich die Reden gegen Verres, gegen Catilina und gegen Marcus Antonius. Die Reden so zusammenzufassen ist auch inkonsequent, da Aischines‘ (rezeptionsgeschichtlich viel weniger wirksame) Peri tēs parapresbeiasRede über den Gesandtschaftsverrath (sic!) ihren eigenen Artikel in gekürzter Form behalten hat. Und warum die rhetorischen Schriften Ciceros (Vera Binder) viel mehr Platz bekommen haben als die Reden, bleibt unerfindlich.

Bei den modernen Althistorikern mußte die Auswahl natürlich knapp ausfallen, und es ist die simpelste, zugleich unbilligste Übung, hier gegeneinanderrechnen zu wollen. Christian Meiers Res publica amissa fehlt, obwohl mit Karl Dietrich Brachers Die Auflösung der Weimarer Republik durchaus das Werk eines lebenden Gelehrten aufgenommen wurde – wie schon in der zweiten Ausgabe Fritz Fischers Griff nach der Weltmacht. Droysens Geschichte des Hellenismus ist aus dem Kanon gefallen, die Historik blieb, ebenso Mommsens Römische Geschichte, Burckhardts Griechische Culturgeschichte und Grotes History of Greece sowie Niebuhrs Römische Geschichte. Gestrichen wurde leider Numa-Denis Fustel de Coulanges, La cité antique. Étude sur le culte, le droit, les institutions de la Grèce et de Rome (1864). Alfred Heuss‘ Römische Geschichte aufzunehmen hätte eine Erwägung wert sein können. Aber insgesamt verdient das neue Werk, soweit diese ersten Stichproben ein Urteil zulassen, wohlwollend aufgenommen zu werden. Wer den alten Kindler vergleichen möchte, sollte sich antiquarisch den einschlägigen Auszug beschaffen: Egidius Schmalzriedt (Hg.), Hauptwerke der antiken Literaturen. Einzeldarstellungen zur griechischen, lateinischen und biblisch-patristischen Literatur. Mit einführenden Essays von Walter Jens, Wolfgang Schmid und Franz Dölger. München 1976.

 

Nachtrag 14.7.09: Jörg Plath hat sich die online-Ausgabe ebenfalls vorab angesehen.

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