Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Fähig, und doch gescheitert: Varus, Statthalter der Provinz Germania

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Zur Gerechtigkeit des Historikers gehört es, Handlungen einzelner Akteure nicht nur aus der Rückschau, aus dem Resultat verschlungener Ereignislinien zu...

Zur Gerechtigkeit des Historikers gehört es, Handlungen einzelner Akteure nicht nur aus der Rückschau, aus dem Resultat verschlungener Ereignislinien zu beurteilen. Dabei kann es geboten sein, die Zukunftsoffenheit der damaligen Situation durch Indizien und Imagination wiederzugewinnen und gegen die verzerrende Rückschau bereits der Zeitgenossen zu verteidigen. Dies hat kürzlich der Kölner Althistoriker Werner Eck in einem Vortrag an der Universität Bielefeld am heuer höchst aktuellen Beispiel des Publius Quinctilius Varus gezeigt. (Hier ein Phantombild, von LKA-Kriminalisten nach Münzbildern [s.u.] erstellt [wg. Urheberrecht entfernt])

Als Varus im Jahre 6 oder 7 n.Chr. als konsularer Legat nach Germanien kam, fand er nach römischem Usus und Sprachgebrauch eine Provinz vor (so übrigens schon Theodor Mommsen: Römische Geschichte Bd. 5, S. 107). Diese befand sich zwar in einem Prozeß des Aufbaus und der Sicherung. Aber es ist irrig, von einer Provinzialisierung zu sprechen, wenn damit impliziert sein soll, daß erst an deren Ende die Provinz steht. Wäre das so gewesen, dann wären Sardinien und Spanien, beide bereits im 3. bzw. 2. Jahrhundert v.Chr. der römischen Macht unterworfen, noch zu Zeiten des Augustus keine Provinzen gewesen, da selbst so spät die römische Herrschaft nicht voll etabliert war und es hier und da noch Widerstand gab. Die provincia Germania umfaßte ein Gebiet rechts und links des Rhein; es gab eine römische Administration und zivile Kernsiedlungen in Waldgirmes und auf dem Boden des späteren Köln; Geschäftsträger der römischen Finanzverwaltung und repräsentative Bauten, die den Willen des Augustus ausdrückten, das neue Herrschaftsgebiet zu entwickeln und dort zu bleiben.
Wie Varus in die Nähe von Augustus kam, wissen wir nicht; das Vertrauen, das der princeps in ihn setzte, schlug sich in der Karriere nieder: quaestor Augusti, Befehlshaber der 19. Legion im Alpenfeldzug des Drusus, Konsul 13 v.Chr. zusammen mit Tiberius, proconsul der Provinz Africa (ein prestigereicher Posten) und schließlich Statthalter der Provinz Syrien. Als ein hoher Repräsentant der kaiserlichen Finanzverwaltung, der Varus rechtlich nicht unterstellt war – eine der Unwuchten des römischen Herrschaftssystems -, einen jüdischen Aufstand provozierte, reagierte der Statthalter hart, vermochte den Konflikt aber mit Umsicht zu lokalisieren. Flavius Josephus, eine auch sonst vom mainstream oft unabhängige Quelle, berichtet nichts von persönlicher Bereicherung des Varus und zeichnet stattdessen das Bild eines Mannes, der seiner Aufgabe, im Namen Roms zu herrschen, vollständig gewachsen war.
Der anschließende ‘Karriereknick‘ – von Varus ist länger nichts zu hören – dürfte aus seiner engen Verbindung mit Tiberius resultiert haben; der drangsalierte Sohn von Augustus‘ Frau aus erster Ehe verbrachte Jahre eines selbstgewählten Exils auf Rhodos in politischer Isolation.
Jedenfalls muß Augustus dem Varus wieder voll vertraut haben, als er ihn während des Pannonischen Aufstandes, der große Teile der römischen Armeen band, nach Germanien beorderte. Dort handelte Varus keineswegs eigenmächtig oder unbesonnen, sondern tat, was ihm aufgetragen war: Er schlichtete Streit und sprach Recht – römisches natürlich nur dann, wenn Römer beteiligt waren, sonst nach dem angestammten germanischen Recht; er sicherte die Arbeit der steuereintreibenden Prokuratoren durch Truppen. Wenn der Arminius-Aufstand militärisch erfolglos geblieben wäre, so hätte man Varus‘ Leistung, die Herrschaft Roms durch römische Zivilisation einwurzeln zu lassen, in ähnlich hymnischen Worten gepriesen, wie dies dem Iulius Agricola, der gut zwei Generationen später in Britannien wirkte, aus der Feder seines Schwiegersohnes zuteil wurde (Tacitus, Agricola 21, Übers.: R. Feger):
„Der folgende Winter wurde mit sehr heilsamen Maßnahmen zugebracht. Damit sich nämlich die zerstreut lebenden und rohen und deshalb zum Kriege neigenden Menschen durch Wohlleben an Ruhe und Muße gewöhnten, drängte er sie persönlich und half ihnen von Staats wegen, Tempel, Märkte und Häuser zu errichten, lobte dabei die Bereitwilligen und kritisierte die Trägen: So wirkte anstelle von Zwang der Wettstreit um Ehre und Anerkennung. Fürstensöhne ließ er sogar in den gängigen Schulfächern unterrichten und gab dem Talent der Britannier vor dem Eifer der Gallier den Vorzug, so daß sie, die noch eben die römische Sprache abgelehnt hatten, nun sogar nach der (Unterrichtung in der) kunstmäßigen Rede verlangten. Von jetzt an kam auch unsere Tracht in Ansehen, und häufig trug man die Toga. Allmählich verfiel man auch auf die Reize der Laster: auf Säulenhallen und Bäder und üppige Gelage. Und dergleichen galt den Unerfahrenen für feine Bildung, während es doch ein Stück Knechtschaft war.“
Doch der Fortgang der Dinge in Germanien zeigt, wie gefährdet dieser Transformationsprozeß war. Die traditionellen Rivalitäten innerhalb der germanischen Stammeseliten richteten sich nunmehr an den neuen Herren aus und gewannen einen grundsätzlichen Charakter. Die Römer belohnten auch hier Loyalität, aber die Loyalen konnten sich nur durchsetzen, wenn die römische Herrschaft auf Dauer alternativlos erschien und zugleich durch Teilhabe einheimischer Eliten den Charakter einer Fremdherrschaft allmählich zu verlieren versprach. Dieser entscheidende und zugleich prekäre Schritt wurde, so wäre Eck zu ergänzen, meistens nach militärischen Niederlagen gegen die Römer vollzogen, mal einer einzigen, großen wie in Gallien, Britannien oder Dakien, mal nach langem Kleinkrieg wie in Spanien.
Die Niederlage des Varus bedeutete daher einen schweren Rückschlag. Gleichzeitig konnte und durfte sie auf keinen Fall dem Augustus oder seinem 9 n.Chr. bereits als Nachfolger designierten Tiberius angelastet werden. Varus wurde also zum Sündenbock, sein Malheur gegen Arminius führte zu einer bemerkenswerten Desinformation und Deformation. Die so konditionierten Quellen, sowohl der Zeitgenosse Velleius Paterculus als auch die späteren, von Zeitgenossen abhängigen Quellen, vermengten die Ursachen des Aufstandes und die militärische Niederlage, indem sie Varus für beides verantwortlich machten und die Erklärung in seinem Charakter suchten. Für die Katastrophe beim Rückzug mag der Statthalter teilweise verantwortlich gewesen sein – auch erfahrene Feldherren machen Fehler, indem sie aus mehreren möglichen, nicht offenkundig unvernünftigen Optionen die am Ende falsche auswählen, und man sollte ihnen dann nicht vorschnell Versagen oder gar Unfähigkeit vorwerfen. (Wer das nicht glaubt, studiere einmal die Entscheidungen von Rommel und Montgomery während des Afrikakrieges 1941/42.) Als Statthalter verfehlt agiert zu haben kann Varus nicht ernsthaft vorgehalten werden; er tat, was von ihm erwartet wurde und was anderswo davor und danach immer wieder von Erfolg gekrönt war.
Die Römer steckten bekanntlich nach der Varuskatastrophe nicht auf. Eck wagte sich weit vor, indem er in einer kontrafaktischen Spekulation wahrscheinlich zu machen suchte, daß Augustus die erneute militärische Eroberung des Landes zwischen Rhein und Elbe nicht so schnell aufgegeben hätte wie sein Nachfolger Tiberius. Dieser hatte dafür gute Gründe, die jedoch nicht in Germanien, sondern in der riskanten Machtarchitektur des Kaiserhauses selbst lagen: Sein ihm von Augustus aufgezwungener Adoptivsohn Germanicus hatte sich schon beim Kaiserwechsel 14 n.Chr. als potentieller Rivale erwiesen und durfte daher nicht mit einem vollständigen Sieg aus Germanien nach Rom zurückkehren. Eck würde vermutlich einräumen, daß es für den Abbruch der Operationen auch gute sachliche Gründe gab, denn der Rachefeldzug hatte militärisch wenig und politisch gar nichts bewirkt, dafür aber die Gefahren erneut deutlich vor Augen geführt. Die labile Koalition der am Aufstand beteiligten Germanenstämme zu spalten und Arminius als ihren Anführer auszuschalten erwies sich auf Dauer als viel erfolgreicher und vor allem risikoloser. Und die Römer nannten das Land rechts des Rheins weiterhin Germania, wenn auch nicht mehr provincia. So durften die Dichter weiter träumen. Als Domitian dann in den 80er Jahren des 1. Jhs. n.Chr. den Fakten ein Etikett aufklebte und die tatsächlich beherrschten und von römischer Zivilisation geprägten Streifen rechts des Rheins zu Provinzen machte (Germania superior bzw. inferior), erntete er der Hohn des Tacitus, der es doch eigentlich besser hätte wissen können.


1 Lesermeinung

  1. Die Varusschlacht ist sicher...
    Die Varusschlacht ist sicher nur in der Rückschau eine Zäsur. So bedeutend waren die Verluste auch wieder nicht. Im 2. Punischen Krieg haben die Römer ganz andere Verluste weggesteckt. Der Abbruch der Germanicus-Expedition ist sicher viel einschneidender gewesen und letztendlich, so stimme ich zu, hatte die Expansion unter damaligen Umständen keine Perspektive. Im übrigen zum Schaden für die deutsche Geschichte, wie ich meine. Aber mitunter ist es ganz sinnvoll sich mit „ungeschehener Geschichte“ (A. Demandt) zu beschäftigen. Wo lagen die Perspektiven? Eine rein militärische Eroberung und Kontrolle war schon aus geographischen Gründen nicht möglich (Größe, Klima, Vegetation). Aber was wäre gewesen, wenn ein glücklicher Zufall die Silbervorkommen am Harz zum Vorschein gebracht hätte? Bei der notorischen römischen Edelmetallknappheit hätte es kein Halten gegeben. Dazu hätte es aber einer dauernden Präsenz eines hochrangigen Magistrats bedurft und einer stetigen Ausbau der Infrastruktur. Ohne entsprechenden Gegenwert war das damals nicht von Interesse, also unterblieb es. Ich könnte mir durchaus eine germanische Provinz mit Grenze an der Elbe vorstellen. Für den Fortbestand des Imperiums und die Weltgeschichte hätte das unabsehbare Folgen gehabt.

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