Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Mission verlängert – der Codex Aesinas bleibt noch in Detmold

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Gute Nachricht für alle verspäteten Besucher der Varusschlacht-Ausstellung in Detmold: Der Codex Aesinas, die älteste erhaltene Abschrift der Germania des...

Gute Nachricht für alle verspäteten Besucher der Varusschlacht-Ausstellung in Detmold: Der Codex Aesinas, die älteste erhaltene Abschrift der Germania des Tacitus aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, wird bis zum Ende der „Mythos“-Schau im Lippischen Landesmuseum zu sehen sein. Ursprünglich war mit dem Leihgeber, der Biblioteca Nazionale Centrale in Rom, eine Ausleihe von drei Monaten vereinbart worden. Aufgrund der ausgezeichneten konservatorischen Bedingungen, unter denen die kostbare Handschrift im Landesmuseum präsentiert wird, hat sich die Bibliothek nun, so heißt es, dazu entschlossen, die Leihfrist bis zum Ende der Ausstellung am 25. Oktober zu verlängern.

Gut klimatisiert in einer Spezial-Vitrine habe sich, so Projektleiter Michael Zelle, der Codex zu einem wahren Publikumsmagneten entwickelt. In der Tat ist die in ihm enthaltene Germania das Schlüsselexponat: Während im ersten Ausstellungsteil zentrale Aussagen des Tacitus über die Germanen mit archäologischen Befunden konfrontiert werden, steigt der Besucher im zweiten Teil mit der Wiederentdeckung der Germania im 15. Jahrhundert in die wechselvolle Wirkungsgeschichte der Varusschlacht ein – obwohl das folgenreiche Wort von Arminius als dem Befreier Germaniens bekanntlich in den Annalen desselben Autors steht.

Während die Rezeptionsgeschichte gut aufbereitet ist, findet der Besucher der Ausstellung just bei diesem Prunkstück leider wenig Hilfe. Es fehlt die technische Finesse, mit der etwa in Haltern für den Laien unlesbare Textzeugnisse aufgeschlossen werden. Der Katalog hätte hier einspringen können, doch er bietet nur eine Aufnahme im Format 11×15 cm (das Original mißt etwa 21×26 cm), auf der lediglich die Überleitung vom Agricola zur Germania entziffert werden kann. Die Arbeit der Paläographen und Philologen erscheint hier wieder einmal als Geheimwissenschaft, die man bestaunen, aber nicht durchschauen kann. Für das „Paradestück“ ist das sehr wenig. Auch über die Beschädigungen durch das Arno-Hochwasser 1966 hätte der Kenner gern mehr erfahren.

Der Codex selbst enthält neben der Germania-Abschrift auch Tacitus‘ erste Schrift, die Biographie seines Schwiegervaters Iulius Agricola. Mehrere Blätter dieses Teils mit den Kapiteln 13 bis 40 stammen aus dem insgesamt verloren gegangenen Hersfelder Codex, der im 9. Jahrhundert entstand. Der Germania-Text – und das macht den Aesinas so wertvoll – stellt wahrscheinlich eine direkte Abschrift aus dem Hersfeldensis dar, der 1455 im dortigen Kloster gefunden wurde, nach Italien gelangte und dort verschwand. Die nachhaltige Rezeption in Deutschland begann erst 1496 mit der Ausgabe von Aenea Silvio Piccolomini, den darauf folgenden Vorlesungen des Humanisten Conrad Celtis an der Universität in Wien und den ersten Übersetzungen ins Deutsche (1526 und 1535); vgl. dazu etwa Dieter Mertens, Die Instrumentalisierung der „Germania“ des Tacitus durch die deutschen Humanisten, in: Heinrich Beck (Hg.): Zur Geschichte der Gleichung „germanisch – deutsch“: Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen. Berlin u.a. 2004, 37-101.

1902 wurde der nach dem Sitz seines zwischenzeitlichen Besitzers, des Grafen Balleani in Iesi, benannte Codex wiederentdeckt. Schon in den 1920er Jahren pilgerten zahlreiche, völkisch bewegte Historiker und Philologen nach Italien und studierten die Handschrift. Eine grundlegende Untersuchung mit Faksimile publizierte der Latinist Rudolf Till als ersten Band in der Schriftenreihe des „Ahnenerbes“ (Handschriftliche Untersuchungen zu Tacitus‘ Agricola und Germania, Berlin 1943). Bereits 1938 hatte sich die drei Jahre zuvor gegründete Organisation bemüht, die Handschrift zu erwerben, da man sie für die älteste erhaltene Abschrift der Germania und vermeintliche „Urschrift“ der Deutschen hielt.

Um die Germanenrezeption im NS-Staat richtig einschätzen zu können, bedarf es einer klaren Differenzierung. Denn die kultische Verehrung der „eigenwüchsigen, unvermischten und allein sich selbst gleichenden“ Germanen (Tac. Germ. 4) blieb in der NS-Bewegung weitgehend auf Alfred Rosenberg und Himmler beschränkt. Hitler dagegen waren die Germanen schon deshalb suspekt, weil sie so viele Jahrhunderte lang unfähig waren, politische Macht zu konzentrieren und Reiche zu bilden. Lehmdörfer, Tonscherben und Runen bewiesen ihm nur, daß „wir noch um offene Feuerstellen hockten, als sich Rom schon auf höchster Kulturstufe“ befand – und vor allem: schon ein Imperium begründet hatte. Mit diesen Anarchisten war buchstäblich kein Staat zu machen.

Doch Himmler ließ nicht locker. Die aufregende Episode um die verborgene Handschrift hat u.a. Simon Schama nach mündlicher Familienüberlieferung erzählt (Der Traum von der Wildnis. Natur als Imagination, München 1996, 91-97): wie ein SS-Sonderkommando am Palazzo der Balleani in Fontedamo vorfuhr, wie das verwaiste Haus durchwühlt und verwüstet wurde. Die Eindringlinge zerschlugen das Mobiliar, schlitzten Polster und Gemälde auf, kratzten die Fresken von den Wänden, hoben die Bodenmosaiken heraus und zerstießen die Steine mit dem Gewehrkolben zu buntem Staub. Aber der gesuchte Urquell der Deutschen blieb unauffindbar. Das Kommando durchsuchte noch zwei weitere Häuser der Balleani, ebenfalls vergeblich: das Haus in Osimo, in dessen Keller sich die Familie so gut versteckt hatte, daß sie unbemerkt blieb, und den Palazzo an der Piazza von Iesi. In letzterem jedoch, unter dem Großen Saal in einem winzigen Küchenkeller, dort in einer mit Zinn ausgeschlagenen Holztruhe, lag auch nach dem Abzug des Kommandos unversehrt das gesuchte Manuskript mit den Anfangsworten Germania omnis a Gallis. – Seit 1994 wird die Handschrift in der Biblioteca Nazionale Centrale in Rom verwahrt.

 

Abb.[wg. Urheberrecht entfernt]: Vorderseite von Blatt 66 des Codex Aesinas: Cornelii Taciti de vita et mo[ribus Iulii Agricolae liber explicit. Incipiti eiusdem de origine et moribus Germanorum. – „Das Buch des Cornelius Tacitus über das Leben und den Charakter des Iulius Agricola endet. Es beginnt desselben (Autors Werk) über die Herkunft und die Sitten der Germanen.“


4 Lesermeinungen

  1. Aus der Werkstatt der...
    Aus der Werkstatt der Paläographen und Philologen ließen sich tatsächlich noch einige Informationen über diesen von humanistischer Besitzgier im physischen Sinne ausgeschlachteten Codex anfügen. Schade, daß nur Incipit und Anfangsseite der Germania (fol. 66recto) hier abgebildet sind – zwar hat sich der Kopist (wohl in kurialer Umgebung) nach 1455 redlich darum bemüht, die karolingische Minuskel des 9. Jh. nachzuahmen wie auch den 2-kolumnigen Schriftspiegel der Vorlage korrekt zu übernehmen. Gleichwohl zeigt erst ein Blick auf eine der wenigen Originalseiten zuvor (z.B. fol. 63verso, im Ausschnitt), daß der „Hersfelder“ Codex einen in großer Eile diktierten(!) Text bietet, mit mäßiger Schriftqualität, mäandrierenden Zeilenabständen und typischen Hörfehlern. Zudem war der Schreiber gar kein Mönch, der sein Metier in Fulda, Mainz oder Hersfeld gelernt hat, sondern in einem Scriptorium im – Westfränkischen(!). Wo die kleinen Schriften des Tacitus in einem flüchtig angelegten Sammelband zusammengestellt worden sind, weiß man nicht. In Frage kommen vor allem das Loirekloster St.Martin/Tours oder (weiter östlich) Ferrières. Karls des Großen genau so großer „Kultusminister“ Alkuin, der Chef der Hofakademie, war dort Laienabt gewesen (und Lehrer des Hrabanus Maurus, später Abt in Fulda und Erzbischof von Mainz). Alkuin wollte gegen Lebensende am liebsten Mönch in Fulda werden. Jahrzehnte später besuchte Lupus von Ferrières (ein Halbbayer, aber im Westen aufgewachsen) die ostfränkischen Klöster – im Gepäck die Tacitus-Kopie?! Es wäre eine ideale Einstimmung in Leben und Sitten der Leute im „Wilden Osten“ gewesen. Als Lupus 836 wieder ging, hat er sein Büchlein als Gastgeschenk dagelassen – und Magister Rudolf von Fulda (+ 865), der einzige nachweisbare Leser der „Germania“ vor 1455, hat es dankbar zitiert – geographisch, als es um die Weser ging.

  2. Kampfstrampler,
    wie sollte...

    Kampfstrampler,
    wie sollte Rudolf von Fulda im 9. Jhdt. ein „Gastgeschenk“ gelesen haben, das nach Ihrer Meinung erst im 15. Jhdt. entstand?
    Die von Ihnen angegebenen Kriterien „Schriftqualität“, „Zeilenabstände“ und „Hörfehler“ taugen nicht für die Behauptung, fünfhundert Jahre später sei die karolingische Minuskel „nachgeahmt“ worden. Besondern der Verweis auf „Hörfehler“ ist ein Witz für eine Zeit, in der Schrift die Sprache ohne jede Rechtschreibregeln nachbildete und nicht, wie heute, umgekehrt.
    Die im Beitrag genannte Überlieferungsgeschichte braucht nicht angezweifelt zu werden.

  3. @moresda Lieber...
    @moresda Lieber Mitkommentator, ich fürchte, Sie haben da etwas mißverstanden. Die von Herrn Walter mitgeteilte Überlieferungsgeschichte des Codex „Aesinas“ habe ich gar nicht angezweifelt – wie denn auch, sie ist opinio communis. Allerdings ist in Walters gedrängtem Beitrag der Codex „Hersfeldensis“ zu kurz gekommen – deshalb noch einmal: Im Cod. Aesinas steckt realiter noch ein kleines Stück „Hersfeldensis“ (um 830/40), nämlich eine Blattlage (Quaternio, fol. 56r-63v), die einige Kapitel Tacitus, Agricola enthält. Alle anderen Blätter im Aesinas weisen (in kleinem Umfang noch sogar auf radiertem Pergament des 9. Jh.) Humanisten-Abschriften nach 1455 auf. Da die gefledderten (heute verlorenen) Faszikel des „Hersfeldensis“ auch nach Entnahme wiederum kopiert worden sind, haben wir eine (relativ) gute Textbasis für Germania und Dialogus des Tacitus. Wie eine(!) originale Schrift des „Hersfeldensis“ ausgesehen hat, können Sie sich unter http://www.tertullian.org/rpearse/tacitus/index.htm (dort ein kleiner Ausschnitt aus der linken Kolumne einer Verso-Seite) anschauen. Unter Fachleuten besteht Einigkeit, daß diese Schrift westfränkisch ist (B. Bischoff: „im Westen, vielleicht an der Loire“). Allerdings haben die Tacitus-Philologen (etwas unkritisch) angenommen, der Codex sei in Hersfeld oder Fulda entstanden. Das ist zwar möglich, weil westfränkisch geschulte Schreiber auch dort tätig waren – so etwa Hrabans Fuldaer Mönch und Freund Isanbert. Wahrscheinlich ist es jedoch nicht: Der Schreiber war nur ein kalligraphisch mäßiger Kopist (jung? Klosterschule?). Außerdem hat ein Korrektor einige der Fehler am Rande verbessert: „reducit“ statt „deducit“ – das ist kein Fehler bei Autopsie, sondern nach Diktat. Wenn Wörter „quonovarum“ oder „animiipsa“ ohne Spatium geschrieben werden, ist das ebenfalls leicht auf Diktat zurückzuführen. Normalerweise wird bei einer anspruchsvoll ausgestalteten Kopie eines Textes das vorgeritzte Zeilenkorpus eingehalten – der „Hersfeldensis“ zeigt aber Schlangenlinien-Text, ein Indiz für Flüchtigkeit.
    Die Klassiker-Jagd im 15. Jh. zeitigte merkwürdige Ergebnisse. Hätte ein Hersfelder Mönch (Heinrich von Grebenstein) um 1425 nicht gegenüber dem päpstlichen Sekretär Poggio mit Tacitus an der Fulda geprahlt, wüßten wir heute sehr wahrscheinlich nichts mehr über die „Germania“. „Welch glücklicher Diebstahl! Welch segensreiche Profitgier!“ (Johannes Fried, 1996).

  4. <p>Teure...
    Teure Kommentatoren,
    besten Dank für die versierten Beobachtungen und Erklärungen; ich habe gelernt. Der Eintrag nicht sollte nicht zum Schnellkurs in Paläographie und Kodikologie am Beispiel des Aesinas werden, daher ist die Information zum Bestand in der Tat etwas knapp ausgefallen. Aber das Buch von Till ist ja genannt und kann von jedem Leser mit speziellem Interesse eingesehen werden.

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