Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Alles nur Schrott. Eine scharfe Polemik gegen die aufsehenerregende Ilias-Übersetzung des Jahres 2008

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Der fünfzigste Eintrag in diesem Blog erfordert ein wichtiges Thema.Am Ende der großen Innsbrucker Tagung, auf der vor knapp einem Jahr über Raoul Schrotts...

Der fünfzigste Eintrag in diesem Blog erfordert ein wichtiges Thema.
Am Ende der großen Innsbrucker Tagung, auf der vor knapp einem Jahr über Raoul Schrotts Homers Heimat diskutiert wurde, berichtete eine Zuhörerin, wie sie mit ihrem vierjährigen Enkel bei einer Autofahrt dem ersten Gesang der parallel entstandenen Übertragung der Ilias lauschte. Sei denn dieser Agamemnon ein Straßenkind, habe das Kind gefragt. Denn gleich mehrmals habe er „Hau ab!“ geschrieen, und so werde auf der Straße doch geredet.
Schrotts Ilias wurde im Radio, als Hörbuch und durch Ereignisse wie die dreitägige Lesung im Kloster Corvey wieder in den angestammten und angemessenen Zustand der Mündlichkeit versetzt und hat dort eine große Wirkung entfaltet. Der gefühlte Gesamteindruck und der persönliche Charme sprachen für den Österreicher, und auch wer die Derbheiten bereits spontan nicht mochte, konnte doch das Engagement bewundern, mit dem hier scheinbar um einen Homer für unsere Zeit gerungen wurde. Man redete wieder über die Ilias und ihren Dichter; endlich einmal ging es um Ästhetik, nicht um Gezänk unter Archäologen und Historikern, wie groß und bedeutend das bronzezeitliche Troja war und ob Mauern und Scherben den Inhalt von Texten als historisch erweisen können. Für seine Kilikienhypothese hat Schrott keine Zustimmung gefunden (s. F.A.Z., 19.11.2008, Nr. 271 / Seite N5), um so heller strahlte seine un-glatte Übersetzung / Übertragung / Version (s.u.).

Alles Blendwerk und Tand, Auswurf eines prätentiösen Dilettantismus. Doch der Altphilologe Paul Dräger, seinerseits Übersetzer mehrerer antiker Schriften und ein höchst streitbarer Gelehrter, beläßt es nicht bei diesem Verdikt. Im webbasierten Rezensionsorgan Bryn Mawr Classical Review legte er kürzlich auf gut zwölf Seiten einen herben Verriß von Schrotts Ilias vor – und das ist nur die Kurzfassung einer 68 Seiten umfassenden Abrechnung. Offenbar können im Zeitalter des World Wide Web Rezensionen wieder den Umfang erreichen, den sie einst in den zahllosen gelehrten Journalen der Aufklärungszeit und teilweise auch noch im 19. Jahrhundert zu haben pflegten.

Der fußnotengespickte, mit zahllosen Beispielen aufwartende Text muß aus einer Lust an der Qual entstanden sein. Denn der Gräzist Dräger scheint von Anfang bis Ende beleidigt worden zu sein, gebe es doch „nur wenige Verse, die nicht zu beanstanden wären“.
Mit der „Nonsense-These“ des kilikisch-zypriotischen Hintergrundes hält er sich nicht lange auf: Schrott habe nicht begriffen, daß Kypria nicht „Zypriotische Geschichten“ bedeutet, sondern vom Beinamen der Göttin Aphrodite abzuleiten ist, die in Tat im Troja-Stoff eine wichtige Rolle spielt. Von der Baumbotanik der Troas und Südkleinasiens habe Schrott keine Ahnung, obwohl das wegen der zahlreichen Baumgleichnisse im Text unverzichtbar sei.
Schrotts einleitende Überlegungen zur Übersetzung bestünden nur „aus radikalem Homer-Verriss und arroganter Selbstbespiegelung“. Dräger ordnet Schrott in eine verbreitete Verirrung ein:
„Alles in allem heißt das: Homer war ein Stümper, alle seine bisherigen Übersetzer desgleichen, und es brauchte Schrott, um Homer zum Dichter und sein Werk mittels vorliegender ‘Übertragung‘ zu Dichtung zu machen. Die Ursache der unüberbietbaren Naivität, die hinter diesem ‘Ins-Heute-Bringen-Wollen‘ steht, ist das kardinale Unverständnis für die Dimension des Geschichtlichen in Kunst und Kultur überhaupt, wie wir sie z.B. auch im sogenannten Regietheater erleben: Die Vergangenheit muss sterben, damit die Eitelkeit der Gegenwart sich brüsten kann. Ganz im Schlepptau dieser irregeleiteten Ideologie redet hier einer, der Homers Poesie offenkundig nicht einmal im Ansatz verstanden hat. Schrotts ‘Übertragung‘ gerät folgerichtig zur Karikatur.“
In der Tat ist die Mängelliste schon für die Einleitung lang und niederschmetternd. Dräger wundert sich auch darüber, daß die Übersetzung im von Peter Mauritsch verfaßten Kommentar so oft korrigiert wird (mit Wendungen wie: „Im Text heißt es lediglich …“; „so nicht im Text“). Überlieferungsbestand und textkritische Terminologie sind nicht beherrscht, im Personenregister fehlen die Götter.
Dann nimmt Dräger im Detail die ersten zehn Verse auseinander: „Die ‘Übertragung‘ schon des monumentalen ersten Ilias-Verses ist gänzlich missglückt.“ Aus der tektonischen Klarheit Homers

[Graphik wg. Urheberrecht entfernt]

wird „von der bitternis sing, göttin – von achilleús, dem sohn des peleús / seinem verfluchten groll, (…)“ – ein redundantes, nicht recht verständliches Gebilde.
Dräger moniert die verständnishemmende „Privat-Interpunktion“ Schrotts und die outrierte, sachlich unsinnige Kleinschreibung (Homer schrieb mit Sicherheit alle Buchstaben ‘groß‘). In seiner „explizit modernisierende Belehrungs-Intention“ vermenge Schrott immer wieder Text und Kommentar – der Tod des Originals. Falsche Betonungen und unrichtige Umschriften homerischer Verse belegen, daß bei Schrott „wirkliche Griechisch-Kenntnis nicht vorliegen kann. Damit ist die Ursache für Schrotts Unverständnis der Homerischen Poesie gefunden. Ohne gründliche Kenntnis der Originalsprache kann eine adäquate Übersetzung eines Textes aus welcher Sprache auch immer nie zustande kommen.“
Während Schrott die kontextabhängige Übersetzung der formelhaften Wendungen immer als besondere Stärke hervorgehoben hat, sieht der Philologe hier nur willkürliche Auswüchse: „2,230 werden aus den ‚pferdebändigenden (hippodámôn) Troern‘ bei Schrott in Thersites‘ Munde „diese reichen troianischen roßtäuscher“ (vom Komm. ‚korrigiert‘ zu „rossezähmend, rossebändigend“); 2,278 wird der zu einer Rede ansetzende ‚Städtezerstörer (ptoliporthos) Odysseus‘ zeugmatisch amplifiziert zu „odysseús, der nicht nur eine stadt / sondern auch sein publikum einzunehmen wußte“.

Dräger beklagt ferner „eine unsägliche Trivialisierung bzw. Infantilisierung der Diktion (…), die – zumal in ihrer Vulgarisierung – über 24 Bücher nur schwer auszuhalten ist“. Eine lange Blütenlese schließt drastisch: „Das ist nicht Homerischer Olymp, sondern Schrottsche bzw. Ekel-Alfred-Wohnküche.“ Ein ganzer Abschnitt trägt die Überschrift: „Vulgarisierung der Diktion: Anal- / Fäkalsprache (Koprologie)“. Daß Schrott im Dekorum des homerischen Textes „die Zensur und Selbstzensur jeder höfischen Standesdichtung“ erkennen und nun, da dieser Vorbehalt entfallen sei, das „eigentlich Implizierte“ hervorheben will, erregt den Zorn des Vertreters einer wissenschaftlichen Disziplin, die angesichts ihrer Tradition Unbefangenheit mit einigem Recht nicht als Tugend gelten lassen kann:
„Ausgerechnet der altertumswissenschaftliche Dilettant Schrott will also ‘das eigentlich Implizierte‘, das die professionelle Homer-Philologie seit den Bemühungen der antiken Scholiasten und der Alexandriner bis zu ungezählten Interpretations- und Kommentar-Arbeiten der Neuzeit, also seit etwa 2500 Jahren, herauszuarbeiten versucht, im Handstreich definitiv erkannt haben, um es dann ‘genauer zu akzentuieren‘! Eine derart naive Überheblichkeit ist schon wieder bewundernswert. (…) Ist Schrotts geradezu begeistert vorgetragene gossensprachliche Diktion nicht vielmehr eine jeder Subtilität bare Geschmacksverirrung – und dies bei einem angeblichen Poesie-Experten und „Dichter“? Wie kann jemand 24 Gesänge Homer ‚übertragen‘ und von der einzigartigen Noblesse dieses Dichters (die mit ‘Zensur und Selbstzensur‘ nicht das Geringste zu tun hat), nicht einmal einen Hauch verspüren?“
Doch der Anstoß ist nicht bloß ein geschmacklicher. Wer so mit dem Überlieferten umgehe, dem Text, dem Ringen um sein Verständnis, müsse sich vorbehaltlos den angeblichen Bedürfnissen des hier und jetzt anheimgeben. „Die vor allem vulgär- bzw. gossensprachliche, sich bis zu den Sprechblasen des Comic-Stils herablassende Anpassung an heutige Verhältnisse lässt alles Vergangene nahtlos im Gegenwärtigen aufgehen.“ Das ist sicher kein Angriff auf das Paradigma der zielsprachenorientierten Übersetzung.
Immerhin, Schrott kennt Vorbilder, freilich nur im Modus des Cento. So stellt er sich – könnte man Dräger ergänzen – in die Tradition eines großen deutscher Volkspoeten, der einst den unvergleichlichen Satz prägte: „Ich ergreife nicht nur die Gelegenheit und das Glas, sondern auch das Wort, um es an sie zu richten.“ So nun auch Homer in neuer Diktion: „die frage stehen lassend, setzte er sich“, oder: „seine hinterwäldler nahmen / die beine in die hand und wir ihnen die ochsen ab“. Auch Bibel- und Goethezitate verunstalten für Dräger den Text, dazu Wendungen wie „wollt ihr den totalen krieg?“ (Goebbels), „hektors stille größe“ (Winckelmann), „alle für einen und einer für alle“ (drei Musketiere). Sicher streiten kann man über Anachronismen wie „lichtgestalt“, „etappenhengst“ und„marschallstab“ oder über den „präpotenten laomédon“.
Tatsächlich scheint der Gesamteindruck beim Hören von Schrotts Version (sie zu lesen, finde ich in der Tat unnötig erschwert) ein besserer zu sein, als der ausgeschüttete Zettelkasten Drägers mit seinen geballten Nestern von Austriazismen, syntaktischen Fehlern, Lizenzen und Stilblüten es eigentlich zuläßt. Der Kritiker ist mit Verdikten nicht sparsam: „mangelnde Fähigkeit (..), einen Sachverhalt unmittelbar verständlich in der Muttersprache auszudrücken“, „Gestammel“, „Phantastik“, „altmännerhaft-lüsterne(r) Sexualslang“, „Elisions-Exzesse bilden ein abscheuliches Lesehindernis“, „geschmack- und stillose Kalauereien“, „besonders häßliches Deutsch eines Unbedarften“, „Schwindel“, „Hochstapelei und Betrug am Käufer“.

Das Gesamturteil läßt an Deutlichkeit ebenfalls nichts zu wünschen übrig:
„Was sich hier herausstellt, stimmt fast schon wieder heiter: Wir haben eine ‘Übertragung‘ aus dem Homerischen Altgriechischen ins Neuhochdeutsche vor uns, deren Verfasser weder das Homerische Altgriechische noch das Neuhochdeutsche wirklich beherrscht – ein in der neueren Geschichte der deutschen Homer-Übersetzung einzigartiges Kuriosum.“
Schrott hätte sein Elaborat nicht Übersetzung oder Übertragung nennen dürfen, sondern allenfalls eine „Freie Nachdichtung auf der Grundlage vorliegender professioneller Übersetzungen“. (Fußnote, der Korrektheit wegen: Auf dem Cover des Hörbuches ist das Werk hinreichend vage „Neufassung von Raoul Schrott“ genannt.) Übertragung kann, so Dräger, in der Tat nur genannt werden, was „durch einen intimen Kenner der Sprache und des kulturellen Kontextes des Originals unter Wahrung der historischen Bedingtheit dieses Originals mit Geschmack und Augenmaß von seinem Original-Ort an einen anderen ‚getragen‘ wurde“. Am Ende steigert sich die durchgehende Polemik zum Crescendo: Schrotts „haarsträubende Selbstüberhebung, die angesichts des tatsächlich Vorgelegten nahezu als Größenwahn im psychiatrischen Sinne erscheint, verlangt nach einer klaren Antwort. Dementsprechend nimmt die Wissenschaft den Wahnwitz probehalber ernst und antwortet als Wissenschaft!“

Wenn Dräger an einer Stelle Schrotts Werk zu einem Phänomen der Kultur und des Kommerzes unserer Zeit erklärt, so hat er damit sicher nicht unrecht, doch zieht er sich damit zugleich in eine bequem-resignierende Schmollecke zurück: Daß dieses Werk überhaupt so entstehen konnte, darin liege „aus der hier vertretenen wissenschaftlichen Sicht ja denn auch der eigentliche Skandal (..), nicht nur auf Seiten des bedenkenlos handelnden Autors, sondern auch auf Seiten des verantwortungslos agierenden Verlages und dessen williger Vertriebs-Partner, von den Printmedien, Fernseh- und Rundfunksendern, Veranstaltern von Lesungen usw. bis hin zur Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG), die Schrotts Bücher ihren Mitgliedern zu Sonderkonditionen andient (hoffentlich, um aus nachträglicher Einsicht die Lagerbestände schnellstmöglich loszuwerden)“. Mehr Optimismus, Herr Dräger! Wenn auch nur ein Mensch durch Schrott angeregt wird, Griechisch zu lernen oder verschüttete Griechischkenntnisse wieder aufzufrischen (etwa durch Befremden bei der Lektüre dieser Version), ist ein gutes Werk getan. Und niemand nimmt Ihnen oder dem Publikum die klassische Übersetzung von Schadewaldt oder die im Entstehen begriffene von Joachim Latacz (im Rahmen des großen Basler Gesamtkommentars) weg. Und vielleicht hat irgendwann auch der Reclam-Verlag ein Einsehen und ersetzt in seinem Programm die „approximativen Übersetzungen eines Archäologen“ (gemeint ist Roland Hampe) durch eine „philologisch-semantisch exakte“, die ein gewisser Paul Dräger dem „deutschen Weltverlag“ schon seit längerem nahezubringen bemüht ist.


5 Lesermeinungen

  1. hallo,

    ich mag schrotts...
    hallo,
    ich mag schrotts uebersetzung auch nicht ;o). in karlsruhe gab es vor einigen monaten eine lesung. ich habe mir voller guter vorsaetze (fast) alle teile angehoert, auch um meine abneigung vielleicht zu ueberwinden und so dinge zu entdecken, die diese ilias hoerenswerter oder lesenwerter machen als andere uebersetzungen. ich habe aber nichts dergleichen finden koennen. ich habe auch nichts gefunden, dass die alten uebersetzungen neu bewerten oder irgendwie sinnvoll ergaenzen wuerde. irgendwie ist und bleibt sie ueberfluessig.
    und auch die lesungen, die die ilias „wieder in den angestammten und angemessenen Zustand der Mündlichkeit versetzen“, sind nichts neues. als schuelerin habe ich die ilias in muenchen gehoert, von rolf boysen mehr vorgetragen als gelesen. es gibt davon auch cds.
    es mag diesen blog und gruesst
    nanouk

  2. Ich war Zeuge einer...
    Ich war Zeuge einer Podiumsdiskussion mit Raoul Schrott in Frankfurt am Main, und hatte mir damals die folgenden Gedanken niedergeschrieben. Als Titel wählte ich:
    Raoul Schrott: Antidemokratisches Denken in den Altertumswissenschaften
    Ich bin heute abend Zeuge einer Podiumsdiskussion mit Raoul Schrott im Liebieghaus in Frankfurt am Main geworden, die im Rahmen der Europäischen Kulturtage der Europäischen Zentralbank veranstaltet wurde. (Donnerstag, 29. Mai 2008, 18:00 Uhr, Liebieghaus am Museumsufer).
    Jeder weiß, dass Schrott die assyrischen Elemente von Homers Werken so stark betont, dass er das Vorbild für Homers Troja ganz anderswo als in Hisarlik lokalisieren möchte. Er tut dies oberflächlich, vereinfachend und hemdsärmelig. Ein Windbeutel durch und durch. Er hatte seine Chance, Eindruck auf mich zu machen. Sie ist vertan.
    Nun gut. Das alles ist nicht das Problem.
    Die Debatte und dann auch die Publikumsdebatte lief nämlich auf etwas ganz anderes hinaus. (Und laut Schrott laufen alle seine Auftritte auf diesen einen Punkt hinaus.)
    Schrott vertrat die These, dass die Unterscheidung zwischen Ost und West letztlich nur konstruiert sei. Ob nun eine Kultur sich so oder anders entwickle, das sei völlig – Zitat – „wertfrei“. So wie die Frage wertfrei ist, ob die Evolution Dinosaurier oder Elephanten hervorbringt. Ob nun westlicher Individualismus oder östlicher Kollektivismus, da könne man nicht werten. Statt eines „Tunnelblicks“ solle man einen „Rundumblick“ haben, so Schrott.
    Auch andere Diskutanten auf dem Podium halfen kräftig mit, den Unterschied von Ost und West nicht nur teilweise, sondern in toto und rückstandslos zu dekonstruieren. Nur einer der Diskutanten leistete kurz ein wenig Widerstand, bevor er auf die Linie der anderen einschwenkte. Wer Ost und West unterscheide, der wolle etwas in die Geschichte hineinlesen.
    Auffällig war, wie akkurat jeder Diskutant vermied, die Worte „Demokratie“ oder „Philosophie“ zu erwähnen. Ständig wurde nur über Kunst, Architektur, Literatur und Technik schwadroniert, wenn Ost und West verglichen wurden. Hanebüchenes wurde zum Besten gegeben: Jene griechischen Städte z.B.,
    die sich den herannahenden Persern unterwarfen, wären ein Beleg gegen den Unterschied von Ost und West. Oder: Herodot’s „Feindbild“ der Perser sei nur eine „politische Konstruktion des Perikles“, hieß es da.
    Wie billig das alles ist!
    Mussten die Griechen diesen übermächtigen Feind wirklich erst nachträglich „konstruieren“? Lebte und schrieb Herodot nicht deutlich vor dem perikleischen Zeitalter? Griff Herodot nicht auch auf Aischylos zurück, der selbst noch in den Perserkriegen kämpfte? Und traf Herodot die Unterscheidung zwischen West und Ost etwa in propagandistischen Worten? Nein. Die Unterscheidung spricht aus seiner einfachen Darstellung der Geschehnisse: Herodot lässt die Fakten für sich sprechen und würdigt alle Menschen als Menschen, wodurch die Unterschiede der gesellschaftlichen Verhältnisse von selbst zutage treten.
    Aber das sind schon zuviel der guten Worte gegen böse Thesen.
    Erstaunlicherweise hoben auch die meisten Fragesteller aus dem Publikum darauf ab, dass jede Unterscheidung zwischen West und Ost falsch und veraltet sei. Sie fühlten sich dabei offenbar gut, jung, modern und sehr gebildet, und sie kicherten, wann immer die Sprache darauf kam, wie falsch doch die Unterscheidung in Ost und West sei. Ja, sie kicherten, denn es waren auffällig viele junge Frauen im Publikum.
    Eine grauhaarige Dame meinte höhnisch, die Gegner von Raoul Schrott seien diejenigen, die beklagten, dass das Minarett einer Moschee höher gebaut werde als der Kirchturm daneben; es fehlte nur noch die Explizierung des Gedankens in Richtung Phallus-Symbolik, um deutlich werden zu lassen, wie niedrig sie von denen denkt, die sich Sorgen machen. Es seien die Gegner eines Türkei-Beitritts in die EU, die die „völlig künstliche“ Unterscheidung zwischen Ost und West aufrecht erhalten wollten, meinte sie.
    Nur ein einziger Fragesteller aus dem Publikum hielt dagegen, dass in Athen der Westen, d.h. die Demokratie, der Rationalismus usw. hervorgebracht wurden, und dass es sehr wohl einen deutlichen Unterschied zwischen Ost und West gibt, den man nicht verwischen darf, weil sonst die Substanz der Demokratie infrage gestellt wird. Er bekam einen kurzen Beifall von einigen ansonsten schweigenden Anwesenden.
    Es wurde ihm jedoch sogleich von einem anderen Fragesteller aus dem Publikum beschieden, dass er doch Demokratie „neu denken“ solle, dass wir in bezug auf unsere Gesellschaftsordnung auf „ein neues Paradigma“ zusteuerten; das sei so wie auch in den Naturwissenschaften, wo auch
    immer wieder neu gedacht werden müsse. Wir müssten „offener“ für „das Neue“ sein (da fällt mir das Zitat-im-Zitat von Benedikt XVI ein: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat“), und den „Rundumblick“ haben, von dem Schrott sprach. Statt eines „Tunnelblicks“.
    Schrott ist damit zum willigen Stichwortgeber der Anti-Demokraten und fatalen Verharmloser geworden. Sein Werterelativismus ist ein direkter und offener Angriff auf unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung.
    Nach den antidemokratischen Ausfällen von Altertumswissenschaftlern zum Thema Raubgrabungen im Irak (Tenor: „Damals, beim Hussein, da herrschte noch Ordnung!“; ich frage mich dabei immer, ob diese Leute wirklich Husseins Geheimdienst samt Todesstrafe wieder einführen wollten,
    um ihre ach so geliebten Altertümer zu schützen? Wäre es ihnen das wirklich wert?!
    Glauben sie etwa, dass sie damit ihre großartige und tiefe Bildung unter Beweis stellen können, dass ihnen Altertümer mehr wert sind als Menschen; Blut für ein paar weitere Zeilen des Gilgamesch-Epos? Und warum nur wollen sie keine eigenen Soldaten in den Irak schicken, um die Altertümer zu schützen und den Feldzug zum Erfolg zu führen, auch und gerade durch das Signal: Ihr könnt uns nicht auseinanderdividieren? Verzeihung für die lange Parenthese, aber es musste von Mensch zu Mensch gesagt werden)
    zeigt sich erneut, dass in den Altertumswissenschaften kein hinreichendes Bewusstsein für Demokratie und Menschenrechte vorhanden zu sein scheint. Auch der ganz einfache und natürliche Humanismus ist offenbar gänzlich abhanden gekommen.
    Dem seien zum Abschluss Worte Herodots entgegen gehalten, die Worte eines Mannes, der schon vor 2500 Jahren erleben musste, dass die Demokratie Athens keine gute Publicity hatte:
    „Wahrhaftig! Der Himmel wird sich unter die Erde senken und die Erde sich über den Himmel erheben, es werden die Menschen ihre Wohnungen im Meer und die Fische ihre Bleibe in den früheren Wohnstätten der Menschen haben, wenn ihr, Lakedaimonier, Freiheit und Gleichheit aufheben und Tyrannen in die Städte zurückführen wollt. Es gibt doch nichts Ungerechteres, nichts Blutdürstigeres auf Erden. Wenn ihr es wirklich für recht und gut haltet, dass Tyrannen über die Städte herrschen, dann setzt doch zuerst über Euch selbst einen Tyrannen ein, und dann erst versucht es bei anderen!“ (Herodot V 92)
    Sind diese Worte nur eine „Konstruktion“?
    Sind sie „wertfrei“?
    Alles nur „Perikleische Propaganda“?
    Oder sind diese Worte nicht vielleicht doch … menschlich?
    Einfach nur menschlich?
    Eben unser schützenswertes Erbe?
    Ein Erbe, das gerade von gebildeten Orientalen, die im Westen angekommen sind, sehr geschätzt wird? (Vgl. z.B. Seyran Ates: Der Multikulti-Irrtum)
    Auch der übliche Anti-Amerikanismus erhob natürlich sein Haupt.
    Dem seien die folgenden Worte Herodots entgegengehalten:
    „Jetzt muss ich offen meine Meinung sagen, so unangenehm sie den meisten Menschen ist. … Hätten die Athener … sich Xerxes ergeben, dann hätte es niemand versucht, dem König zur See entgegenzutreten. … Wenn aber jetzt einer die Athener als die Retter Griechenlands bezeichnet, so gibt er der Wahrheit nur die Ehre. Der Verlauf der Dinge hing einzig und allein davon ab, auf welche Seite sie sich stellten.Da sie die Erhaltung der Freiheit Griechenlands wählten, so waren sie es, die das ganze übrige Griechenland zum Widerstand aufrüttelten, soweit es nicht persisch gesinnt war“. (Herodot VII 139)
    Wie tief ist unser Land in seiner Bildung gesunken,
    dass eine solche Veranstaltung möglich war.
    Ich denke zurück an den Tag, als mir ein studierter Kollege das Buch ‚Stupid White Men‘ von Michael Moore unter die Nase hielt und dazu sagte: „Das ist das beste Buch, das ich je in meinem Leben gelesen habe!“
    Im Garten des Liebieghauses verlustiert sich derweil die feine Frankfurter „Bürgergesellschaft“ bei Sekt und Häppchen.
    Während ich das Dunkel schon von ferne kommen sehe.

  3. Wow! Die besprochene Rezension...
    Wow! Die besprochene Rezension ist ja eine Hinrichtung.
    Vermutlich wissen die meisten Leute das, was sie über die Ilias wissen, von Wolfgang Petersens „Troja“ Verfilmung mit Brad Pitt. Wozu führt pop-kulturelle, massenmediale Verarbeitung von mythischen Erzählungen wie diese bei Altphilologen? Zu katatonischer Starre und dem Gefühl umsonst gelebt zu haben?
    In gewisser Weise habe ich aber auch Sympathie für Dräger, der mit dem ganzen Gewicht seiner Institution auftritt, um sich dem Kultur-Frevel und der Halbbildung entgegen zu stemmen. Eine gewisse Anzahl an Wächtern und Fundamentalisten ist einer Gesellschaft sicherlich nicht abträglich, wie selbst liberale Weicheier wie ich, zugestehen müssen.
    Wie dem auch sei, vielleicht schenke ich das Hörbuch meiner 10-jährigen Nichte zu Weihnachten. Ich werde noch weitere Informationen darüber einholen.

  4. Na ja, Herr Schott ist gewiss...
    Na ja, Herr Schott ist gewiss nicht der Untergang des Abendlandes. Seine Nacherzählung hat durchaus ihre sprachliche Kraft, auch wenn mir Wortwahl ud Stil nicht immer gefallen, und manches in der Tat einfach falsch ist. Aber ist es nicht zu begrüßen, dass eine breitere (immer noch keine breite) Öffentlichkeit sich jetzt wieder intensiv mit Homer beschäftigt? Die erregte Debatte zeigt doch, dass das Thema lebt. Es lernen ja auch immr mehr Kinder Latein, oft als erste Fremdsprache. Sogar im nicht mehr fernen China lernt man Latein, auf dass man den Westen besser verstehe.
    .
    Und wie tief, liebe(r) franket, nicht nur die Frankfurter „Bürgergesellschaft“ gesunken sei? Es sind wohl doch eher die bourgeois und weniger de citoyens, deren vorhersagbare Lautemissionen Sie sich anhören mussten. Die anderen lesen Christian Meier’s „Athen“ et alt. Seine hohen Auflagenzahlen zeigen, dass vielen der Brückenschlag von damals nach heute gelingt und von ferne nicht nur Dunkel kommt, sondern auch Licht.
    .
    Etwas weniger Kulturpessimismus, bitte.

  5. @yaq12:

    Ich bin nicht bereit,...
    @yaq12:
    Ich bin nicht bereit, Ihre unsägliche Verharmlosung der ungeheuerlichen Aussagen Raoul Schrotts (und anderer) hinzunehmen. Schämen Sie sich. Wo sind Ihre republikanischen Tugenden geblieben?

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