Antike und Abendland

Alles nur Schrott. Eine scharfe Polemik gegen die aufsehenerregende Ilias-Übersetzung des Jahres 2008

Der fünfzigste Eintrag in diesem Blog erfordert ein wichtiges Thema.
Am Ende der großen Innsbrucker Tagung, auf der vor knapp einem Jahr über Raoul Schrotts Homers Heimat diskutiert wurde, berichtete eine Zuhörerin, wie sie mit ihrem vierjährigen Enkel bei einer Autofahrt dem ersten Gesang der parallel entstandenen Übertragung der Ilias lauschte. Sei denn dieser Agamemnon ein Straßenkind, habe das Kind gefragt. Denn gleich mehrmals habe er „Hau ab!“ geschrieen, und so werde auf der Straße doch geredet.
Schrotts Ilias wurde im Radio, als Hörbuch und durch Ereignisse wie die dreitägige Lesung im Kloster Corvey wieder in den angestammten und angemessenen Zustand der Mündlichkeit versetzt und hat dort eine große Wirkung entfaltet. Der gefühlte Gesamteindruck und der persönliche Charme sprachen für den Österreicher, und auch wer die Derbheiten bereits spontan nicht mochte, konnte doch das Engagement bewundern, mit dem hier scheinbar um einen Homer für unsere Zeit gerungen wurde. Man redete wieder über die Ilias und ihren Dichter; endlich einmal ging es um Ästhetik, nicht um Gezänk unter Archäologen und Historikern, wie groß und bedeutend das bronzezeitliche Troja war und ob Mauern und Scherben den Inhalt von Texten als historisch erweisen können. Für seine Kilikienhypothese hat Schrott keine Zustimmung gefunden (s. F.A.Z., 19.11.2008, Nr. 271 / Seite N5), um so heller strahlte seine un-glatte Übersetzung / Übertragung / Version (s.u.).

Alles Blendwerk und Tand, Auswurf eines prätentiösen Dilettantismus. Doch der Altphilologe Paul Dräger, seinerseits Übersetzer mehrerer antiker Schriften und ein höchst streitbarer Gelehrter, beläßt es nicht bei diesem Verdikt. Im webbasierten Rezensionsorgan Bryn Mawr Classical Review legte er kürzlich auf gut zwölf Seiten einen herben Verriß von Schrotts Ilias vor – und das ist nur die Kurzfassung einer 68 Seiten umfassenden Abrechnung. Offenbar können im Zeitalter des World Wide Web Rezensionen wieder den Umfang erreichen, den sie einst in den zahllosen gelehrten Journalen der Aufklärungszeit und teilweise auch noch im 19. Jahrhundert zu haben pflegten.

Der fußnotengespickte, mit zahllosen Beispielen aufwartende Text muß aus einer Lust an der Qual entstanden sein. Denn der Gräzist Dräger scheint von Anfang bis Ende beleidigt worden zu sein, gebe es doch „nur wenige Verse, die nicht zu beanstanden wären“.
Mit der „Nonsense-These“ des kilikisch-zypriotischen Hintergrundes hält er sich nicht lange auf: Schrott habe nicht begriffen, daß Kypria nicht „Zypriotische Geschichten“ bedeutet, sondern vom Beinamen der Göttin Aphrodite abzuleiten ist, die in Tat im Troja-Stoff eine wichtige Rolle spielt. Von der Baumbotanik der Troas und Südkleinasiens habe Schrott keine Ahnung, obwohl das wegen der zahlreichen Baumgleichnisse im Text unverzichtbar sei.
Schrotts einleitende Überlegungen zur Übersetzung bestünden nur „aus radikalem Homer-Verriss und arroganter Selbstbespiegelung“. Dräger ordnet Schrott in eine verbreitete Verirrung ein:
„Alles in allem heißt das: Homer war ein Stümper, alle seine bisherigen Übersetzer desgleichen, und es brauchte Schrott, um Homer zum Dichter und sein Werk mittels vorliegender ‘Übertragung‘ zu Dichtung zu machen. Die Ursache der unüberbietbaren Naivität, die hinter diesem ‘Ins-Heute-Bringen-Wollen‘ steht, ist das kardinale Unverständnis für die Dimension des Geschichtlichen in Kunst und Kultur überhaupt, wie wir sie z.B. auch im sogenannten Regietheater erleben: Die Vergangenheit muss sterben, damit die Eitelkeit der Gegenwart sich brüsten kann. Ganz im Schlepptau dieser irregeleiteten Ideologie redet hier einer, der Homers Poesie offenkundig nicht einmal im Ansatz verstanden hat. Schrotts ‘Übertragung‘ gerät folgerichtig zur Karikatur.“
In der Tat ist die Mängelliste schon für die Einleitung lang und niederschmetternd. Dräger wundert sich auch darüber, daß die Übersetzung im von Peter Mauritsch verfaßten Kommentar so oft korrigiert wird (mit Wendungen wie: „Im Text heißt es lediglich …“; „so nicht im Text“). Überlieferungsbestand und textkritische Terminologie sind nicht beherrscht, im Personenregister fehlen die Götter.
Dann nimmt Dräger im Detail die ersten zehn Verse auseinander: „Die ‘Übertragung‘ schon des monumentalen ersten Ilias-Verses ist gänzlich missglückt.“ Aus der tektonischen Klarheit Homers

[Graphik wg. Urheberrecht entfernt]

wird „von der bitternis sing, göttin – von achilleús, dem sohn des peleús / seinem verfluchten groll, (…)“ – ein redundantes, nicht recht verständliches Gebilde.
Dräger moniert die verständnishemmende „Privat-Interpunktion“ Schrotts und die outrierte, sachlich unsinnige Kleinschreibung (Homer schrieb mit Sicherheit alle Buchstaben ‘groß‘). In seiner „explizit modernisierende Belehrungs-Intention“ vermenge Schrott immer wieder Text und Kommentar – der Tod des Originals. Falsche Betonungen und unrichtige Umschriften homerischer Verse belegen, daß bei Schrott „wirkliche Griechisch-Kenntnis nicht vorliegen kann. Damit ist die Ursache für Schrotts Unverständnis der Homerischen Poesie gefunden. Ohne gründliche Kenntnis der Originalsprache kann eine adäquate Übersetzung eines Textes aus welcher Sprache auch immer nie zustande kommen.“
Während Schrott die kontextabhängige Übersetzung der formelhaften Wendungen immer als besondere Stärke hervorgehoben hat, sieht der Philologe hier nur willkürliche Auswüchse: „2,230 werden aus den ‚pferdebändigenden (hippodámôn) Troern‘ bei Schrott in Thersites‘ Munde „diese reichen troianischen roßtäuscher“ (vom Komm. ‚korrigiert‘ zu „rossezähmend, rossebändigend“); 2,278 wird der zu einer Rede ansetzende ‚Städtezerstörer (ptoliporthos) Odysseus‘ zeugmatisch amplifiziert zu „odysseús, der nicht nur eine stadt / sondern auch sein publikum einzunehmen wußte“.

Dräger beklagt ferner „eine unsägliche Trivialisierung bzw. Infantilisierung der Diktion (…), die – zumal in ihrer Vulgarisierung – über 24 Bücher nur schwer auszuhalten ist“. Eine lange Blütenlese schließt drastisch: „Das ist nicht Homerischer Olymp, sondern Schrottsche bzw. Ekel-Alfred-Wohnküche.“ Ein ganzer Abschnitt trägt die Überschrift: „Vulgarisierung der Diktion: Anal- / Fäkalsprache (Koprologie)“. Daß Schrott im Dekorum des homerischen Textes „die Zensur und Selbstzensur jeder höfischen Standesdichtung“ erkennen und nun, da dieser Vorbehalt entfallen sei, das „eigentlich Implizierte“ hervorheben will, erregt den Zorn des Vertreters einer wissenschaftlichen Disziplin, die angesichts ihrer Tradition Unbefangenheit mit einigem Recht nicht als Tugend gelten lassen kann:
„Ausgerechnet der altertumswissenschaftliche Dilettant Schrott will also ‘das eigentlich Implizierte‘, das die professionelle Homer-Philologie seit den Bemühungen der antiken Scholiasten und der Alexandriner bis zu ungezählten Interpretations- und Kommentar-Arbeiten der Neuzeit, also seit etwa 2500 Jahren, herauszuarbeiten versucht, im Handstreich definitiv erkannt haben, um es dann ‘genauer zu akzentuieren‘! Eine derart naive Überheblichkeit ist schon wieder bewundernswert. (…) Ist Schrotts geradezu begeistert vorgetragene gossensprachliche Diktion nicht vielmehr eine jeder Subtilität bare Geschmacksverirrung – und dies bei einem angeblichen Poesie-Experten und „Dichter“? Wie kann jemand 24 Gesänge Homer ‚übertragen‘ und von der einzigartigen Noblesse dieses Dichters (die mit ‘Zensur und Selbstzensur‘ nicht das Geringste zu tun hat), nicht einmal einen Hauch verspüren?“
Doch der Anstoß ist nicht bloß ein geschmacklicher. Wer so mit dem Überlieferten umgehe, dem Text, dem Ringen um sein Verständnis, müsse sich vorbehaltlos den angeblichen Bedürfnissen des hier und jetzt anheimgeben. „Die vor allem vulgär- bzw. gossensprachliche, sich bis zu den Sprechblasen des Comic-Stils herablassende Anpassung an heutige Verhältnisse lässt alles Vergangene nahtlos im Gegenwärtigen aufgehen.“ Das ist sicher kein Angriff auf das Paradigma der zielsprachenorientierten Übersetzung.
Immerhin, Schrott kennt Vorbilder, freilich nur im Modus des Cento. So stellt er sich – könnte man Dräger ergänzen – in die Tradition eines großen deutscher Volkspoeten, der einst den unvergleichlichen Satz prägte: „Ich ergreife nicht nur die Gelegenheit und das Glas, sondern auch das Wort, um es an sie zu richten.“ So nun auch Homer in neuer Diktion: „die frage stehen lassend, setzte er sich“, oder: „seine hinterwäldler nahmen / die beine in die hand und wir ihnen die ochsen ab“. Auch Bibel- und Goethezitate verunstalten für Dräger den Text, dazu Wendungen wie „wollt ihr den totalen krieg?“ (Goebbels), „hektors stille größe“ (Winckelmann), „alle für einen und einer für alle“ (drei Musketiere). Sicher streiten kann man über Anachronismen wie „lichtgestalt“, „etappenhengst“ und„marschallstab“ oder über den „präpotenten laomédon“.
Tatsächlich scheint der Gesamteindruck beim Hören von Schrotts Version (sie zu lesen, finde ich in der Tat unnötig erschwert) ein besserer zu sein, als der ausgeschüttete Zettelkasten Drägers mit seinen geballten Nestern von Austriazismen, syntaktischen Fehlern, Lizenzen und Stilblüten es eigentlich zuläßt. Der Kritiker ist mit Verdikten nicht sparsam: „mangelnde Fähigkeit (..), einen Sachverhalt unmittelbar verständlich in der Muttersprache auszudrücken“, „Gestammel“, „Phantastik“, „altmännerhaft-lüsterne(r) Sexualslang“, „Elisions-Exzesse bilden ein abscheuliches Lesehindernis“, „geschmack- und stillose Kalauereien“, „besonders häßliches Deutsch eines Unbedarften“, „Schwindel“, „Hochstapelei und Betrug am Käufer“.

Das Gesamturteil läßt an Deutlichkeit ebenfalls nichts zu wünschen übrig:
„Was sich hier herausstellt, stimmt fast schon wieder heiter: Wir haben eine ‘Übertragung‘ aus dem Homerischen Altgriechischen ins Neuhochdeutsche vor uns, deren Verfasser weder das Homerische Altgriechische noch das Neuhochdeutsche wirklich beherrscht – ein in der neueren Geschichte der deutschen Homer-Übersetzung einzigartiges Kuriosum.“
Schrott hätte sein Elaborat nicht Übersetzung oder Übertragung nennen dürfen, sondern allenfalls eine „Freie Nachdichtung auf der Grundlage vorliegender professioneller Übersetzungen“. (Fußnote, der Korrektheit wegen: Auf dem Cover des Hörbuches ist das Werk hinreichend vage „Neufassung von Raoul Schrott“ genannt.) Übertragung kann, so Dräger, in der Tat nur genannt werden, was „durch einen intimen Kenner der Sprache und des kulturellen Kontextes des Originals unter Wahrung der historischen Bedingtheit dieses Originals mit Geschmack und Augenmaß von seinem Original-Ort an einen anderen ‚getragen‘ wurde“. Am Ende steigert sich die durchgehende Polemik zum Crescendo: Schrotts „haarsträubende Selbstüberhebung, die angesichts des tatsächlich Vorgelegten nahezu als Größenwahn im psychiatrischen Sinne erscheint, verlangt nach einer klaren Antwort. Dementsprechend nimmt die Wissenschaft den Wahnwitz probehalber ernst und antwortet als Wissenschaft!“

Wenn Dräger an einer Stelle Schrotts Werk zu einem Phänomen der Kultur und des Kommerzes unserer Zeit erklärt, so hat er damit sicher nicht unrecht, doch zieht er sich damit zugleich in eine bequem-resignierende Schmollecke zurück: Daß dieses Werk überhaupt so entstehen konnte, darin liege „aus der hier vertretenen wissenschaftlichen Sicht ja denn auch der eigentliche Skandal (..), nicht nur auf Seiten des bedenkenlos handelnden Autors, sondern auch auf Seiten des verantwortungslos agierenden Verlages und dessen williger Vertriebs-Partner, von den Printmedien, Fernseh- und Rundfunksendern, Veranstaltern von Lesungen usw. bis hin zur Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG), die Schrotts Bücher ihren Mitgliedern zu Sonderkonditionen andient (hoffentlich, um aus nachträglicher Einsicht die Lagerbestände schnellstmöglich loszuwerden)“. Mehr Optimismus, Herr Dräger! Wenn auch nur ein Mensch durch Schrott angeregt wird, Griechisch zu lernen oder verschüttete Griechischkenntnisse wieder aufzufrischen (etwa durch Befremden bei der Lektüre dieser Version), ist ein gutes Werk getan. Und niemand nimmt Ihnen oder dem Publikum die klassische Übersetzung von Schadewaldt oder die im Entstehen begriffene von Joachim Latacz (im Rahmen des großen Basler Gesamtkommentars) weg. Und vielleicht hat irgendwann auch der Reclam-Verlag ein Einsehen und ersetzt in seinem Programm die „approximativen Übersetzungen eines Archäologen“ (gemeint ist Roland Hampe) durch eine „philologisch-semantisch exakte“, die ein gewisser Paul Dräger dem „deutschen Weltverlag“ schon seit längerem nahezubringen bemüht ist.

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