Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Vom Befreier des Geistes zum Pedell der Eliteschule? Ciceros Karriere als Bildungsmacht

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Cicero ist nicht erst im Titel eines Magazins und in den Romanen von Robert Harris, von denen kürzlich hier zu berichten war, zu neuer Aufmerksamkeit gekommen....

Cicero ist nicht erst im Titel eines Magazins und in den Romanen von Robert Harris, von denen kürzlich hier zu berichten war, zu neuer Aufmerksamkeit gekommen. Im 14. Jahrhundert hatte wortgewaltige Arpinate eine neue Welle der Begeisterung für das antike Rom ausgelöst, die von fiebrigen Schüben und kriminellen Praktiken (bei der Beschaffung von Handschriften) nicht frei war. In der Renaissance wurden die neu gehobenen Überreste aus der Antike von den Humanisten nicht antiquarisch gehegt, sondern produktiv gelesen und gebogen, damit sie eine Sprache für die eigenen Gedanken finden und mit dem lange Überkommenen abrechnen konnten. Für Francesco Petrarca (1304-1374) war das unter anderem das mittelalterliche Latein. Der Vater des sogenannten Ciceronianismus suchte nicht den überzeitlichen Philosophen Cicero, der im Mittelalter nie vergessen war, sondern den Redner und Briefeschreiber der späten römischen Republik auf. Die potentielle Energie der in Klöstern über halb Europa verstreuten Handschriften wandelte Petrarca in kinetische kulturelle Energie um, und für eine nach Selbstaufklärung strebende Elite zunächst in Italien wurde der perfectus orator zum Ideal. In diesem Sinne formulierte Cristoforo Landino (1424-1504) in der Vorrede zu Ciceros Tusculanae disputationes programmatisch: „Als vollendete Beredsamkeit hat diejenige zu gelten, die nicht vom Studium der Weisheit getrennt ist, sondern Rücksicht nimmt auf das richtige Leben und zugleich auf das richtige Reden.“

Doch bevor die Schriften Ciceros zum Vorbild werden konnten, mußten sie erst einmal gefunden werden. Befand sich Petrarca auf Reisen und sah er von Ferne irgendein altes Kloster auftauchen, so war sein erster Gedanke: Wer weiß, ob hier nicht etwas von dem sein mochte, wonach er suchte. Nach Rom und in die Toscana, nach Frankreich, England und ins Reich schickte er Bitten und Mahnungen, Geld und Gesandte. Ein Triumph war es, als ihm 1345 zu Verona in der Dombibliothek ein alter, schon der Verwesung naher Codex mit Ciceros Briefen in die Hände fiel. Der Inhalt erschloß ihm einen ganz neuen Einblick in die Persönlichkeit des verehrten Römers, den er hier nicht als Philosophen, sondern als schwachen und schwankenden Charakter kennen lernte. „Denn gerade in .. Beschwerlichkeiten“, so schrieb er 1350 an einen Freund, „benimmt sich Cicero so weichlich, daß ich mich bei aller Vorliebe für seinen Stil an seinen Äußerungen stoße. Dazu kommen seine streitsüchtigen Briefe und die Schimpfereien und Vorwürfe, die er gegen hochberühmte und eben noch von ihm selbst höchlichst belobte Männer mit merkwürdiger Leichtherzigkeit schleudert. Als ich dies alles las, war ich bezaubert und abgestoßen zugleich, und ich konnte mich nicht enthalten, ihm, wie es der Zorn mir eingab, gleichsam als sei er ein gleichaltriger Freund, mit der Vertrautheit zu schreiben, die mich mit seinem Geiste verbindet, gerade als ob ich den Unterschied der Zeiten vergessen hätte. Ich mußte ihn darin zurechtweisen wegen der Reden, die mich verletzten. Dieser Gedankengang war für mich der Anlaß dazu, als ich einmal die Tragödie des Seneca, die Octavia betitelt ist, nach Jahren wieder las, auch diesem aus dem gleichen Antrieb heraus zu schreiben. Schließlich schrieb ich auch, wie sich mir verschiedenartiger Stoff darbot, dem Varro und dem Virgil und anderen.“

Eine seltsame Übung. Welcher noch so glühende Anhänger einer liberalen Marktwirtschaft würde heute Briefe an Ludwig Erhardt schreiben? Welcher Verfechter eines sozialen Amerika eine e-mail an Franklin D. Roosevelt? Petrarca tat genau das: Er schrieb Briefe an die römischen Klassiker und beschloß mit deren Sammlung das umfangreiche Werk seiner Freundesbriefe (Epistolae familiares). Diese Briefe sind in Wirklichkeit natürlich adressierte Selbstgespräche. Der Leser sollte in einen ähnlichen Monolog treten und sich des Abstands bewußt werden, der ihn von den Klassikern trennte. Aber da es – der Fiktion nach – vertrauliche Briefe sind, kann auch von den Schwächen der antiken Großen die Rede sein. Die Wiederherstellung des Altertums sollte, so die Pointe dieser Korrespondenz, im Geist sachlicher Prüfung stattfinden, nicht in der Unterwerfung unter neue, alte Autoritäten.

Was danach mit Cicero passierte, kann als Modell für das unvermeidbare Verhängnis gelten, welches die Kanonisierung von Bildungsinhalten so oft begleitet hat. Am Anfang stand die individuelle und zugleich kreative Aneignung eines antiken Vorbilds, um Inspiration für eigene Schöpfungen zu gewinnen. Doch sobald dieses ursprünglich ganzheitlich aufgefaßte Vorbild auf bestimmte Normen reduziert werden mußte, um als Teil eines Curriculums unterrichtet werden zu können und so eine größere Breitenwirkung zu erzielen, veränderte es seine Gestalt: Es erstarrte zu einer formalen Hürde, die nehmen mußte, wer zur Elite gehören wollte. Strenge, radikale Ciceronianer wie Julius Caesar Scaliger (1484-1558) gingen im 15. Jahrhundert so weit, alle Wörter und Redewendungen, die nicht bei Cicero vorkommen, nach Möglichkeit zu meiden – ein Purismus, gegen den Erasmus von Rotterdam in seinem Ciceronianus. Sive de optimo dicendi genere (1528) polemisierte.

Petrarca drückte sein eklektisches Konzept mit einem Bienengleichnis aus: die Bienen machen aus dem Nektar vieler verschiedener Blumen etwas Neues und Eigenes, den Honig. Doch ein solch souveräner Umgang setzt Bildung und Belesenheit voraus, verschwendet jedenfalls keinen Gedanken daran, wie sie zu erwerben war. Und es war das Konzept eines autonomen Gelehrten (obwohl Petrarca in Florenz wichtige öffentliche Funktionen innehatte). Die formale Schulung an Cicero hingegen hatte einen ‘Sitz im Leben‘: Im Dienst der Kirche oder anderer Träger der sich formierenden Staatlichkeit korrektes und ehrfurchtgebietendes Latein schreiben zu können bildete eine wesentliche Voraussetzung dafür, durch die Macht des Wortes dauerhafte Autorität für den Schreibenden und Geltung für den Inhalt zu gewinnen. Wie Cicero schreiben, in diesem Stil verfaßte Dokumente aber auch leicht dekodieren zu können war in diesem Zusammenhang keine akademische, sondern eine höchst praktische und politische Frage. Dabei ging es auch um Distinktion innerhalb der Gebildeten. „Den Stil auch in der Not zu wahren, erschien als ein Gebot der guten Lebensart“, so Jacob Burckhardt. „Man kann sich denken, wie emsig in jenen Zeiten die Briefsammlungen des Cicero, Plinius u. a. studiert wurden. Es erschien schon im 15. Jahrhundert eine ganze Reihe von Anweisungen und Formularen zum lateinischen Briefschreiben (als Seitenzweig der großen grammatikalischen und lexikographischen Arbeiten), deren Masse in den Bibliotheken noch heute Erstaunen erregt. Je mehr Unberufene aber mit dergleichen Hülfsmitteln sich an die Aufgabe wagten, desto mehr nahmen sich die Virtuosen zusammen, und die Briefe Polizianos und im Beginn des 16. Jahrhunderts die des Pietro Bembo erschienen dann als die irgend erreich­baren Meisterwerke, nicht nur des lateinischen Stiles, sondern der Epistolographie als solcher.“

Im Laufe des 16. Jahrhunderts nahm unter den Gelehrten das Interesse am Ciceronianismus ab, zumal nun griechische Autoren stärker in den Vordergrund traten. Im Schulwesen jedoch konnte Cicero seine Vorherrschaft dauerhaft behaupten. Wenn heute im Lateinstudium in den sog. Stilübungen das Lateinschreiben erlernt wird, so sind es Lexik und Syntax von Cicero und Caesar, welche die Norm des ‘richtigen‘ Latein vorgeben. Caesar kam (erst) im 19. Jahrhundert dazu, weil man den Mann für ein Genie hielt und meinte, die Lektüre des durch und durch ‘rationalen‘ Bellum Gallicum sei eine gute Schulung für angehende Führungskräfte.

Ebenfalls im 19. Jahrhundert wiederholte sich das skizzierte Muster in der Geschichte des Humboldt’schen Neuhumanismus, nunmehr noch verstärkt dadurch, daß im öffentlichen Schulwesen die normierenden Systemzwänge noch weit stärker waren und die formale Bildung im Griechischen und Lateinischen bald ganz offenkundig der sozialen Distinktion diente. Ein Ideal, und mochten dies die den Menschen befreienden, durch Denken und Schönheit umfassend bildenden alten Griechen sein, verträgt die Umsetzung in ein Curriculum und den Apparat Schule nicht ohne erhebliche Blessuren. Nein, kein Plädoyer für eine ‘schwarze Pädagogik‘ – dafür ist der altsprachliche Unterricht an Schulen wie dem Alten Gymnasium in Oldenburg oder dem Ratsgymnasium in Bielefeld. viel zu gut. Aber vielleicht eine Teilerklärung dafür, daß etwa der Deutschunterricht das Interesse am Lesen der wertvollen Texte, glaubt man empirischen Studien, vielfach eher behindert als befördert.

 

Abb. [wg. Urheberrrecht entfernt]: Codex mit Briefen Ciceros

Literatur:

Francesco Petrarca, Epistolae familiares XXIV. Vertrauliche Briefe. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Florian Neumann. Mainz 1999

Georg Voigt, Die Wiederbelebung des classi­schen Altertums oder Das erste Jahrhundert des Humanismus. 2 Bde., Leipzig, 3. Aufl. 1893

Friedrich Paulsen, Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart. Mit besonderer Rücksicht auf den klassischen Unterricht. 2 Bde., Leipzig 2. Aufl. 1896

Theodor Zielinski, Cicero im Wandel der Jahrhunderte. Leipzig/Berlin 1908

Eduard Norden, Die antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert v.Chr. bis in die Zeit der Renaissance. Leipzig/Berlin 2. Aufl. 1909, Nachdr. 1981, 773-779

Francesco Tateo u.a., Historisches Wörterbuch der Rhetorik 2 (1994) 224-247 s.v. Ciceronianismus

Joann Dellaneva und Brian Duvick (Hgg.), Ciceronian Controversies. Cambridge (Mass.) 2007


1 Lesermeinung

  1. Zizero rulez!
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    Die 68er...

    Zizero rulez!
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    Die 68er hatten übrigens Recht. Ja, sie hatten Recht. Wirklich, sie hatten Recht: Man kann auch Übersetzungen lesen. Stimmt, man kann auch Übersetzungen lesen. Auch Übersetzungen kann man lesen. Übersetzungen kann man ohne Zweifel auch lesen.
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    Also haben sie den Lateinunterricht abgeschafft.
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    …… nur …..
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    Haben Sie dabei nicht vergessen, ein Unterrichtsfach einzuführen, in dem man dann die Übersetzungen liest?
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    Was wir brauchen ist ein Schulfach Humanismus für alle Schüler. Zum Teufel mit dem Religionsunterricht. Zum Henker mit Teilen des Gemeinschaftskundeunterrichtes. Humanismus ist es, was alles und alle verbindet.
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    Zizero rulez.

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