Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Prometheus – an seine Aktualisierungen gefesselt?

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Eine neue kommentierte Ausgabe der Tragödie Der Gefesselte Prometheus (Prometheus desmotês) ist in der aktuellen Bryn Mawr Classical Review angezeigt....

Eine neue kommentierte Ausgabe der Tragödie Der Gefesselte Prometheus (Prometheus desmotês) ist in der aktuellen Bryn Mawr Classical Review angezeigt. Der Rezensent ist mit dem Produkt gar nicht zufrieden: Der Bearbeiter, A.J. Podlecki, verfolge kein wissenschaftliches oder pädagogisches Ziel, sondern ein evangelikales; er präsentiere Prometheus als ein Symbol einer zeitlosen liberal-fortschrittlichen Ideologie, als göttlichen Vorkämpfer des Menschen gegen tyrannische Unterdrückung. Der Name Prometheus, so Podlecki, sei nach wie vor in der Lage, das tief verwurzelte menschliche Bedürfnis nach Wissen und Freiheit zu befeuern. Der libertäre Einschlag der Figur stamme auch nicht von Aischylos, sondern wohne der Figur seit ältester Zeit inne. Um diese Lesart behaupten zu können, scheue Podlecki vor einseitigen Interpretationen und Übersetzungen ebenso wenig zurück wie vor Zirkelschlüssen und einem zungenfertigen Predigerton.
Das ist starker Tobak. Und zugleich paradox. Denn liberale und pragmatisch- gegenwartsorientierte Interpretationen etwa der athenischen Demokratie sind in der amerikanischen Altertumswissenschaft nicht selten. Aber die dem analoge, anthropozentrische und politische Leseweise eines Dramas ausgerechnet als evangelical bezeichnen, finde ich kurios.

Die Figur des Prometheus, des Opferbetrügers, des intelligenten und phantasievollen Titanen, der das Feuer stiehlt, um es seinen Schützlingen, den Menschen zu bringen und sie dadurch unabhängiger zu machen, wofür er grausam bestraft wird, konnte schon immer so oder so ähnlich gelesen worden, wie es Podlecki nun erneut vorführt – und soll die gelehrte Form mit griechischem Text und Stellenkommentar klare Ansagen verbieten? Die Hauptlinie der Rezeptionsgeschichte faßt das in der DDR erschienene Lexikon der Antike auf den Spuren von Marx, der Prometheus „den vornehmsten Heiligen und Märtyrer im philosophischen Kalender“ genannt hatte, prägnant zusammen: „Prometheus wurde zum Symbol des menschlichen Fortschritts, der Schöpfer. (…) Der Feuerraub symbolisierte den Glauben an Wissenschaft und Zukunft (Drama von Calderón, Aufklärung). Das Schicksal des Prometheus gab Anlaß zu Kritik an Zeus, zur Ablehnung der Götter und der Religion (Voltaire »Pandore«, Karl Marx). Prometheus wurde zum Inbegriff des trotzig, kühn und selbstbewußt gegen Zeus‘ Herrschaft aufbegehrenden Kämpfers und Rebellen und hilfreichen Freundes und Wohltäters der Menschen, zum Typ des Revolutionärs, der gegen die bestehende Macht und für eine bessere Zukunft aufsteht (A.W. Schlegel; Prometheus B. Shelley, »Der entfesselte Prometheus«; H. Müller). In manchen Werken wurde Prometheus zum Übermenschen im Sinne Nietzsches (Epos von K. Spitteler), andere betonten das Dulden und Ausharren des Prometheus als symbolisch für das Menschenschicksal (Herder, Byron). Prometheus galt auch als Symbol des Künstlers und des gottgleichen schöpferischen Tuns (Gedicht Goethes).“

Und in kaum einem anderen Drama der Antike tritt die Allgewalt des Zeus gleich zu Beginn so nackt auf, obwohl Zeus gar nicht anwesend ist, dafür alle Deformationen, die er bei denen in ihrem Umkreis bewirkt:

Kratos (Macht):
    An einem fernen Erdstrich sind wir angelangt,
    im Skythenland, in menschenleerer Einsamkeit.
    Hephaistos, du hast jetzt den Auftrag auszuführen,
    den dir der Vater gab, den Übeltäter hier
    am hohen Fels, der steil hinabstürzt, anzuschmieden
    in unlöslichen Banden, Ketten, hart, aus Stahl.
    Denn deinen Schatz, den Schöpfer aller Kunst, die Glut
    des Feuers, raubte er und brachte ihn den Menschen.
    Für solche Schuld muß er den Göttern Buße zahlen,
    damit er lernt, die Macht des Zeus geduldig zu
    ertragen und nicht länger Menschenfreund zu spielen!
Hephaistos:
    Du, Kratos, du auch, Bia, euch gilt der Befehl
    des Zeus als schon vollzogen, euch kann nichts mehr hemmen;
    mir aber fehlt der Mut, den stammverwandten Gott
    so grausam an den sturmgepeitschten Fels zu schmieden.
    Indessen muß ich zu der Tat ein Herz mir fassen;
    des Vaters Weisung zu mißachten ist gefährlich!
    Du, kühn entschloßner Sohn der einsichtsvollen Themis,
    ich soll dich, wider meinen, deinen Willen, mit
    stahlhartem Erz an diesen öden Felsen heften;
    da wirst du Menschen weder hören noch erblicken;
    versengt vom grellen Sonnenstrahl, wird deine Haut
    verwelken; heiß ersehnt von dir, wird dann die Nacht
    mit ihrem bunten Sternenzelt das Licht verhüllen,
    darauf den Frühreif wiederum die Sonne schmelzen;
    stets wird der Schmerz der Marter, die sich jeweils regt,
    dich plagen; dein Erlöser ist noch nicht geboren.
    Das brachte deine Menschenfreundlichkeit dir ein.
    Du hast dich ja, als Gott, nicht vor dem Götterzorn
    geduckt und gabst den Menschen Ehren, wider Recht;
    drum wirst du diesen schauderhaften Felsen hüten,
    hochaufgerichtet, schlaflos, unfähig, das Knie
    zu beugen; nutzlos wirst du Jammerschrei und Klagen
    ertönen lassen. Unerbittlich waltet Zeus;
    ein neuer Herr übt stets sein Amt mit Strenge aus.
Kratos:
    Los! Warum säumst du und zeigst Mitleid, ohne Sinn?
    Wie, hassest du den ärgsten Feind der Götter nicht,
    den Gott, der deinen Schatz den Menschen preisgegeben?
Hephaistos:
    Verwandtes Blut und Freundschaft knüpfen starke Bande.
Kratos:
    Ja. Doch wie kann man ungehorsam sein dem Wort
    des Vaters? Fürchtest du dich davor nicht viel mehr?
Hephaistos:
    Stets bist du unbarmherzig und nimmst keine Rücksicht.
(…)
Kratos:
    Beeil dich also, ihm die Fesseln anzulegen,
    damit nicht erst der Vater wahrnimmt, wie du säumst!
Hephaistos:
    Hier sind die Fesseln, schon gebrauchsbereit, zu sehen.
Kratos:
    Leg sie um seine Arme, triff aus Leibeskräften
    sie mit dem Hammer, hefte sie am Felsen fest!
Hephaistos:
    Die Arbeit schreitet fort, es geht kein Hieb daneben.
Kratos:
    Schlag stärker zu, schnür ein, laß ja nicht nach! Er ist
    wohl fähig, auswegloser Enge zu entschlüpfen.
Hephaistos:
    Der eine Arm ist festgeschmiedet, unauflöslich.
Kratos:
    Jetzt hefte auch den andern fest, damit er lernt,
    daß er, trotz seiner Schläue, dümmer ist als Zeus!
Hephaistos:
    Nur er, kein andrer, dürfte nach Gebühr mich tadeln.
Kratos:
    Des Stahlkeils rücksichtslose scharfe Schneide treib
    nunmehr durch seine Brust hindurch mit aller Kraft!
Hephaistos:
    O weh, Prometheus, deine Qual muß ich bejammern!
Kratos:
    Du säumst schon wieder und beklagst die Feinde noch
    des Zeus? Du wirst dich selber eines Tags bedauern!   (Übers.: D. Ebener)

[BILDER wg. Urheberrecht entfernt]

Der Gefesselte Prometheus wird auch immer wieder einmal auf der Bühne aufgeführt, zuletzt unter der Regie von Sotiris Hatzakis bei einem Gastspiel des Griechischen Nationaltheater in Peking. Die Ankündigung nennt den Helden „a symbol of free spirit that fights power and tyranny“. Doch der Regisseur legt ein aktuellere Aktualisierung dazu: die Ambivalenz des technischen Fortschritts im Zeitalter von Treibhauseffekt und globaler Erwärmung – das trifft es sich, daß Prometheus den Menschen nicht das Rad, sondern das Feuer gebracht hat. Bühnenbildnerisch ist der Fels des Kaukasus jedoch just durch ein eisernes Rad ersetzt, in das Prometheus wie der vitruvische Mensch Leonardo da Vincis eingespannt ist. Auch an Chaplins Moderne Zeiten will Hatzakis erinnern – das übliche ästhetisch-symbolische Ragout.

Zur Rezeptionsgeschichte s. zuletzt Maria Moog-Grünewald (Hg.), Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Mu-sik und Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart (Der Neue Pauly Suppl. 5). Stuttgart/Weimar 2008, 605-621. Dort auch das bekannte Rubens-Gemälde:

 

 


2 Lesermeinungen

  1. Die Dialektik als Konstante...
    Die Dialektik als Konstante der Geschichte noch nicht bewusst
    .
    Für „zeitlos-liberal-fortschrittlich“ kann ein Prometheus nicht stehen, denn der „Fortschritt“ kehrt erst ein mit der geschichtlichen Epoche. Die vorgeschichtliche hingegen, die, in der man keine Gesellschaft kannte, sondern nur Horden, darin noch mehr dem Primaten als dem Menschen ähnelnd, war so zeitlos wie auch ohne Fortschritt. Auch Rückschritt kannte man nicht, sondern nur die „ewige Wiederkehr des Gleichen“, wie Nietzsche dann in Bezug auf die aktuelle „Zeit“ wieder antizipierte. „Liberal“, „fortschrittlich“ oder gar reaktionär sind noch lange nicht im Begriff.
    .
    Der Widerspruch war noch nicht aus der Geschichte geboren, so wenig wie die Geschichte aus der Nichtgeschichte. Das Paradies war noch nicht verdorben. An ein Subjekt, gar liberal gedacht, erst gar nicht zu denken. Aber dann: wo ein Zeus da auch ein Prometheus, der innere Widerspruch ward geboren, und gebar sich ständig neu, so wie das Göttergeschlecht sich selber auch, bis dann zu jenen Gottheiten, wo der Widerspruch nicht mehr innerlich sondern äußerlich wird – Gott und Satan – in einer metaphysisch gewordenen Welt, einer Welt voller Klassen statt Menschen, mit Herrengöttern wie Menschensklaven, Hochgeborenen und Niedergeworfenen.
    .
    Zeus wie Prometheus stehen an der Schnittstelle zwischen Geschichte und Vorgeschichte, lange vor der Subjektwerdung der Art, ein göttlicher Vorgriff auf eines Menschen Zukunft, dessen Barbarei noch eine vorgeschichtliche, solchermaßen naive war, denn von einer geschichtlichen noch weit entfernt.
    .
    Widerstand ist schon menschlich, göttlich noch die Macht, eben lange bevor die Macht menschlich und der Widerstand göttlich wird. Ein Hölderlin war noch nicht mal zu erahnen, aber ein Odysseus schon als listiger Held erdacht.
    „Zeitlos“ erscheint etwas einem Menschen, der die Metaphysik noch nicht überwunden, der die Vorgeschichte noch mit sich trägt, wie einst Aeneas das Palladion (https://www.herold-binsack.eu/downloads/philosophus_mansisses.pdf), dem die Dialektik noch nicht als die Konstante in des Menschen Geschichte bewusst ist.

  2. Trotz ist keine Tugend. Das...
    Trotz ist keine Tugend. Das Bild des „trotzigen“ Prometheus erschien mir immer auch ein Archetyp für eine Sorte von Atheisten zu sein, die sich nur als Anti-Theisten definieren können, aber zu einem wirklichen Neuanfang ganz ohne Gott nicht fähig sind. Auch von daher habe ich nie verstanden, wie man sich der „Trotzigkeit“ des Prometheus rühmen kann. Wie selbstentlarvend!

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