Antike und Abendland

Winklers Westen – ohne Antike

Als im Herbst 2009 der erste Band von Heinrich August Winklers „Geschichte des Westens“ erschien, war die Anerkennung für die enorme Syntheseleistung groß. Und erneut werden die Leser des 1200 Seiten Text umfassenden Mammutwerkes – zum guten Teil vermutlich Studienräte und arrivierte Intellektuelle der mittleren bis älteren Generation – die hier dargebotene Geschichte glücklich-ermattet als ein wohnliches Haus betrachten. Den mit dem Autor gemeinsam zurückgelegten Weg von der guten Revolution in die geschichtspolitische Hegemonie markiert ein hübscher Zahlendreher in der Einleitung: Erst nach der Niederlage des Deutschen Reiches vollzog sich in Westdeutschland „jene Entwicklung, in der der Philosoph Jürgen Habermas 1968, auf dem Höhepunkt des «Historikerstreits» um die Einzigartigkeit des nationalsozialistischen Judenmords, die größte intellektuelle Leistung der zweiten deutschen Nachkriegszeit sah: «die vorbehaltlose Öffnung der Bundesrepublik gegenüber der politischen Kultur des Westens»“.
Ob der „Westen“ als leitende Kategorie taugt, wurde immerhin hier und da auch in Zweifel gezogen. Aber kaum jemand, so sieht es aus, nahm bislang Anstoß daran, wie Winkler die griechische und römische Antike behandelt, genauer gesagt: ausgebürgert. Und das, obwohl das Buch den Untertitel „Von den Anfängen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert“ trägt. Das ist schlicht ein Etikettenschwindel. Der zuletzt an der Humboldt-Universität wirkende Autor sieht, zugleich Jan Assmann und einer gängigen Mode folgend, den Ursprung des Westens im Osten, im Monotheismus. Ohne diesen sei der Westen nicht zu erklären. Ohne Zweifel – das Destillat aus Assmanns Schriften und die Bemerkungen zur „Politischen Theologie“ (Schmitt) und zum Theologischwerden zentraler politischer Begriffe (Assmann) lesen sich durchaus mit Gewinn. Aber kann wirklich als sicher gelten, „daß der jüdische Monotheismus eine Metamorphose des ägyptischen, der Aton-Religion, ist“? Diese wurde doch nach dem Sturz Echnatons durch das religiöse Establishment Ägyptens höchst erfolgreich dem Vergessen anheimgegeben, und die historische Genese des radikalen Monotheismus der Juden ist keineswegs klar. Winkler selbst referiert ferner ehrlicherweise auch Assmanns Zuspitzung, wonach just die mosaische Unterscheidung die potentiell mörderische Distinktion zwischen wahr und falsch, zugehörig und nicht zugehörig hervorbrachte und die Option des Heiligen Krieges in die Welt setzte – nicht gerade ein Ahn, dem sich ‘der Westen‘ gern verbunden sehen möchte. Daß der jüdische Monotheismus daneben „einen gewaltigen Schub in Richtung Rationalisierung, Zivilisierung und Intellektualisierung“ bewirkte – geschenkt.

Die ‘klassische‘ Antike erscheint bei Winkler auf wenigen Zeilen als Vorhof zum Hellenismus: griechische Aufklärung, ungeschriebene Gesetze, Antigones Aufstand des Gewissens als naturrechtliche Wendung, das war’s. Referenzautoren: Droysen und Nestle. Gleich folgt das Christentum, dann dessen Bündnis mit dem römischen Kaiser und die politische wie theologische Trennung von Ost und West. Abschließend ein seltsam vager, anschauungsloser Satz: „Das Verhältnis des Okzidents zur Antike war das einer gebrochenen Kontinuität: Es gab vieles, was ihn kulturelle mit dem griechischen und römischen Altertum verband, aber das meiste von dem, was fortwirkte, hatte sich gewandelt.“ Aber warum beginnt eine Geschichte des Westens mit der Hypothese eines Ägyptologen des 20. Jahrhunderts über einen lange vergessenen Pharao und nicht mit den Gedanken, Gestalten und Texten, die Europa und Amerika, also „dem Westen“, über Jahrhunderte immer wieder Anstöße gegeben haben, die intensiv rezipiert (und dabei sicher auch verfremdet) wurden, die aber auch so, wie sie sich heute darstellen, einer bejahenden wie einer kritischen Geschichte des Westens gut zu Gesicht stünden? Winkler ist also zu fragen: Gehört es nicht zu seinem Thema,
– daß im Athen des frühen 6. Jahrhunderts v.Chr. Solon die aktive Teilhabe der Bürger am Gemeinwesen eingefordert und die Polis als gemeinsamen Besitz der Bürger bezeichnet hat (Fragment 4 West), einen Besitz, der nicht durch die Götter bedroht ist, sondern durch den Egoismus von Wenigen und die Passivität der Vielen;
– daß in der athenischen Demokratie zum ersten Mal und gegen jede Wahrscheinlichkeit ein politischer Raum auf der Basis der Gleichheit aller (männlichen) Bürger bei Fortdauer der gesellschaftlichen und ökonomischen Ungleichheit geschaffen und verteidigt wurde;
– daß im 5. Jahrhundert v.Chr. der Geschichtsschreiber Herodot erstmals die ‘eigene‘ Kultur in den vielen fremden spiegelte und gerade durch eine neugierige ethnographische Erschließung der Welt jede ethnozentrische Auffassung zumindest erschwerte (der Autor, der den Blick der ‘westlichen‘ Entdecker auf die Bewohner der Neuen Welt so maßgeblich leitete, kommt bei Winkler nicht einmal im Register vor!);
– daß im berühmten Chorlied in Sophokles‘ Antigone eine Selbstbeschreibung des erfindungsreichen, nach vorne drängenden Menschen zu finden ist, die am Ende die Ambivalenz des Fortschritts zumindest andeutet und auch darin ‘westlich‘ ist:
„Vieles Gewaltige gibt es. Doch nichts / entwickelt stärkre Gewalt als der Mensch. / Er überquert das schäumende Meer / im Winter sogar, wenn der Südsturm tobt, / durchdringt die Wogen, die rings ihn umtürmen. / Sogar die erhabenste Gottheit, / die ewige, niemals ermattete Erde, / quält er um seines Nutzens willen, / läßt alljährlich die Pflugschare hinter / Rossegespannen die Furchen ziehen, / hin wie her. / Die flatterhaft munteren Vögel fängt er, / umgarnt sie mit Netzen, / die Tiere der Wildnis zugleich. / Die Geschöpfe auch, die in den Salzfluten wimmeln, / fischt er heraus in gesponnenen Maschen, / verständig und klug, wie er ist, / erringt mit listigen Mitteln die Macht / über die Tiere des Feldes wie ragender / Höhen, gewöhnt an das lastende Joch / die mähnenumflatterten Pferde, den niemals / erschlaffenden Stier des Gebirges. / Und Sprache und windschnelles Denken, / Verständnis für staatliche Ordnung auch / brachte er selber sich bei, schuf Zuflucht / sich auch vor dem klirrenden Frost / wie dem peitschenden Regen, den Plagen des Himmels. / Weiß er für jedes doch Rat, bleibt niemals / hilflos bei allem, was eintritt. / Dem Hades allein wird nie er entrinnen, / hat freilich Arzneien sich ausgedacht schon / für einstmals unheilbare Krankheiten. / Niemals erwartete Künste beherrscht er, / Ausdruck vernünftigen Denkens, und nutzt sie / manchmal zum Bösen und manchmal zum Guten. / Achtet er Recht und Gesetz und bewahrt / die bei Göttern beschworenen Eide, / so ragt sein Staat in die Höhe. / Neigt überheblich dem Bösen er zu, / so richtet den Staat er zugrunde.“ (Antigone 332ff., Übers.: D. Ebener);
– daß wenig später Thukydides die ‘Geschichte‘ als eine intellektuell und methodisch ausgezeichnete Rede- und Wissensweise etablierte, mit allen Chancen, immer genauer zu erkennen, und allen Gefahren, von vielen Menschen nicht mehr verstanden zu werden;
– daß die Griechen spätestens im 4. Jahrhundert v.Chr. in Gestalt des Bundesstaates einen Modus fanden, auch größere politische Einheiten partizipatorisch zu organisieren – ein Modell, das im neuzeitlichen Verfassungsdiskurs zumal in Nordamerika eine wichtige Rolle spielte;
– daß Aristoteles und seine Vorläufer wesentliche Grundlagen ‘westlicher‘ Wissenschaft legten: Empirie, begriffliche Klarheit, Klassifikation und Einordnung der Phänomene in eine möglichst umfassende Ordnung der Welt;
– daß die Römer mit Republik und Imperium zwei Ordnungsmodelle schufen, die im ‘Westen‘ bis in unsere Gegenwart immer wieder diskutiert werden;
– daß Augustus nicht nur für fast alle ihm nachfolgenden Kaiser Roms das Vorbild darstellte, sondern in der europäischen Tradition zum idealen Monarchen schlechthin wurde;
– daß die Römer ein Instrumentarium schufen, mit dem das Recht ohne obrigkeitlichen Machtspruch und ohne überbordende Gesetzgebung den gesellschaftlichen Regelungsbedürfnissen angepaßt werden konnte, und aus dem angesammelten juristischen Schatz in Gestalt des Codex Iustinianus ein Gebilde hervorbrachten, das als Schule juristischen Denkens in Europa eine gar nicht zu überschätzende formative Kraft entwickelt hat ?(Die wenigen Zeilen auf Seite siebenundfünfzig sind dafür zu wenig!)

Die Liste ließe sich fortsetzen. Manches von dem Genannten kommt vor, gewiß, nämlich in Passagen zur Rezeption, Aristoteles sogar ziemlich oft. Aber da das historische Substrat fehlt, erscheinen die Aneignungsvorgänge seltsam beliebig. Den Akteuren der Französischen Revolution etwa wird ein „ungeschichtlicher Umgang mit der Geschichte“ vorgeworfen, weil sie sich mit den Gracchen, Cicero, Cato und Brutus identifizierten, dabei aber verkannten, „was die Französische Republik nicht sein wollte: eine Sklavenhaltergesellschaft“. Setzen, mangelhaft, zensiert der Groß- und Staatshistoriker also die wackeren Girondisten wie die leidenschaftlichen Jakobiner, und ignoriert dabei, daß die monumentalische Aneignung von Geschichte so und nicht anders funktioniert: „Die Geschichte,“ so Nietzsche in Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben mit Recht, „gehört vor Allem dem Tätigen und Mächtigen, dem, der einen großen Kampf kämpft, der Vorbilder, Lehrer, Tröster braucht und sie unter seinen Genossen und in der Gegenwart nicht zu finden vermag. (…) Daß die großen Momente im Kampfe der Einzelnen eine Kette bilden, daß in ihnen ein Höhenzug der Menschheit durch Jahrtausende hin sich verbinde, daß für mich das Höchste eines solchen längst vergangenen Momentes noch lebendig, hell und groß sei – das ist der Grundgedanke im Glauben an die Humanität, der sich in der Forderung einer monumentalischen Historie ausspricht. (…) Und doch (…) wie fließend und schwebend, wie ungenau wäre jene Vergleichung! Wie viel des Verschiedenen muß, wenn sie jene kräftigende Wirkung tun soll, dabei übersehen, wie gewaltsam muß die Individualität des Vergangenen in eine allgemeine Form hineingezwängt und an allen scharfen Ecken und Linien zu Gunsten der Übereinstimmung zerbrochen werden! (…) (So) wird die monumentale Historie jene volle Wahrhaftigkeit nicht brauchen können: immer wird sie das Ungleiche annähern, verallgemeinern und endlich gleichsetzen, immer wird sie die Verschiedenheit der Motive und Anlässe abschwächen, um auf Kosten der causae die effectus monumental, nämlich vorbildlich und nachahmungswürdig, hinzustellen.“ Aber wird die Referenz dadurch so belanglos, daß man die Bezugsgröße einfach weglassen kann?
Sicher, „der Westen“ stellt keine historische Universalie dar wie etwa „der Krieg“, er ist vielmehr ein gedanklicher Entwurf, eine retrospektive Traditionsstiftung. Das macht Auswahl und Akzentuierungen völlig legitim. Aber gerade deshalb empfiehlt es sich doch nicht, von der durch alle Renaissancen, Humanismen – und Verabschiedungen – hindurch wirksamen Genealogie ganz abzusehen. Der hier vorgestellte Westen ist jedenfalls Winklers Westen, nicht der unsere.

Natürlich geht es auch um intellektuelle Strömungen, gibt es ein Wissen, das gerade gefragt ist. Schade gleichwohl, daß sich Winkler den nicht unwichtigen Anfang seines Werkes, wie es so schnell sicher nicht neu geschrieben werden wird, von einer Mode diktieren ließ. Christian Meier (zuletzt: Kultur, um der Freiheit willen. Griechische Anfänge – Anfang Europas?, München 2009, dazu Vf., FAZ Nr. 42 v. 19.2.2009, 42) und viele andere hätten als Souffleure bereitgestanden. Und an der HU Berlin gibt es gleich zwei erstrangige Althistoriker, die beide auch hervorragende Kenner der Geschichte der Neuzeit sind und dazu publiziert haben. Leider hat die ‘Grenzüberschreitung‘ in der umgekehrten Richtung nicht funktioniert.

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