Antike und Abendland

Ein Odysseus im hellenistischen Afghanistan

Zu den unentbehrlichen altertumswissenschaftlichen Dienstleistungsunternehmen gehört seit 1923 das Supplementum Epigraphicum Graecum. Von diesem Jahrbuch der griechischen Inschriftenkunde (Epigraphik), wie man das Werk auch nennen könnte, erschienen zuletzt die Bände 54 und, beide mehr als 900 Seiten dick, mit 1919 bzw. 2124 Einträgen. SEG (so die fachinterne Abkürzung) erschließt alle einschlägigen Publikationen neuer Dokumente des Berichtsjahres und resümiert neue Lesungen und Deutungen zu bereits länger bekannten Stücken und Problemen. Was in einer der großen Editionen (Corpora) erschienen ist, wird lediglich angezeigt, da man voraussetzt, daß Interessierte dann diese Werke selbst durcharbeiten. Andernorts, oft entlegen publizierte Inschriften erscheinen im Volltext mit kritischem Apparat. Für diese Texte gilt die SEG-Nummer künftig als Identifizierung. Die aktuellen Bände enthalten mehrere hundert neue Stücke. Hinzu kommen Vorabpublikationen, etwa ein ganzes Archiv von Bronzetäfelchen aus Argos; sie sind im frühen 4. Jh. v.Chr. entstanden und dokumentieren finanzielle Transaktionen von Stiftungen in zwei Heiligtümern.

Unter den interessanten Einzelstücken finden sich ein Brief Kaiser Iustinians aus d.J. 533 n.Chr. und ein langer exorzistischer Text auf Blei mit einem Streitgespräch zwischen dem Erzengel Michael und dem Dämon Abyzou. Eine in verschiedenen musischen Wettbewerben erfolgreiche Dichterin wird geehrt. Die bereits bekannten bleiernen Briefe juristisch-kommerziellen Inhalts aus dem Schwarzmeerraum werden um einen Text aus dem 6. Jh. v.Chr. vermehrt. Kaiser Hadrian schützt die griechischen Städte Abdera und Maroneia gegen Übergriffe römischer Offizieller, die widerrechtlich Transportkapazitäten in Anspruch genommen haben.

Ein geradezu spektakulärer Fund: ein Stein aus Alexandria in Arachosien, dem heutigen Kandahar. Er trägt die poetisch geformte ‘Autobiographie‘ eines gewissen Sophytos, die auch einen Kommentar zur anhaltenden Debatte um den Charakter des Hellenismus im ferneren Osten darstellt (s. Blogeintrag vom 19.1.2010). Denn dieser Mann, nach dem Namen seines Vaters möglicherweise indischer Herkunft, stellte sich am äußersten Rand der griechischen Welt so griechisch dar, wie es nur ging: selbstbewußt, rührig, klug, mobil und heimattreu, erwerbstüchtig und ruhmredig – ein hellenistischer Odysseus:

„Seit langem war das Haus meiner Vorfahren wohlgediehen,
als die unschlagbare Gewalt der dreifachen Schicksalsgöttinnen es zerstörte.
Aber ich, Sophytos aus dem Geschlecht von Naratos, noch so klein
und traurigerweise beraubt der Unterstützung meiner Eltern,
übte die Vorzüglichkeit der Musen und des Ferntreffenden (Apollon),
gemischt mit vortrefflicher Umsicht,
und habe einen Weg gefunden, das Haus meiner Vorfahren wieder aufzubauen.
Mit leibesfruchttragendem Geld (teknophoron argyrion) von anderswo
ging ich von Haus weg, entschlossen nicht zurückzukommen,
bis ich den größten Überfluß an guten Dingen erworben habe.
Aus diesem Grund fuhr ich auf Handelsschiffen in manch eine Stadt
und erwarb soliden und umfangreichen Reichtum.
Umgeben durch Lob kam ich in mein Heimatland zurück nach unzähligen Jahren,
und den mir Wohlgesinnten erwies ich mich als Freude (d.h. ich beschenkte sie).
Und das väterliche Haus, das verfallen war,
machte ich sofort stärker mit neuen Mitteln,
und da die Grabstätte eingestürzt war, baute ich eine neue.
Und noch zu Lebzeiten errichte ich neben der Straße diese sprechende (Inschriften-)Stele.
Mögen meine Söhne und Enkel mein Haus in diesem Zustand
erhalten, nachdem ich diese beneidenswerten Taten vollbracht habe!“
     (Rohübersetzung mit Hilfe e. englischen Übersetzung von Julia Lougovaya; eine andere Übersetzung hier)

Im Griechischen schließen sich die hervorgehobenen Anfangsbuchstaben der 20 Verse zu dem Akrostichon dia Sôphytou tou Naratou – „durch (die Mühen des) Sophytos, des Sohnes von Naratos“ zusammen.

Im Zeitalter der Datenbanken halten die Macher der SEG am gedruckten Buch fest. Das entspringt nicht etwa der Ignoranz einer verstaubten Buchstabengelehrsamkeit gegenüber moderner Technik – Epigraphiker gehörten zu den ersten Geisteswissenschaftlern, die sich digitaler Textsammlungen bedienten und sie – inzwischen überwiegend kostenfrei – ins Netz stellen. Auch das SEG gibt es mittlerweile online, doch das „will not affect the publication in book form“ (preface zu Bd. 55). Vielfältige Register und Rückverweise ermöglichen es durchaus, die Bände als Datenbank zu benutzen, also alle Informationen zu einem Dokument zusammenzutragen oder nach bestimmten Namen, Wörtern oder Regionen zu suchen. Aber das SEG ist eben auch ein Lesebuch, das abschnittweise oder von Deckel zu Deckel durchgearbeitet oder durchgelesen werden kann und wird. So wächst dem Epigraphiker Schicht um Schicht eine Materialkenntnis zu, die dem Partienrepertoire eine Schachspieler ähnelt und die es ihm erst erlaubt, neue Dokumente in ihren Kontext zu setzen oder – wenn sie nur bruchstückhaft erhalten sind – Textergänzungen vorzuschlagen. Das ist weit mehr, als das bloße Finden von „Informationen“ bedeuten kann. Der verbreitete Informationenfetischismus vergißt allzuoft, daß Informationen gefiltert, kanalisiert und in Bekanntes eingefügt werden müssen – nur so entstehen Wissen und Kompetenzen.

Chaniotis, T. Corsten, R.S. Stroud, R.A. Tybout (ed.), Supplementum Epigraphicum Graecum, Bd. 54 (2004). Leiden/Boston, Brill 2008. xxxiii, 916 S., $ 256.00.

Chaniotis, T. Corsten, R.S. Stroud, R.A. Tybout (ed.), Supplementum Epigraphicum Graecum, Bd. 55 (2005). Leiden/Boston, Brill 2009. xxxviii, 926 S., $ 256.00.

R. Merkelbach, J. Stauber, Jenseits des Euphrat. Griechische Inschriften. Ein epigraphisches Lesebuch. Leipzig 2005 (darin eine wissenschaftliche Übersetzung der o.g. Inschrift mit Kommentar)

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