Antike und Abendland

Imperien-Debatten – eine Nachlese (IV)

Von Zeit zu Zeit sucht der wissenschaftliche Betrieb, sich des Erreichten zu vergewissern und einen Überblick zu gewinnen, der in fokussierten Studien oder Eins-zu-eins-Vergleichen leicht verloren gehen kann. Dann wird eine ‘enzyklopädische‘ Tagung veranstaltet, die Spezialisten mindestens vor Augen führt, was es sonst noch so alles gibt, und im besten Fall Anregungen für eine durchdachtere Begriffsbildung und neue Querverbindungen gibt.

Eine solche Tagung findet vom 25. April bis 1. Mai in Hildesheim statt: „Imperien und Reiche in der Weltgeschichte. Epochenübergreifende und globalhistorische Vergleiche“. Veranstalter sind das Institut für Geschichte und die Stiftung Universität Hildesheim sowie das Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik der Universität Innsbruck.

In der Einladung wird der bekannte Mechanismus (geistes-)wissenschaftlicher Konjunkturen repetiert und das vertraute Loblied auf Interdisziplinarität gesungen (in der legendären Hitparade würde Dieter Thomas Heck jetzt aber sagen: dreimal hintereinander unter den Erstplazierten, deshalb bitte nicht mehr wählen!): „Die wissenschaftliche Beschäftigung mit einzelnen Großreichen und Imperien hat in den letzten Jahren einen deutlich wahrnehmbaren Aufschwung erfahren. Dabei verlor der Begriff ‘Imperium‘ durch einen inflationären Gebrauch allerdings zusehends an analytischer Schärfe. Bei bisherigen Gegenüberstellungen ‘imperialer Staatsbildungen‘ blieb die Auswahl meist selektiv, wobei die einzelnen Untersuchungen größtenteils den Bezug aufeinander vermissen ließen. Ein interdisziplinärer, epochenübergreifender und räumlich umfassender Zugang zu diesem Themenfeld wird daher in den verschiedenen mit der Materie befassten Wissenschaften als immer dringlicherer Wunsch empfunden.“

Die angekündigte Publikation dürfte zum Handbuch werden: „In diesem Zusammenhang werden mehr als 40 imperiale Ordnungen und Reichsbildungen von ausgewiesenen Experten nach einheitlichen Untersuchungskriterien der Real- und Rezeptionsgeschichte analysiert und einer vergleichenden Betrachtung unterzogen. Die betreffenden Reichsbildungen spannen zeitlich einen Bogen, der vom 3. Jahrtausend v. Chr. bis in die Gegenwart reicht. Sie umfassen geographisch mit den Kontinenten Europa, Asien, Afrika und Amerika nahezu den gesamten Globus. Die Ergebnisse des Symposiums werden in einer wissenschaftlichen Publikation dokumentiert und damit auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.“

Behandelt werden aus der Antike: Altorientalische „Imperien“ des 3. und 2. Jahrtausends v. Chr.; das neuassyrische Reich, das neubabylonisch-chaldäische Imperium, das Reich der Hethiter, Ägypten im 3. und in der 1. Hälfte des 2. Jahrtausends sowie Ägypten im Neuen Reich, ferner Urartu, Elam, das teispidisch-achaimenidische Imperium, das attische Seereich, die Diadochenstaaten, das gesamtindische Großreich der Mauryas im 4. – 2. Jh. v. Chr., Rom als „das paradigmatische Imperium“, Parther und Sasaniden als Imperien zwischen Rom und China und schließlich China selbst von der Antike bis in die Neuzeit als „eine Abfolge von Imperien“. In einigen Fällen deutet ein Fragezeichen an, daß zunächst geklärt werden muß, ob die in Rede stehende Formation überhaupt Imperium genannt werden sollte; das gilt ganz sicher für Ägypten, aber auch für Elam.

In der Tat, es fehlt nichts. Aber die Gleichbehandlung aller antiken Imperien führt doch zu einem eklatanten Ungleichgewicht. Über das Römische Reich wissen wir unendlich viel mehr als über die meisten anderen, und es ist auch – so viel Gewichtung muß sein – sehr viel wichtiger, mindestens als Plattform der europäischen Geschichte. Doch im Programm werden Rom und Urartu gleichbehandelt. Auch der Referent zu China ist nicht zu beneiden, hat er doch wie alle anderen dreißig Minuten Redezeit (das sind maximal zehn Manuskriptseiten).

Außerhalb der langen chronologischen Kolonne der Berichtspflichtigen stehen zwei Referenten: Reinhold Bichler (s. den vorangegangenen Blogeintrag), „Die Wahrnehmung antiker Imperien am Beispiel Alexander des Großen: Ein Imperium der Imagination“, und Raimund Schulz, „‘Ungeliebte Kinder‘? – Imperien in der Geschichtsdidaktik“.

Wer wird es sich leisten können, von Montag bis Samstag (eingeschlossen eine Tagesexkursion nach Goslar) allen Beiträgen und Diskussionen lauschen zu können? Also lastet auf der Berichterstattung für H-Soz-u-Kult und auf den Tagungsakten (in mindestens zwei Bänden) viel Verantwortung. Wer nach Hildesheim kommt, sollte gleich die Zypern-Ausstellung im Roemer- und Pelizaeus-Museum mitnehmen (s. F.A.Z. v. 17.3.2010). Auf der Insel überlagerten sich die Präsenzen imperialer Mächte: der Assyrer, Ägypter, Perser, der Diadochenreiche, der Römer und Byzantiner, der Osmanen und Briten.

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