Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Koraïs und Fallmerayer – zwei Philologen und die griechische Seele Europas

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Die aktuellen griechisch-türkischen Verhandlungen über Abrüstung und verbesserte Nachbarschaft bieten Anlaß zur Hoffnung. Kein Staat der EU steckt gemessen...

Die aktuellen griechisch-türkischen Verhandlungen über Abrüstung und verbesserte Nachbarschaft bieten Anlaß zur Hoffnung. Kein Staat der EU steckt gemessen am BSP so viel Geld in die Rüstung wie Griechenland, und die Friedensdividende wäre nirgendwo so nötig wie hier. Doch die neuen Gespräche geben auch Anlaß zu geschichtlicher Rückbesinnung: Während der Türkei der Beitritt zu EU (mit guten und weniger guten Gründen) verweigert wird, erschien die Aufnahme Griechenlands in die damalige EG 1981 als nachholende, selbstverständliche Heimholung nach dem Ende der Militärdiktatur. Das hat natürlich historische Gründe, stellt Griechenland als Staat doch sozusagen das Produkt eines frühen europäischen Projekts dar. Die Väter des modernen Hellas nahmen aus ihren Aufenthalten im Westen die Ideen der Französischen Revolution und die Größe des klassischen Altertums mit. Der Kaufmannssohn Adamántios Koraïs (1748-1833) erlebte die Revolution in Paris und war zugleich ein bedeutender Klassischer Philologe, der in den ‘Griechen‘ seiner Zeit das Feuer für ihr großes Erbe zu entfachen wußte. Die Vorreden seiner Ausgaben altgriechischer Autoren wurden zu Aufrufen, Frankreich nachzuahmen: durch das Bauen einer Nation und durch Begeisterung für die Antike. Byzanz und das Osmanische Reich erschienen in seinem Geschichtsbild als zwei Seiten derselben historisch-politischen Ignoranz. Die ‘griechische‘ Intelligenz in der Diaspora begann, im Geiste von Koraïs ihren Kindern altgriechische Namen zu geben und Vereinigungen zu gründen. Die Kontinuität einer sich ständig wandelnden, diffusen Identität über die Jahrhunderte hinweg wurde abgelöst von einer konstruierten, klaren, auf die klassische Antike rekurrierenden.

Doch ohne die ‘große Politik‘ wäre ein neu-griechischer Staat im Geist der alten Hellenen ein Phasma geblieben. Große Politik, das hieß imperiale Politik. 1797 eroberten französische Truppen die Ionischen Inseln, 1798 entriß Napoleon dem Osmanischen Reich Ägypten und offenbarte die Schwäche des muslimischen Reiches. Die Ionischen Inseln wurden 1815 britisches Protektorat. Verwaltet wie eine Kolonie bildeten sie doch formal einen unabhängigen Staat und boten so ein Modell freier griechischer Erde in unmittelbarer Nachbarschaft des Osmanischen Reiches. Der von separatistischen Geheimbünden getragene Aufstand auf der Peloponnes wird von den meisten europäischen Mächten wohlwollend beobachtet, und in der philhellenischen Bewegung bildet sich ein mächtiger Faktor der gebildeten öffentlichen Meinung in Europa, zumal in England und Deutschland. Die nach ‘Hellas‘ pilgernden Philhellenen richteten militärisch wenig aus, und, so ist in der Encyclopedia Britannica ernüchternd zu lesen, „some became disillusioned when they discovered that Greek reality differed from the idealized vision of Periclean Athens in which they had been nurtured in their home countries.“ Die Entscheidungen fielen woanders. In der Seeschlacht bei Navarino, dem alten Pylos in Messenien, unterliegt die türkisch-ägyptische Flotte 1827 einer britisch-französisch-russischen. Großbritannien, Frankreich und Russland erklären sich zugunsten der griechischen Autonomie. Nachdem 1829 im (den Russisch-Türkischen Krieg beendenden) Frieden von Adrianopel die Türkei bereits die griechische Unabhängigkeit anerkannt hatte, taten dies Anfang 1830 im Londoner Protokoll auch Großbritannien, Frankreich und Russland. Weiterhin unter türkischer Herrschaft blieben zunächst Epeiros, Thessalien, Samos, Chios und Kreta. 1832 wurde der Wittelsbacher Prinz Otto als Kompromißkandidat der Großmächte nach der Wahl durch die griechische Nationalversammlung König.

Schon in der Gründungsgeschichte des neugriechischen Staates also durchdrangen sich politische Interessen und kulturelle Bewegungsmomente und war Hellas als Staat und in seinen neuen Eliten in doppeltem Sinn Produkt europäischer Projektionen. Durchschlagend werden konnten diese Projektionen, weil sie das klassizistisch-neuhumanistische Bild von den alten Hellenen, dem ästhetischen Vorbild schlechthin, mit dem romantischen Bild des guten Volkes verbanden, eines Volkes, das durch die Fremdherrschaft zwar gebeugt und sich selbst entfremdet worden sei, das aber nun durch Rückbesinnung auf die große Zeit neu formiert werden könne. Eine Probe auf diese Ambivalenz bildete die Sprachenfrage: Sollten die ‘neuen‘ Griechen, auch die Elite, die gesprochene Sprache (Demotiki) benutzen, oder eine ‘reine‘ Sprache, die Katharevusa, die sich in Lexik und Morphologie stark am Altgriechischen ausrichtete? Koraïs plädierte für einen Mittelweg, der auch sein neugriechisches Wörterbuch Atakta (1828-1835) prägte, und behielt auf lange Sicht recht: Die heute gebräuchliche Koini Neoelliniki ist eine Synthese aus den beiden sich lange unversöhnlich gegenüberstehenden Paradigmen.

Doch die von Koraïs und vielen anderen in ganz Europa propagierte und bis heute politisch gebrauchte Kontinuität zwischen den alten und den neuen Hellenen blieb nicht unwidersprochen. Ein seinerzeit berühmter, heute fast vergessener Opponent (die aktuelle Britannica kennt ihn nicht mehr, anders die von 1911) war Jakob Philipp Fallmerayer (1790-1861). Aus einfachsten Verhältnissen stammend, studierte er in Landshut und Salzburg, nahm als Offizier an den Befreiungskriegen teil und schloß seine Bildung 1815-17 in Lindau ab. Seit 1818 Lehrer am Augsburger Gymnasium, wechselte er 1821 nach Landshut, wo er seit 1826 Universalhistorie und Philologie lehrte. 1831-34 bereiste er Griechenland und den Vorderen Orient; nach der Rückkehr wurde er wegen seiner politisch liberalen Gesinnung in den Ruhestand versetzt. 1840-42 und 1847/48 unternahm er zwei weitere ausgedehnte Orientreisen. Fallmerayer war Mitglied der Frankfurter Paulskirche und des Stuttgarter Rumpfparlaments; wegen des politischen Mandats verlor er 1849 die ihm 1848 zuerkannte Münchner Geschichtsprofessur. In mehreren Büchern (Geschichte der Halbinsel Morea im Mittelalter, 1830-36, 2 Teile; Abhandlung über die Entstehung der Neugriechen, 1835; Fragmente aus dem Orient, 1845; Das Albanesische Element in Griechenland, 1857ff, 3 Teile) sündigte er wider den philhellenischen Zeitgeist. Schon in der ersten Studie suchte er durch die Analyse von Orts- und Flußnamen, also auf sprachwissenschaftlicher Grundlage nachzuweisen, daß die auf der Peloponnes siedelnden Menschen nicht etwa von den antiken Hellenen abstammten, sondern Nachkommen der Albaner und Slawen waren, die während des Mittelalters dort eine neue Heimat gefunden hatten. Die neugriechische Nationalität ruhe, so seine These, auf einem von den alten Griechen ganz verschiedenen, slawisch dominierten Völkergemisch. Nun sind wir längst davon abgekommen, historische Kontinuitätsbehauptungen, seien sie siedlungstechnisch, blutsmäßig oder sprachlich begründet, und die daraus abgeleiteten Ansprüche anders denn als Konstruktionen und Fiktionen zu sehen. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bestimmung von Ethnizität durch Sprache wissenschaftlich auf der Höhe der Zeit. Und wenn die Hellenen der griechischen Halbinsel nicht direkte Nachfahren von Homer, Perikles, Aischylos und Pindar waren, stellte dann das Eintreten für jene mehr dar als die zweifelhafte Unterstützung für zweifelhafte Separatisten am Rande der zivilisierten Welt? Das konnte nicht sein. Fallmerayer wurde in seiner Zeit viel diskutiert, setzte sich aber nicht durch. Gregorovius urteilte noch relativ zurückhaltend (Geschichte der Stadt Athen im Mittelalter, 1889, Vorwort): „. Seine übertriebene Doktrin von der Vernichtung der Griechen durch die Slaven erschreckte die Philhelle­nen, entrüstete die eben erst wiedererstandene griechische Nation und erregte einen Sturm in den Kreisen der Wissenschaft, aber sie hat den ethnographischen und historischen Untersuchungen über das helleni­sche Mittelalter mächtige Impulse gegeben.“

Fallmerayers Außenseiterstellung hing sicher mit seinem unsteten Leben zusammen, mit politischen Verdächtigungen und damit, daß er als katholischer Untertan Österreichs aus der ländlichen Unterschicht sozial dreifach ungeeignet war, in die Gruppe der meinungbildenden Mandarine etwa im protestantischen Preußen aufzusteigen. Auch lag seine eigene politische Agenda ganz und gar quer sowohl zu den machtpolitischen Interessen von England und Frankreich als auch zur ‘besonderen Beziehung‘ zwischen Deutschen und (Alt-)Griechen: Fallmerayer setzte auf ein bis nach Byzanz zurückreichendes, die orthodoxen Völker gegen das Abendland einigendes kulturelles Band.

Generell wurden seine Thesen in Griechenland viel ernster genommen als außerhalb. So verteidigte Konstantinos Paparrigopoulos (1815-1891) in seiner monumentalen Geschichte der griechischen Nation (1860-1877) ausdrücklich die Kontinuität des griechischen Volkes von der Antike bis in die Gegenwart, nun freilich nicht mehr so naiv wie zuvor: Die Verbindungen seien nicht ethnischer, sondern kultureller Art. Man sprach nun von einem Ellinismos, der im Laufe der Zeit zunächst eine makedonische, dann eine byzantinische Metamorphose durchlaufen und dabei fremde Elemente integriert habe. Es war also wesentlich Fallmerayer Anstoß zu verdanken, daß Byzanz wieder in die Geschichte des griechischen Volkes ‘eingemeindet‘ wurde. Die angenommene Hellenisierung der antiken Makedonen bildet eine wesentliche Voraussetzung für den aktuellen, auch hier schon behandelten Streit mit Mazedonien („Wem gehört Alexander?“).

Seit Koraïs und Fallmerayer hat sich viel getan, und man kann sich zumindest vorstellen, daß irgendwann nicht mehr der neu konstruierte Euro, sondern wieder die alt-konstruierte Drachme Griechenlands Währung sein wird. Aber solange Regierungserklärungen und Gewerkschaftsproteste vor der Kulisse der auf Perikles-Zeit getrimmten Akropolis stattfinden, kommen Europa und Griechenland nicht voneinander los.

Vgl. zuletzt Yannis Hamilakis, Indigenous Hellenisms/Indigenous Modernities: Classical Antiquity, Materiality, and Modern Greek Society, in: George Boy-Stones, Barbara Graziosi, Phiroze Vasunia (eds.), The Oxford Handbook of Hellenic Studies, Oxford 2009, 19-31, hier: 19: „What does it mean to live in a country that is at the same time symbolically at the centre of the western imagination and at the margins of the current geopolitical nexus? To be asked to carry the immense symbolic weight of the classical tradition, while being a modern, western European nation-state? To be subjected to constant surveillance on whether you have performed your duties as a worthy steward of the material classical past, and to various tests on whether you are a true descendant of Pericles or a ‘bastardized‘ mix of Slavic and Ottoman cultures? To have to become the object of the patronizing epithet ‘Philhellenism‘, as if you were a rare species in need of protection? To be the only country in the world that needs the prefix ‘modern‘ in front of its name? To have to deal with both Orientalism, and its local and peculiar variant, Balkanism? Welcome to Greece!“


2 Lesermeinungen

  1. Es war schliesslich Georgios...
    Es war schliesslich Georgios N. Hatzidakis, der mit seiner unter dem irreführenden Titel erschienenen „Einleitung in die neugriechische Grammatik“ (1892) den entscheidenden Nachweis erbrachte, dass die Volkssprache seiner Zeit eine direkte Kontinuität mit dem Attischen aufweist. Das Buch war vor allem gegen die These von der dorisch-äolischen Herkunft des Neugriechischen gerichtet, die auf Yannis Psycharis zurückgeht.
    In diesem Zusammenhang finden wir auch so etwas wie eine frühe Orientalismus-Debatte: Hatzidakis hatte seinerzeit dem Begründer der deutschen Byzantinistik, Karl Krumbacher, der in seinem 1903 erschienenen Werk “Das Problem der neugriechischen Schriftsprache” die Ansicht vertrat, dass Europa seit der Antike in eine romanisch-deutsche und eine graeco-slawische Hälfte gespalten sei, vorgeworfen, die Griechen aus der europäischen Zivilisation ausstossen zu wollen.
    In Wirklichkeit sind die Katharevousa und die Dimotiki ineinander verschränkt und bilden keinen absoluten Gegensatz. Seit Babiniotis spricht man daher in Bezug auf das Neugriechische auch von einer neoellinike koine.

  2. Hier ist in dem Zusammenhang...
    Hier ist in dem Zusammenhang des griechischstämmigen Kardinals Basilius Bessarion (* 2. Januar 1403 in Trapezunt (heute Trabzon, Türkei); † 18. November 1472 in Ravenna; zu gedenken. Dieser war auch mit dem Kardinal Nikolaus Cusanus (N. v. Kues) eng befreundet. Letzterer war sogar kurz vor der Eroberung Konstantinopels in Verhandlungen mit den weltlichen und kirchlichen Autoritäten der bedrängten Metropole und Rumpfimperiums im Auftrage der römischen Kurie begriffen. Das grosse Thema war der nie erloschene Wunsch zur Union.
    Zusammen mit dem russischen Metropoliten Isidor von Kiew begleitete Bessarion 1439 Kaiser Johannes Paläologus VIII. nach Italien, um auf dem Unionskonzil von Ferrara-Florenz die römische und die griechisch-orthodoxe Kirche, die seit dem Morgenländischen Schisma von 1054 getrennt waren, wieder zu vereinen. Nach anfänglicher Skepsis wurde Bessarion zu einem entschiedenen Befürworter der Union und konnte einige Zugeständnisse für die Anhänger des griechischen Ritus erreichen. Sowohl der byzantinische Kaiser Johannes VIII. als auch Papst Eugen IV. hatten in dieses Konzil auch die Hoffnung für eine gemeinsame Abwehr der Türkengefahr gesetzt. Sie hatten hiermit jedoch keinen Erfolg, da die Einigung in Konstantinopel nicht akzeptiert wurde.
    Venedig wurde nach 1453 einer der Zufluchtsorte griechischer Gelehrsamkeit und Theologie. Somit hatte in seinem Fall Byzanz Europa noch Unermessliches geben können. Wir zehren heute noch davon, nicht nur vom antiken und hellenischen Erbe.
    Übrigens gibt es in der Mani auf der Peloponnes noch slawischsprechende Bewohner, z. B. um Kiparissia.
    Das Griechenland so in die gegenwärtige Bredouille geraten ist, liegt m. E. nicht nur an dieser Nation und seinen Eliten, ein gerüttelt Maß Schuld trägt auch das grössere Resteuropa mit daran.

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