Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Machiavellismus in Hamburg, in Siegen nur Gedankenlosigkeit?

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„Fragen an einen fragwürdigen Optimismus" wurden vor ein paar Monaten an dieser Stelle formuliert, als ein Professor für Klassische Philologie die...

„Fragen an einen fragwürdigen Optimismus“ wurden vor ein paar Monaten an dieser Stelle formuliert, als ein Professor für Klassische Philologie die Bemühungen der Altphilologen an den Schulen kritisierte, immer wieder die Nützlichkeit und den Gebrauchswert ihrer Fächer mit aktuellen Schlagworten herauszustellen, um wenigstens Grundangebote (und -anforderungen) in den Alten Sprachen sicherzustellen. Man müsse vielmehr auf Autonomie und Tradition setzen und „die Leistungen unseres Fachs aus seinem Inneren entwickeln: den Umgang mit der longue durée, mit den Traditionen, die das Fundament der europäischen Kultur bilden, das Weiterentwickeln der philologisch-kritischen Methoden, die in unserem Fach überhaupt erst erfunden und aufgrund der Natur der Gegenstände nirgendwo so intensiv gepflegt wurden; das Entschlüsseln von Texten und Kulturmonumenten, die aufgrund ihrer spezifischen Mischung von Fremdheit und Vertrautheit dem modernen Verständnis zwar Widerstände entgegenbringen, aber uns doch so nahe sind, dass sie nicht in den Zustand einer bloßen anthropologischen Kuriosität versinken, um nur einige wenige Beispiele solcher spezifischer Leistungen zu nennen, die nicht von anderen Fächern ebenso gut und ebenso fundiert erbracht werden können“.

Ich habe die Sache nochmals durchdacht und würde heute den Gegensatz nicht mehr so scharf sehen. Festzuhalten bleibt aber, daß ein Lebendighalten der Antike an bestimmte institutionelle Voraussetzungen gebunden ist, genauer: an die Verankerung im Angebot von Schulen und Hochschulen. Und hier sind – wieder einmal – Angriffe aus verschiedenen Richtungen zu vermelden.

Dieser Tage war in der F.A.Z. ein Artikel zur Zukunft der Alten Sprachen in Hamburg zu lesen (H. Schmoll, „Kahlschlag bei den alten Sprachen“, 2.6.2010). Was dort sachlich berichtet wird, bildet eine perfide Strategie der Schulsenatorin ab, die unter Duldung des größeren Koalitionspartners CDU inzwischen nicht nur das Gymnasium faktisch zerschlagen hat, sondern nun auch dem Latein- (und Griechisch-)Unterricht ans Leder will. (Hier ein weiterer Beitrag dazu.) Offenbar werden diese Fächer als besonders „gymnasial“, bürgerlich und gefährlich geachtet, wohl weil sie dazu anhalten, genau zu lesen, rhetorische Strategien zu durchschauen und Traditionen zu schätzen. Das Vorgehen nötigt einem Machiavellisten Respekt ab: Einerseits sollen die Prüfungen für das Latinum und Graecum künftig nur noch extern nach KMK-Richtlinien abgenommen werden (was ein hohes Anspruchsniveau zu sichern und manipulative Kumpaneien zwischen Lehrern und Schülern zu verhindern verspricht – wer kann etwas dagegen haben?), andererseits werden die Voraussetzungen zerstört, um dieses hohe Niveau erreichen zu können. In den Primarschulen sollen Lerngruppen für Latein nur noch eingerichtet werden, wenn sich mindestens 18 Schüler dafür melden. Das werden nur wenige Schulen erreichen, da sie künftig ein festes Einzugsgebiet haben, während bisher Eltern ihre Kinder auf bestimmte altsprachliche Gymnasien schicken konnten, die dann eine kritische (und kreative) Masse erreichten. Dem fixierten Niveau der Abschlußprüfungen stehen stark gesenkte Anforderungen im Lehrplan für Latein an der Primarschule gegenüber. Das heißt, ab Klasse sieben muß in Sachen Wortschatz und Formenlehre gewaltig aufgeholt werden; gleichzeitig wird aber die Stundenzahl gekürzt: Wer Latein als zweite Fremdsprache in Klasse fünf der Primarschule begonnen und in den ersten beiden Jahren nach Lehrplan viel weniger gelernt hat als Schüler im alten System, hat dann von Klasse sieben bis zehn insgesamt nur noch 6 Wochenstunden Latein; an Schulen wie dem Christianeum waren es bisher 14,5 (!) Stunden (also drei bis vier Stunden pro Woche). Selbst an einem der (beschnittenen) Humanistischen Gymnasien kann das Latinum dann nicht am Ende der Klasse neun erworben werden; die eigentlich attraktive Lektürephase beginnt später und ist kürzer. Und viel mehr Schülerinnen und Schüler werden – schlecht vorbereitet – die Abschlußprüfungen nicht oder nur mit großer Mühe bestehen; das spricht sich schnell herum, und Latein (und Griechisch) werden weniger gewählt. Der politisch gewünschte Effekt stellt sich wie von selbst ein: Die Alten Sprachen sterben, die Politik wäscht ihre Hände in Unschuld – die Fächer sind im Wettbewerb und durch Elternwillen unterlegen. Der Vorsitzende des Deutschen Altphilologenverbandes hält die Regelungen für „totalen Unsinn und von keinerlei Sachkenntnis getrübt“. Wie naiv, Herr Kipf! Sachkenntnis liegt hier durchaus vor. Das Verfahren hat Methode; es ist Schulkrieg von oben mit den Mitteln von Curricula und Stundentafeln. Das diabolische Geschick der Schulsenatorin ist zu bewundern; die Gleichgültigkeit ihrer ‘bürgerlichen‘ politischen Partner macht fassungslos. Es ist, wieder einmal, zum Heulen vor Wut. Ein Versagen, langfristig vielleicht schlimmer als der Rücktritt eines gegenüber seinem Amt respektlosen, aber vielleicht auch depressiven Bundespräsidenten.

Anders liegt der Fall an der Universität Siegen. Dort werden Geschichtslehrerinnen und -lehrer ausgebildet, überwiegend aus der Region, von insgesamt sechs Professorinnen und Professoren. Die Fachvertreterin für Alte Geschichte, eine angesehene Wissenschaftlerin, die ihrer Universität lange Zeit als Rektorin gedient hat, geht nächstes Jahr in den Ruhestand. Ihre Stelle, gegenüber den anderen nach Gehalt und Ausstattung ohnehin zurückstehend, soll nun zur Juniorprofessur herabgestuft werden. Juniorprofessorinnen und -professoren sind promovierte Wissenschaftler/innen, die neben ihren Pflichten in Lehre und Selbstverwaltung innerhalb von sechs Jahren auch noch ein ‘zweites Buch‘ schreiben müssen, während ‘normale‘ Professorinnen und -professoren in der Regel habilitiert sind, sich also durch zwei Monographien als Forscher ausgewiesen haben und meist auch mehr Erfahrung in der Lehre haben. Der geeignete Ort für Juniorprofessorinnen und -professoren sind größere Institute, an denen eine gewisse Arbeitsteilung gepflegt werden kann und ein/e Nachwuchswissenschaftler/in einen besonderen Forschungsschwerpunkt entwickeln kann. Eine alleinstehende Juniorprofessur genießt hingegen keinen Schutz und ist mit den Lehraufgaben völlig überlastet: Die Professur für Alte Geschichte in Siegen muß nach den aktuell gültigen Studienordnungen 16 bzw. 18 Wochenstunden pro Semester anbieten, was derzeit, neben dem Lehrdeputat der Professur (9 Wochenstunden), ganz wesentlich von Lehrbeauftragten, die mittels Studiengebühren finanziert werden, geleistet wird. Durch neue Studienmodelle dürfte der Bedarf eher noch steigen. Nach den geltenden Kennzahlen ist das Fach Geschichte in Siegen zu mehr als 120% ausgelastet.

Wie mit einer isolierten Juniorprofessur noch kreative althistorische Forschung stattfinden soll, weiß der Rektor allein. Die Motive sind unklar. Soll die Geschichtswissenschaft an der Universität Siegen generell abgeschafft werden, mit dem Hinweis, die kritische Masse sei zu gering, um erfolgreiche Forschung und gute Lehrerausbildung sicherstellen zu können? Oder geht es um Einschüchterung, um dann die Einrichtung einer Ratsstelle mit hohem Stundendeputat als Erfolg verkaufen zu können? Oder wollen die anderen Historiker ihre Bereiche zu Lasten der Alten Geschichte sichern? Zum Heulen reicht es hier nicht – oder vielleicht doch, weil die Axt hier nicht aus politischem Kalkül, sondern leidenschaftslos im Sinn der aktuell obwaltenden Sprachregelungen und ‘Rationalitäten‘ oder bloß egoistisch an die Wurzel gelegt wird? Eine Parallele ist deutlich: Man nimmt die Abwanderung an attraktivere Standorte billigend oder sogar absichtsvoll in Kauf – in ein anderes Fach, ein anderes Bundesland, eine andere Universität.


2 Lesermeinungen

  1. Fiktives Interview mit...
    Fiktives Interview mit Hamburgs Schulsenatorin Christa Goetsch (Grüne/CDU):
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    Frau Goetsch, Sie wollen also die Qualität der Prüfungen für Latein und Altgriechisch verbessern?
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    Goetsch: O ja, Latein und Altgriechisch liegen mir sehr am Herzen, deshalb achten wir hier ganz besonders auf Qualität. *smile*
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    Gut, gut, aber wird es in Zukunft nicht schwieriger werden, genügend Schüler für den Unterricht zusammen zu bekommen?
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    Goetsch: Das hängt natürlich ganz allein von den Eltern ab, da haben wir ja überhaupt gar keinen Einfluss darauf. Was wir tun können ist: Wir garantieren, dass der Unterricht stattfindet, wenn das Interesse vorhanden ist! *bright-smile*
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    Dennoch rechnen alle damit, dass immer weniger Schüler Latein und Altgriechisch lernen werden. Wie soll die nächste Generation dann noch die Texte lesen können, die die geistigen Grundlagen Europas bilden?
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    Goetsch: Aber ich bitte Sie, wir leben in modernen Zeiten, man kann auch Übersetzungen lesen …! *evil-smile*
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    Aber gewiss. Und in welchem Unterrichtsfach werden diese Übersetzungen gelesen?
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    Goetsch: *frozen-smile*

  2. Deutsche Studenten können...
    Deutsche Studenten können sich die Mühe schenken, sich um Graduate Studies in Mediävistik an der Yale University zu bewerben, denn dort wird heute noch das Große Latinum verlangt.

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