Antike und Abendland

Wo finden die Perserkriege statt? Die neuen Bücher des Herbstes (II)

Als sich 1992/93 die Reformen des Kleisthenes in Athen zum zweitausendfünfhundertsten Mal jährten, wurden in den USA gleich mehrere Tagungen und Ausstellungen unter dem Motto „2500 Jahre Demokratie“ veranstaltet. Mag der „Beginn“ der athenischen Demokratie auch immer noch Gegenstand von gelehrten Debatten sein: die revolutionäre Vertreibung einer Adelspartei und ihrer spartanischen Unterstützer, die Neuorganisierung der Bürgerschaft in Demen und Phylen durch Kleisthenes, die Einrichtung des Rates der 500 und die Mobilisierung des militärischen Potentials von Athen und Attika in den Jahren 508 und 507 stellten eine markante Etappe dar. Die amerikanischen Veranstaltungen waren keineswegs politisch motivierte Jubelakte, sondern ernsthafte Standortbestimmungen; einer der Tagungsbände trägt den markanten Titel Athenian Politic Thought and the Reconstruction of American Democracy. Orts- und Selbstbestimmung erschienen in dieser Überzeugung ohne den Blick ins antike Athen nicht möglich.

In der deutschen Althistorie blieb das Gedenkjahr nahezu völlig unbeachtet, was den ‘Betrieb‘ angeht. Allerdings erschien 1993 Christian Meiers Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte, ein reflektiertes und glänzend geschriebenes Buch, dem allerdings auch rasch vorgeworfen wurde, in ganz unzeitgemäßer Weise für Europa einen Gründungsmythos erfinden zu wollen. Ansonsten, wie gesagt, Funkstille.

Ganz ähnlich 2010. Wiederum zum zweitausendfünfhundertsten Mal jährt sich heuer die Schlacht von Marathon. Und es gibt kein großes Buch dazu (Tom Hollands Persisches Feuer, eine gut geschriebene Erzählung der Perserkriege insgesamt, erschien schon 2008 bei Klett-Cotta). Nur der Beck-Verlag hat den Anlaß nicht ganz vergessen und ließ Wolfgang Will in der populären Wissen-Reihe eine kleine Darstellung schreiben.

Das Gesamtbild ist eigentlich ein Armutszeugnis. Selbstverständlich ist die Schlacht von Marathon schon lange kein Grund mehr für erhabenen Schauer. Aber ihrer Bedeutung nachzuspüren, der realen im Jahr 490 v.Chr. wie der für die Imagination späterer Generationen, das ist immer noch ein lohnendes Unterfangen. Hegel sah bei Marathon das Interesse der Weltgeschichte auf der Waagschale liegen, und Max Weber fand hier die Offenheit der Geschichte besonders ausgeprägt vor: „Und daß jene Schlacht die ‘Entscheidung‘ zwischen jenen ‘Möglichkeiten‘ brachte oder doch sehr wesentliche beeinflußte, ist offenbar der schlechthin einzige Grund, weshalb unser – der wir keien Athener sind – historisches Interesse überhaupt an ihr haftet.“ Man kann Marathon kontrafaktisch durchspielen oder die geschichtspolitische ‘Verwendung‘ und Mythenbildung, die schon kurz nach dem Ereignis selbst einsetzten, aufdecken. Noch Thomas Mann rühmte 1931 vor Schülern seines Lübecker Gymnasiums die Perserkriege, um ihren „Europäerstolz zu wecken“; diese Ereignisse sollten der Jugend als teuerste Erinnerung gelten: „der Entscheidungssieg des form-gewillten Geistes über die sarmatische (!) Masse, die Auserlesenheit über slavisches Gewimmel“. Das ist auf eine Weise alles unendlich fern – Bölls Wanderer, kommst Du nach Spa … in allen Ehren, aber von den Perserkriegen geht heute wahrlich keine Identifikationsgefahr mehr aus. Eher ist wie mit der Mythologie in den Gemälden: Wer erstere nicht mehr kennt, kann letztere nicht verstehen. Zu Europa gehören seine Obsessionen, und wer nach dem Imaginären und seinen Wirkungen fragt, für den steht ‘richtig‘ oder ‘falsch‘ nicht im Vordergrund.

Festzuhalten bleibt: Es gibt 2010 ein Buch über die Eroberung Roms durch die Westgoten 410 (Mischa Meier, Steffen Patzold, August 410. Ein Kampf um Rom), aber kein entsprechendes Werk über 2500 Jahre Marathon. Wer eines lesen will, muß zu The Battle of Marathon aus der Feder von Peter Krentz greifen, das im Herbst bei Yale University Press erscheint und auch eine neue These verspricht.

– Emma Bridges, Edith Hall, Peter J. Rhodes (Hgg.), Cultural Responses to the Persian Wars. Antiquity to the Third Milennium. Oxford 2007

– Michael Jung,  Marathon und Plataiai. Zwei Perserschlachten als „lieux de mémoire“ im antiken Griechenland. Göttingen 2006

– Hans-Joachim Gehrke, Marathon (490 v. Chr.) als Mythos: Von Helden und Barbaren, in: Schlachtenmythen. Ereignis – Erzählung – Erinnerung. Hrsg. von Gerd Krumeich und Susanne Brandt. Köln / Weimar / Wien 2003, 19-32

– Ders., From Athenian identity to European ethnicity. The cultural biography of the myth of Marathon, in: Ethnic Constructs in Antiquity. The Role of Power and Tradition. Ed. by Ton Derks & Nico Roymann. Amsterdam 2009,  85-100

– Karl-Joachim Hölkeskamp, Marathon – vom Monument zum Mythos, in: Gab es das Griechische Wunder ? Griechenland zwischen dem Ende des 6. und der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Hgg. von Dietrich Papenfuß und Volker Michael Strocka. Mainz 2001, 329-353 (variiert in: ders., Die Schlacht von Marathon – Strandscharmützel oder Geburtsschrei Europas?, in: Wolfgang Krieger [Hg.], Und keine Schlacht bei Marathon. Große Ereignisse und Mythen der europäischen Geschichte, Stuttgart 2005, 1-24)

– H. R. Goette, T. M. Weber, Marathon: Siedlungskammer und Schlachtfeld – Sommerfrische und Olympische Wettkampfstätte. Mainz 2004.

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