Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Der Übersetzer Herodots. Zum Hundertsten des Gräzisten Walter Marg

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In der Ilias gibt es sogenannte „kleine Helden", namentlich benannte Kämpfer, die aber nur ein einziges Mal auftreten, um sogleich von einem der...

In der Ilias gibt es sogenannte „kleine Helden“, namentlich benannte Kämpfer, die aber nur ein einziges Mal auftreten, um sogleich von einem der ‘großen‘ Helden in einer Aristie (also einem Gemetzel) ums Leben gebracht zu werden. Die „kleinen Helden“ der Wissenschaft sterben zwar in der Regel einen mehr oder minder friedlichen Tod; mit ihren schlachterfahrenen Vorgängern haben sie indes gemein, weniger berühmt als die prägenden Gestalten zu sein. Nur diese bekommen (manchmal) einen Artikel zum 100. Geburtstag.

Ich habe hier größere Freiheit und kann heute an den Gräzisten Walter Marg erinnern, der am 13. Juli 1910 geboren wurde (und 1942 einen kleinen, unheroischen Aufsatz über Kampf und Tod in der Ilias publizierte). Der gebürtige Ostpreuße studierte in Königsberg, Freiburg/Br. und Kiel Klassische Philologie, wurde 1935 von Richard Harder promoviert und übernahm 1938 die Redaktion und Herausgabe der führenden Rezensionszeitschrift Gnomon, die er bis 1965 innehatte.

Junge Wissenschaftler seiner Generation waren gezwungen, sich zum Nationalsozialismus in irgendein Verhältnis zu setzen. Marg scheint sich nicht exponiert zu haben. Zwar erhielt er 1939 auf Drängen Harders vom Amt Rosenberg ein Reisestipendium, das ihm ermöglichte, seinen Lehrer nach Griechenland zu begleiten. Doch Marg habilitierte 1942 sich „im Felde“ stehend, wie das damals hieß, an der Universität Kiel, mit der Ausgabe eines peudo-pythagoreischen Philosophen, der so abseitig ist, daß er keinen Eintrag im Tusculum-Lexikon hat – geradezu eine Verweigerung des jungen Philologen gegenüber den anti-intellektuellen und anti-positivistischen „Anforderungen der Zeit“. Auf eine Professur gelangte Marg – anders als viele Konkurrenten seines Alters – während der NS-Zeit nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehrte er als Dozent, später Außerplanmäßiger Professor in Kiel, dann von 1953 bis zu seiner Emeritierung 1975 in Mainz, wo er Ende 1983 auch starb. Bereits 1976 hatte ihn getroffen, wovor sich Geisteswissenschaftler mit am meisten fürchten: Ein schweres Augenleiden zwang ihn, jede gelehrte Arbeit abzubrechen.

Marg publizierte in erster Linie zur frühgriechischen Literatur. Zusammen mit seinem Lehrer Harder brachte er 1956 in der Sammlung Tusculum eine zweisprachige Ausgabe der Liebesgedichte (Amores) Ovids heraus (erweitert und verbessert 1962 und 1984), dann 1964 bei Reclam eine verbreitete Anthologie griechischer Lyrik in eigenen und fremden Übersetzungen, 1970 schließlich eine Übersetzung von Hesiods Werken; mit diesen Büchern erreichte er auch ein breiteres Publikum. Verbunden ist sein Name aber vor allem mit Herodot. Die „Auswahl aus der neueren Forschung“ in der Reihe Wege der Forschung (zuerst 1965) hat für Jahrzehnte die kanonischen Aufsätze gesammelt, die kennen mußte, wer über den Geschichtsschreiber aus Halikarnassos mitsprechen wollte. Die Krönung bildete jedoch die zweibändige Übersetzung unter dem Titel Geschichten und Geschichte in der Bibliothek der Alten Welt (1973/1983, Nachdruck dtv 1991). Marg gelang es hier, den novellistischen, scheinbar schlichten Stil Herodots im Deutschen einzufangen, ohne diesen als Märchenerzähler erscheinen zu lassen. Gleichzeitig kann der Leser noch in der Übersetzung dem Rhythmus, der ‘Musik‘ des zum Vortrag bestimmten Textes lauschen. Hier eine weniger bekannte Kostprobe: die Schilderung des ägyptischen Vogels Phoinix (Phönix; 2,73, noch ohne die später bekannte Version der Selbstverbrennung und Auferstehung alle fünfhundert Jahre):

„Es gibt aber noch einen andern heiligen Vogel, der heißt Phoinix. Ich allerdings hab ihn nicht gesehen, außer im Bild. Er kommt ja auch nur selten zu ihnen, alle fünfhundert Jahre, wie die Leute von Heliupolis sagen. Dann komme er, behaup­ten sie, wenn sein Vater stirbt. Er hat aber, wenn er in Wirk­lichkeit so aussieht wie auf dem Bild, diese Größe und Gestalt: Teils sind seine Schwingen golden, teils rot; im Umriß ist er am ehesten einem Adler ähnlich und auch in der Größe. Dieser Vogel treffe nun folgende sinnreiche Anstalten, erzählen sie, doch kann ich’s nicht glauben: Er komme aus Arabien herge­flogen und bringe seinen Vater in das Heiligtum des Helios, in Myrrhen eingehüllt, und bestatte ihn im Heiligtum. Er bringe ihn aber so: Zuerst forme er aus den Myrrhen ein Ei, so groß er es tragen könne, und dann probiere er, ob er es tra­gen kann, und wenn er das ausprobiert hat, dann höhle er das Ei aus und tue seinen Vater hinein und stopfe mit weiteren Myrrhen die Stelle zu, wo er’s ausgehöhlt und seinen Vater hineingetan hat, und ist der Vater drin, hat es das gleiche Ge­wicht, und hat er es zugestopft, so bringe er ihn nach Ägyp­ten in des Helios Heiligtum. Das war’s, was sie vom Tun die­ses Vogels erzählen.“

Hier geht es zum Band der Neuen Deutschen Biographie mit dem Artikel aus der Feder von Margs Schüler Walter Nicolai. Die Digitalisierung der NDB im Auftrag der Bayerischen Staatsbibliothek stellt eine der Großtaten der Verbreitung wissenschaftlicher Literatur im Dienste der Information und Bildung für alle Interessierten dar.


1 Lesermeinung

  1. Ich ergänze hier den Link auf...
    Ich ergänze hier den Link auf books.google.de, wo so manches Werk von bzw. über Walter Marg zu finden ist.
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    U.a. hat er sich auch mit den Schriften des Timaeus von Lokroi befasst, der u.U. in Platons Dialog Timaeus als Darsteller der Kosmologie fungiert (und Kritias damit die Vorleistung für die Darstellung von Ur-Athen und Atlantis liefert).
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    Wikipedia schreibt, dass die moderne Altertumswissenschaft den Timaeus von Lokroi für eine Fiktion des Platon halte. Zwar ist die Frage nach seiner Existenz berechtigt, aber wenn ich diese Antwort sehe, frage ich mich wieder einmal:
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    Ooops – wrong planet?

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