Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Die Alten in Berlin – Antike auf dem Historikertag

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Mit dem Motto des Historikertages hat es seine Schwierigkeit: Es soll die zahlreichen Vorträge und Veranstaltungen ‘auf den Begriff bringen' und die...

Mit dem Motto des Historikertages hat es seine Schwierigkeit: Es soll die zahlreichen Vorträge und Veranstaltungen ‘auf den Begriff bringen‘ und die Leistungsschau der deutschen Geschichtswissenschaft inhaltlich zusammenbinden, die zahlreichen Vorträge und Podien nicht als das erscheinen lassen, was sie tatsächlich in hohem Maße sind: eine eher zufällige Präsentation disparater aktueller und künftiger Forschungen. Deswegen darf das Motto auch nicht einengen, denn Historikerinnen und Historiker befassen sich in der Regel mit dem, was sie interessiert. „Über Grenzen“ ist in diesem Sinn ein gutes Motto, erlaubt es doch, so ziemlich alles zu präsentieren; die im Programmheft vom Verbandsvorsitzenden aufgezählten Felder bestätigen dies.

Der Historikertag beginnt nächsten Dienstag. Die Humboldt-Universität in Berlin als Veranstaltungsort zu wählen legte deren 200. Geburtstag nahe. Die Berliner Althistorikerinnen und Althistoriker an der gastgebenden und an der Freien Universität (an der Technischen Universität ist das Fach in Abwicklung) fallen indes durch Abwesenheit auf. Das gilt auch für das Exzellenzcluster TOPOI an der FU, obwohl Orte doch auch mit Grenzen zu tun haben und die Tagungsfrequenz dieses Unternehmens bisher ziemlich hoch ist. Hier wurde eine Chance vertan, einmal nach außen zu tragen (viele Geschichtslehrerinnen und -lehrer besuchen den Historikertag), was in so einem Cluster eigentlich passiert. (Zusatz: Wie zu hören ist, wurde ein Sektionsvorschlag eingereicht, aber abgelehnt) Auch die Rezeptionsgeschichte, in Berlin traditionell stark beackert und an der Humboldt-Universität Gegenstand des Sonderforschungsbereichs „Transformationen der Antike“, fehlt auf dem Historikertag, sieht man einmal ab von den Führungen durch die Sammlung des Winckelmann-Instituts der HU ab. Diese Sammlung ist hervorge­gangen aus dem „Archäologischen Lehrapparat“, den Eduard Gerhard 1851 der Universität stiftete. Die größte Erweiterung erfolgte 1911/12 durch die Berufungsverhandlungen von Georg Loeschcke, dem es gelang, u.a. die größte Sammlung antiker Abgüsse Europas aus dem ‘Neuen Museum‘ an die Universität zu holen und dafür die Erweiterung des Hauptgebäudes finanziert zu bekommen. Daneben konnte noch eine umfangreiche Sammlung originaler erworben werden. 1950 wurden dem Institut die Sammlungsräume weggenommen, seit 2000 teilweise zurückgegeben; die Originalsammlung, die minoisch-mykenische Sammlung und ein kleiner Teil der Abgüsse können nunmehr wieder gezeigt werden.

Epochenübergreifende, also im besten Sinne grenzüberschreitende Sektionen mit althistorischer Beteilung, früher oft ein Höhepunkt der ganzen Veranstaltung, fehlen heuer fast ganz. Am Mittwochnachmittag werden immerhin unter der Frage „Imperiale Grenzen als religiöse Grenzen“ exemplarisch „Grenzvorstellungen und Verteidigungskonzeptionen im Übergang von der Antike zum Mittelalter“ untersucht. In der Sektion „Historische Epochengrenzen und Periodisierungssysteme im globalen Vergleich“ referiert der Essener Althistoriker Justus Cobet, und unter der Rubrik „Infrastrukturen der Macht“ berichtet Helmuth Schneider noch einmal über die Bedeutung der Infrastruktur des Imperium Romanum „zwischen politischer Herrschaft und Wohlfahrt“ (vgl. schon ders., Infrastruktur und politische Legitimation im frühen Prinzipat, in: Opus 5, 1986, 23-51).

Die Fachsektionen klingen vielversprechend, weil sie zentrale Fragen in den Blick nehmen. „Grenzen politischer Partizipation im klassischen Griechenland“ beläßt es nicht bei einer retractatio der athenischen Demokratie, sondern blickt auch nach Kreta und ins weitere Feld der hellenischen Bürgerstaaten. „Prekäre Siege. Die römische Monarchie und der Bürgerkrieg“ behandelt die Anfälligkeit des Kaisertums durch Usurpationen. Mommsen hatte diesen Zug mit dessen revolutionärem Ursprung in Verbindung gebracht. Der Schwerpunkt der Sektion liegt aber auf den späteren Phasen. Wir sind gespannt. – Am Freitag dann noch „Grenzen der Gewalt. Definition, Repräsentationen und Einhegung eines universalen Phänomens in antiken Kulturen“.

Einen Einblick in die experimentelle Archäologie bietet Christoph Schäfer in einer der Mittagspräsentationen, die sich speziell an Schüler richten: „Römische Militärschiffe am Limes“.


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  1. Die Sektion „Grenzen der...
    Die Sektion „Grenzen der Gewalt. Definition, Repräsentationen und Einhegung eines universalen Phänomens in antiken Kulturen“ und hier vor allem „Ritualisierungen von Gewalt im Athen des 4. Jhs. v. Chr.“ könnte erhellendes auch für die Gegenwart ergeben.
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    Zitat: „Die kommunikative Funktion des Rituals auf Diskurs- und Interaktionsebene trug damit zur Einhegung extremer Gewalt wesentlich bei und leistete mit einen wesentlichen Beitrag zur Regierbarkeit Athens.“
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    Das funktioniert natürlich nur, wenn es eine gemeinsame Ritual-Kultur aller Staatsbürger gibt. Und diese müssen so gebildet sein, dass sie an einem solchen Diskurs teilnehmen können.
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    Ein Blick in das Buch von Thilo Sarrazin sagt mir: Es sieht schlecht aus.

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